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Positionen mark von Johnny Haeusler | 17

Wo wart ihr denn alle?

Heute? Im Abgeordnetenhaus? Hatte ich doch alles erklÀrt!

Ich war da, haha, und konnte deshalb nicht bloggen oder andere sinnvolle Dinge tun.

Naja. Seien wir ehrlich: Verpasst habt ihr nicht viel, sieht man von erschĂŒtternden Erkenntnissen zum Thema „So geht Demokratie“ und „So sehen Volksvertreter aus“ mal ab.

Von meinem letzten Besuch einer Bezirksverordnetenversammlung im Rathaus vor einigen Wochen war ich ja ziemlich angetan. Das hatte was vom alten Rom. VolksvertreterInnen unten, in der Arena, Plebs oben in den billigen RĂ€ngen, man hĂ€tte Steine oder wenigstens PapierkĂŒgelchen werfen können und bekam da auch richtig Lust drauf, am Ende stand sogar ich Kritik rufend in den RĂ€ngen, verstand plötzlich Fußball und wartete auf die Abstimmung durch Daumen hoch oder runter.

Ein Jammerbild dagegen so eine Anhörung im Abgeordnetenhaus. Ein langweiliger Sitzungsraum, die Tische im Rechteck aufgestellt, an der schmaleren Fensterseite der Vorsitzende, der Senator und ein paar UnbeschĂ€ftigte, ihnen gegenĂŒber die fĂŒr den Gesetzentwurf zustĂ€ndige BezirksstadtrĂ€tin der Abteilung Jugend, Familie und Sport, Frau Klebba, sowie die anzuhörenden Vertreter der KinderlĂ€den-, Eltern- und ErziehungsverbĂ€nde mit den Besuchern im RĂŒcken, rechts die Regierungsparteien (in Berlin noch SPD und PDS), links die Opposition (in Berlin noch CDU, FDP und GrĂŒne).

Nur am Rande bemerkt: Rein kommt man in so ein Abgeordnetenhaus völlig problemlos ohne Ausweis- oder Taschenkontrolle, selbst wenn mehrere Dutzend Einsatzwagen vor der TĂŒr Besuch aus Israel und damit erhöhte Sicherheitsmaßnahmen andeuten.

Es geht los mit gestotterten, ins Leere fĂŒhrenden Nebensatzverzweigungen von Frau Klebba, die sich bemĂŒht, den allen Beteiligten vorliegenden Gesetzesentwurf zu erlĂ€utern und zu verteidigen. Ihr folgen vier auch ehrenamtlich tĂ€tige Polit-Amateure, die rethorisch hörbar begabter, wenn auch ob der Thematik nicht weniger trocken sind und die es schaffen, ihre Kritik am betreffenden Entwurf in SĂ€tze zu fassen, die nicht auf die Worte „Frechheit“, „Blödsinn“ und „Schikane“ angewiesen sind, was mich einigermaßen erstaunt.

Nach dieser Monolog-Runde ist etwas mehr als eine Stunde vergangen, wĂ€hrend der es den meisten Anwesenden ĂŒberraschenderweise gelingt, wach zu bleiben. Den meisten (dazu spĂ€ter mehr). UnterstĂŒtzt wird das Wachbleiben von den anwesenden Catering-DienstleisterInnen, die fĂŒr Kaffee (1 Euro 20), Wasser (1 Euro 50), Cola (2 Euro), diverse HĂ€ppchen und Wiener WĂŒrstchen sorgen und auch gerne wiederholt sowohl die Abgeordneten als auch die BesucherInnen fragen, ob’s denn noch was sein darf. Kein Witz. Wohlgemerkt: Wir befinden uns auf einer Anhörung im Abgeordnetenhaus.

Angehört wurde wohl auch irgendwie oder die vorliegenden Papiere wurden tatsÀchlich gelesen, denn obwohl man anhand der Mimik und Körpersprache der versammelten Abgeordneten anderes vermutet hÀtte, zeugen die folgenden Fragen eben dieser Abgeordneten von zumindest oberflÀchlicher Kenntnis der Sachlage, ganz praktisch bei einem Gesetz, dass es schnell zu verabschieden gilt.

Und so passiert das Erwartete. Die Opposition ist sich einig, stimmt den Kritikern zu, hakt sĂŒffisant nach und möchte von Frau Klebba „dann doch nochmal erklĂ€rt bekommen“, wĂ€hrend die Regierungsmitglieder den Entwurf relativieren, die berechtigte Kritik belĂ€cheln und herunterspielen.

So geht das insgesamt drei Stunden lang hin und her. Ein blödes Spiel um eine GesetzesÀnderung, die nur einen einzigen Zweck verfolgt: Das Nachweisen von Einsparungen, ohne dabei die BeamtInnen der JugendÀmter, die neue Aufgabengebiete bekommen sollen, zu tangieren.

Das sagt natĂŒrlich niemand, obwohl es jeder weiß. Es gibt Spielregeln. Und diese besagen offensichtlich, dass es völlig okay ist, entgegen jeder besseren Erkenntnis bezĂŒglich der Zukunft unserer Gesellschaft weiterhin fĂŒr Einsparungen und Verwirrungen im Kinder- und Jugendbereich zu sorgen, die am hĂ€rtesten Arbeitslose, Freiberufler und Zuwanderer treffen werden, solange man dies nur möglichst schwammig formuliert und möglichst fix an der Öffentlichkeit vorbei bringt.

Raum fĂŒr Vereinfachungen oder wahre Reformen? Der Gedanke an ein einfaches, grundsĂ€tzliches Recht eines jeden Kindes in diesem Land auf Ausbildung und Betreuung, unabhĂ€ngig vom BeschĂ€ftigungsverhĂ€ltnis der Eltern, so wie es zahlreiche europĂ€ische Nachbarn schon lange vormachen? Fehlanzeige, wir haben hier wichtigere, komplexere Dinge zu entscheiden. Wir verstricken uns in die Details der Details, die so weit weg vom Inhalt sind, wie nur möglich.

Furchtbar. Und erschreckend. So wird das nie was.

Mein Respekt geht nach diesen drei Stunden an die kritisierenden Vertreter der oben beschriebenen Organisationen, die in ihrer Freizeit bravourös das tun, was eigentlich die Aufgabe der Abgeordneten wĂ€re (und die man mit ihrer tĂ€glichen Praxiserfahrung vielleicht schon wĂ€hrend der Entwicklung eines Entwurfs zu Rate ziehen sollte) sowie an die GrĂŒnen, bei denen man zumindest den Eindruck hatte, dass hier Menschen sitzen, die einen Schimmer vom tĂ€glichen Leben haben. Ganz im Gegensatz zu den hier besonders hervorzuhebenden Abgeordneten der PDS, die der wirklich erbĂ€rmlichste Haufen Pseudo-Interessierter waren, den ich seit langem gesehen habe, von denen ich mich bitte nie öffentlich reprĂ€sentiert sehen möchte und deren eine Abgeordnete wĂ€hrend der Anhörung tatsĂ€chlich: eingeschlafen war.

Bei allem VerstĂ€ndis fĂŒr Haushaltslage, Finanzmisere und die KomplexitĂ€t der Dinge, die unser Leben bestimmen: Was fĂŒr eine jĂ€mmerliche Veranstaltung.

Johnny Haeusler 30.05.2005 um 21:43

Positionen

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17 Kommentare

  1. 01

    Uwe:

    Das machst Du oft, gell, das ist eine Kunstform?!? Ich meine, daß Du nie ganz ausschreibst was Du meinst, sondern daß Du immer nur einen Satz mit einem Link einbaust und der Benutzer dann selber erst klicken und lesen muß/mĂŒsste. So wie im vorherigen Beitrag auch.

    Finde ich irgendwie seltsam. Aber muß cool sein :-)

    30.05.2005 um 22:13 | Antworten
    Alle Kommentare von Uwe
  2. 02

    icewind:

    ein fazit also: politik ist zum einschlafen und es werden eh nur dinge beschlossen, die im “wirklichen leben” keinerlei relevanz haben.

    oder wie jetzt?

    30.05.2005 um 22:18 | Antworten
    Alle Kommentare von icewind
  3. 03

    chillcore*:

    er meinte eher, dass Dinge beschlossen werden, die im tĂ€glichen Leben sehr viel Relevanz haben. Und zwar von Leuten, die entweder vollkommen desinteressiert an ihrem Job sind oder von Leuten die durch absichtliche Verzettelung auf NebenkriegsschauplĂ€tzen dafĂŒr sorgen, dass eben solche Sachen beschlossen werden weil der erstere Typus gar keine Lust mehr hat sich damit zu beschĂ€ftigen.

    Und er meinte wohl, dass sowas verdammt desillusionierend ist.

    30.05.2005 um 22:37 | Antworten
    Alle Kommentare von chillcore*
  4. 04

    Axel:

    Die wirklich interessante Frage wĂ€re jetzt: in welchem Land ist das nicht so. Und die resultierende Transitive dann noch: wĂŒrde ich dort leben wollen?

    30.05.2005 um 22:42 | Antworten
    Alle Kommentare von Axel
  5. 05

    stefanx:

    vermutlich in den meisten lĂ€ndern, in denen noch genug geld da ist. z.b. norwegen und kanada oder den lĂ€ndern, in denen es den leuten eine zeitlang richtig dreckig ging (nach unseren maßstĂ€ben).

    das ganze ist trotzdem absurd.

    30.05.2005 um 22:53 | Antworten
    Alle Kommentare von stefanx
  6. 06

    Gigl:

    Hier in SĂŒdtirol ist dieselbe Situation, nur dass eine Partei seit 60 Jahren die absolute Mehrheit hat (die jetzt endlich langsam, aber sicher zu bröckeln beginnt) und deren Abgeordnete bei AntrĂ€gen der Demonstration entweder a) gar nicht anwesend sind, b) Zeitung lesen, c) telefonieren oder d) mit ihren Parteigenossen plaudern. Jeder Antrag der Opposition wird demzufolge, ob sinnvoll oder nicht, niedergestimmt, einfach weil es die Opposition ist. Unter Demokratie verstehe ich etwas anderes!

    30.05.2005 um 22:59 | Antworten
    Alle Kommentare von Gigl
  7. 07

    HaiPunk:

    @Uwe: Ich weiß nicht wo ich’s gelesen habe, aber auf jeden fall weiß ich das macht man einfach so ;)

    30.05.2005 um 23:18 | Antworten
    Alle Kommentare von HaiPunk
  8. 08

    Mario:

    Schön, dass du da warst und Danke fĂŒr die Berichterstattung (gĂ€nzlich ironiefrei).

    31.05.2005 um 01:44 | Antworten
    Alle Kommentare von Mario
  9. 09

    Falko:

    Sehr schön Johnny! Leider wahr. Aber wer hat’s nicht geahnt? Wenn man selbst Kinder hat diese gerne betreut wissen möchte, kann man einige Dinge sogar noch besser nachvollziehen. Gibts eigentlich einen eigenen Kanzlerkandidaten der Blogger? Also meine Stimme geht an Spreeblick…

    31.05.2005 um 08:01 | Antworten
    Alle Kommentare von Falko
  10. 10

    burnster:

    das beschriebene phÀnomen kenn ich aus jedem verdammten meeting in jeder verdammten firma in der ich bisher gearbeitet habe. liegt wohl in der menschlichen natur, zum selbstzweck das wesentliche aus den augen zu verlieren. widerlich liederlich.

    31.05.2005 um 10:23 | Antworten
    Alle Kommentare von burnster
  11. 11

    Alix:

    “…Ein Jammerbild dagegen so eine Anhörung im Abgeordnetenhaus…”
    Was hast Du von einer Anhörung zu erwarten? Eben, nix. Das ist nur eine Angelegenheit, um irgend einer Form zu genĂŒgen, um den Schein zu bewahren, politische Entscheidungen den Untertanen transparent zu machen. Die Ohren der Politprofis sind so auf Durchzug gestellt, dass Argumente ihre Hirne garantiert nicht erreichen. Demokratie in pur in bundesdeutscher Form(alitĂ€t).

    31.05.2005 um 10:58 | Antworten
    Alle Kommentare von Alix
  12. 12

    pitsche:

    Hmmm,
    wie wĂ€re es, sich ein Ziel zu setzen und zu versuchen, das mit anderen zu erreichen? Eine Plattform dafĂŒr könnte http://www.aimido.de/ sein, ein Beispiel http://www.radiokampagne.de/ .

    Aber meckern allein scheidet aus.

    31.05.2005 um 15:23 | Antworten
    Alle Kommentare von pitsche
  13. 13

    Sven:

    Witzigerweise gibt es ausgerechnet in Bayern noch die Möglichkeit fĂŒr den “NormalbĂŒrger”, in politische Entscheidungen einzugreifen, per echtem Volksbegehren/Volksentscheid. Kaum zu glauben, dass das in einem Land, in dem die CSU unangefochten von irgendwelcher Opposition macht was sie will und das auch machen kann möglich ist. DemnĂ€chst lĂ€uft die Unterschriftenphase fĂŒr ein Volksbegehren zur Abschaffung des von Stoiber mal eben eingefĂŒhrten 8-jĂ€hrigen Gymnasiums, und ich hoffe, auch auf die Gefahr hin, dass diese Einflussmöglichkeit des Volkes, wenn die Könige gewahr werden, dass diese eine reale ist, sofort abgeschafft werden wird *g*, dass das funktioniert. Ich bin mal so frei, einen Link zu Hintergrundinfos zu dem Thema hier zu hinterlassen, wenn ich darf:
    href=”http://www.svenscholz.de/index.php?p=60″>Volksbegehren gegen das G8 in Bayern.

    Wie sieht das denn in Berlin aus mit solchen direkten demokratischen Teilhaben?

    01.06.2005 um 08:05 | Antworten
    Alle Kommentare von Sven
  14. 14

    Sven:

    (ups, Link verdaddelt - hier nochmal: Link - sorry

    01.06.2005 um 08:07 | Antworten
    Alle Kommentare von Sven
  15. 15

    Sven:

    Och menno, ich bin aber auch zu dÀmlich - Johnny, sorry, ich will dir die comments nicht zuspammen, wenn du so freundlich wÀrst, einfach das da : http://www.svenscholz.de/index.php?cat=10 in meinen ersten comment zu bauen und diesen und den zweiten zu löschen - ich bin heute irgendwie nicht richtig fit *grmbl* :-(

    01.06.2005 um 08:09 | Antworten
    Alle Kommentare von Sven
  16. 16

    johnny:

    Sven, keine panik, geht ja jetzt alles. Ist nicht so richtig komfortabel, das Comment-Feld, wir arbeiten dran, das zu verbessern. Kommentare, in denen “ich bin aber auch zu dĂ€mlich” steht, lass ich ja gerne immer drin, auch wenn du sicher nicht wirklich dĂ€mlich bist. :)

    01.06.2005 um 13:30 | Antworten
    Alle Kommentare von johnny
  17. 17

    Sven:

    Jo, doch, sehr schön - der nĂ€chste Witz geht dann auf meine kosten, und ‘etz ‘ne Lokalrunde :-D

    Achso, die Frage nach Volksbegehren in Berlin - ich war da noch nie und kenn’ mich da auch nicht aus, habt’s ihr nu sowas noch oder ist das Ă€hnlich wie in Hamburg schon abgeschafft?

    01.06.2005 um 16:41 | Antworten
    Alle Kommentare von Sven

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