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Frankfurt 2.0

Gestern befand ich mich in Frankfurt bei der von der Bundeszentrale für politische Bildung veranstalteten Konferenz “Medien 2.0″, von der live gebloggt wurde. Für eine wirklich Zusammenfassung fehlt mir die Zeit, da meine Mailkommunikation durch 300.000 Spam-Mails (die Zahl stimmt tatsächlich) gekillt wurde und ich mich zunächst darum kümmern muss, nach dem Klick gibt es aber den Text, den ich gestern vorgetragen habe (Update: Es war eine “Polemik zum Thema ‘Web 2.0 in den Medien'” angefragt).

Web 2.0 in den Medien

Welche Medien sind gemeint?

Reden wir von Zeitungen? Diesem Informationsmedium unserer Urgroßeltern, das uns heute schon mitteilt, was gestern passiert ist?

Was könnte eine Zeitung schon über Web 2.0 schreiben? “Hey, schön, dass Sie unsere Zeitung gekauft haben, aber wir möchten Ihnen mitteilen, dass sie dies hier alles schon gestern im Internet hätten lesen können und nicht nur das: Sie hätten es speichern, zitieren und durchsuchen können, sie hätten die Texte mit anderen teilen und diskutieren können! Und nun viel Spaß beim Wegwerfen dieser Blätter, kaufen Sie sich doch einfach morgen neue!”?

Oder ist das Radio gemeint, das Medium unserer Großeltern, dessen so-genannte “Formatierung” in den letzten Jahren dazu geführt hat, dass man seine Uhr nach den gespielten Songs stellen kann (“Oh, Britney Spears, es muss 12:30 Uhr sein!”) und das in millionenschweren Markforschungskampagnen herausgefunden hat, dass man den dummen Hörern keinen Wortbeitrag über 1 Minute 30 zumuten darf?

Ich kann mir die Redaktionskonferenzen in der 70er, 80er und 90er-Hitradios gut vorstellen:

Chefredakteur: “Hört mal, Leute, im Internet kann man rund um die Uhr Musik hören, ohne dafür zu bezahlen, das ist ungeheuerlich, die gesamte Musikindustrie ist gefährdet!” – “Aber Chef, das kann man doch bei uns seit vielen Jahrzehnten auch!” – “Ja, aber da entscheiden wir und die Musikindustrie, im Internet entscheiden die Leute selbst, das muss gestoppt werden!”

Oder reden wir vom Fernsehen, dem Medium unserer Eltern, dessen konstante Bemühungen um die Verdummung und Banalisierung des Lebens von solchem Erfolg gekrönt sind, dass meine Kinder seit der WM davon überzeugt sind, dass Coca-Cola und Bitburger irgendetwas mit Sport zu tun hätten?

Diesem hochmodernen Medium, das so tolle Nachrichten hat wie: “Wir können Ihnen jetzt einen Film zeigen, der vor zwei Jahren im Kino lief und den es seit einem Jahr auf DVD gibt.” – “Super, ja, den würde ich mir gern noch ein fünftes Mal ansehen, zeig her!” – “Ähm… gut… also… sagen wir: nächsten Freitag um 23 Uhr?”

Wenn jemand im Zusammenhang mit Web 2.0 oder dem Internet generell von einer Revolution spricht, darf man ruhig lächeln. Denn es geht nicht um Medien-Revolution, sondern um Medien-Evolution:

Das Web ist das Medium, mit dem wir, noch viel mehr aber unsere Kinder aufwachsen. Genauso, wie es für diese Kinder unvorstellbar wäre, wenn ein Telefon mit einer Schnur in der Wand verankert sein müsste, käme es ihnen absurd vor, wenn Dritte entscheiden würden, welche Musik sie wann zu hören haben und zu welcher Zeit sie sich einen Film ansehen können.

Die Kinder der Web-Evolution lesen und schreiben mehr denn je, denn Gleichaltrige auf der ganzen Welt berichten täglich in Weblogs von ihrem Leben und diskutieren es mit anderen. Sie konsumieren mehr Musik als ihre Eltern, denn sie entdecken über ihre sozialen Netzwerke Künstler, für die in den bestehenden, notwendigerweise massentauglichen Medien kein Platz war. Diese Kinder der Web-Evolution stellen mittels iPod-Playlists ihr eigenes Musikprogramm zusammen und sie entscheiden selbst, wann sie Wort- oder Filmbeiträge in Form von Podcasts oder Videocasts konsumieren möchten, und wissen sie was? Diese Kinder der Web-Evolution hören teilweise eine halbe Stunde und länger zu, wenn ihnen jemand etwas Interessantes zu sagen hat.

Diese Kinder erlernen den Umgang mit diesem, ihrem, Medium durch eigenes Experimentieren, Testen, Spielen. Denn wir, ihre Eltern, können ihnen dabei kaum behilflich sein. Sind wir doch von unseren, den etablierten, Medien jahrzehntelang zu puren Medien-Konsumenten, zu Rezeptoren-Vieh erzogen worden, das bestenfalls zum Quiz-Kandidaten taugt und dessen inhaltliche Reaktionen per Leserbrief dem Wohlwollen und den Kürzungen einer Redaktion unterliegen, mal ganz abgesehen von der zeitlichen Verschiebung zwischen dem Artikel, auf den wir reagieren, und unserer Reaktion.

Natürlich untertreibe ich also etwas, wenn ich im Zusammenhang mit Web 2.0 über Evolution statt Revolution rede. Denn so sehr das Web eine Fortführung und Ergänzung der etablierten Medien ist, so sehr unterscheidet es sich auch von den klassischen Medienformen. Als erstes Massenmedium der Geschichte ist es nämlich so gut wie unkontrollierbar, sei es politisch, technisch, unternehmerisch oder redaktionell. Es ist ebenso offen für Lügen und Scharlatane wie es offen ist für Wahrheit und Genies. Es entspricht somit dem wirklichen Leben viel mehr, als es seine Virtualität vorgibt.

Und: Seine Produktionsmittel sind so gut wie überall verfügbar und nicht selten kostenfrei, die Zeiten der elitären Medien-Produktionshoheit sind also vorbei. Und so kann man vermuten, dass die Möglichkeit der Veröffentlichung für Jedermann auf längere Sicht ähnliche gesellschaftliche Veränderungen mit sich bringt wie die Erfindung Gutenbergs, welche das Lesen für uns alle möglich gemacht hat.

Sobald wir gelernt haben, mit der Offenheit und Echtheit des Web, das uns als Spiegel der Kulturen und Gesellschaften der Welt nicht nur Positives zeigt, umzugehen, und wenn die bestehenden Medien die Chancen dieser Entwicklung erkannt haben und ihren Platz und ihre Rolle in dieser neuen Medienwelt gefunden haben, dann sind wir an einem Punkt, an dem man von Medien 2.0 reden kann.

Das Web jedoch, da bin mir sicher, wird dann schon wieder etwas weiter sein
und somit weiter für spannende Konferenzen sorgen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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33 Kommentare

  1. 01

    …du wirst nochmal im zuchthaus enden. oder im vorstand. (vorsicht, grenzen fließen).

  2. 02

    Das stimmt. Mit den fließenden Grenzen. Das andere hoffentlich beides nicht. ;)

  3. 03
    leo

    Auch im Trend: Einfach mal den alten Spam-Briefkasten zumachen, den Freunden bescheid sagen und einen neuen Kasten eröffnen. :)

  4. 04

    Viel komplizierter, das Ganze… Aber gut zu wissen, dass ein Mail-Client nicht mit 300.000 Mails klarkommt…

  5. 05
    leo

    Wer rechnet auch schon mit solchen Mengen…

  6. 06
    leo

    … will ja nicht zu intim werden, aber eins interessiert mich doch. War das ein gezielter Angriff oder etwa ein zu gut funktionierendes neues WordPress-Benachrichtigungsplugins??? ;)

  7. 07

    Das war in etwa so (und daher mein etwas genervter Ton heute…):

    Wir haben als reiner Web-Dienstleister (also nix Blogs oder so) einen Job für einen Kunden gemacht, Design und Technik für ein kleines Gewinnspiel. Die Mails der Teilnehmer gingen an eine von uns eingerichtete Adresse und damit zu mir. Leider wurde der Server des Kunden, auf den wir lange Zeit keinen direkten Zugriff hatten, durch ein Skript dermaßen attackiert, dass die Mails meine gesamte Kommunikation lahmgelegt haben. Alle paar Minuten kamen tausende Mails und wir konnten das selbst nicht stoppen, wg. fehlendem Serverzugriff.

    Jetzt haben wir Zugriff und es ist alles okay, aber ich muss meine gesamten Mail-Accounts wieder neu einrichten… und alles sowas.

  8. 08
    DieterK

    “Als erstes Massenmedium der Geschichte ist es (das Internet) nämlich so gut wie unkontrollierbar, sei es politisch, technisch, unternehmerisch oder redaktionell.”

    Ich fürchte, die Politik wird schon dafür sorgen, dass die heute schon bekannten und künftige technischen Maßnahmen, mit denen das Internet kontrolliert werden kann, im Sinne der Konzerne eingesetzt werden, damit “professionelle” Redaktionen weiter die Verdummung der Menschheit fortsetzen können.

  9. 09

    DieterK, ich muss das gleich mal ergänzen: Es war eine “Polemik” von mir angefragt…

  10. 10
    stackevil

    ich verminde mit frankfurt immer negativ gehaltene server netzwerk shice…

    danke frankfurt 1.0 reicht schon es braucht ein 2.0

  11. 11

    Oh Gott, das war ja innerhalb Frankfurts am Arsch der Welt. Unschöne Gegend.

  12. 12
    kasos

    Das mit den Kindern finde ich super, dann kann ich mich als Vater demnächst auch komplett durch einen virtuellen (V)erzieher simulieren lassen, wenn meine Kleinen Nonstop vor ihrem Rechner hängen, um kreativ ihren blog zu schreiben und natürlich all die anderen tollen Kinderblogs zu lesen. Meine Zweifel betreffen nur den Grad der Interaktivität, den das Ganze haben wird, die meisten werden doch nur lesen und nicht schreiben und damit noch mehr Zeit im Internet natürlich total sinnvoll verbraten, sich auch immer mehr bewegen, also ihre Fingerlein über die Tasten fliegen lassen, das die Kalorien nur so wegzischen und!! hoffentlich haben Sie dann bei all der kreativen Arbeit noch Zeit um ab und zu – zur Entspannung natürlich – ein Computerspiel zu spielen, da soll man ja neuerdings auch spielend lernen können…blendende Zukunft, ob der Staat da nun ein bischen reinregelt oder nicht ist eigentlich auch egal, dafür hat er ja noch seine Lehrer, oder?

  13. 13
    Sam

    Interessante Verbindung in Johnnys Beitrag mit dem Buchdruck. Nun hat der Buchdruck ja die Reformation wesentlich begünstigt, und die daraus folgenden Religionsstreitigkeiten waren ja ein Hauptausgangspunkt des 30-jährigen Krieges, den z.B. in Süddeutschland nur etwa ein Drittel der Bevölkerung überlebte. Die nächste mediale Umwälzung, der Rundfunk, hat den Nationalsozialismus dann wesentlich befördert, welcher letztlich im 2. Weltkrieg mündete mit 50.000.000 Toten. Jetzt sprechen wir von einer neuen medialen Epoche und versuchen uns irgendwelche Folgen auszumalen.
    Das nur zur Tragweite dessen, worüber wir hier reden. 300.000 Spam-Mails und die Frage, ob ein Mail-Client damit klar kommt oder nicht dürfte doch eher ein kleineres Problem darstellen.

  14. 14

    super! danke für den text! in der hoffnung den BAHN-streik zu umgehen bin ich mit dem auto nach FFM gefahren und hoffnungslos im stau kleben geblieben, so dass ich deine polemik nicht mehr gehört habe… Schön ist sie, die Polemeik, auch in Buchstabenform – so viel Wahrheit… das ding mit Evolution statt REvolution habe ich donnerstagnachmittag und auch freitag immer wieder gebetsmühlenartig in meinem eigenen worten versucht zu betonen. leider bin ich mit dem gefühl nach hause gefahren, dass es einige der anwesenden dennoch nicht kapieren. was sooo schlimm nicht wäre, würden sie nicht gleichzeitig vom hohen Ross herunter urteilen und das ver-bagatellisieren, was ihre “Kinder” und damit ihr (vielleicht???) künftiges Publikum da mit dem Medium eigentlich anstellt. Wer seine Kinder nicht ernst nimmt braucht sich nicht wundern, wenn er oder sie sie später nicht mehr versteht und sich wundert, dass sie eigene wege gehen…

  15. 15
    Thorsten

    Johnny der Hellseher ;-)

    genaue heute Nachmittag: Frankfurt : HSV = 2:0

    … und wehe das stimmt nicht

  16. 16
    fehnman

    Hm…

    Diese Kinder der Web-Evolution hören teilweise eine halbe Stunde und länger zu, wenn ihnen jemand etwas Interessantes zu sagen hat.

    Magst Du das mal ausführen? Du versuchst hier hoffentlich nicht, einen Kausalzusammenhang herzustellen zwischen Internetkonsum und gesteigerter Aufmerksamkeitsspanne…

  17. 17
    DieterK

    @Johnny

    Sorry, ich hab’ die Ironie nicht gleich erkannt.

  18. 18
    Harm

    Schön, die Verbreitung eines Kommunikationswerkzeugs mal als “Evolution” und nicht immer als “Revolution” zu lesen. (Ich kann auch beim besten Willen bis heute keine “Computerrevolution” erkennen).
    Ob das dann “so gut wie unkontrollierbar” bleibt (ähnlich dem Mobiltelefon?) bleibt abzuwarten. Hoffen wir das beste.

    Antrag: Ich bin dafür sämtliche Begriffskonstrukte, die auf “2.0” enden ab jetzt einzustellen. Das müffelt schon aus der Tonne, wo auch die “Nachhaltigkeit” drin wohnt.

  19. 19

    @fehnman: Solch ein Zusammenhang wäre wohl etwas gewagt. Und wie gesagt, es ist eine Polemik, die hier und da übertreibt. Was ich damit sagen will ist: Man darf den Hörern ruhig mehr zutrauen als 1:30 Wortbeiträge. Daran ist aber das Netz nicht “Schuld”, denn das wussten wir auch schon vorher.

  20. 20

    Eine sehr schöne Liebeserklärung an das Web 2.0!

  21. 21
  22. 22

    …und wenn die Politik erstmal durch le web deux zero kolonialisiert wird:

    Ich kann mir die Fraktionssitzung im neuen Jahrtausend gut vorstellen: “Hört mal Leute, diese ganzen Online Communities haben jetzt eine gemeinsame Partei gegründet, die 1/3 der Bevölkerung auf sich vereinnahmt, wir müssen irgendwas tun….”

    denkt da einer drüber nach???

  23. 23
  24. 24

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