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Positionen mark von Malte Welding | 15

Mein Zahn

Am Mittwoch fing es an. Ein dumpfer Schmerz breitete sich von meinem unteren rechten Backenzahn her aus. Mein Problemzahn. Ich umgarnte ihn mit Zahnseide, gab ihm eine Extraportion Zahnpasta. Er dumpfte unbeeindruckt weiter vor sich hin. Neville Chamberlain der Zahnpolitik, der ich bin, wartete ich ab, in der Hoffnung, die GemĂŒtsverstimmung meines Zahns wĂŒrde sich schon legen.

Ich trĂ€umte von dicken MĂ€nnerdaumen, die ohne Unterlass auf meine hinteren Zahnreihen drĂŒckten und wachte zu frĂŒh davon auf. Die MĂ€nnerdaumen waren weg, das GefĂŒhl blieb. Es musste also ein Experte zu Rate gezogen werden. Da der Donnerstag ein Feiertag war, fiel die Wahl nicht schwer, denn nur ein Arzt hatte Notdienst. Bei ZahnĂ€rzten lege ich auf zwei Eigenschaften wert: Sie sollen einen Doktortitel haben und eine Frau sein. Zwar ist mir bewusst, dass in keinem Fach der Doktortitel leichter zu erwerben ist als in der Medizin, aber diese MĂŒhe sollte jemand, der sich mir mit Folterinstrumenten nĂ€hert, schon auf sich genommen haben. Und Frauen unterstelle ich grĂ¶ĂŸere SensibilitĂ€t und stĂ€rkere Selbstzweifel. Außerdem riechen sie besser.

Der Notzahnarzt nun war ein Dipl. Stom. und eindeutig mĂ€nnlich, was sich am intensivsten in dem Verzicht auf Deodorant manifestierte. In regelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden die Uhrzeit prĂŒfend, bohrte er munter drauf los, ließ mitten im Bohrvorgang von dem Zahn ab und sagte: „Der ist tot.“

Man hĂ€tte dafĂŒr auch erst eine VitalitĂ€tsprĂŒfung mit einem geeisten Wattebausch machen können, aber man kann nun nicht von jedem Arzt erwarten, dass er in der Wikipedia liest.

Ich mĂŒsse mich einer Wurzelbehandlung unterziehen. Ob man damit jetzt gleich anfangen könne? „Nee, nee, Notdienst“.

Eine Iboprofen verscheuchte die MĂ€nnerdaumen aus meinen TrĂ€umen und ließ mich ich die Nacht ĂŒberstehen.

Der Freitag war kein Feiertag. Aber BrĂŒckentag. Zumindest fĂŒr alle anvisierten weiblichen ZahnĂ€rzte mit Doktortitel. Ich musste also wieder zu einem Mann, dieser aber hatte sich gewaschen. Er hatte sympathisch ungepflegte ZĂ€hne, lachte angemessen ĂŒber das dilletantische Vorgehen seines Kollegen und machte meinen Eisteegenuss als Schuldigen aus.

Der Arzt fing nun an, mit hochgezogenen Augenbrauen spitze Nadeln in meinen Zahn zu stoßen. Das ist der unbestreitbare Vorteil von toten ZĂ€hnen. Man kann Nadeln in sie stoßen und es tut nicht weh. Meine Schmerzen kamen daher, dass sich Bakterien unter dem Leichnam versammelt hatten und dabei waren, sich neuen Lebensraum zu schaffen.

Immer wenn der Arzt eine Nadel wieder aus dem Zahn hervor zog, roch er konzentriert daran. Das nahm mich sofort fĂŒr ihn ein. Ich schĂ€tze es, wenn Ärzte alle ihre Sinne nutzen. Wir machten einen Termin fĂŒr die zweite Sitzung aus.

Zwei Stunden spĂ€ter stand ich wieder in der Praxis, da der Schmerz nicht nachgelassen hatte. Der Arzt schaute mich an, sagte: „Ah, ein Bumerang“ und verschrieb mit ein Antiobiotikum, Clindamycin.

Hier nun beginnt das eigentliche Problem. Ich konnte es natĂŒrlich nicht lassen und studierte den Beipackzettel. Meine Lieblingsnebenwirkung ist das Lyell-Syndrom.

Zuerst kommt es zu kleinen, sich rasch vergrĂ¶ĂŸernden Rötungen der Haut. Diese Rötungen fließen mit der Zeit mehr und mehr zusammen. Zuletzt ist die gesamte Haut tief rot verfĂ€rbt. Es bilden sich Blasen, die sich von der Haut immer mehr ablösen. Schließlich kommt es zur Ablösung der gesamten Oberhaut in großen Fetzen. Diese Fetzen liegen der Haut wie ein „nasses Tuch“ an. Auch die SchleimhĂ€ute sind betroffen. Es kommt zu ausgedehnten EntzĂŒndungen im Genitalbereich in der Analregion. Die Lider des Auges sind ebenfalls beteiligt. Es entstehen wunde offene Stellen, die nĂ€ssen und bluten. HĂ€ufig kommt es auch zu inneren Blutungen im Magen-Darm-Trakt. Die Betroffenen haben hohes Fieber.

Ja. Ich weiß. Nur einer von zehntausend Anwendern bekommt das. Fast mit Sicherheit aber wĂŒrde ich die nĂ€chsten Wochen mit Durchfall auf der Toilette verbringen. Also Schmerzen ertragen und vielleicht einen Durchbruch der Bakterien in den Kiefer erleben? Oder mich hĂ€uslich auf dem Klo einrichten und beobachten, ob meine Haut beginnt, sich abzulösen?

Ich kann solche Entscheidungen nicht treffen.

Malte Welding 21.05.2007 um 13:25

Positionen

Du kannst kommentieren, oder einen Trackback von deinem Blog aus setzen.


15 Kommentare

  1. 01

    ick:

    tu es, tu es! und erzĂ€hl uns dann davon…

    21.05.2007 um 13:35 | Antworten
    Alle Kommentare von ick
  2. 02

    Björn Grau:

    Und wenn Du groß bist, dann bekommst Du eine Late-Night-Show, in der Du Deine Hypochondrie ausleben darfst und dann wirst Du das Gesicht und der Kasper fĂŒr eine Werbekampagne eines deutschen Arzneimittelherstellers und dann gehen Deine Quoten in den Keller und dann musst Du Dir von Oliver Pocher diktieren lassen, wie der Relaunch Deiner Show aussehen wird.
    Ich wĂŒrde mir das nochmal ĂŒberlegen, mit dieser Angst vor Nebenwirkungen!
    FrĂŒher ging mensch zum Zahnbrecher (meistens der Schmied im Dorf). Raus mit dem alten Scheiß und gut ist.
    Ach so, gute Besserung!

    21.05.2007 um 13:40 | Antworten
    Alle Kommentare von Björn Grau
  3. 03

    Mucho:

    …und mach Fotos!!!

    21.05.2007 um 13:42 | Antworten
    Alle Kommentare von Mucho
  4. 04

    hollemann:

    Medizin muß bitter sein! Trotzdem gute Besserung.

    21.05.2007 um 13:45 | Antworten
    Alle Kommentare von hollemann
  5. 05

    martha dear:

    also ich wĂŒrde es drauf ankommen lassen und das klo als letzten hort der ruhe vorziehen (w-lan in der wohnung vorausgesetzt). aber vielleicht bist du auch eh schon gegen das antibiotikum immun, lieber malte “the bumerang” welding? :)

    21.05.2007 um 13:48 | Antworten
    Alle Kommentare von martha dear
  6. 06

    Martin:

    Ich gebe Dir mal die Adresse meiner ZahnÀrztin.
    Ca. 100 Jahre alt, rumĂ€nisch - ungarischer Akzent, einfĂŒhlsam wie ein Rummelplatzboxer und sie riecht immer ganz toll nach einer Mischung aus alter Frau, Zahnarztpraxis und Mottenkugeln.
    Aber ein Doktortitel.

    21.05.2007 um 13:48 | Antworten
    Alle Kommentare von Martin
  7. 07

    jensjetzt:

    ach malte - ich bin fĂŒr chemie einnehmen und schauen was passiert. und bei twitter ein update alle 15 minuten - wĂ€re toll - mit bild!

    hÀttest du gefragt, hÀtte ich dir vorher einen guten zahnarzt nennen können. aber man wird ja nicht gefragt.

    … das muss wohl daran liegen, dass wir uns nicht wirklich kennen. vermute ich.

    21.05.2007 um 13:51 | Antworten
    Alle Kommentare von jensjetzt
  8. 08

    sunny:

    angeblich sollen diplomierte zahnĂ€rzte die besseren handwerker sein. aber diese theorie stammt von jemandem, dessen zĂ€hne…

    21.05.2007 um 13:52 | Antworten
    Alle Kommentare von sunny
  9. 09

    marius:

    Antibiotikum hilft in solchen FĂ€llen ĂŒberhaupt gar nichts. WurzelfĂŒllungen lasse ich ĂŒbrigens nur bei einem Endontologen machen. Das kostet zwar und dauert lĂ€nger, aber dafĂŒr hilft es auch.

    21.05.2007 um 14:00 | Antworten
    Alle Kommentare von marius
  10. 10

    Batz:

    When I was younger, just a bad little kid,
    My mama noticed funny things I did,
    Like shootin’ puppies with a B B gun
    I’d poison guppies, and when I was done
    I’d find a pussycat and bash in its head
    That’s when my mama said

    What did she say?

    She said, “My boy, I think someday
    You’ll find a way
    To make your natural tendencies pay
    You’ll be a dentist
    You have a talent for causin’ things pain
    Son, be a dentist
    People will pay you to be inhumane
    Your temperament’s wrong for the priesthood
    And teaching would suit you still less
    Son, be a dentist
    You’ll be a success

    21.05.2007 um 14:03 | Antworten
    Alle Kommentare von Batz
  11. 11

    Lukas:

    ZahnÀrzte mit sympathisch ungepflegten ZÀhnen sind genauso zu empfehlen wie Friseure mit einem schrecklichen Haarschnitt - diese sind ja offensichtlich von ihren sehr viel inkompetenteren Kollegen behandelt worden.

    21.05.2007 um 14:22 | Antworten
    Alle Kommentare von Lukas
  12. 12

    creezy:

    Malte, solche Zettel liest man doch erst komplett durch, wenn man an den Nebenwirkungen gestorben ist!

    Trotzdem: jute Besserung!

    21.05.2007 um 21:39 | Antworten
    Alle Kommentare von creezy
  13. 13

    Mikosch Hoffmann:

    Ha. Nein, kein Mitleid, obwohl,doch, wenn ich ehrlich bin,ja. Gleiches PhĂ€nomen am Freitag,beißende, kreischende,drĂŒckende, sich am Boden windende Schmerzen.
    Und sie war eine Frau und ihre ersten Worte waren:”Oben oder unten?”.
    Sogar mit Dr. und nett war se auch die Tante:)
    Ich fĂŒhle mit.
    Gute Besserung!

    21.05.2007 um 23:33 | Antworten
    Alle Kommentare von Mikosch Hoffmann
  14. 14

    HappyDoener:

    Ah das selbe hat ich auch erst im Januar. PĂŒnktlich zum Geburtstag. Beim Notdienst sagte man mir “Da ist die FĂŒllung raus gegangen, ich sehe ein kantiges Loch. Ich mache da einen Verschluss drĂŒber.” Am nĂ€chsten Tag stand ich Punkt 8:30 bei meinem normalen Zahnarzt. NatĂŒrlich mit synapthischen ungepflegten ZĂ€hnen ;) Der schĂŒttelte mit dem kopf und meinte das durch die EntzĂŒndung sich gase bildeten und die dann nochmal fĂŒr ordentlich Druck gesorgt haben.

    22.05.2007 um 14:41 | Antworten
    Alle Kommentare von HappyDoener
  15. 15

    Maramilja:

    Es kann passieren was will,
    es gab immer jemanden
    der es kommen sah.

    24.05.2007 um 15:41 | Antworten
    Alle Kommentare von Maramilja

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