
Ich kann nicht schreiben, wenn ich Musik höre.
Musik ist Kommunikation, Musik spricht zu mir. Wenn Musik lÀuft, lausche ich dem, was sie mir sagen will. Und ich rede bisher nur von Instrumentals.
Kommen zur Musik auch noch Stimmen hinzu, befinde ich mich in einem direkten Dialog. Wenn Musik spielt und jemand Wörter zu dieser Musik verfasst hat empfinde ich es als geradezu unhöflich, ihm nicht zuzuhören. Er spricht schlieĂlich zu mir und ich bemĂŒhe mich ihn zu verstehen. Ich verliere den Anschluss an GesprĂ€che mit Anwesenden, wenn gleichzeitig Musik zu hören ist. Auf dem Fahrrad kann mich die per Kopfhörer direkt ins Hirn gepflanzte Musik zur Missachtung von Vorfahrtsregeln verfĂŒhren, denn ich existiere nicht mehr auf der StraĂe, sondern im aktuellen Song. Gibt es Studien ĂŒber eine Korrelation der iPod-Absatzszahlen und der Menge der VerkehrsunfĂ€lle?
Ich kann durchaus Musik hören und dabei andere Dinge tun, fĂŒr die keine Kommunikation nötig ist. Etwas sortieren. Mich bewegen. Ein Magazin durchblĂ€ttern. Aber es fĂ€llt mir schwer, mich wirklich auf etwas anderes zu konzentrieren, wĂ€hrend ich bewusst Musik höre.
Das Schreiben dieses Artikels hat daher fĂŒnf Alben lang gedauert. Tim Armstrong, Arctic Monkeys, Ed Csupkay, Fratellis, Arcade Fire.
Und: Ich ertrage keine Musik „im Hintergrund“. Denn sie kann noch so leise oder banal sein, sie schiebt sich in meiner Wahrnehmung immer nach vorn. Mein GegenĂŒber in der Bahn neulich hörte auf seinem iPod ein derart bemerkenswertes Potpourri aus Metallica, Country-Klassikern, The Who und 50er-Jahre-Rockabilly, dass ich gerne mehr ĂŒber sein junges Leben erfahren hĂ€tte.
Der viel beklagte Zeitmangel erwachsener Menschen, die zudem auch noch Eltern sind, vor allem aber das Verschwinden von musikalischen Aus- und Ruhezeiten, die Verlangen und Neugier fĂŒttern, die AllgegenwĂ€rtigkeit und ĂberprĂ€senz von Musik also als kaum wahrnehmbarer Radiosender, der leise im CafĂ© zu hören ist, als synthetisches und aggressionsförderndes Stimmungsgedudel im Supermarkt, als mittelfrequentes Scheppern in den Hörstöpseln des Sitznachbarn - das alles fĂŒhrt dazu, dass ich kaum noch selbststĂ€ndig, bewusst und ausgewĂ€hlt Musik höre.
Die Welt zwingt mir ihre Musik auf und lĂ€sst keinen Platz mehr fĂŒr meine, was ein unglaublicher Verlust in meinem Leben ist.
Das muss geĂ€ndert werden. Ich hab’ im Zug schon angefangen.
She was into the Stones
when I was into the Roses
The Fratellis - „For The Girl“
Mach’s dir einfach
trink langsam und viel
nachts in Bars
ohne SpaĂ und ohne Ziel
Ed Csupkay - „Einfach“
01
Jungejunge, da hast du aber so recht! Ich konnte irgendwann gar keine Musik mehr machen, dabei habe ich das mal studiert und meine besten Jahre dafĂŒr … blabla. Aber es stimmt, Musik ist per se BelĂ€stigung geworden. Schade!
Alle Kommentare von schwoortz
02
Das geht mir genauso. Versuche ich mich an Situationen zu erinnern, so fÀllt mir meist auch gleich mit ein, welche Musik gerade im Hintergrund lief.
Manchmal wundere ich mich auch, warum ich so unterschwellig traurig bin und dann merke ich, dass ich ja schon seit einigen Tagen nicht mehr bewusst Musik gehört habe. FrĂŒher kam das fast nie vor, aber trotz MP3-Player usw. passierte mir das in letzter Zeit sehr hĂ€ufig. Wahrscheinlich liegt das wirklich daran, dass manche Menschen glauben, alle anderen an ihrer Musik teilhaben lassen zu mĂŒssen. Im positiven Falle weckt das, wie bei dir beschrieben die Neugier, im negativen Falle die Sehnsucht nach Ruhe, die das eigene Verlangen nach Musik ĂŒbertrumpft.
Alle Kommentare von claudi
03
ich gebe es zu, ich bin so einer der die welt am musikalischen geschehen in seinen ohrstöpseln teilhaben laesst. aber nicht absichtlich. ich kann es nur nicht leiden, wenn mich hintergrundgerÀusche beim musikhören stören :(
Alle Kommentare von Marcel
04
Hat echt lange gedauert bis ich mal zwei Zitate aus der Musiksammlung finden konnte die auch Sinn machen ohne das halbe Lied zu zitieren. FĂŒr mich ist Musik eine Geschichte die ich einmal interpretiere und mir dann immer wieder vor Augen rufe. Ein neues Album in der Sammlung ist eine Schatzkiste mit mehr Gold als ich jemals ausgeben kann.
Come one, come all
Into 1984
Yeah, three, two, one
Lights Camera Transaction
Quick, your time is almost up
All forget that there is more
Edging in towards the flame
Burn into obscurity
Incubus - Talk Show On Mute
is she trouble
like I’m trouble
make it a double
twist of fate
or a melody that
sings the revolution
the dawning of our lives
she brings the liberation
that I just cant define
nothing comes to mind
Green Day - She’s A Rebel
Alle Kommentare von fabiank22
05
Empfinde ich Ă€hnlich. Ich wĂŒnschte, es gebe mehr SupermĂ€rkte, in denen keine Musik im Hintergrund dudeln wĂŒrde. Die Dauerbeschallung ist wirklich sehr anstrengend, besonders wenn man Musik liebt.
Alle Kommentare von marcel weiss
06
“Music with dinner is an insult both to the cook and the violinist.” (G. K. Chesterton)
Alle Kommentare von Cem
07
hat miles davis schon gesagt
music was my first love
and it will be my last…
Alle Kommentare von Dirk mit Rheinblick
08
Ich hab grad Musik gehört, also worum ging es in dem Beitrag nochmal?
Alle Kommentare von Mucho
09
Put on your colors and run come see
Everybody says that music’s for free
Take off your clothes and lie in the sun
Everybody says that music’s for fun.
(David Crosby: Music Is Love)
Alle Kommentare von Andi Leser
10
@Dirk mit Rheinblick (7)
Miles Davis wars nicht, sondern John Miles.
Miles Davis hat gesagt:
Love is a beautiful song
La-lah, la-la-lah, la-lah
Love is a beautiful song
La-lah, la-la-lah, la-lah
Ben
Alle Kommentare von Ben
11
Der Artikel spricht mir aus der Seele! In unserer Krankenhaus-Kantine dudelt auch immer das Radio (lokales Kommerz-Radio), und ich gehe inzwischen jedesmal zu einer Service-Mitarbeiterin und lasse das Radio ausmachen. Klappt.
Alle Kommentare von Thomas
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http://de.theinquirer.net/2007/02/08/new_york_will_den_ipod_verbann.html
Alle Kommentare von hannes
13
Ich kann nicht schreiben, wenn ich Musik höre. Das ist ganz einfach so, weil deine Worte in dir klingen - du also beim schreiben eine Musik hörst!
Alle Kommentare von winfried aus chemnitz
14
Die neue Generation (also ich) kann mehr Sinnesreize auf einmal aufnehmen und diese auch verarbeiten. Ich kann Fernsehn gucken, Musik hören und schreiben.
Man sieht zu was das fĂŒhrt! ;)
Alle Kommentare von Raucherblog
15
Musik hat den Reiz verloren.
Zu beliebig, zu viel Einerlei, wenig Originelles, stĂ€ndig verfĂŒgbar.
Lediglich Konzerte könnten eine Abwechslung sein. Leider kann fast niemand mehr Live spielen oder es ist so langweilig, das ich lieber gehe.
Zum GlĂŒck gibts aber doch ab und an ein Highlight. FĂŒr mich waren das in letzter Zeit Coco Rosie und Lightning Head.
Alle Kommentare von Peter H aus B
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@Ben (10)
scheiĂe, es hat jemand gemerkt. hatte nebenher musik gehört…
Alle Kommentare von Dirk mit Rheinblick
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sehr schöner post. danke.
mir geht es eigentlich genauso. den leuten ist oft nicht mehr bewuĂt, dass musik mehr sein kann als ihre hintergrunduntermalung.
einem bwl’er kann man das mit verkaufszahlen eines geschĂ€ftes in abhĂ€ngigkeit der musik klar machen.
aber das hat nicht mit “musik hören” zu tun. das ist eine aktive sache zu hause vor der anlage oder live bei/mit freunden.
Alle Kommentare von Holger
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Eben. Music was my first Love. Sowieso.
Alle Kommentare von Dagger
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Hallo Johnny!
Ja, das stimmt! Manche können sich hinsetzen, Musik einschalten und daneben ganze Doktorarbeiten schreiben. Ich kann das nicht. Ich kann entweder Musik hören oder nicht. Wenn ich aber Musik höre, geht allerdings nicht mehr viel nebenher, jedenfalls nichts wahnsinnig Produktives. Nur so im Hintergrund geht nicht - ausgeschlossen. MerkwĂŒrdig, wie Recht Du mal wieder hast.
Alle Kommentare von Todde
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@ pedahaausb
ueberall gibts so leude die meinen frueher, da war alles besser. selbst mein opa hat eingesehen das das so nicht ganz richtig ist.
die musiklandschaft ist doch heute eher lebendiger als vor 30 40 jahren. ob sich der ausschuss an der gesamtproduktion erhoeht hat ist zwar ermessensfrage, aber sollte dem so sein hat sich auch die anzahl der Stecknadeln im heuhaufen erhoeht ( wenn auch leider nicht ihr anteil pro mÂł heu).
wer nicht genug sucht der findet natuerlich auch nichts. da muss man sich schon durch zig musikblogs, myspaceprofile und sonstige promoseiten klicken.
Alle Kommentare von jajawunderbar
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geht mir 98.5% genauso wie Johnny, insbesondere beim schreiben und lesen, mit einer aussnahme : schreiben geht teilweise mit moderner e-musik, auch mit vogelgezwitscher, diversen wassergerÀuschen - mit verkehrslÀrm und sprachgemurmel dagegen weniger
mir fÀllt auch auf dass leute die stÀndig nen stöpsel im ohr oder
musik laufen haben in der regel keine menschen sind die selbst welche hervorbringen
hÀufig sind es menschen denen musik in geweisser weise eigentlich egal ist
und nie sind es menschen die auch musik jenseits eines sozial etablierten mainstreams ( in sehr breiten sinn ) goutieren
ausserdem kann man hĂ€ufig beobachten, dass sie sich nicht wirklich lange konzentriert einer aufgabe widmen, sondern hĂ€ufig “springen” : 1/2 minute email schreiben - 1/2 minute mitsingen ( Ă€chz ) 1/2 minute schwank erzĂ€hlen, dann email weiterschreiben…
dafĂŒr macht es ihnen ĂŒberhaupt nichts aus, wenn zb wĂ€hrend der fete de la musique 5 bands direkt nebeneinander um die wette spielen
allerdings muss man zugeben dass das bei der veranstaltung im grunde eh keine rolle spielt
Alle Kommentare von StöpselimOhr
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Mir geht’s (meistens) genau umgekehrt: Ich kann bei Stille keinen klaren Gedanken fassen, geschweige denn ausformulieren. NatĂŒrlich ist es irgendwie schĂ€ndlich, Musik als “Grundrauschen” zu missbrauchen, aber meist höre ich beim Schreiben Platten, die ich schon in- und auswendig kenne, und bei denen ich auch den Gesang nur noch als weiteres Instrument wahrnehme.
Ich kann aber auch sehr bewusst Musik hören.
Alle Kommentare von Lukas
23
Johnny, Danke fĂŒr diesen Artikel. Sprichst mir aus der Seele.
Alle Kommentare von Daniel
24
Lukas, ich meine das auch alles gar nicht bewertend, ich glaube, das ist einfach individuell sehr verschieden. Der eine braucht Stille, der andere Musik zum Arbeiten. Richtig und falsch gibtâs da nicht. SchĂ€ndlich finde ich es auch nicht, es gibt ja keine Anleitung, wie man Musik “benutzen” darf oder nicht. Mir drĂ€ngt sie sich halt zu sehr auf, als dass ich sie unbemerkt lassen könnte oder nur als Grundrauschen empfinden kann.
Alle Kommentare von Johnny
25
Lukas, ich meine das auch alles gar nicht bewertend
Ich aber. ;-)
Ich weiĂ ja, dass ich den KĂŒnstler in gewisser Weise geringschĂ€tze, wenn ich ihn als “Nebenbeimedium” nutze. Aber ich könnte halt nicht ohne.
Alle Kommentare von Lukas
26
Aus dem gleichen Grund straeuben sich mir immer die Haare, wenn der Pfarrer von mir als Organist im Gottesdienst als Untermalung fuer Taufhandlungen eine “leichte musikalische Grundlage” verlangt. Ich bin doch nicht im Fahrstuhl.
Alle Kommentare von Jake (Brasilien)
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jetzt weiss ich auch endlich, woher meine derzeitige schreibblogkade kommt. ich höre zuviel mtv2, wenn das jemand kennt….
Alle Kommentare von andI611
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Habe grade eine Seminararbeit zu dem Thema geschrieben (und fast die ganze Zeit ĂŒber Musik dabei gehört). Also fĂŒr alle die interessiert sind denke ich, dass diese Arbeit ein bisschen klĂ€ren könnte wieso so viele Leute gerne jederzeit Musik um sich haben und wieso dieses gleichzeitig so geĂ€chtet wird.
http://www.ljublog.de/delo/Hintergrundmusik.pdf
(Wer keine Lust hat, sich durch die Definition und Geschichte zu quĂ€len, auch wenn die sehr interessant sind, der kann auch gleich die “GrĂŒnde fĂŒr Hintergrundmusik” lesen!)
Alle Kommentare von Timo
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btw: ich wusste gar nicht, dass du, johnny, so einen deutschen “sing sang ” magst. :-) ich gehe davon aus, dich auch nĂ€chsten freitag im potsdamer lindenpark zu sehen. da schliesst sich dann der kreis. denn dort hab ich dich auch zum ersten mal gesehen….:-)
Alle Kommentare von andI611
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Oh, Und ich dachte immer, ich wĂ€re die Einzige, die ihre Hausaufgaben nur ohne Musik machen konnte und die beim Arbeiten kein Radio hören kann…
Alle Kommentare von frauDores
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Tja, paĂt vielleicht nicht zum Thema aber da hier ja schon viele Liedzitate zum Besten gegeben worden sind, möchte ich hier auch noch eins, fĂŒr mich wichtiges, anbringen: “I’m a widdow of a living man”
Alle Kommentare von akratellio
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Und ich dachte schon nur ich habe einen an der Waffel!
Alle Kommentare von Foxxi
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Meine Musik ist zusammengesetzt worden aus dem, was ich in meiner Umgebung gehört habe und somit begrĂŒĂe ich oft die Kakophonie, die mir in meiner Umwelt begegnet.
NatĂŒrlich ist nicht alles gut, was man im Umfeld zu hören bekommt und so wird vieles nicht in das eigene Gehörrepertoire aufgenommen, aber um wieviel Ă€rmer wĂ€re doch meine musikalisches Wissen und Repertoire, wenn ich nicht stĂ€ndig diesen Imput hĂ€tte?
Alle Kommentare von Joaquin