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I live by the river!
17.05.08
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Positionen mark von Frédéric Valin | 16

Der Legionär

ccRoman.G.

Da steht er, wie ein Alpenmassiv, vor dem Schachbrett. Seine Schultermuskulatur spannt und entspannt sich, spannt und entspannt sich; fast kann man die Muskelfasern zählen, die sich durch das weite, marineblaue NKD-T-Shirt abzeichnen. Er atmet ein, er atmet aus; ruhig, wie schlafende Katzen es tun.

„Von dem möchte man nicht in den Arm genommen werden“, hatte Piotre gesagt und sich die Stirn gerieben. „Noch ein Augustiner?“ Noch ein Augustiner. Was sollte man auch machen in MĂĽnchen, im Sommer 2003, unter der Woche, abends nach elf. Wir saĂźen oft an der MĂĽnchner Freiheit, bei den groĂźen Schachfeldern, unter den ganzen Gescheiterten, die Schach spielten und Augustiner tranken, anderen beim Schachspielen zusahen und Augustiner tranken oder Augustiner tranken. Geredet wurde selten: worĂĽber auch. „Ich geh zum Kiosk, das Bier holen“, sagte Piotre, und dann ging er zum Kiosk, das Bier holen. Mann der Worte, Mann der Tat, dieser Piotre. So mag ich das.

Da dreht er sich um, und sein breites Grinsen verdeckt fast die hässliche Narbe, die sich einmal quer über die rechte Wange zieht. Seine Augen rollen, er streckt sich. Es knackt, Stille.

Am mittleren Schachbrett verliert der alte Tscheche mit den Cordhosen, das war selten. Selbst wenn er gewann, versteckte er sich in den zu weiten Hosen, in den zu weiten Pullis, und wahrscheinlich hätte er sich gerne an den Horizont gestellt. Er hatte die rechte Flanke zu sehr vernachlässigt und den Turm nicht kommen sehen: es sah schlecht aus. „Das war ja schon nach dem fĂĽnften Zug klar“, sagt einer, und der Tscheche sieht sich in die Hände und spricht, leise: „Ich weiĂź.“

How are you?, fragt er, und seine große schwarze Hand fährt bedächtig über die Stirn. Fine?
I’m fine, sage ich, I’m alright. What about you?
I’ searching my kids, sagt er. Got some kids in Europe, you know. Want to know how they are. Do you have cigarettes?

Er kommt aus einem kleinen Dorf in Angola, aber da war er schon lange nicht mehr gewesen. Seit fĂĽnfzehn Jahren nicht mehr. Not much work over there, sagt er, not much work.
- So what did you do?
- I travelled. I travelled through Angola, Ruanda, Sierra Leone.
- There was a lot of war over there.
- That’s why I travelled there.
- As a journalist?
- As a mercenary.

MĂĽnchner Freiheit, Sommer 2003, und der dicke Typ, der immer so schwitzt, wie ein Schwamm, fuchtelt wieder mit seiner Taschenlampe rum. „Den Bauer musst Du wegziehen, zieh den Bauern da weg, verdammt noch mal, dann is vielleicht noch ein Remis drin.“, und der Tscheche zögert, murmelt, wischt sich die Hände am T-Shirt ab, fährt sich durch die Haare. Murmelt. Zieht den Bauern.

- I saw many people dead, you know. Many people. My best friend died in Sierra Leone, pulmonic shot. I was right next to him, when he died. That’s the way it is.
- What about your children?
- Me, too. I killed many people, you know. Many people.

Abdul zeigt auf das Pferdchen und kichert. Adbul kicherte immer. Vor einigen Jahren hatte beim Oktoberfest eine Maß über den Schädel gezogen bekommen: Schädel-Hirn-Trauma, Halbseitenlähmung, Sprachzentrum im Eimer. Außer gugu und dada und ein bisschen Kichern kam da nichts mehr raus: Und trotzdem, von den ganzen abgerissenen, tiefäugigen Augustiner-Trinkern hier, nachts, Sommer 2003, an der Münchner Freiheit, war er der einzig glückliche. Denn er mochte Pferdchen.

- You see that man over there?
Er zeigt auf den Tschechen.
- I do.
- This man would burn very well. Not much water inside: he would not even suffer. Just a bit.
- A bit.
- I know those people. You should hear them screaming when they burn. Incredible, those screams: Just like they make night frozen.

Er betrachtet mit stummer Miene den Damentausch: der Tscheche hat noch nicht aufgegeben. Der andere, der kleine nervöse mit den abstehenden Ohren, steht hinten nicht so sicher: Vielleicht könnte eine kleine Springer-Läufer-Kombination da noch was rausreißen. Der Tscheche denkt nach. Vielleicht geht da noch was.

- See that? Er zeigt auf eine Narbe ĂĽberm Schulterblatt. Angola. A graze. I was young, I had no experience, so they got me. The others.
- The rebels?
- Whatever.

Seine Hände sind beinahe durchsichtig: schmale, langgliedrige Finger. Klavierspielerhände, denke ich, wie Ebenholz. Wenn man draufhaut, brechen sie, denke ich. Wenn man bloß ein ganz klein wenig draufhaut.

- It’s amazing, that feeling. It’s just great.
- What.
- To kill people. It’s incredible, you know. Powerful, deep. Incredible.
- Why are you telling me this?
- Why not?

Das wars, da steht ein Bauer vor dem Durchbruch. Da ist nichts mehr zu machen. Stummen Schritts geht der Tscheche auf seinen König zu und legt ihn behutsam auf die Seite. Dann wischte er sich die Augen. Abdul kicherte. „Dach Matt.“

- What about your children?
- I just saw two of them. One is in Passau, the other in Munich. I just came from his mothers house.
- How are they?
- Don’t know. It’s a Baby. It screams a lot, you know.
- And the other kid? The one in Passau?
- He’s a dump, nothing to do. Sitting all the time in front of his computer playing stupid games, war games.
- You don’t like war games?
- It’s a game, man. Just a game. It’s dump.

Jetzt will der Dicke mit der Taschenlampe spielen, aber Abdul hat sich das Pferdchen gekrallt und rennt die Cafeterrassen entlang. „Dada“, schreit er und kichert, „dada“. Der Dicke flucht, und schreit, und flucht. „Verdammte ScheiĂźe, Abdul. Jetzt gib den Springer her, verdammt.“ – „Gugu.“

- I’ll have to go. Got to catch a train, you know.
- Have a nice journey.
- Thanks.

Er steht auf, streckt die Glieder, schließt kurz die Augen und dreht sich hin zu mir. Dann nimmt er meinen Kopf in seine Hände, senkt sein Gesicht zu meiner Stirn, küsst den Haaransatz und sagt:
- Don’t forget to be a man.

Piotre kommt wieder, mit dem Bier. Das klimpert doll, und seine Augen klimpern auch. „Ich mach Dir mal das Bier auf“, sagt Piotre und macht mir das Bier auf. Guter Mann, das.
- Was wollte der denn von Dir?, fragt er, dem Legionär nachsehend.
- Keine Ahnung.
Ich trinke einen tiefen, langen Schluck.
- Keine Kinder, jedenfalls.

Frédéric Valin 15.01.2008 um 11:10

PositionenStories

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16 Kommentare

  1. 01

    RamBam:

    Dump? Dumb, oder? Ansonsten interessanter Text. Ich zog im Herbst 2003 nach München, wohne jetzt ganz in der Nähe der Freiheit. Muss mal Ausschau halten, ob die eine oder andere Nase noch spielt.

    15.01.2008 um 11:47 | Antworten
    Alle Kommentare von RamBam
  2. 02

    Axel:

    Stark!
    Endlich mal wieder ein !Text!

    15.01.2008 um 12:02 | Antworten
    Alle Kommentare von Axel
  3. 03

    Frédéric Valin:

    @RamBam (1): Dank, is verbessert.

    15.01.2008 um 12:06 | Antworten
    Alle Kommentare von Frédéric Valin
  4. 04

    erlehmann:

    ich schlage hiermit ein re-enactment der obigen geschichte vor. life imitates spreeblick, mĂĽnchener spreeblick-schachtreffen oder was auch immer.

    ach ja: da steht immer noch “dump”.

    15.01.2008 um 12:50 | Antworten
    Alle Kommentare von erlehmann
  5. 05

    Frédéric Valin:

    Ich bin ja auch bescheuert…

    Allerdings komm ich die nächste Zeit nicht nach München und weiß gerade nicht, ob ich das gut oder schlecht finden soll.

    15.01.2008 um 12:54 | Antworten
    Alle Kommentare von Frédéric Valin
  6. 06

    Christian Severin:

    Bist Du sicher, dass der Legionnär gesagt hat: “I’m searching my kids” und nicht vielleicht “looking for”? Zumindest beim Säugling sollte das Durchsuchen ja schnell gegangen sein, aber das Finden könnte erstmal ein Weilchen gedauert haben…

    15.01.2008 um 13:23 | Antworten
    Alle Kommentare von Christian Severin
  7. 07

    Flusskiesel:

    @06:
    Vielleicht sprechen angolanische Söldner ja nicht immer perfekt Englisch. ;-)

    SCNR

    15.01.2008 um 14:14 | Antworten
    Alle Kommentare von Flusskiesel
  8. 08

    Frédéric Valin:

    Vielen Dank, Flusskiesel, den werd ich mir merken. Leider liegt es vermutlich eher an meinem Englisch, aber hey.

    Ich lass das mal stehen.

    15.01.2008 um 16:16 | Antworten
    Alle Kommentare von Frédéric Valin
  9. 09

    Simon Columbus:

    Streitet euch doch nicht ĂĽber das Englisch, der Text ist viel zu gut dafĂĽr! Mehr davon.

    15.01.2008 um 17:14 | Antworten
    Alle Kommentare von Simon Columbus
  10. 10

    Sascha:

    Super Text. Vielen Dank.

    Was heiĂźt: “Just like they make night frozen.”

    15.01.2008 um 18:26 | Antworten
    Alle Kommentare von Sascha
  11. 11

    ber:

    Na sowas wie: da gefriert einem das Blut

    15.01.2008 um 19:23 | Antworten
    Alle Kommentare von ber
  12. 12

    xconroy:

    “Ein StĂĽck aus dem Leben” sagt man heute zu sowas, oder?

    Dem “mehr davon” weiter oben möchte ich mich anschlieĂźen.

    15.01.2008 um 20:05 | Antworten
    Alle Kommentare von xconroy
  13. 13

    Jens:

    Wow, selbst bei euch bekommt man die ungewollte Realität um die Ohren gehauen.
    Das beste was ich bisher bei Spreeblick gelesen habe.

    15.01.2008 um 23:01 | Antworten
    Alle Kommentare von Jens
  14. 14

    Christoph:

    Toller Text.

    @ Frédéric: Du hast Englisch sozusagen als Dritt-sprache, oder?

    15.01.2008 um 23:47 | Antworten
    Alle Kommentare von Christoph
  15. 15

    Frédéric Valin:

    @Christoph (14): Wenn ĂĽberhaupt… Nee, im Ernst: Seit ich mir die drei Lost-Staffeln auf Englisch reingezogen hab, gehts wieder einigermaĂźen. EinigermaĂźen.

    16.01.2008 um 15:18 | Antworten
    Alle Kommentare von Frédéric Valin
  16. 16

    steffi:

    @frédéric: das scheint mir ein verbreitetes hobby, im moment: http://volkerstruebing.wordpress.com/2008/01/16/lost-in-24/

    16.01.2008 um 15:46 | Antworten
    Alle Kommentare von steffi

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