„Weißt Du“, hat sie gesagt, „ich habe mit Lars geschlafen. Zwei Mal. Weißt Du, es war wunderbar. Wir hatten puren Sex, mit dem Körper. Ich habe mit ihm geschlafen, ich habe vergessen, dass ich einen Kopf habe.“
Der Tisch sieht mich an. Ganz plötzlich der Eindruck: Der Tisch sieht mich an. Ich muss mich still halten. Still sitzen, und aufrecht, wie ich es gelernt habe. Die Atmung flach halten, denke ich. Infinitivisches Denken. Sich befehlen. Nicht die Hände verschränken. Nicht zittern. Wenn ich mich still halte, geht es vorüber. In mir das Bedürfnis, mich flach auf den Boden zu legen. Warum muss es Winter werden, gerade jetzt. Warum muss es im März schon wieder Winter werden.
„Es war so langweilig in dem Dorf, bei meinen Eltern, weißt Du, ich habe so viel nachgedacht, über Dich, über uns, über mich. Über Dich vor allem. Du warst an jeder Häuserwand, weißt Du, Du hast mich angesehen. Es waren Augenringe in Deinem Gesicht, Du warst müde. Du hast nicht gelächelt, nie. Früher hast Du häufig gelächelt, wir haben gelacht, weißt Du noch? Es ist nicht so lange her, Du musst Dich noch erinnern können. Und ich dachte: Wie oft hat er wohl mit mir geschlafen, und es war ihm gleichgültig dabei. Mit Lars war alles so einfach: Film sehen, sich angezogen fühlen, ein bisschen spielen, ein bisschen lachen, und dann… Ich war gerne in seiner Gegenwart, manchmal habe ich auf etwas gewartet, ich wusste nicht: War es, dass Du anrufst, war es, dass Lars mir schreibt?“
Und ich? Ich bin doch in meiner Trauer schon immer armselig gewesen. Das ist nicht mehr tragisch, es ist kaum noch schlimm, nur taub. Früher habe ich meinem Vater geglaubt, als er von Haltung sprach und Stil. Ich habe mir schöne Hüte gekauft und schwarze Hosen. Es hat viel geregnet seither.
„Wir haben im Sitzen miteinander geschlafen, es ging ganz schnell, ich habe schon häufig daran gedacht. Mit ihm zu schlafen, weißt Du. Ich habe ihn schon häufig begehrt. Früher schon. Immer wieder, wenn ich in dieses Dorf gekommen bin. Er war immer so still, weißt Du. Ich habe mich gefragt, was ein Mensch er ist. Was mag er fühlen, wenn er mich ansieht?“
Dieses Dorf, dass das Dorf ihrer Eltern ist. Ich fahre zu meinen Eltern, das hat sie gesagt, für drei Wochen. Und am Bahnhof ist mir kein Filmzitat eingefallen, nicht mal das. Sie muss einmal sehr schön gewesen sein in meiner Welt, als ich dafür noch Worte hatte. Ich weiß nicht, wie lange mag das her sein?
„Ich habe ihn verführt, weißt Du. Ich habe ihn geküsst, ich habe ihn gestreichelt. Ich habe es mir häufig vorgestellt. Ich denke immer noch daran. Wie ich seinen Rücken streichle, er ist Sportler, Fußballer. Er hat einen sehr harten Rücken, sehr muskulös. Es hat mich geschreckt am Anfang, man hat jeden Muskel gesehen, an seinem Bauch, an seinen Oberschenkeln. Wie eine Statue, dachte ich, eine griechische Statue, weißt Du. Alles, was er tat, war falsch. Er berührt mich falsch, dachte ich, er küsst mich falsch, er sieht mich falsch an. Er hat seinen Kopf auf meine Brüste gelegt, weißt Du, und ist eingeschlafen. Ich habe meine Augen geschlossen, ich habe an Dich gedacht. Wie schön Du bist… dachte ich. Wie Deine Küsse schmecken, und wie Du aussiehst, wenn Du erregt bist. Wie Du mich berührst. Dabei habe ich seinen Kopf gestreichelt, bis er geschlafen hat. Dann bin ich gegangen.“
Es muss einen Augenblick gegeben haben, an dem ich aus dem Fenster gesehen habe. Nein, diese Worte sind nicht für mich. Sie spricht mit ihrer Kaffeetasse, ich höre sie nur zufällig. Vielleicht will sie sich trennen, vielleicht nicht. Vielleicht wird sie wieder „mein Liebster“ sagen, und ich werde mich wundern, wen sie wohl meinen mag. Es muss jemanden in ihrem Leben geben, der diese Worte versteht.
„Ja, so war das. Aber es war nicht alles. Wir haben uns wieder gesehen, an einem Sonntag. Wir waren tanzen, er hat mich lange gehalten bei der Begrüßung. Dann hat er mich ignoriert, er hat nicht mit mir gesprochen, er hat mich nicht angesehen. Am nächsten Morgen standen wir in seiner Haustür, ich bin ihm gefolgt, weißt Du. Aber es war sein Körper, der zu mir wollte. Wir standen da, bis ich sagte: Ich geh jetzt in Dein Bett, wenn Du willst, kannst Du ja mitkommen. Er hat meinen Mantel hochgeschoben und mich gestreichelt. Wir haben uns ausgezogen, er hat mich nicht angesehen. Ich glaube, er hat das Bild seiner Ex-Freundin betrachtet. Ich habe ihn gefragt, ob er mich ein wenig gern hätte. Aber ja, hat er gesagt. Es hat mir gereicht, es war genug für mich. Er hat ganz langsam mit mir geschlafen, zart. Er hat sich viel Mühe gegeben, ja. Ich dachte nicht, dass ich kommen würde, und doch… Beim ersten Mal bin ich nicht gekommen, weißt Du. Jetzt fange ich an, ihn zu vergessen. Ich weiß nicht mehr, wie sein Gesicht aussieht, wie seine Muskeln sich angefühlt haben. Ich kann mich nicht erinnern, wie seine Haare fielen, und ob er eine Narbe auf der Nase hatte. Wie hat er mich angefasst?“
Ich habe ihr zugehört, eine Stunde vielleicht, oder mehr, ich weiß nicht. Es gab keine Fragen in mir außer: Wie hat er Dich angefasst? Hat es Dir gefallen? Wirst Du wieder ‘Ich liebe Dich’ sagen, und was wird es bedeuten? Was soll ich anfangen mit Deinen Sätzen, wo soll ich sie hinstellen in mir? Einmal hätte ich beinahe etwas gesagt, nur einen Satz, nur diesen einen: ‘Nimm Dein Porträt aus meinem Kopf, ich kann es nicht mehr sehen.’ Aber sie hätte ihn nicht verstanden, diesen einen Satz, wie sie viele Sätze nicht verstanden hat.
„Ich versuche mich manchmal zu erinnern, wenn ich im Bett liege. Es ist, als wäre es schon lange her, weißt Du. Ich weiß nur die frühen Bilder, bevor wir miteinander geschlafen haben. Ich weiß noch: Er ist nicht schön. Er hat ein breites Lachen, er hat schwarze Haare. Ich weiß nur Dinge, die jeder weiß. Wie mag er sich angefühlt haben in mir?“
Ich glaube, ich habe gezittert, ich weiß nicht mehr, weshalb. Ich weiß, wie sie ausgesehen haben muss, als sie ihn geküsst hat, als sie kam, das weiß ich.
01
So gerade nach dem Aufstehen ist das doch ziemlich “krass”. Perma-Gänsehaut, wahnsinn.
Alle Kommentare von philipp
02
Uff, wievielen Menschen mag dieser Text wohl genau im richtigen, weil genau im falschen Moment trefffen?
Alle Kommentare von creezy
03
Sehr schön geschrieben, hätte es nicht besser machen können. Und ja, da wird einem ganz anders bei wenn man das liest.
Alle Kommentare von Sk4tz
04
‘Nimm Dein Porträt aus meinem Kopf, ich kann es nicht mehr sehen.`
.. alles so schön gesagt..
Alle Kommentare von Jolka
05
@creezy (2): und wie unheimlich sich das erst liest wenn man in der rolle von lars ist…
Alle Kommentare von Hendrik
06
…und wie schmerzhaft…in dieser Situation…in MEINER Situation…
Alle Kommentare von Damian
07
Unerträgliches Beziehungsgedöns..wer will denn so was lesen?
Aber: ist jetzt Malte oder Frederic die Hera Lind von Spreeblick?
Alle Kommentare von Peter H aus B
08
The Horror! The Horror! … Aber gut geschrieben, wirklich gut.
Alle Kommentare von Mike
09
Da wird einem echt anders, wenn man des liest.
Und es weckt Erinnerungen, die ich eigentlich dachte verdrängt zu haben.
Alle Kommentare von Basti
10
GZSZ galore.
Alle Kommentare von Tim
11
Schöner Text. Tja, die Kunst, den Mund zu halten…
Alle Kommentare von Dirk
12
Woah… das steigt Hass und Trauer auf.
Gut geschrieben.
Die Kunst den Mund zu halten bzw. besser: vor Ohnmacht versteinert sein.
Man kennt’s.
Alle Kommentare von Rox
13
Danke, ich gehe jetzt mal verheult kotzen. Dieser Text fasst alles zusammen. Langsam fang ich an Berlin wirklich zu hassen… bei so schönen und doch grausamen Texten und Frauen.
Alle Kommentare von Thilo
14
@Rox Ich meinte ihren Mund, nicht seinen!
Alle Kommentare von Dirk
15
Typischer Frauenspruch (nicht nur im sexuellen Bereich)- kommt mir sehr bekannt vor:
“(Ich habe mit ihm geschlafen), ich habe vergessen, dass ich einen Kopf habe.“
Tut mir leid, aber Erfahrungen…
Alle Kommentare von Salli
16
Schön und schaurig.
Alle Kommentare von kreuzberger
17
…herrlich. postpubertäres spiegelei mit schnepfenspeck und - achtung, schwäbisch - bubenspitzle. schmeckt echt total schlimm, du!
Alle Kommentare von hans v.
18
Minutenlang halte ich das körperwarme Netzteil an meine Wange und für einen kurzen Moment ist es fast wie eine menschliche Berührung. Ich beschließe, den Text noch einmal zu lesen, ganz langsam diesmal.
Alle Kommentare von erlehmann
19
Auf einmal wurde es ganz kalt in meinem Zimmer als ich den Text gelesen habe. Jetzt steht mir der kalte Schweiß auf der Stirn.
Der Text ist extrem mitreißend geschrieben, toll zu lesen, aber er tut auch ein bisschen weh wenn es in der (Fern-)Beziehung gerade nicht so gut läuft…
Im Moment kann ich nichtmal sagen was ich empfinde wenn ich diesen Text lese: Ist es Trauer, Wut, keine Ahnung…
Alle Kommentare von Bronco
20
Definitiv der beste Text den ich in letzter Zeit gelesen habe! Er trifft voll ins schwarze…
Alle Kommentare von Lars
21
Also, neee. Echt nicht. Was für eine miese Schlampe (entschuldigung, aber wahr!) müsste man denn bitte sein, um sowas zu bringen?! Und was für eine Lusche müsste der Typ denn bitte sein, um sich das anzuhören. Neeee. Gibt’s ja nicht. Ich bin irgendwie wütend jetzt.
Alle Kommentare von Johanna
22
aber beim nächsten mal dann sowas doch lieber bei jetzt.de veröffentlichen, oder?
Alle Kommentare von Boing
23
Wenn das hier so weiter geht kann sich Johnny einen Dauerurlaubsplatz suchen.
Feiner Stoff.
Alle Kommentare von Jens
24
@erlehmann (18):
Ach Du … ,-)
Alle Kommentare von creezy
25
echt super geschrieben… besser als ich je schreiben würde. soviel gefühl. sehe das literarische darin.. echt schön, wenngleich die dame eine an der pfanne hat.. (auf gut deutsch)..
und wenn man sich den text in aller ruhe durchlesen würde, und man in einer beziehung steckt, die vielleicht nicht so pralle ist (Fernbeziehungen, ExFreundinnen, etc), dann kommen einem sicherlich gewisse Gefühle entgegen, nicht weil man es selbst erlebt hat, aber vielleicht weil dieser Schmerz übertragbar ist.
danke für den text :)
Alle Kommentare von Nadine
26
War das Belletristik oder ist dir das wirklich widerfahren, Frédéric?
Wie erträgt man eine Frau, die keine zwei Sätze ohne “weißt du” über die Lippen bringt?
Ansonsten umschreibt die kleine Geschichte die Jetztzeitnormalität. So isses eben. Der Schmerz gibt sich nach kurzer Zeit. Der erfahrene User leidet nicht länger als 3 Tage.
OK, Zartbesaiteten seien 3 Tage pro gemeinsam verbrachtem Jahr zugestanden. Aber mehr wäre wirklich unangemessen.
Alle Kommentare von Salz
27
@Salz “Der erfahrene User” wieso denke ich grad einen Puffgänger? X-)
Das heißt ich darf nun 6 Tage trauern… ach wie traurig.
Alle Kommentare von Thilo
28
@Salz (26): Belletristik ist ein starkes Wort. Sagen wir es so: es ist ein fiktionaler Text. In sehr weiten Teilen.
@Thilo (27): Oh Mann. Sorry.
Alle Kommentare von Frédéric Valin
29
ein meister der selbstbeherrschung erzählt. brrrr. mir ist immer noch ganz kalt.
@salz: sehr abgeklärt - wirklich sehr abgeklärt…
Alle Kommentare von nabab
30
sieh an, sieh an: sex sells auch in Bloggistan ;-)
Alle Kommentare von bunki
31
ok, das war etwas unerwartet am frühen morgen, aber das gefühl dahinter kennt man doch zur genüge… wobei ich mich immer wieder frage, was menschen mit solchen geständnissen bezwecken, wenn sie sie einem in den schoss kotzen.
Alle Kommentare von Blog Queen
32
Wer hier von GZSZ spricht oder von Beziehungsgedöns ist entweder so gefühlskalt, wie ein Topf Sauerrahm, oder selbst so schwer vom (Liebes)leben gezeichnet, dass man so nen Panzer braucht.
Ich kenne die Situation, hab meine Konsequenzen gezogen und will das nie mehr erleben, deshalb trifft der Text die richtige Stelle, autschn!
Alle Kommentare von Le Bambi
33
Haha. Das ist ja wirklich ein wunderbar kontrovers diskutierter Text:
@Le Bambi Welche “Konsequenzen” könnte man denn ziehen, um “das nie mehr zu erleben” ??
Alle Kommentare von Dirk
34
Uff, das ging direkt unter die Haut, ich habe fast Schüttelfrost…
“Nimm Dein Porträt aus meinem Kopf, ich kann es nicht mehr sehen.”
Das wird mir heute den ganzen Tag durch den Kopf gehen.
gruß, Frank
Alle Kommentare von Frank
35
Eine miese Situation. Für beide.
Alle Kommentare von Moppi
36
Liebe ist echt zum kotzen.
Alle Kommentare von Zoe
37
Liebe! Go for it!
Sehr schön geschrieben. :-)
Alle Kommentare von Sebastian
38
für mich keine liebe
für mich keinen wein
das eine macht mich übel
das andere mich spein
ein text. der einen wie ein sog anzog und den man immer weiter lesen musste obwohl er weh tat
weil er zugleich so klar ist
Alle Kommentare von maria
39
Wie schon Adorno sagte: “Jaja, die Liebe…”
Alle Kommentare von Niclas
40
Bitte mehr …..ein wort…..ein absatz…..eine seite….oder doch ein ganzen buch…es regt an….
Alle Kommentare von Basti
41
fuck man.
fuck
das ist nicht echt. so grausam ist kein mensch. nichtmal eine frau.
ich glaub dir nicht. das macht niemand.
DIESE HURE
Alle Kommentare von ötze
42
oh doch - ja, so grausam geht es zu.
Alle Kommentare von nabab
43
@Zoe (36):
Da steckt direkt Poesie rein. Klar, unverblümt. Jeder wird es schon mal erlebt haben.
*seufz*
Alle Kommentare von Frank
44
So ist das manchmal, wenn sich Vater Gemütlichkeit einschleicht. Mir ist das auch schon passiert, damals war das allerdings Frau trifft Frau. Mein Vater sagte nur:”Du, Sohn, da kannste nicht mitspielen, andere Liga.” Ich kam mir vor wie George Constanca oder Woody Allen.
Alle Kommentare von Constanca