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Popcuts – Musik kaufen und daran verdienen

Die Party ist vorbei im Musikbusiness. Das ist soweit nichts Neues. Jetzt werden schnell noch die Pfandflaschen zurück gebracht und die Reste zusammen gefegt. Bertelsmann verkauft seine Anteile von SonyBMG. Die anderen Plattenfirmen übernehmen, auf der Suche nach zusätzlichen Einnahmequellen, für ihre Acts inzwischen vielfach selbst das Booking und hoffen den ein oder anderen Song in einem Kinofilm unter zu bringen. Über den Erfolg von Guitar Hero soll man auch recht froh sein. Kurz: Für die Musikindustrie gibt es mit dem traditionellen Verkauf von Musik nicht mehr viel zu holen. Neue Geschäfts- und vor allem Erfolgsmodelle werden händeringend gesucht. Die Plattform Popcuts ist zumindest ersteres und wird deshalb hier und heute vorgestellt.

Nocheinmal kurz zurück zur Lage der Industrie zum Jahrtausendwechsel: Spätestens mit dem Erfolg des Internets, mit dessen Hilfe sich plötzlich Musik in unzähligen identischen Kopien in Sekundenbruchteilen um den Erdball schicken ließ, wurde offensichtlich, dass die Plattenfirmen ihren alten Biss verloren hatten. Vorbei die Zeit, in der die cleveren Multis selbst den renitenten Hippies Platten verkaufen konnten. Auch technisch rannten die Majors der Entwicklung immer mehr hinterher. Vorbei die Zeit, in der die FM-Radiotechnologie von den Plattenfirmen als Promowerkzeug auf die Erfolgsstrecke geschickt wurde. Industrieseitig entwickelte Technologie, wie DRM, war von vornherein eine Todgeburt. Die jahrzehntelangen Technologieverwalter hatten den entscheidenden Fehler gemacht allein ihren Inhalten zu vertrauen.

Kann man aus diesem Lager Neuerungen für die zukünftige Musikdistribution erwarten? – Es sieht zumindest zur Zeit nicht danach aus. Nachdem sie als Technologieverwalter versagt haben, reiben sich die Majors derzeit in der Rechteverwaltung entgültig auf.

Angenommen die Plattenfirmen an sich sind kein Zukunftsmodell mehr, geschweige denn in der Lage Geld mit Musik zu verdienen, wäre es dann nicht an der Zeit, dass die Fans daran verdienen? Eine Umkrempelung der Verhältnisse? So oder so ähnlich haben sich das wohl drei junge Herren in Berkeley, CA beim US-Startup Popcuts quergedacht. Denn das Konzept von Popcuts basiert auf Netzwerk-Marketing. Jeder, der auf der Seite Musik kauft, kann auch von ihrem weiteren Erfolg profitieren.

Und das funktioniert so: Als Musiker meldet man sich auf der Seite an und lädt seine Songs hoch (Nettes Gimmick: Eine kleine Runde Tetris überbrückt die Wartezeit während des Uploads.). Die Songs tauchen daraufhin in den nach Genre sortierten Kategorien zum Preis von 99 (Dollar-) Cent auf. Dort kann der Song dann von den angemeldeten Benutzern gekauft werden. Mit dem Kauf beginnt für den Benutzer erst das Abenteuer Musikvertrieb, denn er wird zum Teilhaber am gekauften Lied und verdient an den zukünftigen Verkäufen des Titels. Der early adopter, der Käufer der ersten Stunde, verdient dabei proportional mehr als spätere Käufer.

Die Seite ist seit zwei Wochen online. Natürlich sind da dann noch eine Menge Fragen offen. Aus diesem Grund habe ich einmal bei Hannes Hesse, einem der drei Gründer, nachgefragt.

Erzähl mir doch bitte kurz von den Beweggründen und eurer Motivation Popcuts zu machen.

Die Idee entstand in einer Diskussion um die Probleme der Musikindustrie: Auf der einen Seite das iTunes-Modell – klassischer Musikvertrieb mehr oder weniger direkt aufs Internet übertragen. Man kauft einen Song für 99 Cent, und die Transaktion ist beendet. Die direkte Konkurrenz dazu ist der illegale Download. Ökonomisch gesehen ist die Entscheidung für viele Fans einfach – die Kosten von Filesharing sind in erster Linie moralisch.
Das andere Extrem sind Multilevel-Marketing-Konzepte für digitale Güter: Ich kaufe einen Song, und versuche, diesen für Provision weiterzuvertreiben. Das ist den meisten zuviel Arbeit für zu wenig Lohn. Und solche Konzepte erfordern oft DRM oder andere technische Maßnahmen zur Abrechnung. Dabei ist die Idee im Kern eigentlich ganz nett: Die Interessen von Künstlern und Fans rücken damit näher zusammen.
Popcuts kombiniert das Beste beider Welten: Der Kaufvorgang ist (mindestens) so einfach, wie bei klassischen Online Music Stores. Aber die Beziehung dauert nach dem Download an: Käufer kommen wieder, um zu sehen, wieviel ihr Song schon für sie verdient hat.

Wer verkauft jetzt die Musik, die Musiker, die Fans oder ihr?

Grundsätzlich wir. Die Musiker können mithelfen, ihre Musik zu promoten: Zum Beispiel bieten wir Ministores an, die auf MySpace, Facebook etc. eingebettet werden können.
Käufer eines Songs haben natürlich ein Interesse, dass dieser populär wird. Allerdings ist ein konkretes Engagement des Käufers freiwillig – er verdient auch, wenn er nichts tut.

Ihr habt schon mit größeren Plattenfirmen über einen Vertrieb verhandelt, wie haben die auf euer Konzept reagiert?

Wir konzentrieren uns zunächst auf den Indie/Long-Tail-Markt. Zum einen, weil diese Labels und Künstler oft eher bereit sind, neue Vertriebswege auszuprobieren. Zum anderen ist unser Modell dort besonders reizvoll, weil es bei einer relativ unbekannten Band noch die Möglichkeit des unerwarteten massiven Erfolgs gibt. Wer dann früh dabei war, profitiert.
Gerade in der Indie-Szene wurde unsere Idee überwiegend positiv aufgenommen. Künstler verstehen, dass Popcuts für Fans attraktiver ist als andere Vertriebe – und das motiviert sie, ihre Musik bei uns anzubieten.

Das Potato System ist seit mehr als zwei Jahren mit einem ähnlichen Konzept online, was unterscheidet euch von der Fraunhofer Tochter?

Das Potato-System scheint einem klassischen Affiliate-Marketing-Konzept zu folgen, bei dem User ihre Freunde überreden, Songs von ihnen zu kaufen – ähnlich wie bei Tupperware. Ich glaube, die meisten Leute würden das nie tun. Zumal das oft technisch recht kompliziert ist.
Wir eliminieren diese Zwischenschritte, diesen expliziten Akt des Weiterempfehlens. Popcuts ist massenkompatibel und technisch neutral.

Wie bekomme ich als Musiker meine Musik bei euch unter? Habt ihr eine klassische A&R-Abteilung, die die Auswahl macht, oder wird ausnahmslos Jeder zugelassen?

Wir lassen alles zu, solange es nicht die Rechte anderer berührt. Unsere Hypothese ist, dass Popcuts vielversprechende Musik besonders schnell und zuverlässig nach oben befördert.

Habe ich das richtig verstanden, dass man als Käufer das Geld nicht wirklich verdient, sondern dass es viel eher eine Gutschrift für weitere Popcuts-Einkäufe ist?

Das ist zur Zeit so – wir arbeiten allerdings an anderen Optionen. Das längerfristige Ziel ist schon eine Auszahlungsmöglichkeit.

30 Kommentare

  1. 01

    Mmhhh… Ich finde das Konzept zumindest interessant, verliere aber sofort das Interesse, wenn ich sehe, dass keine Kategorie für metallischere Klänge vorhanden ist.

  2. 02
    Nico [Jackpot Baby!]

    ich verstehe was du meinst. zumal es gleich rap und hiphop gibt, aber die seite ist auch gerade zwei wochen online. da wird sicherlich noch einiges an ergänzungen und verbesserungen kommen.

  3. 03

    Das ist ja mal total genial.

  4. 04

    läuft es nicht am ende ein wenig darauf hinaus, dass man mit songs spekuliert? zumindest könnte ich mir vorstellen, dass sich der ein oder andere beim kauf die frage stellt, ob er bei song a oder b mehr von seinen 99 cent zurückbekommt. und dann den song runterläd, der in seinen ohren mehr hitpotential hat.

  5. 05
    Jan(TM)

    Amway für Musik – Ganz großes Kino.

  6. 06
    Pipi

    @#687022:
    Hallo

    Der ‘Spekulationsgeganke’ ist das eigentliche Konstrukt dieser,
    wie ich finde, prima Idee. Lässt sich bestimmt gut umsetzen.

    Viel Erfolg ‘TOP’

  7. 07

    @#687015:

    Hallo Bastian,

    unter http://www.popcuts.com/genres/Metal/ gibt’s schon ein bisschen Metal. Tauchte bloss nicht in unseren Topgenres auf, weil verhaeltnismaessig klein.

    Hannes
    Popcuts

  8. 08

    Die Idee finde ich ganz gut, hört sich spannend an. Frage mich auch, ob das System so massentauglich ist. Hoffe es auf jeden Fall, denn es gibt so viel großartige Künstler und die sollten mit ihrer Musik auch Geld verdienen können!

  9. 09
    moses

    Kriegt ihr Geld für die Werbung?
    Und wenn ja für die Klicks oder Verlinkungen?

  10. 10
    Nico [Jackpot Baby!]

    @#687059: zwei mal ‘nein’.

  11. 11

    @#687059:

    ich verstehe nicht, wie du darauf kommst.

  12. 12
    dude

    das ist doch ein typisches pyramid scheme wie z.b. amway und dergleichen. fehlt nur noch, dass mit sprüchen wie “werde reich, verkaufe songs weiter” geworben wird. in der theorie funktioniert das immer ganz gut, aber in der praxis…

  13. 13
    Jan(TM)

    @#687062: Vielleicht weil ihr für diese Pyramidenspiel Verarsche werbt?

  14. 14
    Nico [Jackpot Baby!]

    @#687103: es funktioniert nach einem pyramidenprinzip, das stimmt wohl. der unterschied zwischen lauteren und unlauteren pyramidenspielen besteht unter anderem in der frage, ob der kunde das produkt auch ohne pyramidensystem kaufen würde. ich denke dass man das bejaen kann. es soll ja um die musik gehen, inwieweit es dann in der umsetzung funktioniert, das werden wir sehen. und das können wir hier auch gerne diskutieren.

    was daran jetzt verarsche sein soll, kann ich nicht sehen. sieht ja sehr transparent aus. dafür zusätzlich dann auch noch das interview. darüberhinaus erklärt der artikel auch eingehend meine beweggründe darüber zu schreiben.

    und dann also zum zweiten mal die frage, wieso ihr auf die idee kommt es sei werbung. die steht immer noch offen.

  15. 15

    Interessiert, aber da finde ich das Konzept von Justaloud.com besser: Statt dieses faden Pyramidenprinzip-und-Spekulationsgedanken-Beigeschmacks tritt dort die Promotion von unbekannten Künstlern in den Vordergrund. Und für den Nutzer ist es auch attraktiv, da die Songs für wenig oder gar kein Geld zu haben sind. Desweiteren kann man (muss es aber nicht) durch die Community am Netzerk-Marketing teilnehmen. (Eigenwerbung:) Auf Alles-Ist-Pop.de hab ich das mal vorgestellt.

  16. 16

    Also neu ist die Idee wahrlich nicht: Warum nicht gleich das Orginal? => Potato-System des Fraunhofer-Instituts http://www.potatosystem.com/ gibt es schon seit Jahren!

  17. 17
    Nico [Jackpot Baby!]

    @#687116: justaloud kannt ich bisher noch nicht. die ausgangslage scheint die gleiche zu sein: drei junge studenten stellen eine musikplattform auf die beine, weil sie merken es geht so nicht weiter.
    das konzept von justaloud wird in kleinem rahmen noch funktionieren, es muss sich allerdings zeigen, ob das noch genauso aussieht, wenn die seite erfolgreicher wird. größere bands wie tomte und kettcar stehen schließlich auch erst seit wenigen wochen zum download.

    das schwierige an popcuts, das sehe ich auch, ist das multi-user-marketing. aber, und das wird auch im interview erklärt, anders als beim potato-system ist popcuts nicht so angelegt dass man mit den songs hausieren gehen muss.

  18. 18
    Nico [Jackpot Baby!]

    @#687125: der unterschied wird im artikel erklärt.

  19. 19
    superandreja

    Ich bin mir nicht ganz sicher, wie ich die Sache finden soll, neige aber (vor allem nach Rücksprache mit Musikern) dazu, um eine Frage zu kreisen: Ist das nicht ein bisschen so, als würde man an den Brötchen vom Lieblingsbäcker mitverdienen, nur weil man die als erster entdeckt hat?
    Wieso geht nicht einfach das ganze Geld an die Musiker, also diejenigen, die auch was leisten, sondern wird zur “Belohnung” an die Einkäufer weitergereicht? Damit wertet man doch erstens den Wert eines Kulturguts ab und zweitens den eines traurigen Phänomens auf, nämlich dem “Ich helf dir total gerne! Aber noch gerner, wenn für mich auch was dabei rausspringt.”-Virus.

  20. 20
    Nico [Jackpot Baby!]

    @#687134: es ist ja nicht so dass die musiker in früheren systemen alles geld an ihren brötchen verdient hätten. da waren dann noch die grosshändler (plattenfirmen), die das backwerk unter die leute gebracht haben. und nur wenn die brötchen richtig gut und der bäcker einen großen namen hatte, dann konnte er mit glück 25% vom brötchenverkaufpreis in die eigene tasche stecken. kleinere bäcker sind üblicherweise mit 10-15% prozent nach hause gegangen.
    vielleicht gibt es ja irgendwann ein system, dass die musiker voll bezahlt. ein ideales system. es scheint sich im jahr 10 nach napster allerdings immer noch nicht abzuzeichnen.

  21. 21
    Jan(TM)

    Im Umgang mit Network Marketing habe ich zwei wichtige Dinge gelernt:
    1. Das funktioniert so nie.
    2. Diskussionen mit Gläubigen sind zwecklos.

    BTW Ich finde da auf Anhieb keine Conditions of Use, hat jemand einen Link?

  22. 22

    Cool. e Verarschung. Der “Top Trendsetter” ist im Moment ein “ronnie54″, der sich ein Guthaben in Höhe von $17.63, äh, verdient hat. Die Nutzer zahlen an die Betreiber (teils) echtes Geld und die Musiker bekommen im Gegenzug (ausnahmslos) virtuelles Geld zurück.

    Dann doch eher: justaloud.com

  23. 23
    Akkupunk

    Die größte Schwäche ist tatsächlich das virtuelle Geld und das es darauf hinauslaufen wird dass hauptsächlich eingängige Pop-Songs im Mittelpunkt stehen und die Indie-Songs nach und nach wieder in den Keller zu den alten Socken gesteckt werden.
    Denn spekulativ betrachtet lade ich mir doch eher früher einen Song von einem bekannten Künstler, egal wem und hauptsache bekannt, und warte dass was reinkommt.
    Ich guck nicht mehr was mir ganz persönlich gefällt sondern was möglichst vielen gefallen dürfte. Klar gehts immernoch hauptsächlich um die Musik, aber irgendwie bleibt der Gedanke “Ich kann ja was verdienen” immer im Präsent und beeinflusst die Entscheidung…

  24. 24
    Christian

    @#687149:
    Aber hieß es nicht im Artikel, dass popcuts an die Künstler Geld zahlt? Vielleicht hab ich auch was falsch verstanden. Wie auch immer. Vom Prinzip ist es ne feine Sache, da die drei sich einfach Gedanken machen, über was sich viel zu wenig Leute Gedanken machen: wie kommen wir raus aus der napster Gesellschaft.

  25. 25

    Wie sieht’s denn bei Popcuts mit dem Thema DRM aus? Im Beitrag wurde ja nicht explizit darauf eingegangen, ich kann nur vermuten, dass kein technischer (wenn auch sinnloser) Schutz auf den einzelnen Dateien liegt.

    Der erste Eindruck von Popcuts und auch Justaloud ist schon mal sehr positiv, weil sich kluge Köpfe zumindest Gedanken darüber machen, wie die Zukunft des Musikvertriebs aussehen kann. Dafür schon mal Daumen hoch.

    Letztendlich wird der angebotene Content und, zumindest ein wenig, der Preis darüber entscheiden, welche Plattform erfolgreich(er) sein wird.

  26. 26

    @ Christian

    Popcuts zahlt an die Musiker nicht einen Cent. Aber in Zukunft wollen sie irgendwann…

    (und zwar: nach dem sell & run)

  27. 27
    Nico [Jackpot Baby!]

    @#687341: das ist quatsch. meine letzte frage ist vielleicht ein wenig missverständlich. sie bezieht sich auf die käufer, die kriegen ihr geld z.Zt. nicht ausgezahlt. musiker bekommen, wenn sie mehr als 20 dollar eingenommen haben, das geld monatlich überwiesen.

    mit einem login kann man das nachlesen. ich werd mal die jungs darauf hinweisen, dass es nicht schlecht wäre, wenn diese informationen öffentlich wären.

  28. 28
    PattaP

    Also ich finde es schonmal gut dass sich jemand Gedanken macht. Ob sich damit die Befürchtungen mancher hier bewahrheiten, dass dann nur noch Songs von bekannten Künstlern gezogen werden um als Benutzer der Plattform möglichst viel Kohle zu machen weiß ich nicht.

    Mir wär’s ehrlich gesagt den Aufwand nicht wert bzw. interessierts mich persönlich einfach nicht irgendwelche Songs zu kaufen, die ich eigentlich nicht brauche nur um ein paar Euro zu machen?!

    Die Idee find ich ansich schonmal besser als alles was es vorher so gegeben hat. Das der Preis natürlich eine Rolle spielen wird ist klar, aber wird sich ja eh noch zeigen was dabei raus kommt…

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