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Jetlag – Eine Weihnachtsgeschichte

Draußen lag Schnee. Immer lag draußen Schnee. Meine ganze Kindheit über: Schnee. Das halbe Jahr. Von Mitte Oktober bis Ende März. Vor der Turnhalle türmten sich riesige Haufen, dort schaufelten die Räumfahrzeuge den Schnee hin. Über Monate wuchs der Berg, er war drei Meter hoch und zwölf Meter breit, wir bauten Zinnen darauf, es war unsere Burg. Abends bauten wir Zinnen drauf, morgens hatten die Räumfahrzeuge wieder Schnee darauf getürmt, dann mussten wir neue Zinnen draufbauen. Wir hatten immer etwas zu tun.

Mein Weihnachten riecht nach Mandarinen und Nüssen. Das ist langweilig, aber schön. In großen, blechernen Boxen waren die Plätzchen drin. Meine Großmutter schickte immer Kissinger Brötchen, ihre Spezialität. Tonnenweise schickte sie Kissinger Brötchen, und Spritzgebäck, und Kipferl, und Butterplätzchen. Trotzdem musste meine Mutter immer mindestens eine Box im Schrank verstecken, damit für den Weihnachtsabend noch Plätzchen übrig waren.

Wenn ich an die Vorweihnachtszeit zurückdenke, verschwimmen die Jahre: ich weiß nicht mehr, aus welchem Jahr das Bild stammt, als wir die Barbarazweige ins Fenster stellten. War ich sechs? Oder neun? Oder als der Schnee so hoch lag, dass nur der Zipfel meiner Bommelmütze aus den Massen hervorlugte, wenn ich den Garten durchquerte. War das noch im Kindergarten oder schon zu Schulzeiten? Ich habe eine recht genaue Vorstellung von unserem Adventskalender – ein selbstgemachter Adventskalender aus Sackleinen, ein großer Weihnachtsmann mit Schlitten war darauf gestickt. Jedes Jahr hing er an einem anderen Platz, und wenn ich daran zurückdenke, dann kann ich mich nicht entscheiden: meine ich das Jahr, als er in der Küche hing? Im Gang? Im Wohnzimmer? Und welches Jahr war das? Ich weiß es nicht mehr. Die ganze Vorweihnachtszeit meiner Kindheit ist zu einer einzigen großen Vorweihnachtszeit zusammengeschmolzen.

Es gibt nur ein Weihnachten, an das ich mich gut erinnere: wir waren ausnahmsweise nach Frankreich gefahren, 1100 Kilometer. Wir fuhren die Strecke mindestens ein, meistens zwei Mal im Jahr, 13 Stunden Auto oder mehr in eine Richtung. Im Winter mehr, es lag Schnee auf den Straßen, und französische Autos vertragen Schnee nicht sehr gut. Wir fuhren mit dem Auto durch Freiburg, durch das Ellsaß, an Paris vorbei bis ans Meer, und überall sah es gleich aus: eine einzige weiße Wüste, manchmal lugte schüchtern irgendwo ein Haus heraus. Vorne schneiten die Flocken auf die Frontscheibe, als hätte sie eine Bildstörung. Damit wir, die Kinder, ruhig blieben, bekamen wir die restlichen Plätzchen zu essen. Wir hörten Märchenkassetten, stundenlang. Mein Vater saß hinter dem Steuer und nach zehn Stunden Fahrt sah er aus wie nach einem CIA-Verhör.

Wir waren über Nacht gefahren und kamen am frühen Nachmittag des 24. im Haus meiner Großmutter an. Sie hatte das Wohnzimmer schon hergerichtet: prächtig glänzte das gute Geschirr auf dem Tisch, überall waren Kerzen aufgestellt worden, die jetzt, als wir in der Tür standen, leise flackerten. Auf der Kommode, auf den Beistelltischchen, überall standen kleine Schälchen mit Süßigkeiten, in einer Ecke strahlte der Weihnachtsbaum. Am Kamin waren einige Strümpfe befestigt worden, unsere Namen standen darauf, für jeden ein Paar. Wozu, war mir zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst, aber in der weihnachtlichen Aufregung vergaß ich nachzufragen. Das ganze Haus roch nach Kaninchen, die meine Großmutter selbst aufzog und zu besonderen Anlässen schlachtete.

(Ich habe von früher Kindheit an häufig solchen Schlachtungen beigewohnt und später auch selbst mit Hand angelegt: seither habe ich ein zwiespältiges Verhältnis zu Wurst und Fleisch. Tatsächlich esse ich fast nur noch Tiere, die einen Namen haben, um die sich gekümmert wurde, da wurde mir jede Sentimentalität ausgetrieben. Andererseits ist es eine große Verpflichtung dem Tier gegenüber, es geschlachtet zu haben, möglichst alles von ihm zu verwerten und vor allem: ein gutes Gericht hinzubekommen. Wenn es nicht gut wird, schämt man sich, dass man getötet hat, sagte meine Großmutter immer, die eine weise Frau ist. Und hiermit hat meine Weihnachtsgeschichte auch die notwendige unterschwellige Moral, worauf ich an dieser Stelle ohne großes Aufheben aufmerksam machen will.)

Wir aßen zu Abend, ein wenig übermüdet zwar, aber glücklich über das hervorragende Kaninchen mit grünen Bohnen. Danach würden wir zur Kirche fahren, die Abendmesse hören: darauf bestand die Großmutter. Sie selbst hätte sich als gläubig bezeichnet, obwohl der Papst das anders gesehen hätte: tatsächlich glaubte sie, wenn überhaupt, nur an die Jungfrau Maria. Der hatte sie in einer Ecke des Hauses auch einen kleinen Schrein eingerichtet. Zu Gott oder Jesus Christus betete sie nie. „Das sind Männer. Denen kann man nicht trauen.“ Wenn sie das sagte, schlürfte mein Großvater an seinem Tee und lächelte verliebt.

Wir saßen in einer dieser normannischen Kirchen, es zog. Vorne hielt der Pfarrer seine Messe auf Latein, keiner verstand ein Wort. Hin und wieder knieten alle nieder, dann kniete ich auch. Nur mein Vater stand reglos in einer Ecke und betrachtete amüsiert das Treiben. Er war atheistisch und antiklerikal, schon immer, er sagte manchmal: „Das schönste an der Religion ist die Folklore drumherum, die Messe, die Kirche, die Heiligenlegenden, die Bibel. Und die macht nicht Gott, die machen die Menschen.“ Mein Großvater schüttelte dann immer still den Kopf: er war KP-Mitglied und wäre wohl nur dann in eine Kirche gegangen, um sie anzuzünden.

Als die Messe vorüber war, konnten wir Kinder es nicht erwarten, nach Hause zu kommen:
Schließlich warteten dort alle Geschenke auf uns, so war das immer am 24. Wir wussten zwar, dass die Franzosen das anders handhabten, aber wir waren davon ja nicht betroffen. Niemals war ich deutscher als an diesem 24.12., als ich meine Geschenke haben wollte. Wir zerrten an den Händen der Erwachsenen und schnallten uns alle, ohne aufgefordert werden zu müssen, an, ungeduldig darauf wartend, was das Christkind wohl gebracht haben mochte.

Als wir ins Haus stürmten, saß in der Veranda der Großvater und rauchte Pfeife. Wir grüßten ihn kurzangebunden, er hob die Faust, dann sprangen wir strahlend ins Wohnzimmer, dem Weihnachtsbaum entgegen.

Und unter dem Baum… nichts. Kein Päckchen, kein Geschenk, keine Schachtel, keine Süßigkeiten, keine Bücher, kein Spielzeug, kein Skateboard, keine Kleidung. Immerhin: keine Kleidung.

Aber das war wenig tröstlich. Es war vielmehr ein Moment großer Entzauberung. Die ganze schnöde Weihnachtskulisse fiel vor unseren Augen in sich zusammen, der Baum war nur noch eine Tanne, kein Weihnachtsbaum mehr, die Süßigkeiten kamen aus dem Supermarkt, die Plätzchen waren alle, bald würden alle Kerzen bis auf Stumpen heruntergebrannt sein. Irgendwer begann zu heulen.

„Aber in Frankreich kommt doch Papa Noël! Das hab ich euch doch vor der Fahrt erklärt.“

Das war meine Mutter, die beim ersten Schluchzen in den Raum gestürmt gekommen war. Fassungslos ob unserer Tränen ruderte sie mit den Armen.

„Die Geschenke gibt es morgen, Kinder! Papa Noel kommt doch immer nachts, wisst ihr, damit er seine Ruhe hat!“

„Ist halt auch ein Schichtarbeiter“, murmelte mein Großvater und rieb sich die Hände.

Wir sahen sie an und verstanden kein Wort. Wir sahen ihn an und verstanden noch weniger. Aus unseren tränenverschmierten Augen konnten wir kaum mehr sehen, wie unser Großvater aufstand, um seine Pfeife anzuzünden. Natürlich hatte meine Mutter Recht. Wir hatten gewusst, dass an diesem Abend keine Geschenke geben würde. Wir hatten es nur nicht gespürt.

Und wir waren müde von der Fahrt, vom Essen, vom Kirchgang. Ich weiß nicht mehr viel von den anschließenden, offenbar denkwürdigen Szenen, die sich im Hause unserer Großeltern abspielten: jedenfalls wurden wir unter Aufbringung aller Kräfte ins Bett geschafft. Obwohl wir uns fest vorgenommen hatten, Wache zu stehen, bis Papa Noël endlich auftauchen würde, um zu… aber bevor wir wussten, was wir mit ihm anstellen würden, schliefen wir schon.

Die Bescherung am nächsten Morgen verlief unspektakulär: wir waren noch immer enttäuscht von der Ernüchterung am Abend zuvor. Wortlos nahmen wir unsere Geschenke entgegen, freuten uns ein kleines bisschen und aßen Mandarinen und Nüsse. Es dauerte einige Stunden, bis wir uns voller Stolz unser Spielzeug unter die Nase hielten. Erst am späten Nachmittag hatten wir uns von der Zeitumstellung erholt: mir aber ging das Fest noch jahrelang nach. Immer, wenn wir am 24. abends unsere Geschenke bekamen, dachte ich voller Mitleid an die französischen Kinder, die noch eine bange Nacht des Harrens vor sich hatten, eine Nacht voller hoffnungsvoller Erwartungen, während ich heimlich aufstehen konnte, um meinen neuen Besitz in Augenschein zu nehmen. Die armen Kinder, dachte ich mir immer und kam mir dabei sehr erwachsen vor.

Jahre später, wir waren zwölf, erzählte mir eine Spanierin, dass es bei ihnen Geschenke erst am 06.01. gegeben hätte. Das war der Moment, als ich das letzte Mal in meinem Leben das Bedürfnis hatte, zu Gott zu sprechen: ich wollte ihm danken, dass er mich nicht in Vigo oder Madrid zur Welt hatte kommen lassen.

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11 Kommentare

  1. 01
  2. 02
    Mogoh

    Eigentlich wollte ich die Geschichte nicht lesen (man hat ja keine Zeit), aber dann war ich schon beim letzten Absatz und jetzt schreibe ich auch noch diesen Kommentar. :) Fröhliche Weihnachten :)

  3. 03

    Ach, lieber Fred, eigentlich mag ich deine Schreibe (hier auch) und eigentlich verstehst du es auch, Geschichten zu erzählen. Doch das hier ist für mich leider so belanglos, wollte mir nicht so recht gefallen.
    Es gibt so viele Ansätze, an denen man in der Geschichte hätte schrauben können, aber es ist so uninteressant, dass die Franzosen am 25. Dez. und die Spanier am 6. Jan. ihre Geschenke bekommen. Sie warten, wie alle anderen auch, ein Jahr, ziemlich genau. ;) Daher macht es für die Kinder keinen Unterschied – nur dann, wenn sie etwas davon wissen, dass es irgendwo anders ist.

    Nun, wie auch immer. Nächstes Mal gefällt es mir wieder besser. :)

  4. 04

    Schönen Dank an Fred.

    Die Geburt u. der Ort ist doch von den notgeilen Eltern abhängig.
    Es soll tatsächlich vorgekommen sein, dass ‘Frischlinge’ mitten im
    Grenzgebiet abgeworfen wurden. Da plumpst man kurz vor o. hinter
    einem Grenzstein heraus, u. meint als Kosmopolit geboren zu sein.

    PiPi

  5. 05

    Hallo Fred.
    Ich lese den spreeblick eigentlich nur via mobilem Endgerät, doch diesmal musste ich nach der Lektüre doch noch den Rechner anschmeißen und es nochmal lesen. Tolle Geschichte. Vielen Dank dafür.
    Als Kind erscheint einem Weihnachten wirklich ganz anders. Manchmal stressig und manchmal auch langweilig, doch wohl jedesmal auch spannend bei der Vorfreude auf die Geschenke.
    Wenn man als Erwachsener mit eigenen Kindern Weihnachten erlebt, kommt zwischen all dem Kommerz eigentlich nur noch ganz kurz die innere Freude auf, wenn man strahlende Kinderaugen sieht (und danach kistenweise Lego zusammenbauen darf).
    Grüße und auch Dir ein frohes Fest.

  6. 06

    Hallo Fred.
    Ich lese den spreeblick eigentlich nur via mobilem Endgerät, doch diesmal musste ich nach der Lektüre doch noch den Rechner anschmeißen und es nochmal lesen. Tolle Geschichte. Vielen Dank dafür.
    Als Kind erscheint einem Weihnachten wirklich ganz anders. Manchmal stressig und manchmal auch langweilig, doch wohl jedesmal auch spannend bei der Vorfreude auf die Geschenke.
    Wenn man als Erwachsener mit eigenen Kindern Weihnachten erlebt, kommt zwischen all dem Kommerz eigentlich nur noch ganz kurz die innere Freude auf, wenn man strahlende Kinderaugen sieht (und danach kistenweise Lego zusammenbauen darf).
    Grüße und auch Dir ein frohes Fest.

  7. 07

    Andere Länder, andere Sitten. Es ist in vielen romanischen oder romanisch beeinflussten Ländern so, dass man sich “erst” am 25. Dezember morgens beschenkt. Bei einigen “streng”-katholischen Familien in Deutschland ist dieser Brauch auch heute noch gegeben.
    Übrigens…die Jetlag-Weihnachtsgeschichte hat mir gefallen, danke dem Autor :-)

  8. 08

    Schönen Dank für die tolle Geschichte!

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