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Geld ausgeben mit Blogs

Ich hab’s gerade mal überschlagen: In den letzten zehn Jahren haben wir hier rund 10.000 Euro ausgegeben für Anwalts- und Gerichtskosten bei Rechtsstreits im Zusammenhang mit Spreeblick-Artikeln. Die vielen Arbeitsstunden nicht mitgerechnet.

Juristische Auseinandersetzungen sind für große Medienhäuser Alltag, weshalb sie eine Rechtsabteilung und entsprechende Rücklagen haben. Für einzelne Blogs und Blogger kann eine Klage oder Abmahnung jedoch schnell den finanziellen Ruin bedeuten, weshalb auch wir oft am Ende klein beigeben und Artikel “entschärfen” oder gar löschen mussten, da wir uns eine Fortsetzung der Auseinandersetzung ganz einfach nicht leisten konnten. Und das, obwohl wir im Gegensatz zu vielen anderen Blogs Einnahmen haben. Denn man kann sich noch so sehr im Recht wähnen: Gegen eine Klage muss man sich erst einmal wehren, Anwalt und Gerichtsprozesse müssen (vor)finanziert werden und ob man am Ende wirklich Recht und damit seine Kosten erstattet bekommt, ist auch schon mal ein bisschen abhängig von der Tagesstimmung aller Beteiligten und vor allem davon, welche der streitenden Parteien den längeren Atem hat, um alles in die Länge zu ziehen. Wenn das 15.000-Euro-Schwert über einem baumelt, löscht man dann deshalb vielleicht doch lieber einen Artikel, statt um sein Recht zu kämpfen.

Mein vollstes Verständnis hat Florian Freistetter daher, der seinen Science-Blog-Artikel über Sternenlicht-Juwelen vorsichtshalber entfernt hat, nachdem eine Firma ihn rund vier Jahre nach Erscheinen eines Artikels zur Änderung desselben bewegen wollte. Und meinen noch größeren Respekt hat er, weil er gleich einen neuen Text zum Thema geschrieben hat.

Es tut weh, aber: Bei Blogposts über Unternehmen oder Produkte sollte man als Bloggerin oder Blogger nicht davon ausgehen, dass den Text wahlweise keiner liest oder dass sich nach Jahren niemand mehr dafür interessiert. Spätestens, wenn das Thema SEO eines wird, starten gerade die etwas merkwürdigen Buden gerne eine Art “Web-Bereinigung” und versuchen, alles unliebsame aus dem Netz zu entfernen.

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17 Kommentare

  1. 01

    Traurig, aber wahr. Wobei natürlich die (indiskrete) Frage naheliegt, wie das Verhältnis dieser Kosten zu den Einnahmen ist – oder zu anderen Kosten.

    Wäre sehr interessant, wenn du dazu was sagen würdest.

  2. 02

    @Henning, Stuttgart: Ich weiß, was du meinst, aber ich arbeite ja immer noch nicht mit dem Gedanken: “Soundsoviel Prozent der Einnahmen sind für Rechtsstreits okay”. Solange man es nicht darauf anlegt, rechne ich immer mit 0%. Daher das Posting oben: Das ist u.U. ein Fehler. Sobald man bloggt, können solche Kosten auf einen zukommen.

    Auf die zehn Jahre betrachtet konnten wir das verkraften, zum Glück, weh tat es dennoch immer enorm, denn das Geld hat an wichtigeren Stellen gefehlt, ist ja klar. Für Rücklagen von einigen Tausendern reicht es nicht. Und natürlich kommt so etwas sowieso immer dann, wenn man es gerade gar nicht gebrauchen kann.

    Geht man von den 10.000 oben aus, ist das in etwa eine Jahresbüromiete.

  3. 03
    Der Flo

    Ist schon irgendwie schlimm, wenn heutzutage nicht mehr Recht bekommt, wer Recht hat, sondern wer mehr Geld bzw. Zeit hat. Irgendetwas in unserem Rechtssystem läuft da gerade ganz gewaltig schief.

  4. 04
    Jakob

    Gibt es dafür eigentlich eine Rechtsschutzversicherung und was würde die kosten?

  5. 05

    @Jakob: Soweit ich richtig informiert bin: Nicht für Unternehmen.

  6. 06

    @Jakob: Laut meinem Versicherungsmenschen gibt es so etwas nicht. Ihm ist zumindest keine bekannt.

  7. 07
    Musenrössle

    Tja… Meinungsfreiheit muss man sich leisten können hierzulande :-(…

    Wenn ich im Web was über ein Unternehmen zu meckern habe, dann nenne ich den Namen nicht direkt, sondern verwortspiele ihn, so daß er zwar für Menschen noch erkennbar ist, aber nicht für (Such)maschinen.

    Hat den Vorteil, daß eine Google-Suche nach dem Firmennamen durch Abmahner, dann keinen Treffer für meinen Artikel ergeben dürfte… erschwert es den Herrschaften also zumindest mein Gemecker zu finden.
    (Das gilt aber natürlich leider auch für den normalen Googler von nebenan, der sich über das Unternehmen informieren will).

    Außerderm wird sowas bei mir dann üblicherweise auch zur Satire… steht also auch unter dem Schutz der Kunstfreiheit – nicht, daß das Abmahner im Zweifelsfall abhalten würde, aber zumindest erhöht es die Wahrscheinlichkeit im Streitfall recht zu bekommen.

    Tja, aber es hilft alles nichts, egal was man macht, wenn man im Internet klartext schreibt, muss man einfach immer damit rechnen abgemahnt zu werden. :-(

  8. 08

    Schlimm ist vor allem die Abmahn-Armada an Anwaelten, die sonst anscheinend keine andere Einnahmequelle findet….

  9. 09
    Dani

    @Der Floh: Da kann ich dir nur zustimmen. Und wenn man bedenkt, dass sich nicht mal ein grosser Blog wie Spreeblick das leisten kann, was soll denn der ganze Rest so machen… :-/

  10. 10
    Line

    In Deutschland gehört es leider einfach dazu, dass man abgemahnt wird. Egal, ob die Berichte stimmen oder nicht. Da kommt es nicht darauf an, wer Recht hat, sondern wer mehr Geld für Anwälte ausgeben kann….

  11. 11
    sigmundo

    ich ärgere mich ein bisschen über aufgrund von klagedrohungen gelöschte artikel, andererseits haben die auch keine werbung verdient, schon gar nicht von mir…

  12. 12

    Ich bin noch auf der Suche nach dem Königsweg für freiere Medien – einen Kompromiss aus Qualität und Realisierungschance.
    Aus meiner ToDo-Liste in der Hoffnung, dass Sie schneller sind:
    https://duckduckgo.com/?q=wissensmanufaktur+%22freie+presse%22

    Ist das zu visionär oder praxistauglich?

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