Was ist von diesem Spiel nicht alles erwartet worden: Ballstafetten, Doppelpässe, Übersteiger, Kurzpassspiel, bis der Ball kotzt. Gabs aber kaum, beide Mannschaften spielten stilistisch den Wurmfortsatz der Qualifikation, der dem Zuschauer Jahrhundertsiege gegen Andorra oder Luxemburg beschert hatten: eher würgevoll das ganze. Auf beiden Seiten blieben die Außen außen vor, und Ruud van Nistelrooy hatte viel Zeit, sich zu überlegen, ob er nicht vielleicht sein Auto umlackieren solle.
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Jmd. eine Szene machen
Portugal - Deutschland 2:3
Es gibt einen Test, den Fußballjournalisten vor jedem Spiel mit ihren Lesern durchführen, branchenintern Idiotentest genannt. Es wird ein Fragenkatalog aufgestellt, zum Beispiel: Was entspringt Fringsens Rippe? Wird sich des Tribuns der Tribüne, also Löws Sperre auf den Spielverlauf auswirken? Wird Cristiano Ronaldo Arne Friedrich den Schnuller wegnehmen? Wird Michael Ballack die portugisiesche Hintermannschaft scheiteln? Wer anders als mit „Vielleicht“ antwortet, ist durchgefallen. Denn Fußball ist wie Kaugummikauen: hinterher ist alles anders als vorher.
Die besten 6 Tracks meiner französischen Musikgeschichte
Da oben müsste ein französischer Titel stehen, aber französische Titel werden so selten geklickt, leider. Jedenfalls: Meine Musikbildung ist unter aller Sau. Das ist nicht meine Schuld, das liegt an meinem Leben. Alles, was ich je gehört habe, waren französische Chansons oder Klassik. Das hat nichts mit Chauvinismus oder Verachtung gegenüber der Popkultur oder so zu tun, sondern eher an c’est la vie. Ein Erklärungsversuch.
Irland sagt Nein
Muss man den Iren dankbar sein, dass sie den Lissabon-Vertrag in die Tonne gekippt haben? Das wird sich erst noch herausstellen. Tatsächlich wissen ja nur ganz wenige der Befürworter und der Gegner, was in dem Vertragswerk verhandelt wird. Das ist eine denkbar schlechte Voraussetzung, um ein demokratisches Europa zu begründen. Der Spiegelfechter analysiert die Demokratiedefizite der EU, und was soll ich sagen: Er hat Recht.
48 Stunden Neukölln
Bis, naja, vorgestern war ich emotional überhaupt nicht in der Lage, mich für andere Dinge zu interessieren als die EM. Ich vernachlässigte Freunde, Abwasch und Zimmerpflanze, die mich jetzt ausführlich mit Kieselsteinen bewerfen dürfen: ab jetzt hab ich wieder Gefühlskapazitäten. Zum Beispiel für Kunst.
Tierhaare.
Tiere auf Köpfen zu tragen hat Tradition, eine lange sogar. Aus Haaren Tiere zu basteln auch. Und es liegt ja nahe, beide Traditionen zu kombinieren, wie es dann auch aus Funk und Fernsehen bekannt ist, zum Beispiel bei Slash (bretonische Algen nach der Ölkatastrophe), Raymond Domenech (im Dunkeln wuchernde Kressekolonie) oder Ozzy Osbourne (totgefahrener Marder auf einer Autobahnraststätte Richtung Kreuz Weinsberg). Die Hairhats sind da drei bis vier evolutionäre Stufen weiter und dürfen im Detail hier bewundert werden. Vielleicht findet sich ja auch die ein oder andere Anregung für den Erfinder des Frisurenmarketings.
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Frankreich - Italien
Ich werde nachher nicht in der Lage sein, einen Spielbericht zu schreiben. Entweder, mein Schreibzentrum wird mir Endorphinen geflutet und stellt die Love Parade nach. Oder ich werde mein Kissen salzen und aufessen. Wahrscheinlich werde ich mein Kissen salzen und aufessen. Aber, die Berichterstattung. Dafür bin ich ja hier, auf dieser Welt, und so. Deswegen: Das Artikel-Starterkit zum Selberbasteln.
Die Zerstörung des Londoner Osten
Literarische Reportagen gibt es nicht mehr besonders viele, was schade ist und bedauert werden sollte. Sehr. Iain Sinclair hat für die London Review of books eine wunderbar elegische Reportage über den Londoner Osten und seine Zerstörung geschrieben, über the tsunami of speculative capital, wanton destruction, hole digging: The Olympics Scam.
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Alles Gute zum 20., Lettre!
Lettre International, „Europas Kulturzeitung“, wird zwanzig und feiert sich selbst. Mit einer Sonderausgabe, die in den Feuilletons durchgehend als „opulent“ beschrieben wird. Das ham se sich aber auch verdient.
(Und wo wir schon bei Kultur sind: Wer sich in das Aufbau-Verlags-Drama reinlesen will, mit bösen Investoren, Treuhand-Verfehlungen und einem Verlag als Bauernopfer, der Perlentaucher hat die Artikel dazu zusammengetragen.)
Unverkrampfter Patriotismus
Die Lokalzeitung meines Vaters hat ihrer Samstag-Ausgabe eine plastene Deutschlandflagge beigelegt. In bestimmten Supermärkten soll es wieder schwarz-rot-golden verpackte Wurstbällchen geben. Bei Schlecker an der Kasse hat man es sich nicht nehmen lassen, Aktionsduschsets in den Landesfarben aufzubahren. Die vielen kleinen Autofahnen (die man anscheinend als Dreingabe nach der Autowäsche geschenkt bekommt) sind nur der Gipfel des Gipfels.
Türkei - Tschechien 3:2
Ein Achtelfinale, meinte der ORF-Reporter wieder und wieder, ein Achtelfinale könnte man das heißen. Türkei gegen Tschechien, ich erwartete Uefa-Cup-Niveau. Tschechien ist das Werder Bremen der Fußballnationen: spielen die Spieler im weißen Dress, werden sie automatisch um 15% besser. Die Türkei aber, als Außenseiter, nicht zu unterschätzen, eher Getafe: rabiat, taktisch bisweilen ein wenig undiszipliniert, aber mit spielerisch hervorragend besetztem Mittelfeld.
Niederlande - Frankreich 4:1
Man wird, als Anhänger einer Mannschaft, immer auch ein wenig zu ihrem Trainer. Das ist ein ganz natürlicher Vorgang: man kennt die Mannschaft, man weiß um die Schwächen und Stärken der Spieler, zumindest glaubt man zu wissen. Meistens glaubt man zu wissen. Und am Ende hatte der tatsächliche Trainer recht.
Italien - Rumänien 1:1
Ich bedaure ein wenig, an diesem Spiel keinen Spaß gefunden zu haben. Ich war die ganze Zeit damit beschäftigt, elf kleinen orangenen Püppchen Steck- und Stricknadeln in Knie und Knöchel zu rammen und wirre Formeln vor mich hinzustammeln. Dabei wars ein tolles Spiel.
Tschechien - Portugal 1:3
Das wichtigste zuerst: Es war [pɛp] im Spiel. Und [pɛp]. Ob aber [pɛp] im Spiel war, wird man zuverlässig erst nach der Dopingprobe wissen.
The defintion of love
Das Pärchen von gegenüber - sagt man da Pärchen? Die beiden Herrschaften sind schließlich schon weit jenseits der 70. Pärchen klingt nach Pubertät, nach Händchen halten, nach harmlosen 5 Tagen Rumgeknutsche, nicht nach 50 Jahren Rumgelebe. Aber doch, Pärchen passt doch: Pärchen klingt süß. Und süß, das sind die beiden.
O süße Körperflüssigkeit
Es gibt so Dinge, die muss man nicht verstehen, einfach nur gut finden reicht schon. Wie man einer Ärztin ein Liebeslied angedeihen lassen kann zu Beispiel ist mir unbegreiflich. Ich meine: einer Ärztin! Aber nunja, wo die Liebe hinfällt, wächst kein Gras mehr. Pjaer jedenfalls hat im Rahmen der Lesebühne ein wundervolles Liebeslied auf seine, nunja, Ärztin vorgetragen. Gibts nach dem Bauchdeckenschnitt.
Legoland
„Sanierungs-Maßnahmen“ klingt ja gleich nach Mieterhöhung, Gentrifizierung und Dingens, jedenfalls böse. Aber Medaille, zwei Seiten, und überhaupt: Lego. Jan Vormann füllt Mauerlücken mit Legosteinen, und das muss auf Spreeblick, Deutschlands legolasterknasterixtem Blog, natürlich erwähnt werden. Demnächst auch im Friedrichshain: Balkone aus Mikadostäben und Duschtürdichtungen aus Marshmallows.
Der Vertrag von Lissabon
Europa, das ist diese komische Schachtel, die auf Rinderrücken Meere überquert oder was man damals eben unter Meeren verstand. Europa ist außerdem ein Kontinent, der im Scherenschnitt aussieht wie eine kubistische Tänzerin mit Ausschlag am Oberarm. Europa, das ist drittens eine Menge Papier, das man nicht versteht, erklärt auf einer Menge Papier, das man nicht versteht. Zum Beispiel der Vertrag von Lissabon, den man auch Grundlagenvertrag nennen könnte. Oder Reformvertrag. Oder was weiß ich.
Letzte Fragen
Und überhaupt: Warum kreisen seit einigen Tagen die Fruchtfliegen statt überm Biomüll um die drei defekten Lampen in der WG?
Rumänien - Frankreich 0:0
Versuchen wir doch, sachlich zu bleiben, zum Beispiel so: Himmel, Arsch und Zwirn. Jaja, gut, ich weiß: 2000 ist lange her, dass Frankreich ansehnlichen Fußball gespielt hat ist lange her, dass Regen vom Himmel fiel auch, wenn auch nicht ganz so lange. Aber trotzdem, niemand hat das Recht, mich auf derartige Weise über 90 Minuten zu quälen. Schon gar nicht Raymond Domenech.
Fußballblogs
Ich bin vom Kicker sozialisiert worden. Wer vom Kicker sozialisiert wurde, hats schwer. Schwer zu glauben, dass Fußball-Berichterstattung ein einigermaßen erträgliches sprachliches und analytisches Niveau erreicht. Schwer zu glauben, dass der fußballspezifische Wortschatz mehr als 50 Redewendungen umfasst. Schwer zu glauben, dass gute Fußball-Berichterstattung überhaupt möglich ist. Ist sie aber. Ein paar Hinweisschilder, für die EM und danach. Billige Wortwitze included.
Das alte neue alte NPD-Problem
Also doch: Die NPD hat bei den Kommunalwahlen in Sachsen 5,1 % geholt, 2004 waren es 0,9 % gewesen. Die Wahlprognosen hatten die Rechtsextremen die ganze Zeit deutlich unter 5 % gesehen. Nach dem kurzen Aufatmen nach der Wahl in Sachsen-Anhalt 2007 wird es jetzt also eine neue NPD-Debatte geben, was hinsichtlich der Kommunalwahl in Brandenburg (September 2008) auch bitter nötig ist.
Portugal - Türkei 2:0
Liebes Tagebuch, heute durfte ich ein bisschen länger aufbleiben und Portugal schaun. Portugal hat toll gespielt, mit Cristiano Ronaldo auf der rechten Seite, mit Cristiano Ronaldo im Sturm, und im Tor hat klasse gehalten: Cristiano Ronaldo. Und nachdem Cristiano Ronaldo das Tor geschossen hat, mein Gott, das war schön, und dann auch noch das zweite, das war alles so… das war so… Höm. Entschuldigung. Ich war im Medienmodus. Jetzt aber mal im Ernst:
Schweiz - Tschechien 0:1
Heute nachmittag also trafen sich die Herren Brückner und Kuhn zu einer gepflegten Party Schach, um dabei Cognac zu trinken. Im Vorfeld durfte die Montessori-Kindergartengruppe „Blaues Pferd“ ihr zum Sommerfest einstudiertes Programm probeaufführen, was allgemein wohlwollende Anerkennung fand. Ein Ball, ein Pfiff, los gings.
Wider die Fußlümmelei
Mag der Fußballwahn eine Krankheit sein, selten ist er nicht mehr. Selten ist eher, dass er als solcher deklariert wird, Fußballverächter habens schwer dieser Tage. Die Jungle World hat im Dossier Texte von Michael Rudolf veröffentlicht, der vor kurzem 47 Jahre alt geworden wäre, hätte er sich nicht im Februar vergangenen Jahres das Leben genommen. Auch dabei: eine Generalabrechnung mit dem Fußball.
Demokratische Angriffskriege
Krieg lohnt sich nicht, vor allem nicht für Demokratien. Moralisch nicht, aber auch nicht finanziell. Thomas Speckmann nimmt das Irak-Debakel zum Anlass und hat sich die Geschichte der Angriffskriege westlicher Demokratien seit 1945 genauer angesehen: Ist Angriff die beste Verteidigung? Ist sie nicht.
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Im Osten ist noch Licht
Zaza: Lass man wieder rausfahren.
Ich: Rausfahren.
Zaza: Genau, raus aus Berlin. Einfach mal weg.
Ich: Weg.
Zaza: Genau. Irgendwohin ins Umland.
Ich: Umland.
Zaza: Genau, du Echo.
Nasr Hamid Abu Zaid: “Mohammed und die Zeichen Gottes”
Nasr Hamid Abu Zaid, Literaturwissenschaftler und Theologe, befasst sich seit Jahren kritisch mit dem Koran: Seine Analysen haben ihm seine Ehe und den Posten eines Professors an der Universität Kairo gekostet. Inzwischen lebt er im Exil, in den Niederlanden.
