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Lieblingsthema revisited

es geht bei den ganzen fragen rund um das urheberrecht um viel weitreichendere als nur um die nach der rechtslage.

wer ist der wahre eigentümer einer geistigen kreation?

wenn ich in meinen musikerzeiten einen text geschrieben habe, war dieser immer die reflektion meiner umgebung. manchmal habe ich wissentlich bei anderen künstlern geklaut, manchmal unbewusst. manchmal war ich der überzeugung, dass ich dieses stück musik, diesen text komplett neu erfunden habe, nur um viel später festzustellen, dass das nicht der Fall war.

meiner meinung nach entsteht so gut wie kein gedanke, keine idee in völliger isolation, man kann also von keiner geistigen erfindung behaupten, dass sie wirklich einzigartig wäre. die einzigartigkeit oder wenigstens besonderheit einer kreation mag in der art und weise der umsetzung liegen, im stil. aber selten im inhalt, denn dieser ist das resultat der reflektion bereits bestehender inhalte.

jeder nobelpreisträger, jeder ernst zu nehmende autor bezieht sich in seiner arbeit immer auch auf die arbeiten anderer, ist also nicht alleiniger urheber der idee, selbst wenn er es wie niemand zuvor auf den punkt gebracht hat, die fäden zusammen geführt hat oder eigene (auch neue) schlüsse gezogen hat. jede idee ist reflektion der welt, in der wir leben. somit hat das tatsächliche urheberrecht an einer idee immer das kollektiv (ich weiss, dass das stark vereinfacht ausgedrückt ist, aber es ist im kern richtig).

nun kamen in den letzten 20 jahren noch neue technologien zu diesen vielleicht eher philosophischen fragen hinzu: während es reines ideen-sampling schon immer gab, machten es diese technologien plötzlich sehr leicht, kleinere oder auch gößere bruchstücke der musik oder der bilder von anderen zu verwenden, zu filtern, zu manipulieren und für neue kreationen zu benutzen. dadurch entstanden dabei neue musikstücke, neue bilder.

nehmen wir den hit der „jets“, „are you gonna be my girl“. alles brüllt: „ha! komplett geklaut von iggy pops „lust for life!“, aber schon iggy hat das stück fast 1:1 geklaut (und ich wünschte, ich könnte jetzt komplett den smartass machen indem ich den titel wüsste…). wer sollte jetzt wen verklagen?

in der grundsätzlichen denkweise beim schutz von urhebern geht es dennoch teilweise um die richtigen ziele, nur werden diese meiner meinung nach in der aktuellen diskussion aus den augen verloren, und zwar nicht nur von den bösen, bösen majors, sondern auch von vielen künstlern. diese fallen nämlich langsam selbst auf den blödsinn herein, den einige leute in den letzten jahren verzapft haben um ihre berufliche existenz zu rechtfertigen. ich rede von aussagen im stile von „wenn niemand mehr cds kauft, wird niemand mehr musik machen“.

denn das ist natürlich humbug.

das produzieren und konsumieren von musik ist ein tiefes bedürfnis der menschheit. die meisten musiker können von ihrer kunst nicht leben. die meisten maler, filmemacher und poeten übrigens auch nicht. dennoch tun sie zum glück, was sie tun müssen. denn sie lieben, was sie tun. und wenn sie es gut machen, werden sie auch ein publikum finden. ob ihnen dieses publikum den lebensunterhalt finanzieren wird, bleibt dennoch fraglich, aber das ist ja auch egal. darum ging es bei kunst noch nie. wer musik allein aus dem grund macht, um damit geld zu verdienen, produziert resultate von genau der belanglosigkeit, die in wahrheit das tatsächliche problem der musikindustrie sind.

ich möchte ein urhebergesetz, dass kreative davor schützt, dass jemand anderes unauthorisiert mit ihrer arbeit geld verdient. die betonung liegt auf unauthorisiert. nicht mehr und nicht weniger. das wird schwer zu formulieren sein und es wird in grenzfällen sicher immer wieder individuell entschieden werden müssen, ich behaupte also nicht, das alles ganz einfach ist. aber das ist es ja nie.

und ich möchte ein umdenken unter den kreativen. wer gesamplet wird, wer beklaut wird, sollte stolz darauf sein. unter jamaikanischen künstlern ist es eine auszeichnung, wenn ein beat, ein riddim oder gar ein text eines urhebers zitiert und beantwortet wird, es ist ein kreativer prozess, dessen sich alle bewusst sind und ein kreatices spiel, dass alle gerne mitspielen, da es spaß macht. es basiert auf der erkenntnis der reflektion, die ich oben erwähnt habe.

ich behaupte, dass wahre originalität nicht kopierbar ist. die künstler, die es tatsächlich schaffen, einen eigenen stil zu prägen, werden für diesen bekannt sein. manchmal weltberühmt, manchmal nur von einigen geschätzt. doch sie werden ihren platz in der kreativen geschichte haben, ob sie nun michael jackson oder daniel johnston heißen. sie werden auch massiv beraubt werden, doch das muss und kann ihnen egal sein, denn sie werden nicht von einem gesetz in ihrer originalität bestätigt, sondern von ihrer kreativität selbst und von denen, die diese erkennen und schätzen.

auch hier ein beispiel: prince hat in den 80ern einen sound-stil geprägt, der u.a. maßgeblich von heruntergestimmten handclaps der roland 808 drummachine geprägt war (ihr kennt den sound alle). besonders schwer war das technisch nicht, jeder, der mit dem teil (mit der 808, nicht mit prince…) herumgespielt hat, hat den sound selbst mal eingestellt. derjenige jedoch, der diesen sound zu einem wichtigen teil seiner kompositionen gemacht hat (und damit mut, witz und kreativität bewiesen hat), war prince roger nelson. jeder konnte das nachmachen, doch die, die es getan haben, haben es ganz schnell wieder sein gelassen, denn die reaktionen waren jedes mal die gleichen: „klingt wie prince!“.

der kleine mann hatte es also mit einem handclap-sound (nicht nur damit) geschafft, sich als wahres original zu etablieren. und darin lag/liegt seine einzigartigkeit.

warum gibt es keine zweite band, die klingt wie r.e.m.? warum erkennen wir curtis mayfield sofort? warum können tausende post-post-punk bands nirvana nicht das wasser reichen? weil sie allesamt unkopierbare originale sind.

mit eingebautem kopierschutz.

3 Kommentare

  1. 01

    Als Sie vor ein paar Tagen unter „Powerblogging< &a>“ rhetorisch nach einem Buch „So geht Deutschland“ fragten, erwähnten direkt einige Leser das Handbuch für Deutschland, auf welches Sie bereits früher unter „242 Seiten Deutschland“ hingewiesen hatten.

    Hier können Sie nicht die Frage beantworten, von wem Iggy Pops oft kopiertes Werk selbst wiederum geklaut war. Hier hilft die äußerst ergiebige Quelle, welche Sie (allerdings Monate später) unter „Kreative beflügeln Kreative“ erwähnten:
    „Iggy Pop – Lust For Life (1977) / The Supremes – You Can’t Hurry Love (1966)“

    Was die Originalität von Ideen betrifft, so hatte ich bereits Ende 2003 folgenden philosophischen Scherz für Intelektuelle geschrieben:

    – „Es gibt die These, daß es unmöglich ist, etwas wirklich Neues zu schaffen, weil alle Ideen bereits irgendwann gedacht wurden.“
    – „Richtig! Von welchem Autoren stammt diese Theorie?“

    (im Original auf Esperanto; veröffentlicht im Tagebuch von Ken Miner, 2003-10-19.)

  2. 02

    Ich finde, Interpol klingt teilweise genau wie R.E.M.

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