2

Musikzelten Teil 1

Ich liebe das älterwerden, ich gehöre gerne nicht zu den Menschen, die „sich noch wie 20 fühlen“. Aber ich möchte die Nachteile nicht verschweigen, im Gegenteil, ich prangere sie hiermit sogar öffentlich an: Ein Wochenende, das Alkoholkonsum beinhaltet, benötigt mit knapp 40 Lebensjahren eine längere Rekonvaleszenz als noch im Alter von 20 Jahren. Man kann dann ein paar Tage lang auch nicht für den Blog schreiben. Das finde ich nicht so gut, selbst wenn mir die biologischen Gründe bekannt sind. Danke für Ihre Aufmerksamkeit. Und danke ASS-Ratiopharm © 500 (ich habe für 100 Stück 4,90 EURO bezahlt und habe gedacht, das wäre ein Schnäppchen, während auf der Website 4,45 EURO angegeben werden…).

Ich war, wie hier angekündigt, am letzten Wochenende in Oschersleben (nähe Magdeburg) bei Camp Music, um an einer Podiumsdiskussion zum Thema Digital Rights Management teilzunehmen.

Ich komme in einem weiteren Posting auf die ebenfalls stattfindende Musik zu sprechen, hier geht es ausschließlich um die Diskussionen.

An dem Panel, zu dem ich eingeladen war, beteiligten sich außerdem: Matthias Spielkamp, Journalist (u. a. brandeins – einfach mal seinen Namen in der brandeins Suche eingeben, die direkte Verlinkung zu den Suchergebnissen funktioniert leider nicht ), Dr. Johannes Ulbricht – Justiziar des Bundesverbandes der Veranstaltungswirtschaft (idkv), Andreas Sallam – Managing Director EPI Music GmbH und (beim vorabendlichen gemeinsamen Essen einfach mit dazu eingeladen:) Dr. Jürgen Nützel, CXO, 4Friends Only AG in Zusammenarbeit mit dem Frauenhofer Institut IDMT.

Den aufmerksamen LeserInnen ist bei dieser Liste das Fehlen wenigstens einer Person aufgefallen, die eindeutig dem „Pro DRM“-Lager angehört, was für eine echte Diskussionssituation etwas unglücklich ist, doch dazu später mehr. Zunächst zu denen, die dabei waren:

Matthias Spielkamp erwies sich als zwar in der Thematik recht frischer, aber sowohl inhaltlich als auch juristisch äußerst kompetenter und angenehm neugieriger Journalist, sehr netter Gesprächs- (und später Trink-) Partner und (ebenfalls später) in meinen Augen etwas ungelenker Alleintänzer (sorry, Matthias…). Immerhin: Ein Schreiber, der zur Musik noch tanzt, eine Seltenheit, würde ich meinen. Und nicht nur daher eine Bereicherung für die Runde und die persönliche Adresskartei. Matthias schaffte es einige Male im Verlauf der Diskussion, die Emotionen mit sachlichen Feststellungen zu beruhigen oder auf neue Pfade zu lenken und hätte damit eine weitaus bessere Figur als Moderator der Runde gemacht, als der ursprünglich dazu berufene Johannes Ulbricht vom mir bis dato völlig unbekannten IDKV (keine Krankenversicherung, selbst wenn die Website so aussieht).

Herr Ulbricht schien mir ebenso wie Andreas Sallam von der recht obskur daher kommenden Firma EPI Music eher Ziele zu verfolgen, die man freundlich mit dem Begriff „Eigenmarketing“ umschreiben könnte. Das ist nicht schlimm, solange die inhaltliche Kompetenz ebenfalls Platz findet, genau diese wage ich jedoch bei beiden Herren zu bezweifeln. Ihre Aussagen konzentrierten sich auf schwammige Vorwürfe gegen die „Majors“, verließen immer wieder die Grundthematik und am Ende wollte man doch nur Flyer verteilen. Allein das Lesen der Selbst- und Mitarbeiterdarstellung von EPI Music jagt mir Schauer über den ganzen Körper. Uninteressant, um weiter bei freundlichen Worten zu bleiben.

Sehr interessant hingegen die äußerungen von Jürgen Nützel, dessen Unternehmen das Potato System erfunden hat, welches die Weitergabe von Soundfiles an Dritte honoriert und sich damit sehr kreativ darum bemüht, aus dem Verhalten der Musikkonsumenten der letzten Jahre zu lernen und ein neues Geschäftsmodell zu entwickeln (und sich damit völlig anders verhält als – na? – genau: die Musikindustrie). Herr Nützel konnte durch seine enge Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie IDMT als Erfinder von MP3 einige technische und wissenschaftliche Ergänzungen und Erkenntnisse zur Diskussion beisteuern.

Zusammengefasst hält Herr Nützel jede existierende Form von DRM für – nicht so toll und auch nicht so sinnvoll.

Wirklich spannend wurde die beschriebene Runde jedoch erst durch diverse Wortmeldungen aus dem Publikum, hier insbesondere von zwei Personen, die durchaus auf dem Panel hätten sitzen können/ sollen:

Ellen und Stefan.

Ellen (sorry, ich weiß den Nachnamen nicht, da er nicht in ihrer E-Mail Adresse vorkommt und sie nicht in der Panelliste stand) sprach zumindest teilweise für Finetunes, einer Downloadplattform für Indielabels, die sich zunächst dadurch auszeichnet, dass sie mit einem Java Client unter Win, Mac und Linux läuft und damit zumindest im kommerziellen Bereich technisch einzigartig sein dürfte.

Leider scheitert auch Finetunes wie so viele Mitbewerber schlicht und einfach am Handling, an der Usability: Ich verliere jede Lust am Stöbern und Ausprobieren einer kommerziellen Plattform, wenn ich eine Software laden muss und mich registrieren muss, noch bevor ich den ersten Ton zu hören bekomme. Preisinformationen und technische Details (immerhin: Finetunes setzt auf .ogg Files) gibt es auch erst nach langem Suchen, doch wenn schon die „Schaut-mal-wie-einfach-das-hier-ist“ Anleitung merkwürdig, umständlich, langweilig und unsexy daherkommt, steigert das die Lust auch nicht gerade. In der Hoffnung, damit wenigstens mal vorhören oder suchen zu können, habe ich mir zwar die kleine Java Datei auf den Rechner geholt, mich dann aber, als ich mit meinen Vorhaben erfolglos blieb, nicht registriert sondern geärgert.

Ellen war dennoch eine wichtige und kompetente Stimme im Rahmen der Diskussion. Finetunes versucht, die Indies im Netz zu bündeln und hat einige Trümpfe (Linux, OGG) im ärmel. Durchsetzen wird es sich in der jetzt existierenden Form auf keinen Fall.

Stefan Possert, die oben erwähnte zweite wichtige Publikumsstimme, ist von Beginn an bei Universal für Popfile und ebenfalls für phonoline verantwortlich. Vehement und aufgeregt sprach er sich für die Notwendigkeit von DRM aus und beklagte sich über die Schelte, die „die Industrie“ trotz der Investitionen in die beiden oben genannten Portale immer noch erhält.

Das Schwierige an Stefan ist, dass er weitaus mehr als z.B. ich selbst nach „Chaos Computer Club“ aussieht (als deren Vertreter ich mal wieder eingeladen war), ein netter Kerl zu sein scheint und ganz bestimmt Musik besser kennt und viel mehr liebt als vieles andere auf dieser Welt. Dennoch konnte ich mich nicht gegen den Eindruck wehren, dass der Mann nach einigen Jahren unter Tim Renner und Nachfolgern das Opfer einer öffentlichen und internen Informationspolitik geworden ist, die ich vorsichtig als „zweifelhaft“ bezeichnen würde.

Obwohl ich behaupten möchte, dass wir beide uns auch im der offiziellen Veranstaltung folgenden langen Streitgespräch durchaus sympathisch waren, sind wir inhaltlich nicht auf einen Nenner gekommen. Stefan sieht im Thema DRM eine absolute Notwendigkeit, erkennt keine kreativen Alternativen, keine politischen und wirtschaftlichen Probleme und Gefahren, empfindet Popfile und phonoline als richtige und gut funktionierende Schritte und steht damit auf der genau gegenüber liegenden Seite meiner Meinungen und Ansichten.

Ich kann Stefan Possert als kompetenten und erfahrenen Gesprächspartner in der Sache sehr respektieren, doch seine Einstellung und Meinung zum Stand der Dinge machen mir, ehrlich gesagt, Angst.

Nachdem meine Kritik an Popfile auf meinen Erfahrungen beim Start der Plattform basierten, empfahl mir Stefan einen erneuten Test. Mit diesem habe ich bereits begonnen und ihr werdet es lesen, wenn er abgeschlossen ist.

Was bleibt?

Nach den Gesprächen der letzten Tage zeichnet sich für mich weiterhin ein zielloses, unsicheres und emotional erhitztes Bild des Themas „Legale Musik Downloads“ auf allen Seiten. Es ist für niemanden möglich, klare Voraussagen für die nahe Zukunft zu treffen, doch ich möchte ein paar Thesen in den Raum stellen, selbst wenn sie nur dazu dienen sollten, in ein paar Monaten zu zeigen, wie naiv ich war:

1. Weder Popfile noch phonoline werden die nächsten 24 Monate überleben. Vielleicht als Marken, nicht jedoch als dauerhafte Lösungen.

2. Die bereits stattfindenden und zukünftigen Entwicklungen im Bereich des elektronischen Vertriebs von Musik werden zu einer neuen Definition des Begriffs „Independent“ führen, denn wir werden eine neue Form der Vertriebszugehörigkeit erleben. Während der anfangs noch größere Teil der Musiker und Autoren Teil eines DRM-kontrollierten Onlinevertriebsweges sein wird, werden sich in den kommenden Monaten viele neue und alte Künstler von den klassischen Labels abwenden und zu These 3 führen.

3. Wir werden im Lauf der nächsten fünf Jahre den ersten „Internet-only“ Star sehen, der ohne Plattenvertrag zu Geld, Ruhm und Ehre kommt und damit Wegbereiter für eine neue Generation von Musikern und Businessmodellen im Musikbereich wird.

4. Microsoft wird weiter aus Scheiße Gold machen, eine führende Rolle im DRM Bereich innehaben und damit für noch nicht vorstellbare Sicherheit- und Supportprobleme sorgen.

2 Kommentare

  1. 01

    hab grade in der Groove #87 den Artikel mit anschließendem Interview zum Thema gelesen – ist allerdings schon vor dem Camp erschienen.

    Ich persönlich verfolge das ganze ja mehr aus der subjektiven Nutzerperspektive, aber mit scheint, dass aus dem Bereich Musikschaffende/ -pulizierende/ -verwertende noch niemand ein tragfähiges Konzept hat, wie mit den Möglichkeiten des Netzes umgegangen werden soll.

    Interessant fand ich einzelne Ansätze von Kurt Thielen (ex Rough Trade / Zomba, jetzt Vodafone) der aus dem Peer-Group Aspekt von Musik (will ich als erster haben) ein kleines Geschäftsmodell entwickelt hat, das aber nur innerhalb der mobilen UMTS Carrier funktionieren kann.

    Seine Idee: per UMTS coolen neuen Song downloaden, an Freunde weiterverteilen. Die können ihn anhören, aber nicht weiterverteilen oder auf den PC überspielen, müssen den Song dazu erst entsperren. Klingt für einzelne Songs gut, hat einen netten viralen Aspekt und kann auch Affiliate Ansätze unterstüzten. Taugt aber m.E: nicht für die Massen und hängt stark von einer UMTS Flatrate ab. Niemand wird doppelt für den Song zahlen (Song + Datenmenge) aber wenn man sich die GPRS Modelle der Carrier ansieht, fragt man sich, ob die das schon begriffen haben.

    Was mit aber völlig fehlt, sind Ideen, wie man für Künstler das Netz besser nutzen kann. Musikproduzieren wird immer einfacher – selbst da, wo noch aufgenommen werden muss. Die Studios kämpfen um Kunden und Plattenfirmen braucht dazu eh keiner mehr.

    Die wichtigen Fragen sind doch:

    Wer hat ein Interesse an aktuellem Musik-Content? Für wen rechnet sich der Einkauf von Musik-Content? Wieviel würden die für Musik-Content ausgeben?

    Immer unter der Prämisse, dass der mittelmäßig Netz-affine Endverbraucher sich die Musik umsonst ziehen kann.

    Auf Endkundenseite gibt es sicher immer Liebhaber die auch bereit sind, für ein schönes gedrucktes Booklet Gerld auszugeben – ob das reicht Gestaltung und Produktion zu decken steht auf einem anderen Blatt.

    Ich sehe eher eine Zukunft für Künstler-Agenten als für Plattenfirmen und Verlagen.

    Musik und Musiker sind ein Kapital, in das der Agent investiert und aus dem er Rendite ziehen will. Vielleicht kommt das Geld ja aus ganz anderen Quellen als dem Tonträgerverkauf.

    Sender brauchen Prominenz in ihren Sendungen. Wenn Musiker nicht mehr für Abverkauf werben müssen sondern angesagt sind, weil jeder die kostenlosen Songs hört, sind sie nicht mehr zu Promo-Auftritten gezwungen, vielmehr wird das ZDF daran interessiert sein, die angesagte Band der Stunde in der Sendung zu haben, um die Wetten Dass Quote zu halten – und vielleicht auch dafür zahlen.

    Wenn die Musik umsonst zu haben ist, verliert der Musiker nicht an Prominenz – also werden sich daraus neue Business Modelle entwickeln lassen.

    Zukunft haben nur Plattenfirmen, die nicht krampfhaft an ihrem Distributionsmonopol festhalten, sondern Musiker und deren CDs einfach als Premium-Content vermarkten.

Diesen Artikel kommentieren