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Re:De:Bug

Eine der wichtigsten und aufregendsten Publikationen dieses Landes, De:Bug, hat ein neues Layout. Und weil das nicht reicht, auch gleich ein neues Format und neues Papier. Von der Zeitung, die schon immer wie ein Magazin war, zum Magazin, dass ich gerne weiter als Zeitung bezeichne.

Man ist geneigt „natürlich wird im entsprechenden Thread auf der De:Bug Site hauptsächlich gemeckert“ zu schreiben, denn es war schon immer leichter, Resultate zu kritisieren, als selbst welche zu liefern. Und das Meckern ist völlig unberechtigt.

Denn De:Bug rockt weiter.

De:Bug neues Layout
Images von de-bug.de geliehen

Als ich 1997 (?) meine erste De:Bug Ausgabe (zu Beginn lagen die Hefte in vereinzelten Berliner Plattenläden kostenlos aus) sah und später las, war ich fasziniert, glücklich, erstaunt. Und neidisch. So etwas (schon der Name!), fand ich, war dringend nötig gewesen und ich fragte mich, warum ich nicht vorher davon Wind bekommen hatte (klar: weil ich zwar alle Hüsker Dü Mitglieder beim Namen nennen, aber die mir bekannten Techno-Labels an einer halben Hand abzählen konnte).

Gute Schreiber (und Schreiberinnen!) im Hier und Jetzt und gerne auch im Morgen und Übermorgen, das unerwartete Tageszeitungs-Format, das grandiose, innovative Design, die inhaltliche Synthese aus analog und digital, der „Wir haben einfach keine Lust, uns zu erklären oder zu rechtfertigen“-Unterton, das alles ließ mich andauernd „Endlich!“ rufen.

Ich fand mich im Lauf der Zeit gerne mit der Tatsache ab, dass ich den Versuch aufgeben konnte, im hinteren Teil (dem mit den Plattenbesprechungen) auch nur einen Künstler zu kennen, ließ mich zum ein oder anderen Kauf inspirieren und hatte dadurch hier und da meine zwei Angeberminuten, wenn mir Acts wie Funkstörung oder Begriffe wie Grime lange vor Freunden ein Begriff waren.

Ich habe De:Bug dennoch selten wegen der musikalischen Inhalte gekauft, selbst wenn ich in den letzten Monaten zufrieden feststellen konnte, dass der musikalische Horizont (vermutlich auf beiden Seiten – bei De:Bug und bei mir) erweitert wurde, Wurzeln eine immer größere Rolle spielten und die Redaktion eine angenehme musikalische Offenheit und Flexibilität an den Tag legt.

Ich habe De:Bug viel mehr gekauft und gelesen (und werde dies auch weiter tun), da ich die soziologische Gedankenwelt, die Ideenskizzen, die politische und künstlerische Einstellung, den Umgang mit dem digitalen Jetzt und Morgen extrem schätze. Natürlich stimme ich nicht immer mit allen Inhalten überein (bei welcher Publikation ist das schon so, nicht mal bei den „Lustigen Taschenbüchern“ finde ich alles gut), doch soviel Inspiration (again) und Gedankenfutter wie De:Bug bieten mir ansonsten mit Ausnahme von Büchern nur die Spex und die TAZ (dann und wann). Und natürlich das Netz.

Jan Rikus Hillmann heißt der Mann, der (soweit ich weiß) von Beginn an für das Erscheinungsbild von De:Bug zuständig war und ist. Und der, wenn er nur 100 Euro für jedes von ihm abgekupferte Layout bekommen hätte, heute Millionär sein müsste. Denn wie kaum eine andere Publikation in Deutschland hat De:Bug bewiesen, dass „anderes“ Layout möglich und sogar besser ist (das ist ein anderes „Anders“ als jenes, das alles nur schlechter lesbar macht) und dass CI im Sinne von Wiedererkennbarkeit und Alleinstellung nicht bedeuten muss, immer die gleichen Farben zu benutzen.

Vor allem aber hat Hillmann in meinen Augen als Erster überzeugend bewiesen: Ja, Screendesign kann Printdesign kicken. Revolutionieren gar.

Sowas bleibt natürlich nicht unkopiert. Macht aber nichts. Denn mit beinahe Furcht erregender Präzision sah De:Bug immer wieder drei Wochen, bevor man es nicht mehr ertragen konnte, irgendwie anders aus. Eine Grundgestaltung in motion, eine guter Song, der von Gig zu Gig variierbar blieb.

Nun, acht Jahre nach Gründung, erfolgte der wohl radikalste Break nach dem Wechsel vom kostenfreien zum kostenpflichtigen Blatt. De:Bug goes DIN A3, goes Heftklammer, goes außen matt gestrichen.

Der Schritt mag auch kommerzielle Gründe haben. Vielleicht sind die Anzeigenkunden über den schärferen Druck und das hellere Papier froh, vielleicht haben sie jetzt mehr Platz. Vielleicht ging es darum, eine bessere (und richtigere) Platzierung am Kiosk zu erlangen und endlich bei den Musikmagazinen zu stehen/liegen und nicht mehr neben der Jungle World (womit ich nichts gegen die Jungle World gesagt haben will). Vielleicht gibt man dem Druck des Marktes ein bisschen bei. Und wenn dem so ist: So fucking what? Wer hat Erfolg verdient, wenn nicht die?

Denn das Resultat des Relaunches, und nur darum darf es gehen, ist hervorragend. Ja, ich vermisse die Möglichkeit, nur einen Teil der Zeitung mit ins Bett oder aufs Klo nehmen zu können, ja, ich fand die unter dem Arm zusammengerollte De:bug im Tageszeitungsformat cooler, aber ich finde es noch viel, viel cooler, dass ich weiter in meinem Glauben bestätigt werde, mit jeder De:Bug das Produkt eines leidenschaftlichen Teams vor Augen zu haben, das auf seiner Gesamt-Hass-Liste das Wort „Stillstand“ auf Nummer Eins zu haben scheint.

Jan Rikus Hillmann hat De:Bug as we know it komplett hinter sich gelassen und alles neu erfunden (was für ein Spaß das gewesen sein muss – und welch ein Horrortrip), lässt viel Platz sowohl für das lesende Auge als auch für unterstützende Illustrationen (die mir zum ersten Mal heftübergreifend wie „aus einem Guss“ vorkommen), nimmt minimale Linien-, Balken- und Wellenakzente zur Hilfe, unterstreicht weiterführende Infos am Ende der Texte wie Hyperlinks (Ha! Hättet ihr euch das getraut? Als De:Bug AD? Eben!) und hat sich ansonsten scheinbar an einem wundervoll klassischen Print-Layout orientiert, das man selbst in diesbezüglich eher konservativ agierenden Medien leider nicht mehr zu sehen bekommt.

Und genau dort liegt die Stärke des neuen Designs (welches, da bin ich mir sehr sicher, ebenso wie das alte diverse Metamorphosen durchlaufen wird): Während sich nämlich seit einigen Jahren jedes noch so unwichtige TV-Design an mittelmäßig hippen Flash-Websites orientiert, während Zeitungen und Magazine nach ihren Relaunches so wirken, als müssten einem beim Aufschlagen PopUp-Werbebanner entgegenspringen oder man sich im Fall von BrandEins an Reader’s Digest erinnert fühlt, liegt Hillmann mit seinem neuen Baby so dicht am (dare I say it?) „neuen“ Web, wie man nur sein kann und liegt damit mal wieder weit vorne. Denn das Web, wie es die Art-Direktion von RTL kennen mag, ist längst überholt.

Fuck art, let’s read!

P.S.: Die Selbstbeherrschung verbleibt im Untertitel, Anton Waldt macht weiter den Starter, die Bilderkritiken sind weiter mit dabei, die Platten werden hinten besprochen, natürlich geht es auch weiter um Software und das-ist-neu-und-funktioniert-so… Inhaltlich also alles gut. Lediglich bei den kurzen „Artikeln“ zum iPal und zu Laptop-Taschen beschleicht mich das Gefühl, dass wir es mit Sponsoring zu tun haben, was okay ist, man aber kennzeichnen sollte. Vielleicht ist meine Vermutung aber auch Quatsch und ich bin einfach mittlerweile so versaut zu denken, dass jede positive Besprechung von mainstreamigeren Produkten immer mit Geldfluss im Zusammenhang steht.

9 Kommentare

  1. 01

    ich kenne das Magazin auch erst seit dem es kostenpflichtig ist. War mir damals wegen dem Aeusseren aufgefallen. DE:BUG hat(te) wirklich ein tolles Layout. Also, eine schoeneres Magazin habe ich selten gesehen. Bin kein Designer oder aehnliches, aber es ist alles sehr augenfreundlich und ansprechend. Zumindest mich als technik-affinen Menschen spricht es an.

    Meiner Meinung nach war’s das leider aber auch. Mehr Schein als sein. Inhaltlich war ich sehr enttaeuscht, und da helfen meiner Meinung nach nicht die Kritiken zu Platten von denen ich noch nie gehoert habe weiter. Und das ging mir auch mehrmals so.

    Ich weiss nicht genau in wie fern man Zielgruppen (oha!) vergleichen kann. Aber das was Dir an DE:BUG gefaellt, dass hat mich immer an der brandeins gereizt. Da aeussern sich Leute ueber Dinge an die ich nicht denke, ganz anders beurteilen wuerde und doch irgendwie wahnsinnig interessant finde.

    Noch dazu hat die brandeins wohl das schlichteste Layout seit es den Buchdruck gibt und konzentriert sich excellent auf die Inhalte. :-)

  2. 02
    neolith

    Ich kenne das Magazin nicht – aber ich bin ja eh immer der Letzte, der irgendwas erfährt.
    Von dem Layout auf den Bildern, die Du gepostet hast, bin ich allerdings noch nicht so angetan: Bleiwüsten im Blocksatz, zu kleine Einzüge, Initialen, die mehr als die Hälfte einer Spalte einnehmen, Zwischenüberschrift und nur eine Zeile vor’m Spaltenumbruch und kein konstantes Raster (bzw. eines das so klein ist, dass die Struktur seitenübergreifend nicht zu erkennen ist).

    Da Du aber gar so angetan von dem Magazin bist, bin ich neugierig geworden und werde mal gucken, ob ich hier am Bahnhof nicht eins bekommen kann.

  3. 03
    maciej

    na, sooooo viele hüsker dü mitglieder gabs ja nun auch nicht ;)

  4. 04

    Wie jetzt, die Art-Direktion von RTL kennt das Web?

    Mein Briefkasten und ich waren etwas enttäuscht vom neuen Format. Und ja, sowohl diese „Bleiwüsten im Blocksatz“ als auch winzige weiße Schrift auf schwarzem Grund sind sehr nervig. Aber vielleicht bin ich schon im Früher-war-alles-besser-Alter.

  5. 05
    Jojo

    Und wieder eine Webseite (die von De:Bug), auf der die Macher es auf der ersten Seite nicht für nötig befinden, mal einen Absatz darüber zu verschwenden, was sie denn da machen, worum es gehen sollen, was sie wollen. Wir sind ja so Insider, wir schreiben nur für Insider. Soll der Pöbel doch selber rausfinden was hier abgeht.

    Ich habe die Seite in meinen Bookmarks erst mal unter Frauen|Kochrezepte abgelegt. Sollten die Damen und Herren sich mal bequemen mir ungebildetem Pöbel mitzuteilen was sie da tun, könnte ich erwägen sie in meinen Bookmarks zu verschieben. So bin ich offensichtlich nicht Zielgruppe und – sollte es denn um Geld gehen – werde als Kunde nicht benötigt.

  6. 06

    Jojo, was vermisst du denn an Erklärungen auf der DE:BUG Site?

  7. 07

    kenne de:bug auch noch aus der kostenlosen zeit und muss echt mal sagen dass mich dieses ewige rumgejammer so tierisch nervt. mensch leute einfach mal lesen und klappe halten. ich finde ja auch nicht jeden (zickzack)strich in de:bug cool aber wer behauptet das sich der inhalt verschlechtert hätte der übertreibt. jeder möchte sich weiter entwickeln. wieso nicht auch mal ein magazin? das es noch anpassungen geben wird ist doch eh klar.
    hmpf!

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