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Interview-Kultur

Woran liegt es eigentlich, dass mir viele Interviews der „Großen“ in letzter Zeit so belanglos und inhaltsleer vorkommen?

Die Netzeitung spricht mit Niklas Zennström von Skype und genau wie beim SpOn-Interview mit Oliver Samwer klingt das „Gespräch“, als hätte der Interview-Partner alle Fragen gebündelt in einer Mail erhalten und diese ohne Rückfragen beantwortet.

Die gesammelten Kommentare zu diesem Spreeblick-Eintrag geben mehr Futter für’s Hirn als das gesamte Interview und ich mag nicht glauben, dass das am fehlenden Ehrgeiz der fragenden Journalisten liegt, denn die können auch anders (Link bei IT&W gefunden).

Woran also dann? An den Redaktionen, die sich um Umsatzdefizite sorgen und dabei zum Spielball der Werbekunden werden? An der traurigen, aber vielleicht wahren Tatsache, dass das für manche Publikationen nötige Massenpublikum nicht an tiefer gehenden Inhalten interessiert ist? Am Geschwindigkeitswahn in allen Publikationen (übrigens auch hier, ich kämpfe jeden Tag dagegen an), der ob fehlender Zeit zum Verlust von Reflektionsmöglichkeiten führt?

Empfand ich noch vor einem Jahr Artikel der US-Medien rund um das Thema „Verändern Blogs die Welt des Journalismus?“ als amerikanisch aufgeblasen, haben mich die letzten Wochen eines Besseren gelehrt.

Blogs verändern die Welt des Journalismus.

Und vielleicht sind wir damit, zumindest in unserem sicheren europäischen Zuhause, wieder ein Stück dichter dran an den Weissagungen der Internet-Pioniere und -Visionäre zur erhofften demokratisierenden Wirkung des Internet.

Where are we going? I don’t know man, but we gotta go till we get there…

(Jack Kerouac, On the Road)

6 Kommentare

  1. 01
    Motu

    Wieso kommen dir die Interviews erst einige Zeit belanglos und inhaltsleer vor?? Ich konnte daran noch nie irgendwas finden…..
    Aber vielleicht mag es ja daran liegen ,dass sich die „Großen“ imoment in den Interviews nur noch für irgendetwas rechtfertigen müssen :) .

  2. 02
    j.

    Äh, ich weiß nicht. Ist ja nicht notgedrungen spannender, was so in den Blogs steht, zudem ja auch nicht jeder mit jedem redet.

    Aber ein bißchen Diversität tut nun mal gut und tritt den etablierten Pfeiferauchern in den Unterbauch. Geht mit mir in Ordnung.

  3. 03

    Das betrifft vor allem nicht nur Interviews mit den „Großen“ aus Politik + Wirtschaft, sondern generell eigentlich alle Interviews.

    Erschreckend festzustellen z.B. im Interview-Magazin „GALORE“, das ich mit großer erwatrung gekauft und mit kleiner Enttäuschung weggelegt habe.

    Gute Interviews finden sich ganz selten – hier wäre ausnahmsweise mal herr Roger Willemsen hervorzuheben:
    („Gute Tage“, u.A. J.Malkovich auf der Burg von de Sade, oder Timothy Leary am Sterbebett), auch gut „100 Fragen“ u.A. Woody Allen, bei dem fast 80% aller Fragen zu Frauenideale/Sex gestellt wurden.

    …aber in den hochgelobten Blättern sind meist nur einige „Zeit“-Interviews im Jahr wirklich gute Interviews.

  4. 04

    Wegen der deutschen Unsitte der „Autorisierung“.

    Wenn Deutschlands Chefredakteure auch nur den Ansatz von Rückgrad besässen, würden sie sich zusammentun, mit diesem Blödsinn aufräumen und das gesprochene Wort gelten lassen.

  5. 05

    Es muss heissen „…wieder gelten lassen.“

  6. 06

    @holgi: das kommt. Nicht jetzt und gleich, aber Schritt für Schritt. In einem SpOn Interview mit Postbank Chef Schimmelmann fand ich da eine witzige Stelle. Der Leser kann sich die Antwort auf eine der Fragen auch als mp3 anhören und dann selbst vergleichen. Zufälliger Weise hat die „gedruckte“ Antwort kaum etwas mit diesem mp3 zu tun. Es wird bestimmt noch eine ganze Weile dauern, aber die arbeiten offensichtlich (mit Samthandschuhen) dran. :)

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