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Die moderne Modelleisenbahn

Man entdeckt ja immer wieder Perlen bei den Aufräumarbeiten am Rechner.

So ist mir eine ziemlich alte Mail eines ehemaligen Freundes wieder untergekommen, in der er eigentlich recht langweilig vom neuen Hobby seines Vaters berichtet.

Mein Vater hat sich jetzt eine Modelleisenbahn zugelegt. Ziemlich günstiges Einsteiger-Modell, Grundaustattung halt. Nachdem alles aufgebaut war, lief es auch, aber er stellte schnell fest, dass das so keinen richtigen Spaß macht, also musste aufgerüstet werden. Erstmal ein neuer Trafo, dann natürlich mehr Schienen und ein zweiter, schnellerer Zug.

Das ganze wurde dann noch auf eine große Grundplatte (auch nicht billig) gepackt, wofür extra Platz im Wohnzimmer geschaffen werden musste. Perfekt war das aber immer noch nicht. Es fehlte die Peripherie. Also wieder zurück in den Laden, Häuser und Brücken und noch so Kleinkrams kaufen. Irgendwann kam er auch noch auf die Idee, dass ihn eine neue Lichtanlage für seine Eisenbahn weit nach vorne bringen würde. Der ganze Kram muss natürlich erstmal zusammengebastelt werden und so sitzt er jetzt jede Nacht vor dem Teil, bastelt und schraubt und baut. Und flucht, weil nie alles fertig ist und so funktioniert, wie er sich das vorstellt.

Wäre alles nicht so schlimm, ich frag mich nur, wofür er sich die Anlage wirklich gekauft hat, denn wirklich gefahren oder gespielt wird damit fast nie. Er bastelt nur und kauft neues Zubehör.

Nach dem Lesen dieser Zeilen musste ich stutzen. Klang irgendwie wie von früher. Aber irgendwie auch nicht.

Und so ersetzte ich ein paar wenige Worte und schon klang die Mail wieder richtig frisch!

Mein Vater hat sich jetzt eine Modelleisenbahn einen PC zugelegt. Ziemlich günstiges Einsteiger-Modell, Grundaustattung halt. Nachdem alles aufgebaut war, lief es auch, aber er stellte schnell fest, dass das so keinen richtigen Spaß macht, also musste aufgerüstet werden. Erstmal ein neuer Trafo Lüfter, dann natürlich mehr Schienen Speicher und ein zweiter, schnellerer Zug Brenner.

Das ganze wurde dann noch auf eine große Grundplatte an einen großen Monitor (auch nicht billig) gepackt, wofür extra Platz im Wohnzimmer geschaffen werden musste. Perfekt war das aber immer noch nicht. Es fehlte die Peripherie. Also wieder zurück in den Laden, Häuser Drucker und Brücken Scanner und noch so Kleinkrams kaufen. Irgendwann kam er auch noch auf die Idee, dass ihn eine neue Lichtanlage Grafikkarte für seine Eisenbahn seinen PC weit nach vorne bringen würde. Der ganze Kram muss natürlich erstmal zusammengebastelt werden und so sitzt er jetzt jede Nacht vor dem Teil, bastelt und schraubt und baut. Und flucht, weil nie alles fertig ist und so funktioniert, wie er sich das vorstellt.

Wäre alles nicht so schlimm, ich frag mich nur, wofür er sich die Anlage wirklich gekauft hat, denn wirklich gefahren gearbeitet oder gespielt wird damit fast nie. Er bastelt nur und kauft neues Zubehör.

Der PC – die Modelleisenbahn des 21. Jahrhunderts.

21 Kommentare

  1. 01

    Nach der Lektüre dieses Textes hetzt Dir Bill Gates entweder seine Schlägertrupps auf den Hals oder fängt an, Modelleisenbahnen zu verkaufen…

  2. 02
    Lakitu

    Das heisst jetzt also, das ich mich langsam aber unwiderbringlich in meinen Vater verwandeln werde. Naja, es gibt Schlimmeres.

    Aber jetzt habe ich schon wieder Lust bekommen, meine alte Eisenbahn auszupacken. Und das, nachdem ich doch erst kuerzlich auf solch brilliante Weise auf meine Modellbau-Vergangenheit hingewiesen wurde.

    Wieder mal Danke, Johnny!

  3. 03
  4. 04

    @Mayweather: nein es wird ein „MS Modelleisenbahn XP“ auf den markt gebracht, „Modelleisenbahn“ copyright-geschützt und als markenname eingetragen und alles und jeder verklagt, der den begriff noch verwendet. DAS wäre microsoft-typisch…

    obwohl, ne, das wäre Telekom-typisch…

  5. 05
    Rerun

    Wunderschön – auch ich hab so einen Vater, allerdings hat er keinen Platz mehr für seine Bahn. H0 ist einfach ein blödes OS, das ist so, als ob man einen rackmounted Server mir Wasserkühlung hätte, nicht unbedingt schneller als ein Gamer-PC, aber viel anspruchsvoller hinischtlich Platz und Inatallation.

    Und dann muss ich natürlich auch noch loswerden, dass die ersten echten Hacker – also die, die sich Hacker nannten – diejenigen Nerds am MIT waren, die im Model Railway Club unter den Platten rumkrochen um Leitungen zu ziehen, Signale und Weichen zu verschalten und einfach viel zu löten. Ihr Interesse an schönen und detailgetreuen Loks und Waggons hielt sich in engen Grenzen. Wer das mal nachlesen will, dem sei Stephen Levy’s Buch „Hackers“ empfohlen.

  6. 06

    HAHAHAHAHAHAHAHAHAHAHAH

    *vom Stuhl fall*

    =-)

  7. 07
  8. 08

    Womit angedeutet wäre, dass fast niemand eine Modelleisenbahn braucht und die wenigsten einen PC – Blödsinn, jeder braucht ein Hobby, sonst wäre das Leben ziemlich eintönig. Die einen beschäftigen sich mit technischem Krempel, die anderen ziehen ’schöngeistigen‘ Zeitvertreib vor und noch andere sind kreuzunglücklich, dass sie nicht in ihrem Garten werkeln können, weil seit Tagen das Wasser vom Himmel fällt und sich die Galoschen im Morast festsaugen :-)
    Mich ärgert, dass die Nacht mal wieder zu kurz ist, den im Elektronikverbau vorhandenen Fehler zu finden. Scheiss Hobby :-(

  9. 09

    ARTE-Redakteur ? :o) Ich kann nur sagen: „So hab ich das noch nie gesehn“
    Aber stimmt …. eigentlich genau … in unsrer Genneration warens die Mopeds (Simson S51 Enduro z.B. http://www.gybon.cz/~pavkriz/motorky/simson1_full.jpg) hach da kommen Gefühle auf … :o)

  10. 10

    Achtung, die Schlußklammer hinter .jpg gehört nicht zum link !

  11. 11

    Rerun: genau. Diese Geschichte vom MIT Model Railay Club hat mich auch schon länger zu der Vermutung gebracht, dass der PC einer der Hauptgründe für die Absatzprobleme der Modelleisenbahn-Hersteller ist.
    Nicht weil, wie diese vermuten, die Kids lieber Computerspiele zocken, sondern weil die Menschen, die früher an einer Modelleisenbahn gebastelt hätten, heute eben an ihrem PC basteln.

  12. 12
    Wolfgang K.

    Die Analogie ist mir nicht neu – nett dargereicht hast Du sie aber allemal :-)

  13. 13

    Ich habe ja früher auch gerne mit Lego und Playmobil gespielt, da waren aber die Nachschubsorgen viel größer im Osten.

  14. 14

    Da muss ich sofort an die Dead Trolls denken:
    Breaking up with CPU
    Das mit der Bastelei etc. stimmt wirklich, aber im Gegensatz zu einer Modellbahn ist ein Computer ein Arbeitsgerät. Ähem, wirklich. Also meistens. Oft. Manchmal.

  15. 15

    Das mit dem Arbeitsgerät ist doch tatsächlich nur so, daß der Arbeitscomputer meistens nicht aufgerüstet wird oder daran rumgebastelt wird, das wäre viel zu teuer, wenn der ausfällt.

    Was mann dann zuhause mit dem Rechner macht, steht auf einem anderen Blatt.

  16. 16

    Schön, ja. Und ich weite das mal aus auf all die Brettspiele, die es bisher gab: Die werden ebenfalls durch den PC verdrängt, nämlich durch die Online-Spiele. Zum Beispiel „World of Warcraft“, ein Rollespiel, wie es vor 20 Jahren zum Beispiel DSA war. Man kann mittlerweile online alles gegen alle zocken, wenn ich mich nicht irre – Schach, Blackjack, Backgammon, sowie viele, viele Rollenspiele oder Ego-Shooter.
    Irgendwo habe ich mal gelesen, dass Computerspiele u.a. auch viel von Erwachsenen gespielt werden, durchaus auch im Alter 30+.
    Ein beachtenswerter Trend, oder?
    Mehr zu Denken geben sollten einem aber Parallel-Welten wie „Second-Life“ oder „There“ – es gibt anscheinend viele Leute, die versuchen, online ein besseres Leben zu führen als in der Realen Welt. Und da wirds ja gefährlich…

  17. 17

    Schön, und wenn ich das mal weiterführen darf: die online-computerspiele ersetzen die Brettspiele, also Schach, Monopoly, aber auch andere Glückspiele, wie z.B. Roulette, BlackJack, Backgammon.
    Das alles spielen Leute heute auch online.

  18. 18

    irgendwie erscheinen hier meine Comments nicht, zu mindest nicht in meiner Ansicht. Falls jetzt also drei comments von mir hier zu sehen sein sollten (inkl. diesem hier), dann bitte alle bis auf den ersten löschen….

  19. 19

    ok, nur der letzte comment scheint die Veröffentlichung geschafft zu haben, die anderen beiden nicht. Also am besten einfach alles von mir jetzt löschen, bin zu faul alles noch mal zu tippen.

  20. 20

    Die Analogie kommt auch mir als ehemaligem Märklin-Lokführer bekannt vor – mit einem Unterschied: Wie fast alle Jungs habe ich früher gerne mal zu meinem großen Vergnügen ein Zugunglück auf meiner Anlage provoziert. Ich kenne jedoch niemand, der sich absichtlich UND zum Spaß an spanabhebender Datenverarbeitung (headcrash) versucht hat. Zumindest nicht am eigenen PC.

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