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Ideenarmutsgrenze

Vor ca. einer Woche hatten wir gehofft, dass unser Besuch bei der Gründermesse deGUT in Berlin einen prima Spreeblick-Artikel abgeben würde.

Tat er aber nicht.

Hätten wir einen Songtext für The Cure oder (nach dem ersten Kaffee) für Marilyn Manson verfassen wollen, okay. Aber für einen prima Artikel war das zu deprimierend.

Für inländische Besucher, die sich einen Eindruck der aktuellen „Gründerstimmung in Deutschland“ verschaffen wollten, hätten die Veranstalter am Ausgang Ausreiseanträge auslegen sollen, man hätte sie ihnen aus den Händen gerissen.

Natürlich ist eine solche Veranstaltung kein MTV-Award. Natürlich gibt das Thema viele trockene Realitäten vor, mit denen sich der Mensch auf dem Weg in die Selbständigkeit auseinandersetzen muss. Aber es sollte doch trotzdem möglich sein, so dachten wir, potentiellen Neugründern einen Hauch von spannender, wenn auch arbeitsreicher Zukunft zu vermitteln!

Stattdessen zeichnete der Gang über die am vergangenen Sonntag ziemlich leere Messe ein Gründerbild des Schreckens. Denjenigen, der den frei oder aus der Not der Arbeitslosigkeit gewählten Schritt in das eigenständige Denken und Handeln wählt und der somit den Staat von vielen Verpflichtungen befreit, erwartet offensichtlich ein Leben mit dem Spannungsbogen einer Heinz-Rudolf-Kunze-CD. Und für Kleidung wird er auch kein Geld mehr haben, aber der Konfirmationsanzug tut’s ja noch.

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(Zauberwort Kreativität, erster Teil: Kleckern statt klotzen)

Weder Veranstalter (Land Berlin, Land Brandenburg) noch Partner (KfW, IBB usw.) trauen deutschen Gründern offenbar die geforderte eigene Kreativität zu, so dass eines der dominierenden Themen „Franchising“ war. Franchising, das ist, wenn andere die Idee hatten und man sich für ein paar zehn- oder hundertausende von Euro in diese Idee einkaufen kann.

Ich weiß, dass Selbständigkeit nicht zwingend mit eigener Kreativität oder gar Talent zu tun haben muss, dass es andere durchaus auch erfolgsversprechende Arten der Eigengründung gibt, als selbst gute Ideen zu haben und diese auch noch gut umsetzen zu können.

Aber ich hätte gerne einen Teil dieser immerhin auch noch bestehenden Möglichkeit reflektiert gesehen. Hätte gerne den Versuch gesehen, Impulse und Anregungen zu vermitteln, Mut und Lust auf Neues zu machen.

Nada.

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(Zauberwort Kreativität, zweiter Teil: Nicht die Köpfe hängen lassen)

Bei allem Gemecker muss dennoch erwähnt werden, dass wir tatsächlich einen jungen Unternehmer trafen, der seine clevere Geschäftsidee auch bereits umgesetzt hatte:

Vor der Halle stand ein etwa zwölfjähriger Junge, der genau die Eintrittskarten für die Messe vertickte, die sich jeder von diversen mitveranstaltenden Websites kostenfrei herunterladen und selbst ausdrucken konnte (um so den Eintritt an der Kasse zu sparen).

„Tickets für die Hälfte!“, pries er sein Geschäft an. „Sparabo“, dachte ich milde lächelnd. Das Klingelton-Prinzip: Verkauf den Leuten etwas, das sie kostenlos haben können und behaupte, sie würden dabei Geld sparen.

Aus dem Jungen wird mal was.

Hoffentlich nicht sowas.

degut03
(Zauberwort Kreativität, dritter Teil: Auch mal was unter den Tisch fallen lassen können)

8 Kommentare

  1. 01
    Miriam

    Was erwartest Du von einer Existenzgründermesse?

    Aussteller, die Geld mit Existenzgründern machen wollen, also so spannende Menschen wie Versicherungsvertreter und Unternehmensberater. Da passen doch Franchise-Anbieter prima ins Bild.

    Ich war – demnach wohl zum Glück – nicht da, aber letztes Jahr eher zufällig. Da habe ich nichts erwartet und fand es dann nicht so unerträglich.

    Dieses Jahr war das Werbeplakat nicht so abstoßend wie im letzten Jahr. Vielleicht war es besser, die Erwartungen niedrig zu halten.

  2. 02

    Vielleicht täuscht das „deGUT“-Foto, aber für mich sieht das Logo eher aus wie das einer Arbeitsgemeinschaft für ökologische Landwirtschaft.

  3. 03
    Miriam

    „Abstoßend“ war eigentlich das falsche Wort für das Plakat vom letzten Jahr. Es war nur drollig unprofessionell gemacht — das mag man als Messeplakat nun abstoßend finden oder nicht.

  4. 04

    Wundert mich nicht soetwas. Schon einmal versucht in diesem Land Wagniskapital zu bekommen? Ist ein genauso trauriges Erlebnis. Wirhaben es einmal für die ursprüngliche Idee von SpeexX versucht. Dabei mussten wir feststellen, dass man in Deutschland sehr merkwürdige Ideen dazu hat. Von Wagnis war nie die Rede. Eines der Venture Capital Unternehmen verlangte sogar Sicherheiten (haha) und eine garantierte Verzinsung. In einer solchen Atmosphäre können doch nur Franchiser entstehen (wenn überhaupt) oder, das war kurz nach unserem Versuch auch sehr hipp: Die 37. Versteigerungsplattform.

    Gründer mit neuen Ideen haben wenig bis keine Chance.

  5. 05

    ich war am donnerstag da, als noch die „it-profits“ messe ein stockwerk weiter oben war. gähnende leere dort und man hatte das gefühl, dass es in berlin im it-bereich nur bewegungsanalyse-überwachungstools- und geo informationssysteme-firmen gibt. nach 3min hatten wir alles gesehen, bereuten, in den westen gefahren zu sein und dazu noch eintritt gezahlt zu haben. dazu gabs noch ein grosses special bei dieser „messe“, die den it-standort berlin attraktiv machen sollte: tipps und trends zu outsourcing in polen. hab mir dann den freitag gespart.

  6. 06

    is das legal, was der kleine da vor der tür gemacht hat? obwohl… ist legal was die Klingeltonsupersondermegaspar-Deluxespezial-Aboverticker machen?

  7. 07

    Vielleicht ist das Problem folgendes: die pfiffigen Existenzgründer können zu solchen Messen nie kommen – die haben zuviel zu tun und müssen arbeiten ;)

  8. 08

    Das Prinzip „Fördern und Fordern“ wird auch bei uns ausschließlich mit „Fordern“ umgesetzt, seit diesem Jahr gibt es nicht einmal mehr die Existenzgründerseminare, die von der AA „gesponsort“ wurden, so dass die Leute, die aus Panik vor HartzIV lieber „irgendwas selbstständiges“ machen wollen nichtmal mehr die Grundinformationen erhalten (und komm‘ mir keiner mit „man kann sich auch selbst informieren“ – wenn ich garnicht weiß, dass ich hier oder da Lücken habe bzw. an was ich alles denken muss, kann ich mir darüber auch keine Infos holen, denn das kann ich nur, wenn ich weiß, dass ich zu diesem und jenem auch welche brauche).
    Das gibt ’ne Katastrophe hier bei uns, in einem halben Jahr, wenn die alle wieder vor die Hunde gehn und dann am Ende noch mit SchuFa-Eintrag versuchen müssen, doch nochmal auf die Beine zu kommen…

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