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Spargel

Don Alphonso schreibt über Spargel und meint damit überraschender Weise kein deutsches Wochenblatt.

Beim Lesen fiel mir ebenfalls eine selbst erlebte Spargelgeschichte ein. Und die geht so:

Kurz nach Maueröffnung, wahrscheinlich 1990, sollte ich in meiner Funktion als Klassensprecher meiner Band ein Interview für einen Journalisten aus München geben. Da ein Fotograf dabei sein sollte, bat der Interviewer mich um „eine echt Berliner Location“ für das Gespräch. Ja, man sagte schon damals „Location“. Zumindest, wenn man aus München kam.

Berliner wissen, was eine solche Forderung für einen Berliner bedeutet: Ratlosigkeit. Dann Panik.

Denn (West-?) Berliner kennen keine „Berliner Locations“, wenn diese nicht im Umkreis von 500 Metern ihrer eigenen Wohnung zu finden sind. Berliner kennen New York, na klar, auch Paris, London und Moskau werden freundlich geduzt, aber der Funkturm, der Reichstag, das ICC… Alles Touristenquatsch. Da geht man doch nicht freiwillig hin!

Einen „echt Berliner“ Ort jedoch kannte ich von einem viel früheren Besuch im damaligen Ostberlin: Den Fernsehturm. Und ich wusste, dass dieser dem Wunsch des Journalisten entsprechen würde, denn das Restaurant in der Kugel des Fernsehturms dreht sich. Starke Sache, das, wirklich, fahrt da mal rauf!

Der Bayer war begeistert und so pilgerte ich am verabredeten Tag etwa vier Stunden vor Interview-Termin los (immerhin musste ich in den Osten und wer weiß, was einem da wieder in den Weg kommen konnte, Wiedervereinigung hin, Maueröffnung her) und war entsprechend etwa dreieinhalb Stunden zu früh am Ort des Geschehens.

Einem normalen Wochentag angemessen war es recht leer im Fernsehtum-Restaurant, was die junge Bedienungs-, Service-, Oderwieimmermandasdamalsnannte- Kraft selbstredend nicht davon abhielt, mir durch eindeutige Blicke klar zu machen, dass ein ob des anstehenden Pressetermins auf Rock’n Roll getrimmter junger Mann, der stundenlanges Cola mit Strohhalm Trinken praktizierte, nicht ihrer Vorstellung des Wortes „Lieblingsgast“ entsprach.

Na gut. Ich beschloss, etwas zu essen.

Spargel stand auf der Speisekarte. Ich hatte Lust auf Spargel.

(Hatte mich gerade vertippt und „Lust aus Spargel“ geschrieben. Auch möglich.)

Nun war wenige Jahre vorher ein kleines Atomkraftwerk in einem Ort namens Tschernobyl leicht außer Kontrolle geraten. Und da die Ukraine, welche sowohl den Ort als auch das AKW beherbergte, nicht so richtig weit von Deutschland entfernt lag, war man als aufgeklärter Bundesbürger aufgefordert möglichst wenig Nahrung, die aus eben dieser Region stammte, zu sich zu nehmen, wollte man keine fünf Meter großen Segelohren bekommen. Eine besondere Warnung galt in diesem Jahr dem Spargel.

In dem Bewusstsein, mich im Ostberliner Fernsehturm noch einmal ein ganzes Stück dichter am Katastrophengebiet zu befinden, tat ich das, was ich tun musste.

Ich fragte nach der Herkunft des Gemüses.

„Wie?“, war die clevere Gegenfrage der mir Zugewiesenen.

„Also, ich meine, woher kommt der Spargel?“, versuchte ich erneut.

Es folgten Sekunden der kompletten Verwirrung ob meiner Frage, doch dann kam, begleitet von einem Gesichtsausdruck, der mir meine eindeutige Geistesschwäche belegen musste, die einzig mögliche Antwort:

„Na aus der Dose!“

5 Kommentare

  1. 01

    Ich liege luftrigend am Boden, verdammt (witzig)!

  2. 02

    Spargel im Telespargel essen – Genial – Wann gibt es endlich die entsprechde Merchandising Spargeldose mit echten Fernsehturmbildchen zum abziehen drauf – Toll! ( Ich esse immer nur die Spitzen ! )

  3. 03

    spargel kommt aus der dose. und strom? ganz klar, aus der STECK-dose :)

  4. 04
    mattes

    Vielen Dank Johnny- der Tag hat nun doch noch einen Sinn bekommen. Habe mich gerade so richtig weggeschmissen…

  5. 05

    Egal ob aus der Dos oder frisch vom Straßenrandverkäufer:
    Lecker isser schon.
    Das Einzige, was mich stört, ist der Gestank beim Pinkeln… :-/

    Mahlzeit.

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