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Schagalla!

Vor etwa sechs, sieben Jahren habe ich ihn zum ersten Mal gesehen. Er saß vor einem Café, ein älterer Herr, weißer Vollbart, in seiner etwas kautzigen, sympathischen Art einem Gartenzwerg nicht unähnlich. Seine Hände zitterten sehr heftig.

Er begrüßte mich wie einen alten Bekannten. Mit einem lauten und fröhlichen:

„Schagalla!“

Ich bin Berliner, und als Berliner reagiert man auf wildfremde Menschen, die einem ein lautes „Schagalla“ entgegenlachen in zwei Stufen.

Die erste Stufe besteht aus dem Satz, mit dem Berliner bei Erstkontakten eigentlich auf jeden und alles reagieren: „Watt soll’n ditte?“. Meist in gedachter Form.

Die zweite Stufe ist stark stimmungsabhängig. Im Fall des netten Gartenzwergs, der meinem verwirrten Gesichtsausdruck ein weiteres glückliches „Schagalla!“ erwiderte, entschied ich mich für das Naheliegende. Ich antwortete mit einem beherzten „Schagalla!“ und damit waren wir wirklich Bekannte.

Von da an traf ich den Mann regelmäßig und immer zufällig. Jeder Kiez hat seine liebenswerten Unikate, und Schagalla, wie wir ihn getauft hatten, gehörte zu den Straßen und Cafés dieser Ecke Kreuzbergs wie die zahlreichen Kneipen. Alle kannten ihn, die Kinder fanden ihn lustig, die Wirte gaben ihm Drinks aus und die Gäste luden ihn ein und plauderten mit ihm, um sich ein bisschen zu kümmern.

Schagallas Wortrepertoire hatte Methode. „Schagalla“ stand für „Hallo“, es gab jedoch auch die noch freundlichere Steigerung „Schackalacka“. Fand Schagalla etwas besonders klasse, gab es ein erfreutes „Schockolocko“, die kurze Version „Schocko“ war aber auch noch okay. Generelle Zustimmung wurde mit einem „Trappatschanka“ ausgedrückt und bei besonders guter Laune wurde der komplette Satz „Tsching tschang tschung, Mao Tse Tung!“ ausgepackt, denn Schagalla war alter Kommunist und erzählte gerne von den besseren Zeiten im roten Wedding, aus dem er stammte.

Fragte man Schagalla, was er als nächstes vorhabe, lautete die Anwort entweder: „Ich gehe nach Hause und trinke eine Brause“ oder: „Heute sauf ich wie so’n alter Barbarossa!“. Dem erstaunten jungen Passanten antwortete Schagalla auf die Frage, ob er eine Zigarette habe: „Nö. Aber Raucherbein. Und Krebs. Krebs ist ja was ganz Feines!“.

Natürlich hieß Schagalla nicht Schagalla. Sondern Hans. Und Hans war keineswegs verrückt, sondern litt unter Parkinson, daher auch der starke Tremor. Seinen echten Namen habe ich erst gestern Abend erfahren, als wir in einem seiner Stammlokale auf ihn getrunken haben. Leider ohne ihn. Denn am vergangenen Sonntag früh hat sich Hans, der keine Kinder und keine Frau hatte, aus seiner Wohnung im vierten Stock geworfen. Aus der gleichen Wohnung, aus der sich (auch das weiß ich erst seit gestern Nacht) vor 20 Jahren auch seine damalige Freundin in den Tod gestürzt hatte.

Mehrere Stunden haben die Ärzte versucht, ihn zu retten. Am Sonntag Nachmittag jedoch ist Hans an seinen schweren Verletzungen gestorben.

Schagalla, Hans! Du fehlst.

(Danke an Inga und René und Edu vom Marques für die Geschichten rund um Hans)

25 Kommentare

  1. 01

    Auch Unbekannterweise: mein Beileid.
    Erst mein Frank, jetzt dein Hans… ein komischer Monat.
    Es wird kalt draußen…

  2. 02

    Es ist zum Kotzen, dass es die äusseren Lebensumstände schaffen, jemanden so den Lebensmut zu nehmem, dass dieser Jemand sein Leben künstlich verkürzt.
    Bin mal wieder traurig :-(

  3. 03

    Ich glaube, ich kenne diesen „Schagalla“-Rufer als Möbel eines spanischen Restaurants in der
    Graefestrasse. Oft genug rief er mir die Zeile „Prenti Schagalla“ zu.
    Das isser, stimmts?

    Grüße,
    Riemer

  4. 04

    Er ruhe in Frieden, der Seltene…

    Riemer

  5. 05

    Jau, das war er. In der Graefestr., das ist das Marques, da gehörte er quasi dazu. Im gleichen Haus hat er gewohnt.

  6. 06
    Katharina

    Oh, Schiete. Das ist traurig. Den kenn ich schon fast so lange, wie ich in Kreuzberg bin. Ich hab auch immer zurückgegrüßt, allerdings mit „hallo“. Der gehört doch dazu!

  7. 07
    Burrito

    Ach je, das ist traurig.

    Ich als Bremer stell‘ mir grad‘ vor dass Klaus-Bärbel irgendwann nicht mehr ist (Bremer wissen Bescheid), da mag ich gar nicht dran denken.

    Dann trink ich jetzt mein Bier auf ihn.

  8. 08

    Gell, da verrecken ganz oft ganz viele Leute auf der ganzen Welt, aber wenn es um einen Einzelnen geht und dessen Schicksal geschildert wird, dann geht einem (mir z.B.) schon nahe.

    Seltsam, wir Menschen…

  9. 09

    Schade, er wird mir fehlen. Zwischendurch war er auch immer mal im Schlawinchen, hat sein Bier getrunken getrunken und den anderen zugehört.

    Tschüß

  10. 10

    Freute mich auf ein lustiges Happy End nach dieser Story. War wohl nix.
    Mein Beileid.

  11. 11

    Traurig. Hab mich immer gefreut, dass einen hier in der Straße (oft auf meinem Heimweg) jemand so freundlich begrüßt.

    Hoffentlich ist er jetzt in Schackalacka-Land, wo mehr Leute zurücklächeln können.

  12. 12

    ich muss uwe recht geben.
    nicht gekannt und trotzdem zum ende eine dicke gänsehaut bekommen.

    „Schagalla!“

  13. 13
    Martin

    …traurig
    …wenn er nur um seinen schönen Nachruf hier wüßte
    …miese welt
    (http://www.hausarbeiten.de/faecher/hausarbeit/pst/3175.html)

    „Schagalla“!

  14. 14

    Je nachdem, wie man Einsamkeit definiert (wegen des Links) glaube ich eigentlich nicht dass er einsam war. Nicht einsamer als die meisten von uns. Zumindest ein soziales Umfeld hat er ganz klar gehabt.

  15. 15

    … wenn es in diesem Moment noch ein Schön gibt, dann finde ich es schön wie du den Artikel geschrieben hast … *betroffen ist*

  16. 16
    Barbara

    Danke für den schönen Nachruf. Werde den lachenden Hans vermissen.

  17. 17

    sehr traurige geschichte – dachte ich zunächst! aber traurig ist sie wohl nur für uns zurückbleibende, weil uns (euch) ein liebgewonnenes stück kiez fehlt. für hans, so möchte ich fest glauben, ist es eher schön, jetzt in einer welt voller schagallas und trappatschankas zu sein und mit seiner augenscheinlich doch so sehr vermissten freundin „leben“ zu können.

    dennoch ist mir gerade sehr wehmütig ums herz geworden. danke für die geschichte, johnny.

  18. 18

    eine sehr schöne, traurige geschichte…jede stadt hat ihre unikate…in meiner stadt gibt es einige…und einige sind schon unter die räder der geschichte geraten…durch meinen job im rettungsdienst kennt man sie alle…und kann für die meisten irgendwann nichts mehr tun…wie für Herrn R. letzten winter, der morgens um 6 an der bushaltestelle stand und wohl auf den bus wartete, er stand da oft morgens…oder abends…meistens mit ner flasche korn oder zwei…statt dem bus kam der streuwagen…hielt an der bushaltestelle…fuhr weiter…die federn der zerschnittenen daunenjacke flogen aus dem rettungswagen und lagen noch tage danach in der fahrzeughalle des krankenhauses…federn erinnern mich auch heute noch daran. aber tun konnte man für ihn nichts mehr…

  19. 19

    Du hast das wirklich sehr toll geschrieben. Kann man nicht anders sagen.

  20. 20
    ulla

    …an meinem ersten Tag hier gleich zum zweiten Mal geheult (das erste Mal „vor 12 Jahren“).
    Schön traurig, aber auch Hoffnung machend, dass die Schagallas dieser Welt eben nicht untergehen in der Menge und die Menge nicht (geschlossen) auf sie herrabsieht, sondern einige sich dafür interessieren, was Schagalla denn bedeuten mag.

    Ich geb unserem LIDL-Straßenfeger-Verkäufer ausser dem Einkaufswageneuro immer mal ein, zwei Äpfel oder ein Eis, wenn ich vom Einkaufen komme und grüße ihn zumindest freundlich.
    Werde ihn wohl beim nächsten Mal fragen, wie er heißt.

  21. 21
    ursel

    Hans wird am 05.07.2005 um 11.00 Uhr auf dem Dreifaltigkeitskirchhof in der Bergmannstraße beerdigt. Das ist der Friedhof, der dem Marheinekeplatz am nächsten ist. Vielleicht möchte ein paar der stets freundlich Gegrüßten dabeisein.

  22. 22
    tanja

    Danke, Ursel!
    Will sehen, was sich machen läßt und werde den Termin auf jeden Fall die Runde machen lassen.

  23. 23

    Die Geschichte hat mir Exilberliner auf Tobago die Traenen in die Augen getrieben, wenn mich morgen frueh wieder die ‚Rufous Vented Chacalacas‘ mit Ihren Rufen wecken, werd ich an Hans denken.

  24. 24
    Micha

    Danke Johnny, dass du uns Hans´ einzigartigen Wortschatz überlieferst – mußte beim Lesen auch mehrmals schmunzeln.
    Der Wirt vom Marques hat mir deine Zeilen gezeigt – so bin ich nun zu diesem Forum gelangt – vielen Dank auch, dass du uns hier die Möglichkeit eines Abschieds von Hans bietest. Verbinde einige Monate Nachbarschaft in der Graefe 92 mit ihm, dem Kauz, der mir nie Angst machte, auch meinem Lütten nie, denn Hans kam oft singend die Treppen hoch, ein lachender, auf mich fröhlich wirkender Mensch. Es macht betroffen, dass er offensichtlich sehr unglücklich und verzweifelt war.

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