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Die wollen nur spielen

Sehr spannend zu lesen, die Diskussionen in den Kommentaren des letzten und drittletzten Postings. Und so unbefriedigend für alle, oder? Weder kann einer von uns tatsächlich bewerten, ob Live8 „was bringt“ oder eben nicht (da die Maßstäbe nicht klar sind: für viele Einzelne bringt das ganz sicher etwas, Hungerkatastrophen werden jedoch nicht mit einem Konzert gestoppt) noch führen Aussagen wie „er hat absolut Recht!“ oder meine Meinung, dass der Broder-Artikel auf SpOn zynisch sei groß weiter. Ja, das war auch Selbstkritik. Das Problem ist, und das tippe ich weder aus Faulheit noch aus Harmoniesucht (die gute Woche beginnt ja erst morgen): Alle haben Recht.

Ich habe gestern eher wenig von Live8 gesehen und gehört. Selbst hingegangen wäre ich sowieso nicht, denn Massenveranstaltungen machen mir Angst. Immerhin bekam ich aber das hübsch skurrile Duett Elton John und Pete Doherty und einen satten Set von Green Day im Radio mit. Den Fernseher habe ich dann etwas später ausgerechnet bei Chris de Burgh eingeschaltet, dessen Songs vom RadioEins-Musikchef Peter Radzuhn als TV-Moderator diplomatisch mit den Worten „sympathischer Auftritt“ kommentiert wurden.

Destiny’s Child: ganz cool. Bon Jovi: bitte für immer weggehen, danke. Richard Ashcroft mit Coldplay und „Bittersweet Symphony“: gelungene Kombination. Annie Lennox: große Stimme, große Songs, aber auch hochgezogene Augenbrauen bei mir, als auf der Megaleinwand im Hintergrund die Worte „Alle Menschen in diesem Film sind HIV positiv (außer Annie Lennox)“ auftauchen und genau der Zeitlupenfilm folgt, den man befürchtet hatte. Ich weiß aber auch nicht, wie man es besser machen soll. Gar kein Leid zeigen? Das Leid noch deutlicher zeigen? Ich bin mir sicher, dass es meinen Augenbrauen ein Stück geholfen hätte, wenn man wenigstens Frau Lennox selbst aus dem Film weggelassen hätte, aber egal.

Alle Künstler sagen in etwa das Gleiche (außer Coldplay, die Bob Geldof einen „Helden unserer Zeit“ nennen und Madonna, die mit „Are you ready for a revolution“ alle Grenzen zur Peinlichkeit erfolgreich niedertrampelt), niemand sagt ein einziges Mal „Sorry“ in die Richtung, in die es doch (auch) gehen soll. Das packt bisher nur Adolf Noise (letzter Track auf dem neuen Album), wenn auch mit anderer Absicht und in eine nochmal andere Richtung.

Dann etwa fünfzehn Minuten lang pure Faszination. Man muss die Geschichte von Brian Wilson ein wenig kennen, um die Grandiosität erkennen zu können, die sich dort abspielt. Der miserable Sound aus Berlin kann nichts an dem unglaublich bewegenden Auftritt des Mannes ändern und ich ärgere mich sehr, mir bisher keines seiner neueren Konzerte angesehen zu haben. Fantastisch. Craig, please take me with you next time!

Später in der Nacht dann noch Björk im Strampelanzug (sie, nicht ich) und ein paar Auftritte, die ich schon wieder vergessen habe. Klingt das negativ? Soll es nicht, ich fand es prima. Selbst, wenn irgendein Deppenmusiker sich diese furchtbare Gitarre in Afrika-Form tatsächlich hat anfertigen lassen (ich erinnere mich nicht richtig, ich hoffe, es war einer von Bon Jovi, aber ich fürchte, es war der Gitarrist von Brian Wilson). Das Pop-Wechselbad, dem man sich als Betrachter aussetzte machte großen Spaß, die kurzen Gigs waren zumindest alle sehenswert (u.a. weil sie immer so kurz waren) und ab und zu finde ich es sogar bewegend, viele Menschen gemeinsam lächeln und singen zu sehen. Call me a pussy.

Aber es soll ja hier nicht um Musik gehen.

Oder?

Doch. Denn Live8 ist nichts anderes als ein Popsong. Und damit genauso unrealistisch, angreifbar, unperfekt, wirkungslos und naiv. Und genauso weltbewegend und lebensverändernd.

Wer noch nie Tränen zu einem Lied vergossen hat, wer bei (s)einem bestimmten Song nicht tief seufzen muss, wer noch nie eine Autofahrt angehalten hat, um ein Stück Popmusik im Radio zu hören, ohne sich auf die Straße konzentrieren zu müssen, wer noch nie schweißgebadet und mit blauen Flecken übersät überglücklich aus der ersten Reihe eines Konzerts getaumelt ist, der kann und muss nicht verstehen, was ich meine. Er wird auch Live8 nicht verstehen und mit Leichtigkeit das Feuer eröffnen können, er wird mit fast jedem Schuss treffen.

Man kann sich darüber ärgern, dass ein paar Popnasen es schaffen, ihre absichtlich auf drei Worte reduzierte Aussage in Millionen Haushalte zu bekommen und man darf sich fragen, in wievielen davon sie ankommt oder verstanden wird. Man darf und muss auch in Frage stellen, ob diese Nachricht etwas ändern wird.

Man sollte aber bedenken, dass die Aktion von Popkünstlern ausgeht. Von Menschen, deren Berufung die Reduzierung von Botschaften auf drei Minuten ist, die jedoch genau damit immer wieder das ein oder andere Herz treffen. Da kann man sich drüber wundern und auch neidisch darauf sein. Und dann kann man ja vielleicht die adäquaten eigenen Mittel nutzen, um seinen eigenen Teil beizutragen. Wenn dieser Teil wirkungsvoller, bessser, konsequenter und im Resultat stärker ist: Bravo!

Während man alles noch ein bisschen besser macht, fällt es sicher auch leichter sich darüber zu freuen, dass ein musikalisches (Achtung! Hippie-Wort-Alarm!) Happening stattfindet, welches ausnahmsweise mal nicht komplett in Magenta erscheint und dessen simple Botschaft ein winzig kleiner weiterer Schritt von so vielen nötigen sein könnte. Wenn er als solcher gesehen wird, muss man auch nicht mehr so tun, als würde Live8 sich als Rettung der Welt ausgeben.

Für einige der sehr jungen Popfans dürfte aber Live8 auf jeden Fall eine Revolution gewesen sein. Denn es lief stundenlang Musik im Fernsehen ohne dass ein einziges Jamba-Logo zu sehen war.

39 Kommentare

  1. 01
    asug

    Tschuldigung das ich mir das Rumgeätze nicht spare.

    Was du beschreibst, den Erlebnischarakter, der wird mittlerweile industriell produziert an allen Ecken und Enden angeboten (nur ne Feststellung, keine Kritik). In diesem Fall ist das Erlebnis nichts weiter als moderner Ablasshandel. Wenn ich die vermeintliche Lösung komplexer Probleme auf 3 Minuten eingedampft erleben will, dann brauche ich nur Christiansen zu gucken oder bei sonstigen Gelegenheiten diversen Politikern und anderen Interessenvertretern zuzuhören. Das sind nur Parolen. Das Popmusik das auch kann ist keine Kunst sondern die Essenz dieses Geschäfts. Man kann Live8 gerne toll finden wenn man einfach nur auf Pop steht aber es für konstruktiv zu halten ist lächerlich naiv. Würde mich nicht stören, wenn diese Naivität nicht permanent bemüht würde, da werden Leute als Heuschrecke diffamiert und die Hauschrecken heulen weil man sie Hauschrecken genannt hat, eine „Reichensteuer“ soll´s richten und wenn wir die Steuern senken wird alles gut werden. Die PISA-Jugend ist doof und an jeder Ecke hocken Terroristen aber ein bischen Polizeistaat und das ist auch kein Problem mehr. Die Industrienationen sind wirklich Popmusik, nichts, was nicht in 3 Minuten abgefertigt werden könnte.

  2. 02
    asug

    Ähm, 3 Worte, nicht Minuten.

  3. 03

    Die Kommunikation hat schon ganz gut geklappt, wie ich finde. Jetzt fehlt noch die Sache mit den Taten.

  4. 04

    asug, eine Botschaft auf 3 Worte, 3 Minuten, 14 Zeilen oder 1 Quadratmetter Leinwand zu reduzieren ist meiner Meinung nach sehr wohl eine Kunst.

    Und natürlich eine Kunst die man – wie jede Kunst – missbrauchen kann. Verkürzung und Vereinfachung kann sehr wohl nützlich sein. Und der Missbrauch dieser Kunst muss hier finde ich noch erwiesen werden.

  5. 05

    Zu Brian Wilson: Ja, unbedingt! Falls kein Konzert in der nähe ist, kann ich immer noch die DVD empfehlen, die soeben erschienen ist.
    Zu Live8: Zum glück bin ich nicht der einzige, der wegen Madonna fast im Boden versinken wollte vor scham. Was das Gesamte angeht: mal wieder ein nachträglicher manueller trackback: http://www.julian-finn.de/blog/index.php?/archives/386-Live8.html
    Ist besser als dass ich meine Gedanken noch einmal hier niederschreibe.

  6. 06

    Schön. Sehr schön. Der Text. Die Musik vorm Text (zumindest zum Teil). Und überhaupt.

    Netter Jamba-Seitenhieb, konnteste Dir wieder nich verkneifen, hm? ;)

  7. 07
    asug

    Michael: Klar, ist es ne Leistung x-Tausende „Make poverty history!“ brüllen zu lassen. Ich würd´s erstmal als Handwerk bezeichnen. Felix´ Anregungen (http://wirres.net/article/articleview/2862/1/6/) bezüglich der tatsächlichen Bedeutung von fairem Handel massenkompatibel zu kommunizieren wäre allerdings Kunst. Mehr Kohle vom bösen Staat für die Entwicklungshilfe zu fordern ist einfacher als mal eben zu erwähnen, dass man, gemessen an den bisherigen Ergebnissen, das Geld auch verbrennen könnte ist schon schwieriger.

  8. 08

    hm… ich hab mich die ganze Zeit um ein inhaltliches Urteil zu der ganzen Sache gedrückt – und das wird auch so bleiben. Denn insgesamt scheint an vielen Leuten der wirklich elementare Punkt vorbeigegangen zu sein: der konkrete Anlaß für die Aktion ist gar nicht so wichtig. Es ist wohl klar, dass ein paar Konzerte Machtstrategen nicht einen Deut von ihren Zielen (welche auch immer das sein mögen) abweichen lassen. Es ist nicht klar, was Geldof & Co. sich wirklich dabei gedacht haben. Aber der übersehene Punkt ist… es ist vollkommen egal.

    Denn: so oder so hat all das ganz sicher viele Leute dazu bewegt, überhaupt mal wieder an die Situation in der Dritten Welt zu denken und zwar ziemlich unabhängig von konkreten Themen. Nicht nur die, die es eh schon tun, sondern viele mehr. Ja, auch einige von den Leuten, die nur wegen der Musik da waren. Wett‘ ich drauf.

    Ob das jetzt oder langfristig klare positive Folgen hat? Keine Ahnung. Aber… hat es geschadet? Ganz sicher nicht.

    Und wenn etwas möglicherweise etwas bringt ohne das Risiko eines Schadens – dann ist’s okay. Punkt.

  9. 09
    txlpaul

    Alle anwesenden Künstler hatten sicherlich ihren ganz eigenen Motive an diesem „Event“ teilzunehmen. Und sei es, den Samastagnachmittag sich mal wieder als Star zu fühlen, statt sich nach 5 Gin’n’Tonic vor 18.00 Uhr auf die gloreiche Vergangenheit zu kaprizieren.

    Nun wird jeder, je nach musikalischer Sozialisation, dem ein oder anderen der Auftretenen den Zweifel für den Angeklagten zugestehen (in meinem Fall dem guten M. Stipe auch wenn blaue Augenringe an Affigkeit kaum zu überbieten sind – aber immerhin haben die schon auf der ’90 Orange tour mit Greenpeace-Ständen im Metropol gernervt).

    Und ja, sie haben alle recht, und ja, trotzdem, es ist es peinlich und bigott.

    Irgendwie hatte das erste LiveAid in meiner Erinnerung mehr Auswirkung als das zweite je haben wird. Ob dies meiner damals jugendlichen Verklärung, oder viel realistischer dem damals griffigeren und zeitgemässeren Motto „I want your fucking money“ geschuldet ist sei mal dahingestellt. Jedenfalls war B. Geldof anno dazumal für mich wenigstens noch halbwegs ernstzunehmen, heute klappt das leider überhaupt nicht mehr. Liegt das an mir, meinem Alter, oder passt dieser bigotte Aufruf nach „voice“ einfach gar nicht mehr in unsere Zeit?

    Und da ist der Punkt: Ich habe Tränen vergossen, den Wagen angehalten oder beschleunigt, ich war schweissgebadet und selbst blaue Flecken habe ich mit Stolz hin und dann davongetragen, und zumindest eine gewisse Rührung (und manchmal heftiger als zugegeben) stellt sich bei mir bei ausgewählten Titeln der angeblich naiven und simplen Popmusik auch heutzutage noch ein. Aber trotzdem, oder besser: eben deswegen habe ich LiveAid 1 kaum verstanden und #2 entzieht sich völlig meines Interesses und dem was ich für Glaubwürdigkeit halte.

    Ein Event eben, wie jede Love Parade, Full Moon Party, Rock am Ring, usw. Ich denke, die moralische Überhöhung ist in allen Fällen gleichartig von den konsumierenden Teilnehmern der Veranstaltungen ebenso bergierig aufesogen worden wie auch an Ihnen vorbeigegangen. Ich erinnere an die omni-plazierten „Why?“-Plakate in allen Jugenzimmern der 80er – plakativer Anspruch ohne Konsequenzen – so kommen mir die „allstars“, die gestern über die Bühne der Welt tobten-moralisierten-sich ergossen-als schwaches Abbild iherer selbsts sich präsentierten- oder im besten Falle performten- vor.

    Und es ist nicht OK, wenn es möglicherweise (also niemals) etwas bringt, denn der Schaden ist nicht ein Risiko, sondern immanent -> totaler Glaubwürdigkeitsverlust für alle 15-jährigen auch wenn diese dies heute noch nicht sehen …

    Mag trotzdem schön für viele gewesen sein, aber das ist für die meisten ein Abend mit Freunden, Bier und MTV+Jamba auch. Und da meinen es die Performer in den Werbeblöcken zumindest ernst (und werden auch so verstanden!).

    Ein jeder mag seine Nutzenkurven durch scheinbar altruistische Aktionen verschieben wie er mag, aber mir kann niemand mehr erklären, dass dies nicht wegen einer Optimierung des Eigennutzen passiert. Oder vielleicht war es doch falsch „Wirtschaft“ zu studieren, jedenfalls bin ich hierbei näher beim hier verteufelten Henryk M.B. als sonstwo.

  10. 10

    nun ja, möglicherweise ist für mich nicht deckungsgleich mit niemals, wer so denkt, verpasst einfach zuviel im Leben zugunsten seiner ganz eigenen durchexerzierten und stinklangweiligen Welt. Das vorweg.

    Und ich bezweifle sehr stark, dass durch die Aktion irgendein Glaubwürdigkeitsverlust bei irgendwelchen 15-jährigen hervorgerufen wird – im Moment schonmal gar nicht und in zehn Jahren erinnert sich keine Sau mehr an die Aktion in dem Maße, dass sie das Denken beeinflussen würde. Da spielen völlig andere und viel mehr Faktoren eine Rolle.

    Zu Broder sag ich jetzt mal nicht viel, außer dass er wenig kann außer rumkrakeelen und jedem seiner Kritiker die Antisemitismuskeule überzuziehen, völlig unabhängig davon, ob das nun entfernt das Thema war oder nicht.

    BTW, Dein vorletzter Satz ist wirklich gut – den Stil las ich das letzte Mal aktiv in der „Sozialismus“ als irgendwer da über die Ethnografie eines Berliner Szeneclubs schrieb und es gekonnt schaffte unter Maximierung der Fremdwortquote den Bogen über Bourdieu, körperliche Relevanz in der Popkultur bis hin zum Körper als Medium einer (gedachten) zweiten Aufklärung zu schwingen. Adorno wurde auch erwähnt.

  11. 11

    Naja, ich habe Live8 nicht allzuviel beachtung geschenkt, auch wenn die Aktion als solche toll finde … in diesem Sinne „Make love, not war…“

    Ach ja, der Jamba-Seiten hieb – einfach genial…war mal wieder angebracht…

  12. 12

    Übrigens wurde die Afrikagitarre herumgereicht: Viele Gitarristen mussten sich das Ding anziehen.

  13. 13
    oipus

    „Die Masse“ zu erreichen — darum geht es doch — wird immer schwierig sein. „Kommerz“ und eigenes Leid sind vll. die wirkungsvollsten Ereignisse um Bewusstsein zu schaffen; eben weil es die Meisten erreicht (jemand der sich sowieso seine Gedanken macht, muss ich nicht unbedingt anstoßen). Das Problem an solch großen Veranstaltungen ist, dass man sich sehr schnell daran gewöhnen kann. Man verdrückt ein paar Tränen, stößt einen tiefen Seufzer aus und widmet sich dann wieder seinem Getränk.

    Es gibt, das ist für Macher und Interessierte bzw. Empfängliche klar, kaum ein besseres „Medium“ als Musik oder Film (bzw. beides ja zwangsläufig zusammen) um Emotionen und Gedanken zu vermitteln. Und darum machen wir uns auch unsere Gedanken. Im Zeitalter von Postbitches o.ä. (Namen geändert) stellt sich allerdings die Frage, wie Musik überhaupt noch wahrgenommen wird. Wenn ich mich so umschaue, höre ich immer wieder die Aussage ‚Was der singt interessiert doch keinen und verstehen tuts sowieso niemand — ber geile musik‘. Das ist bitter.

    Zurück zur bewusstseinsschaffenden Veranstaltungen: Dass jemand sagt: ‚Ich war da, ich hab geholfen‘ ist vll. nicht gerade das, was man sich wünschen würde, aber vll. auch gerade das, was Möglich ist.

    Ich bin auch vom optimieren des Eigennutzens überzeugt. Ob dieser nun altruistisch bewegt ist oder nicht, ist dabei völlig egal. Oder ist es doch wichtig, welche Parameter die Nutzenfunktion beeinflussen? Anders: Heiligt der Zweck die Mittel?
    Eine Frage, bei der man in schweres Wehklagen verfallen kann. Schwarz/Weiß malen hilft aber auch niemand. Es geht darum etwas zu tun.

    Außerdem: vll. ist unsere Welt garnicht so schlecht.

  14. 14
    frank r.

    glauben hier wirklich einige, dass multimillionäre wie madonna, pink floyd oder paul maccartney durch eine solche veranstaltung ihren eigennutzen optimieren wollen? leute, kommt mal runter, DAS ist wirklich naiv. und bitte: wer was drauf hat, der kann auch komplizierte dinge mit einfachen worten sagen. oder einfache mit einfachen.
    die sache an sich finde ich schwierig. ich würde sagen: im zweifel gut. der direkte effekt einer solchen veranstaltung lässt sich eh nicht nachweisen. wirken solche konzerte/veranstaltungen/bewegungen nicht vielmehr auf einer unbewußten, psychologischen ebene? 68er (inkl. woodstock, flower power) oder live aid haben auf dieser ebene bestimmt etwas bewirkt, da bin ich mir (relativ) sicher. und wenn es nur so ist, dass einige besucher oder zuschauer vielleicht das erste mal in ihrem leben sich gefragt haben, wo afrika überhaupt liegt, oder live8 in schulen als anlass genommen wurde, irgendwelche projekte in dieser richtung zu starten. dann nenn ich das sinnvoll.
    ich kann natürlich auch die zyniker verstehen, aber gerade hat eben der gutmensch in mir gesiegt. und ich schäme mich nichteinmal dafür. cheers.

  15. 15
    Der Eine

    Brian Wilson? Pure Faszination? Er hat Töne nicht getroffen (zum Glück hatte er wirklich geniale Mitsänger, die seinen Part so exzellent übernahmen, daß man es kaum bemerkte). Vor ihm stand ein gewaltiges Keyboard, auf dem er nicht wirklich spielte. Vielmehr ruderte er mit seinen Händen durch die Luft und spielte „Luftklavier“ (das Pendant zu „Luftgitarre“). Mir standen fast Tränen in den Augen, weil da ganz offensichtlich jemand seine größte Zeit längst hinter sich hatte und nun wie im Zirkus den johlenden Massen vorgeführt wurde.

  16. 16

    Live8 = Massenverarsche. Afrika wird in der westlichen oder auch 1. Welt immer als das Sorgenkind gesehen. Denkt man an afrika, so denkt man sofort an Kinder mit Wasserbäuchen… echt erschreckend. das ist aber keineswegs so der normalfall in afrika, sondern eher die ausnahme. und schuld an dieser situation hat wie immer die erste welt, denn ohne unsere kolonialpolitik und waffen wäre es sicherlich kein problemkontinent. Und afrika ist sicherlich nicht mehr so weit hinter der westlichen welt zurück, wie das die westliche welt manchmal gerne hätte.

  17. 17
    frank r.

    stefan, warst du mal in afrika? ich bin ja weiss gott kein experte, was das angeht. aber ich war einmal in gambia (einem vergleichsweise demokratischem staat, dem es ebenso vergleichsweise gut geht). ich fand, dass das mit unserer welt nur sehr, sehr wenig zu tun hatte. also, schweig stille und erzähl nicht so ein mist.

  18. 18

    @Der Eine: Vielleicht weisst du es schlicht nicht, deswegen ein Link mit Informationen über Brian Wilson und warum es schlicht unfassbar ist, dass der überhaupt noch auf der Bühne stehen kann: Biran Wilson bei Wikipedia

  19. 19
    Paul

    Entschuldigung, aber das Madonna-bashing, das geht so nicht: nenn mich inkompentent, weil ich wirklich nicht viel von live8 gesehen habe (aber es ging ja auch einfach nicht: ich sah, jeweils Schrecksekunden-lang: aha, Will Smith, junge deutsche Pop-Bands; auch The Killers total lahm, obwohl in Madonna-Weiss, The Who-Rentiers, etc.), aber das Madonna-Set habe ich komplett gesehen und ich bin ziemlich skeptisch reingegangen und verblüfft und begeistert rausgekommen: Madonna hat es in meinen Augen geschafft, die strukturelle Peinlichkeit von so was wie Live8 aufzufangen und in Augenblicke strahlenden Glanzes zu verwandeln. Wie sie auftrat: die gereifte, aber vollkommen souveräne und professionelle Pop-Diva, Grand Dame, Mutter! Was hat sie für einen Körper! Wie baut sie die Reife des gewissen Alters in ihren Style ein! Wie so oft schon bei Madonna: die Grösse, das Mega in Madonna fällt bei ihr nicht ‚affirmativ‘ auf den Bauch, sondern sie stellt es aus, zeigt es, lässt es tanzen! Welchen Vorwurf könnte man ihr denn machen! Irre, diese endlos wiederholten Zeilen aus ‚Music‘: dieser anakoluthische Satz: ‚makes the bourgeoisie and the rebel‘, der mich seit dem ersten Hören irritiert (Pseudo-Eingemeindung von allem und jedem? Nein! oder wenn doch, dann nur in diesem beobachtenden, nicht-exklusiven, feststellenden, ‚feiernden‘ Pop-Sinne: so ist es! samtene Evidenz des Pop!)
    Madonna ist das weisse, weiss-gewandete Pop-Dispositiv, das durch die dümmsten, PC-triefendsten Slogans irgendwelcher halb-debiler, unwissend unwillentlich zynischer Menschen (wie B. Geldof, Bono, etc.) durchdonnert und einen so fetten Set abliefert, dass einfach dieser blöd-peinliche Aufhänger des Ganzen weggerockt wird: ‚Make Poverty History‘?, nein! ‚Make History‘, ‚Now!‘, Hyde Park, july2nd 05.
    Wirklich, ich dachte gar nicht, dass Madonna (noch) so gross ist … I’m deeply impressed.

  20. 20

    …und, weil es mir wichtig ist, dass Menschen wie Brian Wilson wirklich von allen den Respekt bekommen, den sie verdienen: das ganze noch einmal auf deutsch: Brian Wilson bei der deutschen Wikipedia und bei Laut.de

  21. 21

    @Paul: Madonnas fürchterliches »Are you ready?«- und »Start a Revolution«-Geschrei ist mir fürchterlich auf die Nerven gefallen. Und auch ihr erschreckend unwissender Umgang mit der jungen äthiopischen Frau, die es ganz offensichtlich nicht so toll fand, von einer Wildfremden auf den Mund geküsst zu werden und auch noch ziemlich hilflos im ersten Teil des Sets auf der Bühne herumstand, fand ich sehr peinlich.

    Musikalisch ein souveräner Auftritt.

    Aber: Den wirklichen Glam hat für mich Robbie Williams hineingebracht. Was für eine Show! Hier ging es natürlich nicht einmal mehr ansatzweise um die Sache, aber dafür stimmte hier einfach alles: Songauswahl, Sound, Stimmung und ein verdammt gut gelaunter entertainer, der es sichtlich genoss, von hunderttausenden gefeiert zu werden.

    Bei »Angels« habe sogar ich eine Gänsehaut bekommen.

  22. 22
    Paul

    Entschuldigung, noch mal ich, habe was Wichtiges vergessen: die Auswahl der Songs. Eine unglaublich gute Entscheidung, mit einem alten Song wie ‚Like a Prayer‘ zu starten! Ist das nicht klar? dabei geht es nicht darum, sich in der Sicherheit des ‚alten Hits‘ (Klassikers) abzustützen, um eine geschenkte Nummer zu fahren (Madonna hat solche Tricks aus verschiedenen Gründen, im Gegensatz zu B. Geldof etc., nicht nötig) — es geht um nichts Geringeres als darum, im Verklammern von Stücken verschiedener Jahrzehnte etwas aufscheinen zu lassen, das man nur nennen kann: Geschichte! History!!
    Make History!
    Madonna liess die Zuschauer fühlen, dass da etwas ist, das Pop heisst und das mit Geschichte zu tun hat — und vielleicht wirklich mit einer Geschichte, die anders ist, anders funktioniert als die Geschichte, Teil deren es ist, das viele Menschen in bestimmten Weltregionen jeden Tag verrecken. (Und das heisst dann nicht, das Live8 die Präsidenten unserer schönen reichen Staaten plötzlich nachdenklich macht und sie sich sagen : ok, wir machen das jetzt: weg jetzt mit dem bösen bösen Hunger …)
    Weiss Madonna das so? Hat sie sich das überlegt?
    Als wäre das die Frage!
    Madonna, das ist ihre Grösse, und das funktioniert nur, weil sie so gross ist, ‚weiss‘ das vielleicht nicht, aber sie bringt dieses ‚Wissen‘ effektiv in die Welt. Und das ist schön.
    Affirmation? Verblendung? Spektakel?
    Ja sicher, aber keines, das dich nasführt, sondern eines, das dich erinnert an die Gefühle damals und heute und dir das Weisse zeigt: des Kostüms, der Haut über dem Bizeps, der Furchen der Falten!
    Listen, fuckers!

  23. 23
    Paul

    Jede äthiopische Frau, wie jede Frau auf dieser Erde, ist froh und glücklich, von Madonna auf den Mund geküsst zu werden!
    Stop your pathetic Respect-cultural-differences-Bullshit! Madonna is global, for Christ sake!!
    Mann, Mann, Mann …

  24. 24

    An der musikalischen Größe von Madonna zweifle ich ebenso wenig wie an ihrem Ikonen-Status. Und „Bashing“ ist ein etwas übertriebenes Wort für Äußerung von Kritik.

    Ich finde Madonna auch toll, aber ich bezweifle, dass jede Frau der Welt von ihr geküsst werden will und ich hoffe, dass diese Äußerung nicht zur Explosion der Comments hier führen wird. Das Zeug dazu hat sie. Die Äußerung.

    Ich glaube: Ton etwas runterschrauben bringt was. :)

  25. 25
    shensche

    a ni tile!
    so, jetzt mal die stimme von einem, der gerade als volontär in Mali bei aufbau und entwicklung von computer(-netzwerken) und schulung der nutzer hilft. in den paar zeitungen, die es hier gibt (ich muss 10 minuten bis zum ersten laden laufen, der zeitungen verkauft; und dass in der hauptstadt des landes), wird überhaupts nichts von Live8 geschrieben. das interessiert hier keine sau. sehr wohl fand der angekündigte schuldenerlass positiven anklang und mit spannung wird der gipfel in Edinburgh erwartet. aber dieses riesige konzert ist vollkommen unwichtig.
    hier in Mali gibt es zwar keinen bösen diktator (mehr) aber der gesamte staatliche apparat ist korrupt bis zum ende und es gibt eine minderheit von reichen leuten, die es locker mit den reichen in D aufnehmen können. hier in Bamako fahren autos herum und befinden sich villen wie im Grunewald. auf der anderen seite liegt das durchschnittsgehalt hier bei 60 EUR im monat, was gerade mal für billiges essen und ein dach über dem kopf reicht. von meinem volontärs-taschengeld ernähre ich hier zusätzlich 2 einheimische. die bildungssituation ist katastrophal: die schule ist zwar kostenlos, aber das material muss selbst bezahlt werden. die meisten können nur schlecht bis gar nicht lesen/schreiben und auch das französisch der meisten ist eher schlecht in aussprache und grammatik. einen wirklich dauerhaft hungrigen habe ich hier noch nicht erlebt, auch wenn ich vor allem am ende des monats immer wieder von unseren gärtnern und wachen um geld für etwas zu essen gebeten werde. allerdings wissen sie auch, dass sie immer von den volontären etwas bekommen und daher geben sie ihr gehalt dann für das benzin ihres mopeds aus. hier in Mali (zumindest in Bamako) ist man also schon eine stufe weiter; das nötigste zum _über_leben ist da, auch wenn ich nicht so leben wollen würde. aber das sind alles meine persönlichen eindrücke, ich erhebe keinen anspruch auf allgemeine gültigkeit.

  26. 26

    Danke! Und viele Grüße!

  27. 27
    Paul

    ah ok, lieber Moderator, da sind vielleicht ein bisschen die Pferde mit mir durchgegangen … :)

    @SUB: also mein Punkt sollte bloss sein, dass die Rede von „erschreckend unwissender Umgang mit der jungen äthiopischen Frau“ wieder so ein bisschen nach dem Entmächtigungs-Diskurs klingt, der ja im Zusammenhang mit Live8 immer wieder anklingt, aber auch immer wieder inkriminiert wird: Afrikaner, afrikanische Frauen kommen für B. Geldof & Konsorten nur als Opfer vor, etc.
    Ich meine: ist es nicht Zeichen einer gewissen Arroganz zu unterstellen, junge afrikanische Frauen auf Londoner Bühnen würden nicht kapieren und wissen, was wie und wer Madonna ist und wie sie agiert? Und gesetzt es wäre in Äthiopien nicht üblich (ich weiss das nicht), dass (Frauen?) junge Frauen auf den Mund geküsst werden (küssen) — sollte soviel ‚Exotismus‘ der jungen Äthioperin nicht gegönnt sein??
    Beispiel, Bild (oder Zirkuspferd) in Geldof’s own private Entwicklingshilfe war sie ja immerhin ohnehin …

  28. 28

    Ich bin froh, dass wir, die Broders Artikel nicht gutheißen, nicht alleine sind mit unseren Meinungen.

  29. 29
    Der Eine

    SUB, danke für deine wohlwollende Belehrung. Der Punkt ist bloß: Muß man Brian Wilson wirklich auf die Bühne schicken, wenn man weiß, was der Mann durchlebt hat? Um es noch weiter zuzuspitzen: Ich warte auf den Tag, an dem ein bekannter Musiker im Wach-Koma auf die Bühne geschoben wird, um „Musik“ zu machen. Gott sei dank hat jeder Künstler das Publikum, das er verdient.

  30. 30

    Brian Wilson wird weder „auf die Bühne geschickt“ noch „geschoben“.

    Aber mit dem letzten Satz hast du Recht, und darauf darf Herr Wilson sehr stolz sein.

  31. 31
    shensche

    nochwas: der afrikanische gegengipfel zu den G8 findet hier in Fana von mittwoch bis samstag statt (achtung, französisch):
    http://www.forumdespeuples.org/fana2005/

  32. 32

    @RammBlog:

    sensationell, was du da herausgefunden hast. Ob das die Hamburger Autofahrer auch wissen? Fahren mit „HH“ in der Gegend herum, wo doch so gut wie jeder weiss, was das in gewissen Kreisen bedeutet?!

    Das ist ein schönes Beispiel dafür, mit welchem Eifer Dinge gesucht werden, um „Live 8“ scheisse zu finden.

    Auch grandios war der Poster bei Telepolis, der Bono Vox und Sunny Bono verwechselte und so den U2-Sänger mal eben mit Scientology in Verbindung brachte. Wenn man in Rage ist, dann passiert sowas halt mal.

  33. 33

    Wenn Du das sensationell findest, Michael, gut. Ich nicht.
    Ich finde Live8 auch nicht scheisse und habe keineswegs nach diskreditierenden „Dingen“ gesucht, sondern lediglich darauf hingewiesen, dass man über das Event unterschiedlicher Meinung sein kann. Das kann man z.B. hier im Spreeblick sehr deutlich sehen und ich gestehe das auch jedem zu.

    Mir ist beim Betrachten der Bilder einfach plötzlich ein ungutes Gefühl gekommen, als ich den Bühnenhintergrund realisiert hatte. Vielleicht bin ich da etwas zu sensibel, aber heutzutage wird bei jeder Kleinigkeit darauf geachtet, dass alles schön „pc“ zugeht.
    HH für Hamburg ist für mich auch kein wirklicher Vergleich, weil eben „gewisse Kreise“ aus gutem Grund HH nicht für sich instrumentalisieren, sondern lieber – vermeintlich unverfänglich – das Zahlen-Synonym verwenden.
    Natürlich kann man die 18, die 88 oder meinetwegen auch HH nicht gleich deswegen paranoid aus jeglicher Verwendung verbannen, aber bei solch einem Großereignis – noch dazu in Berlin – hätte ich mir schon etwas mehr Fingerspitzengefühl gewünscht.
    Wenn Dir das nix ausmacht und Du evtl. auch Leuten mit Consdaple-Klamotten keine bösen Absichten unterstellst – bitte. Deine Meinung, nicht meine. Ich bin jedenfalls sicher, dass der Anblick der Bühne einer Menge Leute am Wochenende einen „inneren Reichsparteitag“ beschert hat.

  34. 34

    Glaub‘ mir, RammBlog, ich bin diesbezüglich auch sehr empfindlich, ich habe mich letztens sogar gefragt, ob jemand das KFZ-Kennzeichen „…- OI 88“ zugeteilt bekommen oder ausgewählt hat. Aber mir sind die beiden Achten nicht negativ aufgefallen, das ist ein gutes Zeichen.

    Sicherlich kannst du mangelndes Fingerspitzengefühl unterstellen, aber immerhin war das eine globale Veranstaltung, und manche Menschen denken sich tatsächlich nichts dabei, wenn 2 Achten, nicht mal eine Achtundachtzig, die Bühne zieren.

  35. 35
    Sei still

    Gibt’s in der Reichshauptstadt nicht auch einen Radiosender namens 88,8? Krasse Nazischeisse oder? Voll unsensibel!!

  36. 36

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