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Sicher? Sicher!

Es ist mollig warm, die Temperaturen und die Beleuchtung sind angenehm konstant. Du befindest dich in einem schwebenden Zustand, Schwerkraft scheint nicht zu existieren, deine Umgebung ist ein einziges sich Wohlfühlen. Du bist zufrieden und glücklich, es gibt kein Streben nach Mehr, kein Wunsch nach Veränderung, kein Verlangen nach Macht und keine Sorge um die Ohnmacht.

Furcht? – Existiert nicht.

Neid? – Worauf?

Du bist sorgenfrei, denn du musst dich nicht kümmern. Alles was du brauchst ist vorhanden und kommt zu dir, ohne dass du darum bittest. Ernährung, Entwicklung, Schutz, Gesundheit.

Und wärest du krank: du würdest es nicht wissen und so würde es dich nicht sorgen. Alles was ist, ist. Du bist der Status Quo. Du bist das Sein. Es gibt keine Alternative und vor allem: sie ist nicht nötig.

Alles ist perfekt, bis du bis dato unbekannte Kräfte spürst, die beginnen, dich aus deiner Welt zu reißen. Sie zerren an dir und dein Körper reagiert mit dem gleichen Automatismus, mit dem er sich vorher seinem wundervollen Schicksal ergab. Er wehrt sich. Mit all der Kraft die ihm zur Verfügung steht stemmt er sich gegen diese Kräfte, schier endlos, bis deine Existenz, dieses makellose Dasein, ein abruptes, schockierendes Ende hat.

Dein Körper funktioniert nicht mehr. Innerhalb von Sekundenbruchteilen befällt dich nie dagewesene Panik, du brüllst vor unerträglicher Schmerzen, doch du ahnst eine Chance, um die du kämpfst. Sauerstoff donnert unkontrolliert in deine Lungen, pumpt dich auf, scheint dich zu zerreißen. Zum ersten Mal fällst du, spürst die Last deiner Existenz, wimmerst um Hilfe, denn du hungerst und verdurstest.

Ende des Vorhergehenden.

Klingt wie ein esoterischer Einsteigerkurs, ist aber eine stark vereinfachte und Detailaspekte missachtende Version meiner Vorstellung von Geburt. Drei sehr unterschiedlich verlaufende und sehr dramatische habe ich erlebt, zwei davon als Betrachter, als Beistand, als hilfloser Hilfeanbieter. An die dritte, meine eigene, kann ich mich nicht erinnern.

Oder doch?

Beginn des Nachfolgenden.

Die Parallelen zu den vagen Aussagen über den Tod, die wir von beinahe Gestorbenen kennen, sind offensichtlich (selbst wenn wohl die wenigsten von uns ihre derzeitige Existenz als perfekt bezeichnen würden, aber wie schon Talk Talk, die alten Schlauberger so neunmalklug nachbeteten: Life’s what you make it). Und diese Parallelen sind sicher Grund für den Glauben der Menschen an ein Leben nach dem Tod; wenn wir die Geburt als Ende unserer bis dahin bestehenden Existenz und den Beginn einer neuen betrachten, warum soll dann nicht das Ende unseres derzeitigen Daseins ebenfalls in einem neuen münden? Fair enough, würde ich meinen, bring it on aber lasst euch bitte noch eine Weile Zeit, danke.

Gleichgültig jedoch, ob ich für das Irgendwas nach meinem Ableben an ein Paradies, eine Hölle, das Nichts oder zwanzig sehnsüchtig auf mich wartende Jungfrauen hoffe (welcher pädophile Grieche, Römer oder Heilige hat eigentlich diesen Unfug gestartet? Wenn wir schon unseren männlichen Macht-, Besitz- und Samenüberallverteilungs-Laste(r)n so viel Platz einräumen und uns auf die zweite Liga in der Beischlafmeisterschaft einlassen, dann geht’s doch wohl nicht darum wer der Erste, sondern wer der Letzte, der Ultimative, ist. Jungfrauen. Pah. Überschätzter Mythos mit Ursprung in der männlichen Angst vor Frauen, wenn man mich fragt), ganz egal also, wie ich mir den Tod bzw. das Danach vorstelle – meine irgendwo in den Tiefen meines Speichers in einem längst vergessenen Directory aufbewahrten Erinnerungen an meine Geburt könnten der Grund für das vielleicht größte Problem der Menschheit sein.

Angst.

Angst vor Veränderung. Angst vor Morgen. Angst vor Schmerzen. Angst vor Verlusten. Angst vor allem, was meinen Status Quo in Frage stellen könnte. Und damit natürlich Angst vor dem Tod, dem ultimativen Status-Quo-Veränderer. Jungfrauen hin, Nirvana her, solang ich keine Fotos oder wenigstens ’ne fröhliche SMS eines Verstorbenen habe (never mind the Roaming-Kosten), bleib ich erstmal bei meiner prinzipiellen Distanz gegenüber dem Finale. Denn das, was ich zu Beginn meiner Jetztweltkarriere erlebt habe, das, was der wohligen Gebärmutterumgebung folgte; das brauch ich nicht nochmal. Nee. Ganz lieb, nett gemeint, aber lass mal.

Hatten Kamikaze-Flieger Angst vor dem endgültigen Crash? Hatten Selbstmordattentäter Angst vor dem Tod? You bet, Motherfucker! Wer ein Flugzeug steuert, das noch etwa 30 Zentimeter bis zur Kollision mit einem relativ stabilen und aller Wahrscheinlichkeit nach nicht ausweichenden Gebäude hat, wessen Casio-Chronometer noch genau vier Sekunden zeigt, bis der Crumpler auf dem Rücken seinem Namen alle Ehre macht, der hat die Hosen so dermaßen gestrichen voll, dass ihm die Erklärung für konsequente Einzeleinsätze von solchen armen Seelen bis zur Allerweltsfrisur hochschwappt.

Warum tun die das also?

Weil ihnen die Angst ausgeredet wurde. Weil ihre Angst ersetzt wurde durch eine Hoffnung, eine Sicherheit. Die Sicherheit auf ein Ende der Angst in Form dessen, was nach dem Tod kommt, der nicht der „Gevatter“ Tod in der schwarzen Kutte mit der kaum hörbaren, an Tom Waits erinnernden Stimme ist, sondern der etwas debil lächelnde Tod (think Sparkassen-Werbung), der mit offenen Armen und mit warmer Stimme verkündet: Hier geht’s lang, back to the womb, zurück ins sichere Ich-kümmere-mich-um-dich. Nach Hause. Zu Mama.

Gesetzt den Fall, es gäbe keine Hoffnung. Nein, zuerst: Gesetzt den Fall, es gäbe diese Hoffnung, diese Sicherheit. Dann könnten wir uns auf sie verlassen und in der Zwischenzeit die Angst Angst sein lassen und mal gucken, ob man im Hier und Jetzt nicht auch ein paar tolle Sachen auf die Beine stellen kann, auch wenn’s anstrengend sein mag. Nur zum Spaß. Aus Daffke. Man muss ja nichts überstürzen und schließlich sollte man auch jeder noch so gut gemachten Werbung misstrauen; da mögen vielleicht zwanzig Jungfrauen warten, aber wie lange die da schon warten sagt einem ja niemand und wer weiß, ob das Erwachen vor zwanzig 95-jährigen Jungfrauen wirklich so crazy wie versprochen ist (sorry, Ladies, no offence intended). Also vielleicht doch lieber erstmal mit dem klarkommen, was man hat. Kommt Zeit, kommt Jungfrau.

Und nun doch gesetzt den Fall, es gäbe keine Hoffnung?

Nun. Dann müssen wir uns wohl abgewöhnen, diese Hoffnungslosigkeit dauernd als etwas Negatives zu betrachten und das Leben einfach als endlich hinnehmen, ohne diese Akzeptanz in konstante Angst ausarten zu lassen. Realistisch betrachtet stehen die Chancen auf Verbesserung unseres derzeitigen Status Quo nach dem Tod 50:50 (wer mehr verlangt geht Sonntags in die Kirche um sich einen Platz in der ersten Klasse im Zug nach Nirgendwo zu sichern), doch nur weil das Bierglas halb leer ist, lasse ich es doch noch lange nicht stehen!

Falls jemand bis hierhin gelesen hat: Ich schreibe diese Zeilen absurderweise, weil ich manchmal Angst habe. Je älter ich werde, desto öfter. Und das nervt, das stört, das behindert.

Gestern, als ich zum Mittags-Snack direkt am Imbiss-Fenster saß und auf der Straße ein Bus direkt vor diesem Fenster hielt, habe ich mir 30 Sekunden lang in Zeitlupe vorgestellt wie es wohl wäre, wenn jetzt dieser Bus explodiert. Das war irgendwie kein positiver Moment, salopp gesagt. Albern und lächerlich, ich weiß, aber sowas gibt’s eben. Überflüssigerweise. Und das macht mich wütend.

Es macht mich wütend auf diejenigen, die mir meine Angst ausreden wollen und sie durch vermeintliche Sicherheit ersetzen wollen. Indem sie das Biertrinken im Park verbieten (wir haben alles unter Kontrolle, es sind alle nüchtern), das Rauchen untersagen (wir sorgen für ihre Gesundheit), indem sie überall Kameras aufstellen (wir sehen das Böse), indem sie biometrische Pässe einführen (hieraus ist eindeutig ersichtlich, dass sich Herr Müller nächste Woche in die Luft sprengen will, vermutlich in der Stuttgarter Fußgängerzone).

Denn meine Angst kenne ich. Ich mag sie nicht besonders, aber ich glaube sie hat ihre Berechtigung und hilft mir sogar dann und wann. Ich lebe mit ihr seit vielen Jahren, im Großen und Ganzen jedoch lässt sie mich in Ruhe. Mit den 30 täglichen Sekunden kann ich leben. Ich halte meine Angst für normal und sogar begründet. Ich lebe mit zwei kleinen Kindern in einer Schrittempo-Spielstraße, die mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 80 km/h durchfahren wird: Hey! Da soll man keine Angst bekommen?

Sicherheit jedoch, die gibt es nicht. Es gab sie nie und es wird sie nie geben. Sicher, das weiß der Volksmund der selten daneben liegt, ist nur der Tod. Wer mir darüber hinausgehende Sicherheit vorgaukeln will, ist ein Lügner und hat wahrscheinlich noch mehr Angst als ich.

Und dennoch und gleichzeitig, das ist der tolle Teil, kann das Leben nicht sicherer sein, als es ist. In welchem anderen Bereich kann man schon so genau sagen, wie es anfängt und wie es aufhört? Okay, der Zeitpunkt mag beim Fußball etwas klarer definiert sein. Aber das Ergebnis ist weit schlechter vorhersehbar.

Es gibt viele Gründe, manchmal Angst zu haben. Aber es gibt noch viel mehr Gründe, sicher zu sein. Da bin ich mir sicher. Keine Angst.

cam

19 Kommentare

  1. 01

    Solange Du keine Angst VOR deiner Angst hast, ist alles in Butter, Johhny. Denn die Angst an sich ist ja ein sehr nützliches Werkzeug der Evolution. Was hat mich meine sorgsam gepflegte Selektiv-Paranoia schon vor sonst äußert unangenehmen Situationen bewahrt…! ;-)).
    Ein bekanntes arabisches Sprichwort sagt schließlich: „Zwei Drittel der Männlichkeit bestehen aus der Flucht (im richtigen Moment)“.

  2. 02

    Elementar guter Beitrag. Danke.

    Auch wenn ich bei der Überschrift an diese völlig beknackte Werbung mit diesen völlig unsympatischen Menschen denken musste, die für ein Fleischmarketingsiegel anti-werben.

  3. 03

    herrje, das kann man kaum kommentieren – jehn.fals – nich so leicht
    mal eben inner pause.

    dankeschön ers.ma
    und nur die extrem verknappte feststellung:

    angst ist ein thema. auf jeden!
    du sprachest von abwesender angst als motiv.
    ich fürchte aber vor allem die anwesende angst als motiv.
    (oder … als ursache.)

    angst bringt menschen dazu dinge zu tun, die sie normalerweise nicht machen.
    dazu gehört, mitmenschen zu ignorieren oder sogar anderen zu schaden.
    heikel das. oft.

    und: der preview sieht komisch aus.. css kaputt?
    ich könnte nen screenshot schicken, wenn gewünscht.

  4. 04

    (…) habe ich mir 30 Sekunden lang in Zeitlupe vorgestellt wie es wohl wäre, wenn jetzt dieser Bus explodiert.

    Diese „30 Sekunden täglich“ sind überlebenswichtig. Bei Tieren im unteren Bereich der Nahrungskette ist das der Überlebensinstikt. Immer auf der Hut sein. Sich vorstellen, was sein könnte.

    Gerade dieses geht dem urbanen, industralisierten Menschen verloren. Schaust Du auch, ob kein Auto kommt obwohl Du grün an der Fussgängerampel hast? Die meisten tun es nicht.

    Als Feuerwehrler bzw, beim Rettungspersonal ist dieser Instikt sehr präsent, denn man ist ständig mit den Folgen konfrontiert. Die Grenze zur Paranoia ist dabei eine sehr feine.

  5. 05
    Schöner hören

    Hallo Johnny,

    spöttisch gesagt: Das liest sich wie die Gedanken eines Vierzigjährigen, der gerade irgend eine Lebensklippe umschifft ;)

    Naja, ich drücke dir, mir und all den anderen die Daumen, dass uns diese kontstruktive(!) Angst immer schön im Nacken sitzt. Ich denke diese Angst ist die wichtigste (einzige?) Triebkraft, die uns wirklich dazu verhelfen kann – ernsthaft unser Leben zu verändern. Und nicht einfach nur so dahinzuplättschern, bis der Tod dann eintritt.

    Ich glaube an ein Leben nach dem Tod. Und ich glaube auch, dass wir einen Einfluß darauf haben, was nach dem jetzigen Leben kommt

    Ergo sollte man starke Angst bekommen, wenn man darüber nachdenkt, was passieren kann, wenn man den Tod und das Leben danach nicht kontrolliern, sondern sich tatsächlich nur von seinen Trieben/Gefühlen/Verblendeungen (nennt es wie ihr wollt) steuern läßt.

    In diesem Sinne – weiter so :)

  6. 06

    @johnny, sag max, er soll es mit bei greatest einordnen. der beitrag ist eigentlich unkommentierbar. es ist wie es ist.

  7. 07
    Hans v.

    Aber

    wir wollen doch die anderen Seiten der Angst nicht vergessen – Angst schafft schließlich Arbeitsplätze! Und das ist gut so! Und wo kämen wir hin ohne sie?! Die meisten Religionen – beim Teufel. Die Welt der Zimmermänner, Merkel, Hundt, Stoiber, Clement, Koch und Konsorten – einfach wegradiert aus dem großen Buch der Geschichte, wo sie doch alle so gern ihr Geschäft verrichtet haben wollen. Und mit der Angst lässt sich auch sonst prima Geld verdienen, stell Dir eine Börse ohne Angst vor! Schrecklich! Die Trillarden (Trilliarden? Ich geh da so wenig um mit…) würden womöglich an ganz andere, an ganz viele andere gehen anstatt an die, die sie von Gott und Vaterland und seit je her auch verdienen.

    Nee nee, Angst muss sein. Überall. Wir brauchen mehr davon. Viel mehr. Auch wegen dem Aufschwung. Am besten schichten wir was von der Angst vor dem Abschwung um.

    Fragt sich nur, wohin?

  8. 08
    Gero

    das doofe ist, mein ausgiebig gepflegter fatalismus- immer nach dem motto, wenn mir was passiert dann passiert mir halt was, pech gehabt – macht nur solange sinn, wie es nur um mich selbst geht. wenn man dann aber blagen und nen partner hat, die man im besten falle schon ziemlich toll findet – würde ich wahrscheinlich mit dieser nummer nicht mehr durchkommen, weil man sich ja schon sorgen macht um die anderen.

    jetzt verstehe ich diejenigen, die sobald sie kinder haben auf einmal vernünftig auto fahren und als fussgänger solange kinder in sicht sind, bei rot stehenbleiben…

    und plötzlich verstehe ich auch den opa, der mir ne standpauke gehalten hat, als ich vor zwei jahren mal mit 40 km/h durch erwähnte spielstrasse gefahren bin. seit dem immer schritttempo – versprochen!

  9. 09

    @Hans v.
    und die, denen die angst nützt,
    sind selbst die grässten »opfer« derselben.
    und re(a)gieren. ohne rücksicht.

    @gero
    ging mir auch so

  10. 10
    ric

    Keine Sicherheit, nirgends. Das Trotzdem verdankt sich der Erkenntnis/Erfahrung, wie paradox es hienieden zugeht.

    Btw, man lese diesen Eintrag noch einmal vor dem begrifflichen Hintergrund der sozialen Sicherheit… nicht schön, aber wahr.

  11. 11

    Hmm, hmm, die psychoanalytischen Geburtstrauma – Theorien. Ich weiss nicht so recht; IMHO sind das typische Männerfantasien, die mit der Realität nichts zu tun haben – die Psychoanalytiker haben ja auch Quatsch wie den Penisneid erfunden.

    Ich sehe das eher so: Die meisten Männer haben keine Ahnung, wie wir unsere Partnerin und das Baby bei der Geburt unterstützen können. Und diese Hilflosigkeit und Angst wird dann in das Baby reinprojiziert.

    Vielleicht habe ich auch einfach bei der Geburt unserer vier Kinder mehr Glück gehabt als Du. Das kann auch sein.

  12. 12
    gas

    da hast du aber ne prima steilvorlage für nen tollen rucksack-werbespot geliefert…“mit xyzpak wär das nicht passiert…“

    irgendnem werberaffen ist das bestimmt schon eingefallen…fehlt nur der kunde der sich das traut!

    oder hey, wie wärs mit ner neuen rucksack-marke für selbstmordattentäter: MiddleEastPak… harrharr!

    *zynismus modus ende*

  13. 13
    Klaus Kinski

    Was für ein Geschwafel, dieser Text.

  14. 14
    bussi baer

    @kinski:
    recht haste mein lieber.
    voellig zerupftes gefassel mit kuechenpsychologie angereichertem bildungsbuergertumparanoia.

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