15

Nicht schön

Heute morgen, 10 Uhr, ich steige aus dem Taxi an einer großen Kreuzung. Vor meinen Augen will ein PKW unerlaubterweise links abbiegen und fährt dazu schnell auf die Hauptstraße. Ein Motorrad mit Vorfahrt kracht mit einem fiesen Geräusch in den Wagen, die Fahrerin wirbelt durch die Luft, knallt auf die Straße und bleibt regungslos liegen.

Wer so etwas schonmal beobachten musste weiß, warum von „weichen Knien“ die Rede ist. Ich zittere. Handys werden überall gezückt und sofort sind Leute bei der verletzten Fahrerin. Aus dem Wagen steigt der Fahrer und vom Beifahrersitz ein recht bekannter Berliner Politiker. Auch sie kümmern sich um die Frau, soweit man das eben als Laie tun kann. Durch eine glücklichen Zufall hält binnen weniger Sekunden ein Wagen der Feuerwehr und leistet erste Hilfe. Der Rettungswagen ist einige Minuten später am Ort, die Frau ist verletzt, aber am Leben, ihre Ausrüstung hätte kompletter nicht sein können und hat ihr hoffentlich schwere Verletzungen erspart oder gar das Leben gerettet. Ich bleibe mit einigen anderen Personen bis zum Eintreffen der Polizei (sehr viel später) am Unfallort, um mich als Zeuge zu melden. Nein, sie war nicht zu schnell, ja, er hat ihr die Vorfahrt genommen.

Ich schreibe das nicht aus Sensationslust auf. Sondern weil ich auf dem Weg zu einem kleinen Kongress war, bei dem es u.a. um die möglichen Einflüsse von Blogs, flickr etc. auf die bestehende Medienlandschaft geht.

Selbstverständlich habe ich kein Foto gemacht und selbiges mit den Worten „Politiker XY rammt Motorradfahrerin“ online gestellt.

Es wäre aber möglich gewesen. Technisch. In Sekunden. Und es wird passieren, sobald die ersten Blogs auftauchen, die der Sensationsgier der BILD ähnlich sind. Wie lange hätte es gedauert, bis jemand hätte richtig stellen können, dass XY gar nicht am Steuer saß? Wer hätte das dann noch verfolgt?

Das ging mir nur alles gerade durch den Kopf und musste raus. Auch dafür ist ein Blog gut.

Sie hat übrigens schon wieder ein bisschen gelächelt, als sie in den Rettungswagen gehievt wurde. Gute Besserung!

15 Kommentare

  1. 01

    Mir kam in Darmstadt (nicht lachen! Das Thema ist ernst!) an einer Fußgängerampel mal eine Asiatin entgegen, die dann 1 Meter vor mir umgefahren wurde. Ich weiß wie das ist, danach ging ich zur nächstbesten Blondine und hab ihr das erzählt, weil das rausmusste. Präblogtechnique. Kennich, das.

  2. 02

    Da wird mir gleich ganz anders, wenn ich diesen Artikel lese. Denn ich hoffe mal, dass es kein schlechtes Omen ist, da ich in ca. zwei Stunden losfahre um meine Überlandfahrt für den Motorradführerschein (= Fahrschule) zu absolvieren.

    Immer dran denken, liebe Autofahrer, dass an den meisten Unfällen Motorrad vs. PKW die Autofahrer schuld sind! Also bitte immer schön Schulterblick machen und bei Frage der Vorfahrt lieber zu lange als zu kurz gucken.

    Danke

  3. 03
    escii

    Ja. sowas muss raus und hoffentlichtreibt es so einige Mitmenschen zum Nachdenken beim fahren an. Bei uns gibt es z. B. offenen Strassenbahnhaltestellen und mir ist bis heute schleierhaft waum jeder BMW Piet da bei halten einer solchen an so einer Haltestelle erst nochmal richtig auf die Tue drückt…wie man an unseren Unfallstatistiken ersehen kann, liegt die Chance auch jemadnen zu treffen tatsächlich bei 1:1.

  4. 04

    die situation kenne ich zu gut. leider werden dosenfahrer (cooler moppedfahrerslang für pkw-nutzer) in der ausbildung nicht ausreichend auf moppedfahrer-aufmerksamkeit getrimmt.

  5. 05

    Alltag (leider), aber immer wieder aufwühlend :-(

    Ob’s allerdings etwas bringt, mit Pauschalem wie „Autofahrer sind meistens schuld“ zu argumentieren? Ob’s hilft, Unfälle zu vermeiden?

    Der Motorradfahrerin jedenfalls war’s (zumindest unmittelbar nach dem Unfall) höchstwahrscheinlich scheissegal!

  6. 06

    ich hätt bestimmt Fotos gemacht.. über die Verwertung hätt ich dann Zuhause nachgedacht.
    Ich hätte aber bestimmt nicht probiert jemand so link in die Pfanne zu hauen..

  7. 07

    Die Frage ist ja vor allem, was mit presserechtlichen Sachen wie der Gegendarstellung/Berichtigung passiert, wenn die Informationsquellen nicht mehr einzelne Anbieter sind, sondern irgendwie googliger.

    Soll heißen: wenn ich meine Nachrichten nicht von gewissen Blogs mir bekannter Leute beziehe, sondern nur die bekanntesten/beliebtesten/meistverlinkten Schlagzeilen mitlese, dann werde ich von der Gegendarstellung nie etwas mitbekommen.

    Bei wirklich hitzigen politischen Themen, wo es auch eine klare „andere“ Gruppe gibt, wird das wohl klappen – siehe zB BILDblog oder die „Gegendarstellung“ von lautgeben zu dem angeblichen Skandal im Spiegel. Aber was passiert mit denen, die keine große Lobby haben? Oder denen, bei denen das einfach in den Zeitgeist passt? Bei deinem Politiker hätte sich sicher keiner groß dafür eingesetzt, blindes Politikerbashen ist schließlich Mode.

    Im Endeffekt läuft das dann wohl darauf hinaus, dass es (zumindest für gewisse Gruppen) keinen Schutz mehr vor Verleumdung o.ä. gibt. Stell ich mir nicht so hübsch vor.

  8. 08

    Ist zwar nicht das gleich, aber ich habe vor kurzen mit anschauen müssen, wie sich mein Schwiegervater die Flex ins Bein gerammt hat. War auch kein schöner Anblick, aber im Krankenhaus sagten sie ihm, er wäre schon der Zweite an dem Tag. :| Daher kenn ich das Gefühl mit den weichen Knien nur zu gut.

  9. 09

    Danke, dass du kein Foto gemacht hast.

    Danke, dass du auf Medien und Blogs in dem Zusammenhang eingehst.

  10. 10
    Der Mathias

    Hmmm – hört sich erstmal gut an, dass Du schriebst:

    Selbstverständlich habe ich kein Foto gemacht und selbiges mit den Worten „Politiker XY rammt Motorradfahrerin“ online gestellt.

    Gut daran ist, dass Du diese, die Tatsachen entstellende Aussage eben nicht gemacht hast. Auf der anderen Seite frage ich mich schon, weshalb Du zwar die Information lieferst, dass der Beifahrer ein bekannter Berliner Politiker, aber nicht wer es war.

    Das Problematische daran ist, dass ich (und sicherlich viele andere) sich erstmal in folgende Richtung gelenkt sehen: XY braucht nicht benannt werden, da er ja nicht selbst für den Unfall verantwortlich ist.

    Das stimmt – und geht auch aus Deiner Schilderung deutlich hervor. Nichtsdestotrotz kommen mir aber trotzdem folgende Fragen in den Sinn:

    * War der Fahrer der berufsmäßige Fahrer von XY?

    * Wenn ja, waren Fahrer und XY unter Termindruck?

    * Wenn auch hier ja, könnte XY durch entsprechende Anweisungen an seinen Fahrer nicht doch eine Mitverantwortung am Unfall haben?

    Klar – diese Fragekette ist spekulativ und suggestiv und geht in Richtung Vorverurteilung – liegt aber in Zeiten der Politikverdrossenheit und heißem Endwahlkampf leider nahe. (Übrigens bricht diese Unterstellung natürlich mit dem ersten Nein! in der Fragekette in sich zusammen!)

    Der einzige Ausweg aus dem Dilemma zwischen (voreiliger) Generalentlastung durch Nichtnennung oder (ungerechtfertigter) Vorbelastung durch Namensnennung wäre meines Erachtens gewesen, die Rolle von XY (bekannter Berliner Politiker) ganz wegzulassen.

    Du siehst an meiner (überwollend angelegten) Argumentationskette, dass eine Prominentenbeteiligung an einem Unfall immer Brisanz beinhaltet: das journalistisch zu handhaben ist schwierig.

  11. 11

    klar ist die argumentationskette spekulativ mathias, aber durchaus berechtigt. meiner meinung nach hat das nicht vordergründig was mit prominenz oder mit politikverdrossenheit zu tun, sondern mit einer verantwortung, die eine bestimmte (politische) position mit sich bringt. und das würde einen politiker eben von einem anderen prominenten unterscheiden.
    also warum sollte keine namensnennung erfolgen?
    wenn es sich um eine reine tatsachendarstellung (ja, ich weiss, auch die ist subjektiv) handelt und keine wertung beinhaltet, müsste das doch ok sein.

  12. 12

    ich habe leider keine zeit die kommentare hier vor meinem eigenen zu lesen. nur soviel. du schreibst:

    „Das ging mir nur alles gerade durch den Kopf und musste raus. Auch dafür ist ein Blog gut.“

    klar mag sein, dass ein blog dazu gut ist. was mich an diesem satz eher erschreckt hat, ist die tatsache, dass du (wir?) schon in solchen bahnen denken! schlimm finde ich das.

    eigentlich sollten wir dann einfach nur handeln, oder zumindest „geerdet“ mitfühlen. hm, in solchen situationen werd ich immernoch etwas unruhig in bezug auf diese digitale welt. da ist mir ein taschentuch zum heulen lieber und wichtiger, als ein handy oder laptop.
    ich will mensch bleiben. :pttp

  13. 13
    mechko

    Ich bezweifle, dass der Beifahrer hier für irgendwas die Verantwortung tragen könnte. Wenn ich Auto fahre, fahre ich Auto. Und wenn ich einen Fehler mache, muss ich dafür haften, nicht mein Beifahrer, der aus welchen Gründen auch immer „rechts frei“ ruft. Und auch wenn mein Beifahrer ein Politiker wäre und ich irgendwie irgendwo auf seiner Gehaltsliste stände, würde sich nach meinem Gefühl an diesem grundsätzlichem Zusammenhang nicht viel ändern.

    Und selbst wenn mein Gefühl hier ganz falsch ist: Bevor ich bei so komplexen Sachen irgendwo Namen öffentlich ins Spiel bringe, würde ich immer abwarten, bis da jemand mit entsprechender Kompetenz und Befugnis eine Entscheidung getroffen hat. In dem Fall ist das sicherlich ein Richter.

Diesen Artikel kommentieren