22

Plan B USA-Tagebuch 1990

Ich weiß, dass dieser Eintrag für nur etwa achteinhalb Leute interessant sein dürfte, aber ich habe mich gerade über ein nettes Fundstück gefreut und what the hell, wie wir Franzosen sagen.

Immer wieder schwanken ja die Spreeblick-Inhalte zwischen Vergangenheitsbewältigung, Gegenwartsbetrachtung und Zukunftsbemühung. Hier gibt es den ersten Teil eines Textes, den ich gerade auf einer alten Diskette (!) gefunden habe und den ich 1990 auf irgendeinem Kleinstgerät getippt haben muss, als wir mit meiner damaligen Band Plan B zum ersten Mal in den USA auf Tour waren. Ein echtes „Tagebuch“ also, mit vielen Tipp- und Rechtschreibfehlern, 1:1 hierher kopiert. Bitte beim Lesen dran denken: Das ist 15 Jahre her.


Plan B USA-Tour 1990, Teil 1

Tuesday 10-7-1990————–NEW YORK—————-

Oh, Mann! Morgens um 5.30 h aufgestanden, um 8.00 h nach Frankfurt geflogen, dann um 11.00 h weiter nach New York. Wegen zuviel Gegenwind erstmal irgendwo in den USA Benzin nachgetankt, um dann mit fast 3 Stunden Verspätung doch nach NY zu fliegen… Durch das absolute Verkehrschaos erst um 19.00 New Yorker Zeit im Hotel gewesen, d.h. nach unserer Zeit um 1.00 h nachts. Lisa, unsere Tourmanagerin, scheint cool zu sein. Essen gegangen, um 22.00 h (für uns irgendwie doch eher 4.00 morgens) ims Bett gegangen. Keiner checkt schon so richtig, daß dies kein Film ist, sondern Realität. Wir sind in den USA. Morgen ist der erste Gig.

Wed 11-7-1990————Asbury Park—————

Heimatstadt von Bruce Springsteen… Sind ca. 2 Stunden hierher gefahren, die Highways teilweise 6-spurig, und alle paar Meilen muss man Gebühren zahlen. Autoland. Allerdings nur mit 55 mph (ca. 80 km/h). Fenster aufmachen ist nicht drin, die Luft wird nicht besser dadurch. Lieber Klimaanlage anschalten. Wir kommen an und das Hotel ist großartig, direkt an der Küste. Ich bin ja kein Architekturfreak, aber die Convention Hall gegenüber beeindruckt mich doch… Ebenso wie das Fax, das uns im Hotel erwartet: Der 1. Gig ist abgesagt. Hat jemand Spinal Tap gesehen? Der Veranstalter hatte Panik, da am selben Abend Faith No More und Circus of Power spielen, außerdem sollen wir am nächsten Tag in einem anderen Laden spielen, der nicht weit von hier ist, und dieser Laden scheint weit mehr Werbung gemacht zu haben… Ist egal, fängt unsere Tour eben mit ’nem Day Off an! Außerdem treffen wir in unserem Hotel Faith No More und Circus of Power (hammertätowiert), die uns auf die Gästeliste setzen. Da die heute in dem Laden spielen, in dem wir morgen sind, freuen wir uns… Hans und ich fahren nachmittags zu einem Radio-Interview, völlig klein alles, sowas habe ich noch nie gesehen, sieht aus wie ein Piratenstation. Der Sender heißt…?

Thursday 12-7-1990———–Asbury Park—————-

Immer noch… Heute also unsere Feuertaufe. Der Laden war gestern bei Faith No More knackevoll, und scheinbar sind die Leute noch müde. Ca. 100 Menschen sind gekommen, die Gunbunnies sind also auch nicht so der wahre Headliner. Aber nette Jungs, collegemäßig, ihre Musik liegt irgendwo zwischen Costello und den Smithereens, gut eingespielt, man wird von ihnen hören (vielleicht auch nicht, tausende Amibands machen dasselbe…). Wir haben total Bock zu spielen, und auch wenn es nicht gerade voll ist, kann man den Gig als Erfolg bezeichnen. War lustig, und ’ne Menge Leute wollen am Sonntag nach Beach Haven kommen, was auch in New Jersey liegt. „Schau’n mer mal…“ (Franz Beckenbauer). Morgen geht’s nach Washington DC…

Friday 13-7-90———–Washington DC————–

Wir fahren um 9.00 morgens los… Frühstück in einem Coffee Shop (der Kaffee in Amerika ist beschissen- man gewöhnt sich an Cola zum Frühstück). Rühreier mit Bratkartoffeln und Toast und Ketchup. Um 15.00 h sind wir in Washington, zwei Stunden zu spät für unsere Verabredung mit der örtlichen RCA (unser Label in den Staaten). Egal. Die Mädels von der Firma geben sich alle Mühe, uns willkomen zu heißen, aber wir sind alle etwas genervt. Hans und ich sollen noch ein paar wichtigen (?) Leuten die Hände schütteln, naja, wird erledigt, danach lassen wir uns zum Essen einladen und lassen uns ’n paar CDs von der RCA schenken. Ja, wir sind Schmarotzer, man nimmt mit, was man kriegen kann. Abends kaufen wir alle Bier (man darf in den meisten US Städten keinen Alkohol auf der Straße trinken oder zeigen (!), deswegen auch immer die Penner mit den Tüten um den Flaschen… Jaja, land of the free!) und setzen uns im Hotel vor den Fernseher um Pretty Woman zu sehen. Netter, sauberer Film, so’ne Art modernes Aschenputtel Märchen. Dann lassen wir uns per Pizza Service eine große Pizza kommen, und wenn man in Amerika groß sagt, dann bekommt man es groß. Die Pizza macht 5 Leute satt. Kein Scherz. Dafür sagt uns der Pizza Mann auf den Kopf zu, daß wir ’ne Rock’n Roll Band sind. Woran der das wohl erkannt hat? Wir überlegen, ob wir noch weggehen, vertagen das aber auf den nächsten Tag. Das Hotel liegt in Chinatown, und an jeder Ecke will jemand Dein Geld. Aber solange man aussieht wie wir, läuft man erstmal nicht Gefahr, überfallen zu werden. Hoffentlich…

Saturday 14-7-1990

Immer noch Washington DC. Tagsüber sehen wir uns das Weiße Haus an, gehen nach Downtown und kaufen ein. Ein T-Shirt, drei CDs und ’ne kurze Jeans für Hans. Levis 501 bekommt man (neu) schon für $25, also ca. DM 40. Prima!Abends in den 9:30 Club. Drei Bands spielen, erst wir, dann eine kanadische Mädchenband namens The Launderettas, und dann Big Dipper. Der Laden ist geil, es gehen ca. 350 Leute rein, als wir spielen sind so um die 200 da. Die Leute stehen nicht unbedingt Kopf, aber wir sind nur Vorgruppe, und immerhin bleiben alle und ein paar Songs werden ganz gut gefeiert (Scotty, Class of ’89). Wir treffen Deutsche aus Hamburg, Bielefeld und Mainz. Die Welt ist klein… Meine Bemerkungen zum Thema Rassismus vor ‚Run for Cover‘ rufen keinerlei Reaktion im Publikum hervor, erst hinterher kommen einzelne Leute an und reden. Naja, die Staaten sind eben doch ein Land für sich. Der Gig war gut, die Launderettas sind ganz nett, die Trash Ausgabe der Bangles, leider ein bißchen eintönig. Big Dipper mochte ich noch nie. Für mich klingen viele Ami Alternative Bands gleich. Irgendwie ohne Songs, die wirklich hängenbleiben. Wir labern noch rum, dann gehen Hans und ich noch in eine Disco namens 5th Column- der totale Ibiza Aufreißer Schuppen, wir gehen nach einem Bier… Der nächste Club heißt Hell (straight to hell, boys!) und macht zu, als wir gerade 15 Minuten da sind. In einen weiteren Laden lässt man uns nicht rein, weil wir weiß sind. Nur für Schwarze. Egal, wir quatschen vor dem Laden mit ein paar Schwarzen, alle nett, kein Streß. Für uns ist es total ungewohnt, daß es hier soviele Schwarze gibt, eigentlich fast mehr als Weiße, und daß man sich auch absichtlich abgrenzt. Die meisten Schwarzen, mit denen wir reden, interessieren sich nicht besonders für Politik, was ich nicht verstehen kann. Dafür verstehe ich, dass schwarze Mädchen die schönsten der Welt sind, aber das nur am Rande…

Sunday 15-7-1990————- Beach Haven————

Wir kommen an in dieser kleinen Strandstadt in New Jersey und wissen, was USA bedeutet: Dies ist die typische amerikanische Spielzeugstadt, alles in Pastellfarben, riesige Straßen, nur braungebrannte (verbrannte?) Surfer und Surferinnen. Am Strand der Laden, in dem wir spielen (The Tide- was sonst…?), direkt gegenüber eine ellenlange Wasserrutschanlage, für die wir natürlich mal wieder keine Zeit haben… Dieser Gig wieder zusammen mit den Gunbunnies. Soundcheck läuft gut, danach kommt ein Ami zu mir, der mir erzählt, daß er unser Album kennt und extra zum Soundcheck gekommen ist, weil er beim Gig nicht da sein kann und um uns zu sagen, daß wir uns von dem Laden und den Leuten nicht abturnen lassen sollen. Nachdem wir den Nachmittag mit Hotel Check In und einer Bootsfahrt verbracht haben, stellen wir bei der Rückkehr in den Laden fest, warum uns der gute Mann warnen wollte: Die Amis nennen es ‚Meat Market‘, wir nennen es ‚Aufreißerschuppen’… Nur Bodybuilder und die entsprechenden Gegenstücke. Ich will nicht gemein sein, Jedem das Seine, live and let live, aber das hat einfach mit uns nichts zu tun! Eben noch tanzen einige der ca. 400 Anwesenden zu den Pet Shop Boys, und dann wir… Marcel macht extra laut, wir versuchen mit Würde unseren Set zu spielen und kriegen einige Sympathien, und als dann sogar einige Pärchen (!) anfangen, auf der Tanzfläche zu tanzen, frage ich mich, wo ich hier eigentlich bin! Definitv kein Rock’n Roll (außer auf der Bühne). Trotzdem kommen ein paar Leute nach der Show zu uns und wollen uns mal die Hand schütteln (nice to meet you- great show…). Was soll’s, wenn auch nur zehn Leute da waren, denen es gefallen hat, hat’s sich schon gelohnt. Zurück im Hotel (bzw. Motel) sitzen wir mit der Crew noch bei einem gemütlichen Bier auf der Veranda, als sich plötzlich zwei junge Ami-Pärchen aus einem anderen Zimmer zu uns gesellen und uns im Laufe eines Gespräches, daß uns alle an dem IQ einiger Amerikaner zweifeln läßt, erklären wollen, daß ‚PIZZA‘ und ‚SPAGHETTI‘ nicht nur amerikanische Wörter, sondern auch amerikanische Erfindungen sind… Mama mia! Ab in die Heia!

Monday 16-7-1990———–New York——————

Kaum Zeit, uns die Stadt anzusehen, da wir einige Meetings mit der RCA haben (it’s a dirty job…). Diese Stadt ist Wahnsinn! Alles ist streßig, hektisch, stinkend, viel zu groß und einfach großartig. Ich meine, Berlin ist verrückt und wild, aber NY schlägt alles. Geil. Abends sehen wir uns im Rahmen des New Music Seminars im Limelight Club den ‚German Evening‘ an. Es spielen Pink Cream 69, Rausch und die Toten Hosen. Es sind nicht viele Leute da, vielleicht 200, in den Laden gehen bestimmt 2000, und die meisten sind aus Deutschland. Wir treffen massig Bekannte aus Berlin und es wird ein netter Abend. Pink Cream sind ätzend, unterdurchschnitticher Hardrock mit einem Sänger, der nur zu gerne bei den Scorpions wäre (arr juu fieling olreit?). Rausch sind wild und sehr nervös, bißchen viel Kunst für meinen Geschmack. Die Hosen sind ebenfalls sehr nervös, ich bekomme den Eindruck, daß es Ihnen ein wenig peinlich ist, daß so viele Deutsche da sind, sie wollten die Aktion wahrscheinlich lieber ‚geheim‘ halten, was ich nicht verstehe. Sollen sie’s doch in den Staaten versuchen, macht doch Spaß… Sie gleichen alles durch viel Punkrock aus und ich kann endlich mal wieder die Hosen in Ruhe sehen. Ich treffe noch den Sänger von Mano Negra, die gestern gespielt haben und dann geht’s ab ins Hotel (nachdem wir dem Cabdriver den Weg erklärt haben).

Hier geht’s zum zweiten Teil

22 Kommentare

  1. 01
    stefanx

    geil! mehr davon! durchsuch mal noch die anderen alten disketten!

  2. 02

    Ja, kann ich nur bestätigen. Mehr davon!!!

  3. 03
    Lakitu

    O mein Gott, bitte mehr davon! ‚Arr juu fieling olreit?‘, köstlich!

    Ich hätte auch noch einen C64 mit 5 1/4″-Laufwerk anzubieten, falls nötig…

  4. 04
    Matthias

    Ich finde Rechtschreibfehler machen die Sache erst authentisch.

  5. 05

    „žHans und ich sollen noch ein paar wichtigen (?) Leuten die Hände schütteln

    „žKaum Zeit, uns die Stadt anzusehen, da wir einige Meetings mit der RCA haben (it“™s a handdirty job“¦).

  6. 06

    Scheisse schon wieder die Pointe versaut“¦

    dirty handjob“¦

  7. 07
    tanja

    Tu ma Fotos bei.
    Von Faith No More oder so…

  8. 08

    Das hat richtig Spaß gemacht, ich bin auch für „Mehr davon!“

  9. 09
    stffn

    Gibt’s da auch ein paar Bilder oder Filmmaterial dazu?
    Ich muss mich auch anschließen, sehr lesenswert.
    Am „Wed 11-7-1990“ bin ich 21 geworden, das ist wirklich verdammt lang her. Neun Monate vorher habe ich von meinem ersten Westgeld „The Greenhouse Effect“ gekauft.

  10. 10

    Hey, sehr spitze!

    Ach ja, Döner und Bier sind sicher auch amerikanische Erfindungen

  11. 11

    Mist. Ich war tatsächlich schon ab dem Punkt leicht (na gut: ziemlich) neidisch, als ihr von Faith No More auf eine Gästeliste gesetzt wurdet.

    Und ich konnte mich bisher nur einmal bei Mike Patton bedanken… *schnief*

  12. 12
    Gunnar

    Auch wenn es nur elfeinhalb Leute interessiert, immer her damit. :o)

  13. 13

    He he he,

    sehr schön! – Übrigens Pink Slip 69 gibt wohl immernoch, auf jedenfall hängen hier immer so selbstgebastelte Plakate von denen rum… Wir proben wohl über ihnen (und dann auch noch mit den ehemaligen Rausch Jungs zusammen im selben Raum, ich find das jetzt witzig :-)

    J

  14. 14

    Bilder wären nicht schlecht. Videos noch besser. Kann es sein, dass ich da noch etwas, was im letzten November schon mal von Dir angekündigt wurde, vermisse? ;-)
    Oder hab ich wieder mal was übersehen??

  15. 15
    Lord of Karma

    Ich liebe es! Mehr davon mit (wenn möglich) Bildern..

  16. 16

    Von was davon würdest du dich denn heute distanzieren? (Da die Betonung so auf dem 15-Jahre-her liegt)

  17. 17

    Els, distanzieren würde ich mich von keinem Teil.

  18. 18
    Katharina

    Dann schreib ich doch noch das, was ich gestern schon dachte: Mutig ist, wer zugibt, dass er „Pretty Woman“ nett fand! ;-) Nett!

  19. 19

    Rausch! Hahaha :)
    Ich les jetzt erst mal Teil 2 und hoffe, es gibt noch viele Teile…

  20. 20
    andreas

    Toll.
    Habe irgendwo noch so einen braunen Umschlag mit vielen alten Plan B Fanzines und Autogrammkarten und so…muss ich mal suchen.
    Das ist echt lange her – ich erinnere mich an Konzerte in der Traumfabrik in Kiel und in Marne und ein Video, dass wir mal für das Plan B Homevideo „This is not a Movie“ gemacht haben…

    Großartig :-)))

    Viele Grüße,
    Andreas

  21. 21
    morellone

    der sänger von manu negra!? ein freund von mir hat mal gesagt ‚für manu chao mal live zu sehen würd ich 500 km weit fahren …‘ man wär ich auch gern rock’n’roller!

Diesen Artikel kommentieren