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Plan B USA-Tagebuch 1990, Teil 2

Weiter geht’s: 15 Jahre alte Notizen von der ersten Plan B-Tour durch „die Staaten“. Der erste Teil ist hier.

Tuesday 17-7-1990———–NY————————

Eigentlich wollte ich mir morgens ein bißchen die Stadt ansehen, weil es mich zu Tode ärgert, daß ich zwei Tage in NY bin und nichts mitkriege. So auch heute. Mittags zur RCA, dort ist ein Treffen aller der Leute, die für die RCA im Alternativbereich zuständig sind. Wir unterhalten uns und spielen einen kurzen Akustik Set (More, Movie und New England von Billy Bragg). They love it! Danach geht’s zum Palladium, vorher etwas Essen, und einiger Streß mit dem Gig wird langsam aus dem Weg geräumt. Wir spielen mit Peter Murphy und House of Love zusammen und keine der Bands will uns das Mischpult überlassen. Platz auf der Bühne ist auch keiner und Licht gibt’s genug aber nicht für uns. Immer dieselbe Scheiße, wenn man als Vorgruppe spielt. Aber egal, wir sortieren alles aus und als wir anfangen sind ca. 2000 Leute in der Halle. Das Palladium ist der Ort, an dem auch Club MTV gedreht wird, riesengroß, drei Etagen, und damit jeder sehen kann gibt es überall Videowände, auf denen das Konzert übertragen wird. Wir sind ziemlich nervös, denn das Publikum ist logischerweise auf völlig andere Musik eingestellt, ich glaube, wir sind denen zu positiv. Trotzdem werden die Songs mit ‚Wohlwollen‘ empfangen und als Patsy und ich uns beim HipHop Part von Class of ’89 ins Publikum stürzen (Patsy wird sein Kopftuch geklaut, ich verliere mein Souvenir aus London- meine Dog Tags…) kommt Begeisterung auf. Unsere Tourmanagerin und der Promoter des Konzerts fallen fast in Ohnmacht, denn sie meinen, es wäre zu gefährlich gewesen, sowas in NY zu machen, zu viele Verrückte. Mir egal, wir sind ja selber nicht ganz dicht… Zumindest hat es den Gig gerettet. Ich bin trotzdem nicht ganz zufrieden, aber als ich mir abends das Konzert nochmal auf Video ansehe (wir zeichnen die großen Gigs auf), denke ich, daß wir unser Bestes gegeben haben. Bißchen zu aufgeregt gewesen… Nach dem Gig kommen tausend Leute auf uns zu (unter anderem eine völlig verrückte Frau, die mir gerne ihren Whirlpool zeigen möchte- wer’s glaubt wird seelig- und dann doch feststellt, daß sie Hans liebt… wir lassen sie stehen- ehrlich!). Hans hat die Adresse von irgendeiner ominösen Dachparty. Wir gehen hin und es ist schon fast keiner mehr da, aber egal, wir befinden uns auf dem Dach eines Gebäudes, das 22 Stockwerke hat, und sowas habe ich noch nicht gesehen: Skyline NY mitten in der Nacht! Völlig geil.

Wednesday 18-7-1990———On the Road—————–

Auch heute kein Shopping oder Sightseeing. Wir müssen nach DETROIT, das sind 720 Meilen, also ca. 1100 Kilometer, und auf den Highways ist die Höchstgeschwindigkeit 80 km/h. Eigentlich wollten wir in zwei Tagen fahren, aber wir halten durch und sind nach 14 Stunden da. Die Highways sind durch die Geschwindigkeitsbegrenzung sehr angenehm, alle fahren ungefähr gleich schnell, keine Raser auf der linken Spur, kein Fernlicht und Linksblinken.

19-7-1990———-Detroit/ Royal Oak——–

Royal Oak ist ein Randbezirk von Detroit. Früher war Detroit mal die wichtigste Autohersteller Stadt der USA, aber nachdem viele Firmen geschlossen wurden oder umzogen, gab es hohe Arbeitslosigkeit. Außerdem ist Detroit auch College Stadt, also viele Studenten. Dadurch, daß wir gestern durchgefahren sind, haben wir Zeit, ein bißchen durch Royal Oak zu wandern. Ich kaufe mir eingefärbte kurze Bundeswehrhosen (made in Germany…), weil Jeans einfach zu warm sind und ich mich noch nicht an diese Hawaishorts gewöhnen kann… Außerdem lasse ich mir neue Dog Tags machen. Diesmal steht natürlich ‚PLAN B U.S. TOUR 1990‘ drauf.Der Club, in dem wir spielen werden heißt 3-D und sieht aus wie diese kleinen amerikanischen Bars, die man aus den Columbo Filmen kennt. Heute haben wir eine Vorgruppe namens The Civilians, die alle total nett sind, aber leider eine grausame Funkrock- Mucke machen, überhaupt nicht cool. Nachmittags treffen wir schon einige Leute, die davon überzeugt sind, daß es total voll wird, was leider nicht stimmt. Zum Glück ist der Laden nicht groß, wir versuchen trotzdem Spaß zu haben, und ich glaube, den Leuten hat’s gefallen. Trotzdem hoffe ich, daß der Rest der Tour besser besucht sein wird, denn es ist superanstrengend, wenn es leer ist und es zwar allen gefällt, aber keiner aus sich raus geht, weil eben keine Anonymität besteht. Naja, bei den letzten drei, vier Songs tanzen dann doch ein paar Leute.Das Unglück passiert dann beim Einladen: Lummi (unser Gitarren Techniker) hüpft leichtfüßig aus dem Van und knickt um, sein linker Fuß schwillt an wie ein Wasserballon. Scheiße. Wir überlegen, ob wir ihn sofort ins Krankenhaus bringen, entscheiden uns aber für Erste Hilfe im Hotel und werden abwarten, wie der Fuß morgen aussieht. Morgen geht’s nach Wahington, alle meinen, daß der Club genial ist und immer voll und überhaupt. Abwarten…

Friday 20-7-1990———-Chicago——————-

Lummi’s Fuß sieht nicht gut aus, wir stehen um 9.00 h auf und Lisa un Hans fahren mit ihm ins Krankenhaus. Die anderen räumen den Kram zusammen und bleiben abfahrbereit, denn nach Chicago sind’s immerhin 4-5 h Fahrt. Um 10.30 kommen die drei aus dem Hospital zurück, Lummi mit Verband und Krücken- höchstwahrscheinlich Bänderriss! Armer Kerl, wir werden abwarten, ob es in den nächsten Tagen besser wird, denn ansonsten müßte er wahrscheinlich nach Hause fahren. Zum Glück haben wir für alle eine Auslandskrankenversicherung abgeschlossen, trotzdem muss man erstmal bezahlen und bekommt das Geld in Deutschland zurück (hoffentlich). Die Behandlung (Verband und Röntgen) kostet $180, die Krücken sind mit $18 echt geschenkt und sehen aus, als wären sie von Ikea (Naturholz)…Ab geht’s nach Chicago!

20-7-1990———–Chicago——————–

Alle haben uns erzählt, daß Chicago ’ne coole Stadt ist, und es geht uns langsam etwas auf die Nerven, daß wir einfach nichts zu sehen bekommen, weil die Zeit fehlt… Aber so ist das nun mal! Die Skyline von Chicago ist jedenfalls sehr beeindruckend, ähnlich wie die von New York. Außerdem ist Chicago wohl auch ganz gangstermäßig immer noch eine relativ gefährliche Stadt. Die Portiersfrau im Hotel rät uns, das Equipment auf keinen Fall im Wagen zu lassen, da selbst der Hotelparkplatz nicht sicher ist.Der Gig heute findet mit Urban Dance Squad statt, einer ziemlich angesagten Rap/ Crossover Band aus Holland. Die Jungs führen sich ein bißchen starmäßig auf, aber es wird schon… Die Halle (Cabaret Metro) ist genial, große Bühne, und als wir auf die Bühne gehen sind bereits ca. 800 Leute da. Am Anfang das übliche Abwarten- was machen die Jungs denn- aber schon nach 4 Songs haben wir sie und es wird der meiner Meinung nach beste Gig bisher. Ich bin zufrieden! Nach dem Set sehen wir uns UDS an und lassen uns dann nach einem Interview auf eine nette Party mitschleppen. Am nächsten Tag müssen wir weiter nach Madison, also wieder keine Chance, etwas von der Stadt zu sehen. Mist!

21-7-1990————Madison—————–

Na prima, der Tag fängt damit an, daß ich extra um 8.00 h aufstehe, um ein Telefoninterview zu machen. Leider ist der Typ nicht da… ER hat verpennt! Wir fahren los, und nach einer Stunde Fahrt bricht der Backline Wagen zusammen (wir sind mit 2 Vans unterwegs). Klasse. Zum Glück ist unsere Crew und Fritz bewandert genug, um den Schaden (ein verrostetes Kabel, das durchgebrochen ist) zu finden und zu beheben. Weiter geht’s. Durch ein paar Fahrfehler kommen wir zwar knapp aber immer noch rechtzeitig in Madison an. Madison ist Studentenstadt und wir machen ein Radio Interview für eine Collegestation.

Es ist unglaublich, auf welchem teilweise tollen aber auch teilweise stümperhaften Level hier Radio gemacht wird (ist das Mikro jetzt auf? Ach so, was will ich denn eigentlich fragen… naja, jetzt fällt mir nichts ein…). Trotzdem sehr lustig und interessant. Soundcheck ist witzig, der Laden ist klein und hat eine beschissene Anlage, aber sieht nach einem guten Platz für Rock’n Roll aus (O’Cayz Corral). Vor zwei Jahren haben hier mal Living Color vor 100 Leuten gespielt. Die Vorgruppe heißt Mind over Four, die haben auch schon mal in Berlin gespielt und machen Hardcore der guten und verrückten Sorte. Das einzige Problem ist, daß heute abend ein Freikonzert stattfindet u.a. mit Mitgliedern von den Bad Brains… Tja, so spielen also MO4 und auch wir vor ca. 10 Leuten, die nicht mal Interesse zeigen. Anstrengend und nervig, zum Zeitpunkt, an dem ich das hier schreibe, bin ich total Scheiße drauf. Das schwitzt man sich dumm und dämlich und schreit sich die Seele aus dem Leib, und dann ist alles irgendwie umsonst. 1.5 h ausladen und aufbauen für die Crew, halbe Stunde Soundcheck, 3-4 h ‚rumhängen für alle, kurz ‚was essen, 1 h spielen, 1.5 h abbauen und einladen, um 3.00 morgens zu Hause, morgens wieder in den Van, auf die Autobahn, und wieder von vorne. Das kann ganz schön abturnen…

Zweifelhafter Höhepunkt des Abends war wohl die Tatsache, daß direkt neben dem Club ein deutsches Restaurant namens ‚Essen Haus'(!) ist. Da gehen wir natürlich hin und essen auch gut, trotzdem ist es uns doch etwas peinlich, aus Deutschland zu kommen: Bayern Einrichtung, eine Band, die mit amerikanischem Akzent deutsche Lieder singt (In München…/ eins zwei gsuffa) und alle laufen im Dirndl oder in Lederhosen ‚rum. So wird Deutschland im Ausland dargestellt… Naja, vielleicht stimmt’s ja auch irgendwie. Der Gig war jedenfalls Scheiße, das allererste Mal, daß ich echt schlecht draufkomme. Egal, morgen ist ein neuer Tag und wir fahren nach Minneapolis, ich hoffe, da wird’s besser….

Hier geht’s zum dritten Teil

4 Kommentare

  1. 01

    danke johnny, das erinnert doch an dancing propaganda zeiten ;)

  2. 02
    Katharina

    Es macht wirklich Spaß, das zu lesen Johnny. Bitte bald mehr!

  3. 03

    Hihi – euer damals bemitleidenswerter Gitarrentechniker heisst wie unser Drummer (allerdings hat eurer ein „m“ mehr).

    Ich schliesse mich an und fordere: mehr! :)

  4. 04

    Ja, bloß nicht aufhören mit den Tagebüchern. Wirklich herrlich :)

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