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Plan B USA-Tagebuch 1990, Teil 3

Nach dem ersten und zweiten Teil der 15 Jahre alten, wiedergefundenen Tourtagebücher folgt hier das dritte und leider letzte Fundstück…

22-7-1990———–Minneapolis————–

Die Fahrt ist nicht allzu lang. Aber der Backline Van macht Probleme. Irgendwie ist die Karre zu alt, zwar billig, aber eben nicht 100% in Ordnung. Der Laden in Minneapolis ist eine Art Musikcafe, aber cool, nette kleine Bühne. Wir haben eine Vorgruppe namens 3 Car Garage, die mir merkwürdigen Kostümen und Schminke auf die Bühne gehen und sehr trashig sind. Der Laden ist ganz gut gefüllt, die Promotion lief diesmal besser, kleine Ankündigungen sind in den lokalen Blättern und im SPIN (amerikanische Zeitung, ca. Musik Express, aber besser) entdecken wir sogar eine richtige Anzeige. Immerhin! Der Gig läuft prima und wir kriegen die Leute sogar zum Stagediven, nachdem wir’s vorgemacht haben… Zum Glück fängt mich Jogi auf! Nach dem Gig hören wir noch etwas von einer Party, die ir dann aber nicht finden. Diese Käffer, wo um 1.00 h mit allem Schluß ist, nerven irgendwie. Bekloppte Gesetze, ebenso wie die Altersbeschränkung, daß man erst ab 21 Jahren in Läden darf, in denen es Alkohol gibt. Wir haben einfach keine Kids auf den Konzerten! Die Amis haben ’ne Menge Probleme mit ihrer Freiheit, Abtreibungen sollen völlig verboten werden, Texte sollen zensiert werden, die Altersgrenze für Alkohol, usw. Alle haben sie die Panik vor dem bösen Kommunismus (ohne zu wissen, was das eigentlich ist), denn der nimmt ihnen ja ihre Freiheit weg, und dabei merken die meisten Leute nicht, daß ihnen ihre Freiheit von der eigenen Regierung längst abgegraben wird… Auf meine entsprechenden Ansagen reagieren nur wenige im Publikum, irgendwie stehen sie da nicht drauf (oder wir spielen vor falschem Publikum).

23-7 bis 26-7-1990——-Fahrt nach Seattle————

Bevor ich’s vergesse: Die ganze Tour über warten wir schon auf unsere Tour T-Shirts, sie hätten schon dreissig Mal eintreffen müssen, wahrscheinlich bekommen wir sie in Dallas (Tourende)!Eigentlich wollten wir gleich morgens losfahren, denn wir haben 1600 Meilen vor uns nach Seattle (ca. 2500 km), aber der eine Wagen hat endgültig seinen Geist aufgegeben. Wir warten auf einen Mechaniker, und das gibt uns wenigstens ein paar Stunden Zeit, uns Minnepolis anzusehen. Schönes, kleines, sauberes Fleckchen Erde… nett! In einem Gitarrenladen entdecken wir ’ne gebrauchte schwarze Gibson Les Paul mit Koffer für $500, die wir für dieses Geld natürlich mitnehmen (meine weiße Les Paul war auch gebraucht und hat mich das dreifache gekostet). Es gibt ’ne Menge Sachen, die man hier in den Staaten billig einkaufen kann, z.B. auch den ganzen Elektronikkram.Naja, um 15.30 h geht’s dann jedenfalls los Richtung Seattle. Durch eine geschickte Schlaf-/Fahr- Strategie und durch genügend Fahrer beschliessen wir, durchzufahren und sind nach 32 Stunden in Seattle. Geile Skyline. Verrücktes Autobahnnetz. Und Zeit für uns, da wir ja erst am 26-7 spielen…Der Club (Central Tavern) sieht cool aus, ’ne Menge Bands waren schon hier und wir freuen uns auf den Gig, denn die Promo lief scheinbar auch ganz gut. Heute ist die Vorgruppe Mad Mad Nomad, die eine Art Hippie/Folk/Funk/Rock Gemisch fabrizieren, das nicht so schlimm ist, wie das jetzt vielleicht klingt. Leider ist der Laden nicht gerade vollgepackt (ca. 100 Leute), aber dafür treffen wir mal wieder jemanden aus Deutschland (Hallo, Nils!) und machen ’nen guten Gig. Morgen soll’s nach Kanada gehen.

Fri 27-7-90———-Vancouver, Canada…?——-

Na prima! Bei dem Versuch, die Grenze nach Kanada zu passieren, machen uns die Behörden klar, daß wir spezielle Arbeitsvisa brauchen, die wir nicht haben. Abzuholen sind diese in Seattle, wo wir gerade herkommen… drei Stunden Fahrt. Da hilft kein Jammern, die wollen uns nicht reinlassen. Leider müssen wir aber nach Kanada, um noch fehlende Visa für die USA abzuholen (verstehe einer die Bürokratie). Wir bekommen eine Aufenthaltsgenehmigung für 6 Stunden, die wir im Konsulat verbringen, und müssen die Gigs in Vancouver heute und morgen absagen… Bullshit! Unsere Laune ist auf dem Nullpunkt.

Mo /Tue 30/31-7-90———-San Franciso—————

Nach einigen nicht geplanten, erholsamen aber auch langweiligen Tagen in Seattle sind wir jetzt in den Straßen von San Francisco, die für meinen Geschmack schönste Stadt bisher. Voller Hippies macht Frisco einen sehr friedfertigen und ziemlich europäischen Eindruck. Autofahren kommt einer Achterbahn nahe und irgendwie möchte man es nicht glauben, daß diese Gegend Erdbeben erlebt hat. Aber man kann es stellenweise sehen. Die DNA Lounge, unser Auftrittsort, ist einer der coolsten Läden, die wir bisher gesehen haben. Ca. 300 Leute sind gekommen, teilweise aus Neugier, teilweise, weil sie schon von uns gehört haben. Wir treffen mindestens 10 Bekannte aus Berlin, die uns kräftig unterstützen und die Amis mitziehen. Es wird einer der besten Gigs bisher inkl. Zugaben. Schöne Stadt, erfolgreiches Konzert. Die Laune hebt sich wieder. Außerdem das beste Hotel bisher, eine Art Garten mit Pool und Vogelgezwitscher mitten in der Stadt. Als die Vögel abends anfangen, wie Frösche zu quacken, wird uns bewußt, daß Vögel als auch Frösche vom Band eingespielt werden… die spinnen, die Amis!

Thu 02-08-90———-Santa Cruz—————–

Kalifornien bringt’s irgendwie. Ich frage mich, ob das nicht das wahre Leben ist: Gutes Wetter, Skateboardfahren, Fahrradfahren (in Kalifornien sieht man im Gegensatz zur Ostküste viele Fahrräder), nette Atmosphäre, Strände etc… Getrübt wird das alles im Moment nur durch die Krise in Kuweit, keiner will glauben, daß die Iraker da einfach reinmarschieren, und wir hoffen, daß die Amis keinen Mist machen. Es wird diskutiert. Typisch- erst verkaufen alle Westmächte (USA, Deutschland, Frankreich) ihre Waffen an den Irak und machen die fette Kohle, und dann wundern sie sich, wenn diese Waffen eingesetzt werden. Tja, jetzt haben wir den Salat. Ich persönlich halte den Irak für verrückt genug, die vorhandenen Atomwaffen im Falle einer Einmischung der Westmächte anzuwenden. Es gibt Kulturen, in denen es eine Ehre ist, für sein Land zu sterben… Ein flaues Gefühl, wenn man dran denkt. Der Gig in Santa Cruz wird wider Erwarten sehr gut. Wir hatten beim Anblick des doch eher gesitteten Publikums im Catalyst einige Befürchtungen, aber man sagt ja: Don’t judge a book by its cover. Wir können uns immer noch nicht daran gewöhnen, daß in total wenigen Läden Leute unter 21 Jahren zugelassen sind. Bescheuert. Und um 2.00 h ist natürlich überall Feierabend. Bürgersteige hoch!Ach ja, ich entgehe durch viel Diskussion und durch meinen Touristenstatus einer 100 Dollar Strafe wegen unerlaubten Skateboardfahrens auf dem Bürgersteig von Santa Cruz. Die spinnen…

Fri 03-08-90————-Chico——————–

Chico ist ein liebes kalifornisches Städtchen und unser Auftrittsort Burro Room ist der Treffpunkt der Kids. Man darf hier immerhin schon ab 18 rein und die Türsteher scheinen nicht ganz so streng zu sein. Ein guter Auftritt auf der kleinsten Bühne bisher. Man merkt sofort, daß diesmal zumindest auch etwas jüngere Leute anwesend sind, die Stimmung ist nicht so ‚erwachsen‘ und abwartend. Nach dem Gig gehen wir alle in einem Freibad im Wald schwimmen, was natürlich auch verboten ist. Da wir zu allem Übel auch noch Bier mithatten, dauert es nicht lange, bis wir die Polizei am Hals haben, und das Feld räumen müssen. Ein paar Kids laden uns noch auf eine Party ein. Nettes Haus (wie aus einem Spielberg Film) und nette Leute, die zum größten Teil schon etwas über den Durst getrunken haben, lassen den Abend gemütlich ausklingen. Ein Mädchen (17 Jahre) erzählt mir, daß sie in der Schule mit Acid erwischt worden ist und deshalb bei Schulbeginn (im Moment sind Ferien) für zwei Monate ins Gefängnis geht. Zwei neue Erkenntnisse gewonnen:

1. Die Gesetze hier sind hart.
2. ….

———San Luis Obispo————–

Wir sind schon einen Tag früher in der Stadt und sehen uns schon mal den Laden an (DK’s). S.L.O. ist ’ne kleine nette Stadt in Kalifornien, und der Laden ist angeblich der einzige, in dem man überhaupt spielen kann. Kommt leider ein bißchen ‚rüber wie Joe am Ku’damm, aber was soll’s… Irgendetwas stimmt aber nicht, irgendwas ist anders in dem Laden. Da fällt’s mir auf: Es raucht kein Mensch! Ein Club ohne verrauchte Luft! Von dem Besitzer erfahren wir, daß vor drei Tagen ein Gesetz in SLO erlassen wurde, das jegliches Rauchen in der gesamten Stadt (mit Ausnahme von den eigenen vier Wänden und der Straße) verbietet. Die spinnen… Auf der Bühne erzählen wir später, daß wir wahre Rebellen sind und demnächst T-Shirts drucken lassen werden, auf denen stehen soll: ‚Wir sind in Santa Cruz Skateboard gefahren und haben in SLO Zigaretten geraucht!‘. Der Gag kommt an. öberhaupt haben wir in SLO ein paar echte Fans, denn die lokale Collegestation spielt die LP hoch und runter und so kommen immerhin um die 200 Leute, von denen ca. 50 die Songs ganz gut kennen. Am Nachmittag waren wir außerdem zum Interview bei der Station, und beim Rückweg lege ich mich dermaßen mit meinem Skateboard auf die Fresse, daß mein ganzer Rücken, mein rechter Ellenbogen, mein Knie und meine Hüfte aufgehauen sind. Halb so wild, ich fühl’mich wie ein kleiner Junge (mit dem Unterschied, daß kleine Jungs besser skaten als ich). Der nächste Tag wird zum Ausruhen und durch die Stadt wandern genutzt, Patsy ersteht ein Strandball Spiel und ich kaufe mir ein neues Skateboard, da wesentlich billiger als zu Hause…außerdem lag mein Sturz natürlich definitv an dem falschen Board…

Tue 07-08-90———Santa Barbara—————

(Hier enden die Einträge leider…)

16 Kommentare

  1. 01

    Hee, du kannst uns doch nicht einfach 2. vorenthalten!

  2. 02
    Lord of Karma

    Tja – der Irak mit Atomwaffen. Daran glaubt keiner mehr….

    Mittlerweile sind ja die Amis (brainwashed) die Bösen..

    Wiedermal ein dickes DANKE für die netten Minuten in der Vergangenheit!

  3. 03

    Wie kommt man denn überhaupt in die USA rein, wenn man schon mal auf Amazon sich die falschen Bücher angesehen hat?

  4. 04

    Macht immer wieder Spass von vergangenen Plan B Tagen zu lesen (war selbst Fan und zog mir das ein oder andere Konzert rein.. ). Was machen eigentlich die anderen zur Zeit, irgendwie konnte ich im Netz nichts finden…

  5. 05
    Lakitu

    Wow, ich kann gar nicht glauben, daß ich genau Ende Juli 1990 in Seattle war, aber leider hatte ich zu viel bei einer kleinen Firma in Redmond zu tun.

    Zu schade, Plan B hätte ich mir echt gerne angetan.

    Außerdem wüsste ich auch gerne, was 2. war. Wenn es das ist, woran ich denke, wärst Du ungefähr jetzt wieder aus dem Knast raus…

  6. 06

    Das 2. stand genau so in der Datei, keine Ahnung mehr, was ich meinte. Dürfte aber eher unspektakulär gewesen sein.

  7. 07
    Meck

    Lasst mich mal vermuten:

    1. Die Gesetze sind hart.
    2. Die spinnen, die Amis…

  8. 08
    Gunnar

    Johnny, spinnen die Amis eigentlich? :o) Sehr schön.

  9. 09

    Die Gotarre hätte ich auch SOFORT genommen!

  10. 10

    Gunnar, jaja… wie gesagt… 1:1 copy-paste… ich war schon sehr beeindruckt, wie man merkt. :)

  11. 11
    Gunnar

    Völlig zu Recht, Johnny, die Staaten sind beeindruckend. Ich war letztes Jahr das erste Mal dort (in Seattle) und habe mit vielen Leuten gesprochen. Ein irgendwie vertraut scheinendes westliches Land, das dann doch ganz anders ist als z.B. Deutschland, und Berlin im Besonderen. Ich sage nur Busfahrer. ;o)

  12. 12

    Und jetzt mal was völlig anderes: Wann kommt denn eigentlich die defCom Story Teil2?

  13. 13

    Habe ich derzeit keine Lust zu, zu viel Vergangenheit ist nicht immer spaßig. Kommt aber!

  14. 14

    Wobei mir ja spontan einfällt, das die DNA Lounge mittlerweile von einem ex-Netscape-Menschen geleitet wird. *hüstel*

    Der hat übrigens auch ein blog:
    http://www.livejournal.com/users/jwz/
    und er schreibt über den Club auf der offiziellen DNA-Lounge-Seite:
    http://www.dnalounge.com/
    und (um jetzt den Bogen zum Spreeblick irgendwie zu kriegen: er ist seit ein paar Monaten Mac-User.
    http://jwz.livejournal.com/494040.html

  15. 15
    Karen

    Ooochhh.. schon alle? Verdammt!

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