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Die Mauer fällt noch dieses Jahr (2)

I live by the river!

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Der folgende Text und 14 weitere Kracher der Unterhaltungsliteratur befinden sich in dem eBook „I live by the river!“, das man hier für lächerliche € 0,99 kaufen kann und auch soll! Infos dazu gibt es auch hier.
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Hier ist der erste Teil

Nachdem alle Bananenwitze gemacht und alle beidseitigen Klischees und Vorurteile bestätigt und widerlegt waren, kamen Fragen auf. Beantwortet wurden die meisten davon mit einem Hundertmarkschein, einem Geschenk des Westens an den Osten: Begrüßungsgeld.

Unfassbare Szenen spielten sich ab und es schien unmöglich zu entscheiden, wer einem peinlicher sein sollte: die Ostler, die sich vor Sparkassen um die Hunderter prügelten oder die Westler, die grinsend der Verteilung beiwohnten wie Triebtäter, die Bonbons an kleine Kinder verteilten.

Als Westler entschied ich mich für Letzteres und schämte ich mich in Grund und Boden für unseren offenbar geglückten Versuch, den Osten schlicht und einfach zu kaufen. Konnte man die Gier nach der Westwährung noch entschuldigen und verstehen, gab es für die hässliche Fratze des Kapitalismus keine Entschuldigung, denn sie hatte die Verteilung bewusst mediengerecht inszeniert und damit den Osten nicht zum letzten Mal vorgeführt.

An der Kasse eines Drogeriemarktes, ein nervöser älterer Mann steht hinter mir in der Schlange, in der einen Hand ein frischer Hundertmarkschein von der Sparkasse nebenan, in der anderen eine Familienpackung „4711“-Erfrischungstücher. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der Erfrischungstücher gekauft hat. Ich ringe mit mir, überlege ihm Konsumtipps zu geben, zu einer besseren Anlage der frischen Note zu raten. Ich schaue auf die Ware in meinen Händen und lasse es sein. Was hätte ich ihm auch raten sollen? „Kaufen Sie doch lieber diese von mir aus 300 verschiedenen Modellen ausgewählte Zahnbürste mit Schwingkopf und Anti-Rutsch-Belag“? Wenn Erfrischungstücher für ihn ein Stück vermissten Luxus versinnbildlichten, waren sie so gut wie jede andere West-Ware. Und günstiger als vieles andere.

In den kommenden Jahren ging es nicht mehr um Erfrischungstücher, sondern an die Arbeit. Neben der Band verdiente ich mein Geld mit dem Moderieren bei RADIO4U, dem Jugendsender des SFB, einem Vorbildprojekt der deutschen Radiolandschaft. Zwei Jugendsender braucht kein Mensch, meinte der Einigungsvertrag und sah die Fusion von RADIO4U mit Rockradio B, dem Pendant des ORB vor. Die Macher von Rockradio B, zu erheblichen Teilen ehemalige MitarbeiterInnen von DT64 (später Sputnik), freuten sich ebenso wie ihre West-KollegInnen. Nämlich gar nicht.

Doch es sollte zusammenwachsen, was zusammen hörte. Und so sind meine Erinnerungen an die temporäre Arbeit in den Studios der Nalepastraße, die Diskussionen in der Masurenallee sowie der Umzug nach Potsdam geprägt nicht nur von gegenseitigem Misstrauen und der beiderseitigen Angst um Arbeitsplätze und Visionen, sondern auch von ernsten und wichtigen Auseinandersetzungen, Streits, Annäherungen und Ergebnissen. Wir alle, Ost- und West-Radiomenschen, haben in den frühen 90ern unter der Regie des sicher nicht immer glücklichen Helmut Lehnert die Wiedervereinigung am eigenen Leib erlebt.

Und sie sollte FRITZ heißen. Was für ein Name für eine Radiostation. Wir haben ihn alle gehasst. Und vielleicht war dieser allseitige Hass auf den Namen unter dem wir uns nun alle lieb haben sollten das Erste, das uns wirklich verband.

Zu meinen ersten netten Bekanntschaften auf der „anderen Seite“ gehörte Lutz Schramm, der damalige „John Peel des Ostens“ (ein Vergleich, den er nie gerne gehört hat, der aber von HörerInnen immer wieder kam und immer respekt- und liebevoll gemeint war), der sich später zum größten Bedauern seiner Fans aus der Moderation zurückzog und maßgeblich daran beteiligt war, dass FRITZ einer der ersten Sender mit eigener Homepage und Audio-Streams gehörte. Neben der Vorliebe für die schrägeren und abseitigeren Töne sowie den Überschneidungen bei der Hörerschaft verband Lutz und mich auch die frühe Liebe zu den neuen Medien. Und auch wenn wir nie dicke Freunde geworden sind, schätzen wir unsere damalige und heutige Arbeit gegenseitig sehr.

Roland Galenza fällt mir (neben einigen anderen) ebenso ein, mit dem ich ob seiner (nur auf den ersten Blick) „Ruppigkeit“ nicht wirklich schnell warm wurde, der mir aber so oft von allen Seiten als netter Kerl ans Herz gelegt wurde, bis ich das selbst auch bestätigen konnte. Und so ging es mir mit fast allen neuen KollegInnen. Denn natürlich waren sie nach den anfänglichen Vorsichtigkeiten auf beiden Seiten mindestens so nett und okay und fähig, wie die mir schon länger bekannten Westler.

Und plötzlich wurde mir in Gesprächen und Diskussionen mit Freunden und Bekannten in Hamburg, Köln oder Frankfurt (Main) eines sehr bewusst: Im Gegensatz zu vielen anderen West-Deutschen, die noch immer über einen gesichteten Trabbi lachen konnten, wusste ich tatsächlich wovon beim Thema Wiedervereinigung die Rede war. Ich kannte echte, lebende Ostler! Ich hatte schonmal einen angefasst! Viel mehr noch: Ich arbeitete mit ihnen, verteidigte sie gegen bestehende Vorurteile und kreierte lächelnd neue dazu. Ich nannte sie Bekannte und Freunde.

Und das mir. Als arrogantem, eingebildeten, privilegiertem Westler.

Und es kam noch dicker.

Hier geht es weiter, weitere Kommentare bitte unter dem letzten Teil.

14 Kommentare

  1. 01

    Sehr schön, sehr schön. Auf die Fritz-Story hab ich mich sehr gefreut!

  2. 02

    Aber wer kam denn dann eigentlich auf den FRITZ-Namen? In dem Fritz-Buch steht auch nur, dass ihn alle seltsam fanden….

  3. 03
    pitsche

    „Ostler“???

    Haben wir Westberliner damals nicht immer nur „DDR-Bürger“, „Ostberliner“ und „Wessis“ (= Westdeutsche, also die in der echten Bundesrepublik wohnten und nicht in einer 4-Mächte-Stadt wie wir Westberliner) gesagt?

    Ich kann mich absolut nicht daran erinnern, dass auch nur einer vor 1990 „Ostler“ gesagt hat. Nicht mal „Zonis“. Vielleicht mal „die da drüben“ oder sowas, aber „Ostler“???

    Nee, das war anders nach meiner Erinnerung…

    pitsche

  4. 04
    carsten

    „Ostler“ haben wir auch nie gesagt, fast immer „Ossis“, oder gereifter, also als 1990 der Fruehling angefangen hatte, Leute von ehemals „drueben“ jetzt als „aus dem Osten“ attribuiert.

    Etwas respektlos, aber weil wir uns wie besserwissende Wessis fuehlten, im behueteten berliner Grunewald aufgewachsen, waren wir ewig weiter hinten als andere. So im Rueckblick gesehen haben viele von uns (mit Abitur 1995) erst etwa zehn Jahre verspaetet kapiert, was damals abging. Historische Gefuehle, ja sicher, aber genauso starke Ratlosigkeit. Mit dem Studium an der Humboldt-Uni anzufangen galt vielen noch als „exotisch“, weil in Ost-Berlin gelegen. :P

    Und erst dort an der HU hab ich dann „echte, lebende Ostler kennengelernt“ und angefasst. Und ich war Exot, weil ich aus dem Westen kam – bei den Germanisten studierten sonst entweder Ossis oder krude Wessis aus dem Suedwesten Deutschlands, die 1989-90 (wie ich merkte) noch weniger von der Wende gepeilt hatten als wir aus West-Berlin.

    @Els: ich meine mich zu erinnern, dass in den als gut und alt verklaerten Radiotagen (bei DT64/Dancehall hab ich zum ersten Mal Techno gehoert) der G. von Lojewski irgendwann erwaehnt wurde, als Namensfinder. „Es gab den Alten Fritz, und jetzt gibt es den neuen Fritz“ oder so aehnlich. Ab dem Moment hielt ich den neuen Sender fuer gescheitert, obwohl er noch nicht zu senden angefangen hatte.

    @Johnny: jetzt waere doch ein guter Zeitpunkt, diese alte Aufnahme zum Radio4U-Tod mit Dir, Keks und MC Luecke zu erwaehnen, oder? ;)

  5. 05

    Irgendwie habe ich keine guten Erfahrungen sammeln können, als es für mich hieß, „ab jetzt wird im Osten gearbeitet!“.
    Die Firma, in der ich damals arbeitete, schnappte sich eine zweite Fertigungsstelle im Ostteil der Stadt, und einige Abteilungen, darunter auch meine, wurde dann „rüberverlagert“. Natürlich wollte keiner, aber was hatten wir schon zu melden?
    Nun ja, die Stimmung der neuen Kollegen auf „der anderen Seite“ uns gegenüber, war sehr feindseelig. Ich habe das sehr bedauert.
    Kann mich gut erinnern wie sprachlos ich war, als ich das erste mal wirklich doof von zweien der neuen Kollegen angemacht wurde. Und dabei habe ich mir vorgestellt, als wir in das neue Werk zogen, das es keinerlei Probleme geben wird. Warum auch, wir sind „ein Volk“.
    Naja, das Problem hat sich (leider) dann von alleine gelöst. Wenige Monate, nach dem die Zuschüsse der Regierung in neu sanierte Betriebe im „Osten“ nicht mehr flossen, wurde das Werk geschlossen, und uns wurde Betreibsbeding gekündigt. Ein zurück in das Werk im Westengab es nicht. Da standen wir dann alle draussen, aber auch da gab noch miese Stimmungen zwischen Ost und Westmitarbeitern.
    Heute arbeite ich in einem Unternehmen, da ist das nicht so. Alle kommen gut miteinander aus. OK, ab und an fällt mal eine Spitze, von Ost zu West, oder umgekehert, aber das ist nur Spaß, und wir lachen alle drüber. Schade das es im ersten Betreib nicht gleich auf Anhieb so lief.
    Es hat wohl wirklich nur Zeit gebraucht, die Annäherung untereinander.

  6. 06

    Lutz Schramm hat einen Podcast, gerade gefunden:

    http://podcast.parocktikum.de

    Ach, wie nett.

  7. 07

    Er wollte aber wohl noch etwas warten, bis es richtig „öffentlich“ wird. :)

  8. 08

    Na, wenn man deiner Dramaturgie folgt, machen die beiden anderen Herren von der „anderen Seite“ demnächst auch einen Blog oder Podcast auf. ;)

  9. 09
    Radiowaves

    War „Fritz“ nicht ein Kunstwort aus „frech“ und „witzig“? Habe das damals aus dem fernen Thüringen aber eher am Rande (und dennoch mit Schaum vorm Mund) verfolgt, denn mein Herz schlug zuerst freilich für DT64 und später für RockRadio B, aber nicht für den coolen „Wessisender“, egal ob er nun Radio 4U oder Fritz heißen mag.

    Und Johnny, schreibe bitte nicht noch einmal Sputnik. Sonst habe ich noch viel mehr Schaum vorm Mund. Kann denn wirklich niemand diesem schrecklichen, gebührenfinanzierten Treiben beim MDR Einhalt gebieten?

  10. 10
    rocotom

    Jaja der Lutz Schramm – unsere Ikone im tristen Osten der 80er, der Prophet der wirklich coolen Musik. Nachdem er mit seiner Sendung Parocktikum quasi den Grundstein meines Musikgeschmackes gelegt hatte, musste das rückblickend bitter erstandene Empfangsgeld (100 DM in Westberlin + 50 DM in Bayern) natürlich in West-Platten umgesetzt werden. Bei Fritz (ja, schlimmer Name!) durfte ich Ihn auch mal persönlich kennenlernen, als er uns die Möglichkeit gab, zwei Stunden Radio zu machen.
    Schönen Dank für den Link zu seinem Podcast, bin schon ganz aufgeregt, Neues zu erfahren …

  11. 11

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