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Vodafone + Sony = RadioDJ

Vodafone und Sony wollen laut Reuters (gefunden bei Gizmodo) schon im kommenden Monat einen Mobiltelefon-Radio-Service starten, der sich nach dem Geschmack der Kunden richtet.

Hört dieser nämlich einen Song den er nicht mag, bricht das Lied ab und der nächste Song wird gespielt. Weitere lustige Melodien im Stile der „abgewählten“ sollen danach nicht wieder vorkommen. Das wäre dann also das digitale Zeitalter in Hochform: Was nicht behagt, kann auf Knopfdruck entfernt werden, der Computer sorgt dafür, dass es auf keinen Fall wieder vorkommt.

Mir missfällt so etwas sehr (zumal ich gerne erstmal eine bezahlbare und echte UMTS-Flatrate hätte, bevor wir weiter über solchen Schnickschnack nachdenken). Denn was für ein Musik-Konsum-Verhalten wird da herangezogen? Ich habe mich damit abgefunden, dass der haptische Umgang mit Tonträgern, der Kult des selbst Plattenauflegens oder des Booklet-Lesens und -Bestaunens für den gemeinen Musikhörer vorbei ist und habe die Vorteile der Digitalisierung meiner Musiksammlung schätzen gelernt, aber mit den Downsides wie Qualitätsverlust und der Trennung von Optik und Haptik von der reinen Musik habe ich immer noch meine Probleme. Und nun der zigste Versuch eines Empfehlungssystems für Musik.

Es kann nicht funktionieren. Nie. Wie oft hat man einen Song unterschätzt? Wieviele Lieder kennt man, die wachsen mussten, bevor man sie „verstanden“ oder einfach nur richtig kennengelernt hat? Auf wieviele Bands wäre man gar nicht erst gekommen, hätte nicht der Auskenner-Onkel im Radio oder ein Freund insistiert, dass man die jeweilige Bande kennen und lieben müsse?

Eine Musikindustrie, die mit solchen oben beschriebenen Mechanismen arbeiten muss, wird nur noch mehr Dreck produzieren, denn der Song muss knallen, und zwar sofort, ansonsten wird er keine Chance auf das Erlangen von Gehör haben. Die jetzt schon erkennbare und langweilige Funktionsweise von Hitsingles, bei denen der Chorus sofort und gerne mehrfach am Anfang des Songs stehen muss und für Verse oder gar Dramatik, Aufbau, Spannung überhaupt keine Zeit mehr bleibt, wird weiter um sich greifen. Wir brauchen wir gar keine Songs mehr, sondern nur noch Hit-Jingles. Klingeltöne eben.

Natürlich ist Panik unangebracht, denn täglich beweist sich die digitale Welt nicht nur als Gleichmacher sondern auch als Hort für Neuentdeckungen und einen kulturellen „Untergrund“, wie es ihn ohne das Netz nicht geben könnte. Und natürlich gab es schon immer einen Unterschied zwischen der begleitenden Musik im Hintergrund und der anleitenden im Vordergrund sowie den passenden Hörern und deren Konsumverhlten dazu und schon immer hatte beides seine Berechtigung und seinen Zweck.

Ein wenig Kulturpessimismus sei mir dennoch gegönnt, denn trotzdem ich mich in vielen Punkten nicht dazu zählen mag, interessiert mich der Mainstream sehr. Denn er gibt die generelle Richtung einer Gesellschaft vor, der zu entkommen immer anstrengender wird. Und eine Gesellschaft, die ihre Musik ebenso wie ihre Lebenspartner von Algorithmen auswählen lässt („35-jähriger, sportlicher Nichtraucher mit Hang zur Esoterik und Vorliebe für sonnige Urlaubsziele und Katzenhaarallergie? Wir haben 3.672 für sie passende Partnerinnen in unserer Datenbank gefunden! Und hier können sie die neue Single von Simply Red auf das Handy ihrer zukünftigen Partnerin senden!“), die vor dem Kauf eines jeden Produkts Preisvergleichmaschinen startet um lieber 30 Kilometer mit dem Auto zu fahren als einen Euro zuviel zu bezahlen, diese Gesellschaft erscheint mir wenig erstrebenswert.

Wahrscheinlich war das aber schon immer so, nur eben ohne Intraweb. Muss ich trotzdem nicht gut finden.

17 Kommentare

  1. 01

    Ich glaube nicht, dass das schon immer so war, und dass solche Mechanismen etwas daran ändern werden, wie Menschen Musik ihres Geschmacks auswählen. Der Erfolg von Clap your Hands and say Yeah und Arctic Monkey gibt dem Recht.
    Ich glaube zwar, viele Leute werden sich von solchen Mechanismen leiten lassen, aber das tun sie schon heute und zwar via TV, oder wird hier nicht eine Vorauswahl mittels „Zielgruppe“ getroffen?
    RTL2-Zuschauer bekommen eben nur den Anton aus Tirol serviert, aber nicht die Arctic Monkeys, die gibts nur via RSS. Von Anton redet heute keine Sau mehr während die Arctics dieses Jahr einiges umwerfen werden. Mündige Musikliebhaber lassen sich von solchem technischem Getürm ohnehin niemals abschrecken, denn die Auswahl solcher Mechanismen wird durch moderne Technologie wie Bittorrent vollständig obsolet. You want it, find it, get it. Es fehlt leider nur das juristische Backing, das ja zur Zeit in Frankreich durchzudrücken versucht wird, Zeit ist es allemal.
    Und dass von den 3672 theoretisch passenden Partnerinnen maximal 2 fürs Bett in Frage kommen, dass wissen wir doch alle ;-)

  2. 02

    Hm, ich würde auch nicht gleich schwarz sehen, im Gegenteil. Sowas macht vielleicht auch durchaus Sinn. Wenn in der Arbeit das Radio des Kollegen dudelt, ist das eigentlich schlimmer, denn hier habe ich keinen Einfluss und 99% der Sender spielen die gleiche FORMAT Musik. Das sind Songs, die sind drei bis dreieinhalb Minuten lang, haben einen eingängigen Hook und sind angenehm zu hören – aber sehr oft langweilig. Bei vielen Sendern laufen einige Songs seit 20 Jahren, und, so leid es mir tut, Nik Kershaw mit seinem the Riddle, das im Grund eigentlich ein wirklich cooler Song war, hängt mir komplett zum Hals heraus. Da nehme ich lieber Einfluß drauf und klick ihn weg und bin gespannt was als nächstes kommt. Man muss sich doch einmal vor Augen führen, dass man eine solche Sache auch nicht so bierernst nehmen darf. Alleine schon der Ausgangspunkt: Hallo, Musik am Handy über UMTS hören – das kommt gleich nach Musik unter der Dusche. Aber warum nicht, ich kann mich der Alltagsmusik sowieso nicht entziehen, da hab ich lieber die Kontrolle darüber. Wenn ich dann zuhause bin schalte ich meine Stereoanlage, öffne mein iTunes und höre DAS was ich will. Vielleicht kommt ja der ein oder andere Interpret ja sogar hinzu, den ich auf dem Handyradio entdeckt habe…

    Diese „Technik“ ist übrigens nicht neu, und wurde in etwas differenzierter Form mit http://www.pandora.com/ auch schon im Netz umgesetzt. Auf last.fm gibts sowas auch. Bei beiden kann man den laufenden Song „bewerten“ und so auf die Playlist Einfluss nehmen.

    Einziges Problem wird sein, dass Sony bei der UMTS Geschichte ein sehr einseitiges kommerzielles Lineup bieten wird, denke ich.

  3. 03

    ich halte tools wie pandora.com etc.auch für ziemlich cool. welche musik ich mir auswähle bleibt ja mir überlassen und wenn ich in dieser sparte dann gleich ein breiteres spektrum angeboten bekomme: immer herein damit. so funktioniert doch musik! ich habe ja die gnade des spätgeborenen gepaart mit dem glück dreier älterer geschwister, die immer komplett unterschiedliche sachen gehört haben. so ging meine musikalische sozialisation schon früh mit cameo, michael jackson, acdc, al jareau und alan parsons los. dennoch fand ich zu ocaseks cars erst durch weezer etc. etc. bands sind immer links auf 20 andere, das macht pop spannend. und sei das nun franz ferdinand, der crazy frog oder sido. die mutter von allem heisst musik.

  4. 04

    Glaubt eigentlich irgendwer noch, daß Sony da NICHT nahezu ausschließlich Sony/BMG-Künstler empfiehlt?

    Grundsätzlich könnte man die Technologie natürlich auch einsetzen, um unbekannte Künstler zu empfehlen, die meinem Musikgeschmack entsprechen könnten. Theoretisch…

  5. 05
    jochen

    @ birphborph: aber wenn dein kollege nun so einen knopf am radio haette auf dem er immer drueckt wenn ihm ein song nicht gefaellt und er somit „seine“ musik rausfiltert, dann wuerden irgendwann nur noch lieder ertoenen die z.b. dir das ohr bluten lassen ;-)

    davon mal abgesehen: wo bleibt die abwechslung, die ueberraschung, das neue, wenn man von vornherein ausschliesst? natuerlich muss man sich nicht alles antun und mit der wahl seines musiksenders schraenkt man sowieso schon das spektrum der musik ein. dennoch lohnt es sich sich nicht nur auf geliebtes zu versteifen. auch ausserhalb des bekannten tummelt sich entdeckenswertes.

    vor meinem inneren auge taucht bei solchen meldungen immer wieder das schreckenszenario auf, dass im film „minority report“ vorkommt und das ich richtig hasse (bzw. was mich beaengstigend in die zukunft blicken laesst): man geht durch die strassen und aus jedem schaufenster wird man persoenlich begruesst mit dem hinweis dass man doch eintreten solle weil es genau hier die produkte gibt die man so gerne kauft.

  6. 06

    Das kommt noch (Minority Report). Und natürlich sind das die Vorbooten der Szene aus Demoliton Man, als im Autoradio nur noch die Charts der Werbejingles laufen.

  7. 07

    natürlich empfiehlt sony nur sony acts, und wie immer wenn ein label oder major versucht was alleine aufzuziehen, scheitert er. denn soooo einfach lassen sich die leute auch nicht verarschen. die wundern sich dann schon wieso sie keine beatles hören können, aber den kompletten mariah carey back katalog.

  8. 08

    Warum sollten sie nur Sony-Acts spielen, das wäre ja albern. Zumal sie bei allen anderen Labels mitkassieren. Nee, so einfach ist das nicht.

  9. 09

    @ johnny :aber du weisst doch wie das dann läuft: plötzlich hält die emi das für eine super idee, so etwas mit eplus zusammen aufzuziehen und warner hält sich lieber an die telekom während o2 mit motor gemeinsame sache macht…und am ende gibts wieder 7 verschiedene anbieter ohne das einer alles hat.

  10. 10

    Ich hatte die Sache auf den ersten Blick auch als etwas wie Pandora verstanden: Ungeliebte Musik wird weggeklickt, dafür wird aber auch Musik angeboten, die sich an der geliebten Musik orientiert. Erscheint mir nicht soo doof, denn wenn ich dadurch ein paar neue Künstler kennenlerne, die ich bisher in meiner gewohnten musikalischen Umgebung noch nicht gehört habe, gibt das unbekannteren Bands doch wieder ne Chance, die sie so im Moment nicht haben.

    Davon ab finde ich den Gedanken gar nicht so schlecht, dass jeder selbst direkt Einfluss auf sein Radioprogramm nehmen kann. Im Moment hören wir doch das, was die „da oben“ glauben, was wir mögen. Was würde denn wirklich gespielt, wenn jeder selbst darauf Einfluss nehmen kann? Wie würden die Charts dann aussehen, wenn sie nicht durch Heavy Rotation verfälscht würden?

    Aber das ist ohnehin alles wohlgemeinte Theorie, denn soweit lassen es Sony und Co. garantiert nicht kommen. Wer hätte Interesse an einen ausgewogenen und fairen Markt, in dem es plötzlich nicht mehr die manipulativen Instrumente zur Vermarktung der eigenen Acts gibt? Bezahlbarkeit und technische Reife lass ich mal außen vor, aber daran glaube ich im Moment auch noch nicht…

  11. 11

    „Was würde denn wirklich gespielt, wenn jeder selbst darauf Einfluss nehmen kann?“

    Wenn es um eine Mehrheit geht? Volksmusik. Jeden Samstag im Fernsehen. Für jede individuelle Wahl hat man ja seine eigene Sammlung.

  12. 12

    Erstmal Zustimmung bezüglich der Bedenken des „Aufzuchtverhaltens“. Aber die haben wir doch alle schon, seit es kaum noch Spartenradio gibt, Musiksender eh alle den selben Pillepalle spielen, und Klingeltöne die Welt verseuchen.

    Aber: bei mir zumindest kommt der Eindruck auf, dass es zwar einen immer einheitlicheren, schnell verderblichen Mainstream gibt – der aber dafür von der Masse nachlässt, also nicht mehr zwingend so viele Leute erreicht. Siehe Verkaufszahlen, was braucht man heute schon noch, um eine Single in die Charts zu bekommen. Und warum gehen die reinen Chartverkäufe zurück?

    Könnte es nicht sein, dass es eine immer größere Klientel neben dem Mainstream gibt, sich der Musikgeschmack und die Vielfalt eher auffächern? Was meint ihr?

  13. 13

    Ach ja, Nachtrag: ich gebe immer noch jedem Album mindestens vier Chancen. Und nutze trotzdem Services a la Pandora, um neues kennenzulernen.

  14. 14

    Die weitere Auffächerung ist ganz bestimmt Tatsache. Glaube ich auch. Schließlich ist nicht mal jeder Hiphop-Fan „gleich“. Eigentlich ja eine ganz schöne Entwicklung, so betrachtet. Keine Zielgruppe.

  15. 15

    Guck dir mal indy.tv an. Das funktioniert nach einem ganz ähnlichem Prinzip und funktioniert prima. Um neue „indie“ Bands kennenzulernen die ich sonst nie gehört hätte möchte ich indy.tv nicht mehr missen.

    Bei so einer Technologie kommt es wohl auf den einsatzzweck an. Wenn man sein Hörverhalten ausschließlich durch Algorithmen vorgegeben bekommt, ist es sicher was anderes als „ab und zu“ mal so ein Tool zu benutzen.

  16. 16

    @Johnny: ja, so ungefähr schoss mir das auch durch den Kopf.
    Hey, da isser ja, der geforderte Optimismus 2006! ;)

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