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Offener Brief an Google

Als Reaktion auf Googles Selbstzensur in China reagiert ein Schweizer nun mit einem bei Googles blogger.com gehostetem Blog mit einem einzigen Eintrag:

We don’t want Google to censor search engine results. Not in China and nowhere else in the world.

Ziel dieses offenen Briefs an Google ist es, durch möglichst viele Kommentare und Verlinkungen Aufmerksamkeit für die Sache zu generieren. Auf alle Fälle eine klasse Idee.

Immer wieder spannend zu sehen finde ich es, dass Google (neben Apple) viel mehr Emotionen der Nutzer hervorruft als andere Unternehmen. Wieso muss sich Google gegen die chinesische Regierung stellen und nicht Yahoo oder andere Unternehmen? Oder gar andere Regierungen dieser Welt? Auch Google muss sich an die geltenden Gesetze eines jeden Landes halten, in dem das Unternehmen agieren will. In China gehört zu diesen Gesetzen die Zensur von Informationen. Wer das ablehnt, darf keine Geschäfte mit China machen, so einfach ist das. Statt „wir wollen nicht, dass Google zensiert“ müsste es eigentlich heißen „wir wollen derzeit nicht, dass Google in China agiert“.

Warum also fällt es so schwer zu akzeptieren, dass Google ein Mega-Unternehmen wie jedes andere Mega-Unternehmen ist? China führt die weltweite Liste der staatlichen Morde durch die Todesstrafe an, politische Opposition gilt als Verbrechen, Demonstranten werden umgebracht, Menschen verschwinden spurlos usw. usf. und jedes Unternehmen, dass diese Tatsachen akzeptiert, stellt seine wirtschaftlichen Interessen über die der Menschenrechte. Nun also neben vielen anderen Firmen auch Google, das sollte doch eigentlich nicht groß überraschen, oder?

Der offene Brief an Google zeigt: Ganz offensichtlich wollen Menschen Unternehmen vertrauen können, deren Produkte sie nutzen und schätzen, und sie wollen diese Unternehmen uneingeschränkt mögen, sich mit ihnen identifizieren dürfen. Und ich kann das verstehen, ich habe auch die Schnauze voll von dem Gefühl mit jedem Kauf eines Produktes von [hier Namen irgendeines Großkonzerns einfügen] dreißig Robben zu töten, Kinder in die Prostitution zu schicken und ganze Landstriche zu vergiften.

Mit dem Motto „Sei nicht böse“ schien Google mal angetreten zu sein die hohen Erwartungen einer modernen, relativ aufgeklärten Gesellschaft an die Wirtschaft erfüllen zu wollen und monetäre Interessen in dringenden Fällen auch hinter andere stellen zu können. Spannend bleibt jetzt nur noch die Frage, ob „don’t be evil“ schon damals Geschwätz war oder erst jetzt dazu wird.

34 Kommentare

  1. 01

    In diesem fiktiven Google-FAQ aus dem Jahre 2030 steht am Ende „Don’t be too evil“ und ich denke, dass es genauso ist. Bei Google hofft man wahrscheinlich, dass dieses pseudo-ideelle Motto vergessen wird oder dass man zumindest von Googles Monopolstellung und dessen wirtschaftlichen Interessen absieht. Dass die auch wundervolle Nutzerprofile von jedem von uns speichern, wollen wir mal außer Acht lassen …

  2. 02

    Im Prinzip können Google und Apple froh sein, daß ihre Kunden die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben. Die Emotionalität ist bei Google und Apple natürlich auch gezielt geweckt worden und gehört zur Strategie dazu. Im Prinzip können also beide Seiten (Verkäufer und Kunden) froh sein, daß es Marken gibt, mit denen sich die Kunden identifizieren wollen.

    Abgesehen von den emotionalen gibt es (wie Du ja auch schreibst) praktische Gründe: Einer Marke zu vertrauen ist viel einfacher, als die Details bei jedem Kontakt zur Firma genau zu prüfen. Insofern ist „ždon’t be evil“ natürlich auch geschicktes Marketing, muß sich nun aber an der Realität messen lassen.

  3. 03
    Henrik

    Mich würde mal interessieren, ob sich dieses „Don’t be evil!“ nicht vielleicht auch in den Arbeitsverträgen bei Google findet. Wenn ja, dann wäre dieses Vorgehen von Google.cn ein klarer Verstoß dagegen und die CEOs sowie alle an der Entscheidung beteiligter müssten Google verlassen, auch der Programmierer, der die entsprechenden Filter einbaut. Warum darf denn nur ein Soldat aus Gründen des Gewissens Befehle/Anordnungen verweigern?!? Ich habe ein wenig das Vertrauen zu Google und ihrer ach so hohen Ideale verloren.

  4. 04
    Grisi

    Ich habe mal gehört, Apple „agiert“ in Kalifonien, wo ja angeblich auch Menschen staatlich ermodet werden. (Designed in California, manufactured in China…)

  5. 05

    Isolation, Aggression und wirtschaftliche Integration: Das sind die drei Maßnahmen, die die westliche Welt bis jetzt im Umgang mit andersartigen Staaten versucht hat, und dabei eigentlich mit dem dritten die besten Erfahrungen gemacht hat, seien sie auch noch so dünn.

    Es gibt doch nur zwei Möglichkeiten:

    1) Google bleibt dem chinesischen Markt fern
    2) Google bleibt unter den gegebenen Konditionen

    Für mich ist 2) die bessere Variante, da die Suchdatenbestände in erster Linie bei Google und nicht der chinesischen Regierung liegen und auch (immerhin) eingeblendet, dass etwas ausgeblendet wurde.

    Was für andere Maßnahmen als wirtschaftliche Integration gibt es, um die Menschenrechte nach vorne zu bringen? Klar, angesprochen werden sollte es, aber in welcher Form können/sollten/wollen wir da Druck ausüben?

  6. 06
    Kasi

    @Einbecker: Danke, so hätte ich das auch formuliert.

  7. 07

    „Ich habe mal gehört, Apple „agiert“ in Kalifonien, wo ja angeblich auch Menschen staatlich ermodet werden. (Designed in California, manufactured in China“¦)“

    Hätte ich das vorher gewusst, dann hätte ich mein Geld doch lieber für ein Aldi-Notebook anstatt für das vor mir liegende iBook ausgegeben.

    Nee, aber mal im Ernst: Genaugenommen bleibt das ja – wie Johnny auch schreibt – bei keinem Mega-Unternehmen aus. Ich trinke ja auch Nescafe, obwohl Nestle die Wasserquellen in dritte Welt Ländern aufkauft und sein Wasser dann teurer an Bevölkerung verkauft.

  8. 08
    shensche

    diejenigen, die sich über das verhalten von Google wundern/echauffieren, sollten sich doch mal eine oder zwei analysen des kapitalismus durchlesen; sei es von Marx, Althusser, Gramsci, Huisken, Chomsky. alles schon überlegt, aber mit der implementierung der alternative(n) hapert es noch. :)

    @einbecker:
    – warum ist es besser, dass die suchdatenbestände bei Google (in China) liegen und nicht bei der regierung? meinst du, dass vielleicht ein mitarbeiter „aus versehen“ mal die zensur kurzfristig abschaltet?
    – was nützt mir die einblendung, dass zensiert wurde, wenn ich doch nicht auf die daten zugreifen kann? meinst du, dass das permanente sichtbarmachen die leute mürbe macht und irgendwann die forderung nach der abschaffung der zensor lauter wird?
    – ich denke, dass „wir“ gar keinen druck ausüben sollten. ich persönlich habe China (zusammen mit z.b. Iran, USA, Tunesien, Singapur) aus meinem besuchskatalog vorläufig gestrichen. und soweit ich davon kenntnis habe (praktisch 0), mach ich kein biz mit chinesischen (genaugenommen ist es egal woher) firmen/personen, die meinen ethischen vorstellungen arg zuwiderlaufen. natürlich auch nur, solange ich mir das leisten kann (s. kapitalismuskritik). folglich heisst das wohl: auf die „revolution“ warten. :)

    in diesem sinne möchte ich auch auf die P2P-suchmaschine http://www.yacy.net/yacy hinweisen. eine suchmaske findet sich z.b. hier: http://80.77.20.25:8080/index.html

  9. 09
    cpier

    Ehrliche Anhänger befürchten ähnliche Praktiken von Apple, sollte der Erfolg weiter steigen.
    Und auch ich bin der gleichen Meinung wie einbecker.

  10. 10
    martin_

    sehr sehr interessant das alles ;)
    natürlich WOLLEN wir den Unternehmen vertrauen. Nur warum?
    Weil wir genau wissen/ahnen/fühlen das Konzerne irgendwann
    auch ganz offiziell die Welt regieren und nicht mehr über
    den Umweg Lobby/Politik?
    Regierungen (Parteien) werden irgendwann nurnoch für die
    Infrastruktur sorgen, Konzerne bestimmen allerdings schon
    jetzt das Leben jedes einzelnen Weltbürgers.
    oder?!

  11. 11

    „…und jedes Unternehmen, dass diese Tatsachen akzeptiert, stellt seine wirtschaftlichen Interessen über die der Menschenrechte.“

    aber wenn du danach gehst, akzeptierst du das ja auch, sobald du irgendein produkt aus china besitzt. denn nur weil das im vergleich zum wirtschaftlichen handel von google klein scheint ist es nicht besser. denn genau da liegt in dem moment deine verantwortung, das ist das einzige mittel, das du in diesem moment hast um zu protestieren.
    aber wie google vertust du diese chance, weil es halt nunmal so ist, du brauchst grad eine günstige hose, neue batterien, whatever. anders denkt google auch nicht.
    und trotzdem würdest du von dir auch behaupten nicht evil zu sein.

    du bist google.

  12. 12

    Beispiel aus der Praxis: Wir haben uns bei unserer T-Shirt-Herstellung um Shirts bemüht, die in Deutschland produziert werden. Ähnlich dem „American Apparel“-Gedanken. Solche Shirts gibt es nicht. Einzig ein kleiner christlicher Verein bietet solche Shirts an und die kosten dann über 25 Euro im Einkauf, ohne Druck. Würde jemand 40 Euro oder mehr für ein Spreeblick-Shirt zahlen? Nö.

    Wir unterliegen also genauso wie Google wirtschaftlichen Zwängen, nur eben im Kleinen.

    Dennoch sehe ich im Einzelfall einen Unterschied, denn für den Konsument bleibt in letzter Konsequenz als Alternative derzeit nur der beinahe völlige Konsumverzicht. Google hat da etwas mehr Möglichkeiten.

  13. 13
  14. 14

    @Johnny:
    Du schreibst:
    „Beispiel aus der Praxis: Wir haben uns bei unserer T-Shirt-Herstellung um Shirts bemüht, die in Deutschland produziert werden. Ähnlich dem „American Apparel“-Gedanken. Solche Shirts gibt es nicht.“

    Was ist denn mit trigema Shirts? Du weisst schon die Firma mit dem Affen in der TV-Werbung, die produzieren doch in good ol‘ Germoney……

  15. 15

    Bei der Diskussion um die Tatsache das es möglicherweise wirtschaftliche Interessen sind, die Google dazu bewegt haben sich der chinesischen Zensur zu unterwerfen, gerät leider vollkommen in Vergessenheit bzw ist vielen wohl nicht bewusst das auch Google-Deutschland seine Suchergebnisse zensiert. Das geschied bereits seit längerem und auch sicher nicht aus wirtschaftlichen Beweggründen!

  16. 16

    @Johnny: Vielen herzlichen Dank für die Erwähnung in Deinem Blog, die ausführliche Auseinandersetzung mit dem Thema und die „Promotion des Offenen Briefes an Google“.

    @alle anderen: Soweit Ihr die einfache Botschaft „don’t be evil“ mit der Aufforderung an Google, die Zensur zu unterlassen, unterschreiben könnt, wäre ich Euch dankbar, wenn Ihr Eure Postings auch auf http://googlecensorship.blogspot.com/ hinterlassen würdet. Das dauert nicht lang und ich beabsichtige *wirklich*, Google das Ding mit möglichst vielen Kommentaren zuzustellen :-)

    Abendliche Grüsse aus der Schweiz, Alexander

  17. 17

    China wird auch ohne Google zensieren und Baidu wäre sicherlich hoch erfreut, wenn die US-Konkurrenz die Segel streicht. Es wirkt auf mich ein wenig befremdlich, wenn wir einem Land, das schon eine Hochkultur besaß, als wir noch nicht von den Bäumen runter waren, erzählen wollen, wie es sein Volk zu regieren hat. Insbesondere, weil uns auch die ein oder andere Information vorenthalten wird, wie long john silver bereits bemerkte. Google.de läßt im Vergleich zu Google.com schon mal ein paar hunderttausend Hits verschwinden, das interessiert offenbar niemanden, obwohl es seit Jahren bekannt ist.
    Wir müssen uns in Punkto Zensur nicht allzu sehr hinter China verstecken (die Amis übrigens auch nicht).
    Der Unterschied ist, dass wir nicht gleich an die Wand gestellt werden.

    BTW: Weiß jemand, ob die Abmahnwirtschaft in China so blüht, wie bei uns?

  18. 18
    bussibaer

    google zensiert?
    na und?
    ich lebe seit längerem in china.
    aufgrund eigener erfahrungen und meiner chinesischen freunde kann ich folgendes sagen.
    uns ist das ganze zensieren schei..egal.
    wir kommen via internet an jede information und auf jede seite die wir sehen möchten.
    jedes problem hat eine lösung.
    eine kleine anekdote aus dem land das so gerne zensiert (china):
    letztens auf einem live konzert in beijing (peking).
    eine jacke mit folgender aufschrift:
    „nice country, fucking government“.
    dazu muss man wissen das fast alle öffentlichen veranstaltungen „beaufsichtigt“ werden.
    es ist mehr möglich als man glaubt.
    das google zugeständisse macht ist nur für die „offiziellen“.

  19. 19

    bussibaer, solche Erfahrungswerte sind ja das spannende. Wie hoch schätzt du die „Gefahr“ ein, mit einer solchen Jacke Ärger zu bekommen?

  20. 20
    martin_

    „nice country, fucking government“
    erinnert mich an damals 88/89 im daheim in Ostberlin.
    meine Frage wäre, fühlt sich das an wie eine Entwicklung
    die irgendwohin führt?
    Möglicherweise zu weniger politischer Repression im Lande?
    Mag sein das es halt ähnlich verläuft nur wesentlich langsamer…

  21. 21
    bussibaer

    die entwicklungen in china sind im moment sehr spannend.
    die um-die-vierzig-jährigen und älter haben sich mit ihrem „schicksal“ arrangiert.
    bei den ganz jungen herrscht ein unglaublicher leistungsdruck, speziell im schulischen.
    ohne gute noten (und gute beziehungen) geht gar nichts in china.
    spannend ist die entwicklung bei den jugendlichen.
    es gibt zwei gruppen.
    die einen, etwas angepassteren, mit reichen eltern sehen nur „kohle“.
    es wird alles versucht sich einzufügen um den goldregen endlich auch fühlen zu können.
    die andere gruppe kennen wir als no-future bzw. als generation-x (ich benutze mal diese begriffe).
    allerdings mit eigener chinesischer identität.
    punk ist das grosse ding im moment, mit all seinen facetten.
    von pop-punk (geld um sich klamotten kaufen zu können) bis skinheads (bier rules).
    allen gemeinsam ist OI! brüllen auf konzerten.
    skins in china?
    sie sagen: wir sind keine na2i-skins wir sind chinese-skins.
    das mit der jacke ist zwar auffällig aber harmlos.
    in den texten der bands (natürlich chinesisch) geht es vor allem um ihre beschissene situation.
    „komasaufen“, „destroy, destroy, oi, oi, oi“, usw.
    aufgrund von den vorfällen von 1989 (das immer noch tief sitzt im bewusstsein der bevölkerung) und der tatsache das auch china am handel interessiert ist, lässt es die jugendlichen machen.
    btw., es gibt drogen, es ist aber nicht sehr populär welche zu nehmen (die richtig harten sachen).
    am liebsten „schiessen“ sich die jugendlichen mit videospielen, reiswein, bier und hanf aus dem alltag.

  22. 22
    bussibaer

    nachtrag:
    aktuell wurde gerade, d.h. vor zwei stunden, die seite http://www.chinapunx.com
    geschlossen.
    so funktioniert zensur!

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