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Die neue Neutralität

In den vergangenen Wochen ist in Amerika eine heftige Diskussion über die „Netz Neutralität“ entbrannt. Und wie nahezu jede Idee aus Amerika, oder wenigstens nahezu jede schlechte Idee aus Amerika, wird diese Diskussion auch nach Deutschland geschleift.

Es geht, wie so oft im Leben um Geld. Und wo es ums Geld geht, geht es eigentlich immer auch um Macht. Telekom Vorstandvorsitzender Kai-Uwe Ricke findet, dass nicht nur der Kunde für die Nutzung des Internets zahlen sollte, sondern auch die Unternehmen die die Internetangebote zur Verfügung stellen. Das lustige an der Sache ist: natürlich tun sie das schon lange. Jeder, der Inhalte ins Netz stellt zahlt nicht nur Geld für die Server auf denen sein Angebot läuft, sondern natürlich auch für seine Netzwerkverbindung. Was will Ricke dann eigentlich ändern? Und da wären wir beim Thema „Netz Neutralität“. Im Augenblick spielt es nämlich keine Rolle welche Daten ich übertrage sondern nur wie viele. Egal ob ich einen Internetradiosender, einen Mailserver, eine Website, einen Spieleserver oder ein Telefonnetzwerk betreibe — am Ende des Monats zählt einzig und allein wie viele Megabyte durch die Leitung geflutscht sind. Kai-Uwe Ricke meint nun, dass dies nicht ausreichen würde. Schliesslich würde jeder Dienst eine andere Infrastruktur benötigen. Das stimmt so natürlich nicht. Das tolle am Internet ist ja: egal was ich übertrage, egal ob Ton, Bilder, Texte es gehen immer Bits über die selbe Leitung. Natürlich sind einige Dateien größer als andere, und natürlich reicht ein langsames Modem nicht aus um hochauflösendes Fernsehen live zu übertragen, aber das wars auch schon. An den Grundlagen des Internets hat sich in den letzten 30 Jahren kaum etwas geändert.

Warum also die ganze Diskussion? Wieso soll es plötzlich Unterschiede zwischen bisher gleichen Bits geben? Ich kann natürlich nur vermuten: Auch wenn man es nicht direkt sieht, die Telekommunikationsfirmen haben ein riesiges Problem. Zwar werden immer mehr Daten immer schneller Übertragen, aber dass führt nicht dazu dass die Anbieter der Leitungen mehr verdienen. Nicht nur, dass das Internet immer billiger wird, es macht auch andere Dinge überflüssig. Wozu brauche ich einen extra Telefonaschluss, wenn es viel billiger, einfacher und komfortabler mit einer simplen Internetverbindung geht? Was will ich mit einem TV-Kabelanschluss, wenn ich über das Internet viel mehr Sender billiger und bequemer empfangen kann? Und weil die Telekom und die anderen Anbieter ja auch nicht doof sind und dass schon lange mitbekommen haben, wird seit Jahren krampfhaft nach neuen Ideen und Einnahmequellen gesucht. Teils klappt das offensichtlich ganz gut – wie zum Beispiel bei Musicload, teils scheint es aber auch komplett in die Hose zu gehen — wann z.B. hat einer von euch das letzte mal T-Online Vision benutzt? Das Problem ist halt die dumme Konkurrenz, die immer alles noch ein wenig billiger oder besser macht. Was liegt also näher als die eigenen Leitungen zu nutzen um dem Wettbewerb ein Bein zu stellen? Im Wirtschaftsdeutsch heisst das Win-Win Situation glaube ich: wenn jemand billige Telefonate übers Internet anbietet, verlange ich eben etwas mehr für seine Bits, sodass ihm die Luft weg bleibt und ich weiterhin meine überteuerten Telefonminuten verkaufen kann. Und falls er es wider erwarten doch überlebt verdiene ich ja auch gut mit.

Na und, wechselt der Telefonanbieter eben den Internetanbieter — schliesslich haben wir ja noch die freie Marktwirtschaft, irgendjemand wird es schon billiger machen. Das hat sich auch die Telekom gedacht. Und hat sich etwas ausgedacht: die Anbieter sollen ja auch gar nicht für ihre eigenen Leitungen bezahlen, sondern für die zum Kunden. Egal wo der Anbieter sitzt, egal wie er seine Daten ins Internet einspeist, die Telekom will Asche dafür sehen, das sie die notwendige Infrastruktur auf Kundenseite zur Verfügung stellt — oder anders formuliert: damit sie die Daten nicht ausbremst. Und weil einfach unglaublich viele Menschen Kunden der Deutschen Telekom sind wird wohl jeder Anbieter in den sauren Apfel beissen müssen.

In Zukunft könnte man also nicht mehr einfach so einen interessanten Internetdienst auf die Beine stellen und schauen ob es klappt oder nicht, man müsste sich erst mal mit der Telekom zusammensetzen und ihr erklären was man überhaupt machen will und wie viel man dafür zahlen muss. Und danach geht man zu AOL, zu Arcor, zu Hansenet und wenn man auf die dumme Idee kommt weltweit aktiv werden zu wollen, dann werden es eben noch ein paar mehr Verhandlungspartner. Und wenn man etwas macht, was einem dieser Anbieter nicht passt, dann kündigt dieser einem eben den Vertrag.

Und alles wäre wieder so schön einfach wie früher: man hätte einen Telekom Anschluss fürs Internet-Fernsehen, einen AOL Anschluss für Internet Telefonie, einen Arcor Anschluss für Online Spiele…

Aber vielleicht irre ich mich ja auch und alles war ganz anders gemeint.

Heise Artikel über die Diskussion in den USA
Heise Artikel über die Wünsche der Telekom
Sehr, sehr kurzer Ausschnitt des Kai-Uwe Ricke Interviews in der Wirtschaftswoche

10 Kommentare

  1. 01
    Maximilian S.

    Und es hat mir alles gerade so Spaß gemacht wie es war.

    Vergänglichkeit, stirb.

  2. 02

    Naja, T-Online Vision werden einige noch sehr viel nutzen, da die Telekom die Bundesliga Live Übertragungsrechte hat und irgendwie mit Premiere kooperiert. (Don’t ask… da ist noch nichts näheres bekannt)

    Was den VDSL Kram angeht. Lächerlich. Braucht (noch) keiner. Wer hat jetzt schon einen 6MB Anschluss? Ich hab einen, und der ist noch nicht mal ausgelastet, wenn ich TV Streams schaue, Musik einen Download habe und meine Mails abgefragt werden. Wenn ich mal an einem schneller Server hänge, hab ich vielleicht 550 kb/s, das wars. Bis VDSL für irgendeine Privatperson spannend und nötig wird, dauert es noch etlichen Jahre. Bis dahin sind UMTS und andere kabellosen Angebote auch schnell genug, dass man damit streamen kann. Ricke macht nur so einen Aufstand, damit er später auf einer Vorstandsitzung seine Investition in Glasfasernetze mit den Worten rechtfertigt „Ich habe alles versucht… der Markt hat unentschlossen reagiert….der Kunde wollte nicht auf seine gewohnten Dienste verzichten, während die Dienste keine Entgelte zahlen wollten… es war unmöglich vorher zu sehen, dass…“

  3. 03

    Das ist wirklich schlimm reaktionär und beweist nur ein weiteres Mal, wie wenig wir bisher vom Netzeitalter und der Wissensgesellschaft verstanden haben. Oder wie Bullet Tooth Tony so treffend gesagt hat: „Man sollte niemals unterschätzen, wie berechenbar Beschränktheit ist.“

  4. 04
    friz

    Ich frage mich grad ob man sich ernsthaft dem Internet verweigern könnte und auf all die netten Gimmicks freiwillig verzichten will, nur weil der Telekomiker 10 Euro mehr haben möchte…

    Über permanenten Internetentzug in einer internet-dominierten Welt sollte man mal einen Artikel schreiben, man gleitet ja fast in eine andere Realität ab ohne DSL und worldwide Communications.

  5. 05
    Christian

    OT: Mir gefallen alle „Gastartikel“ supergut – es sollte öfter auf Spreeblick solche Aktionen geben. Nicht dass mir Johnnys Artikel nicht gefallen würden – im Gegenteil – aber er schreibt viel zu selten längere Artikel…

    Mehr davon, egal von wem!!

  6. 06

    Ich bin da optimistisch. Letzten Endes werden Insellösungen das Nachsehen haben. Das ist im Moment ein Aufbäumen gegen den Wettbewerbsdruck, der durch das Internet entsteht, dem sich aber auch die großen Gesellschaften letztendlich nicht entziehen werden können.

    Denn: je mehr wenn die Telekom mit ihren Leitungen macht, was sie will, umso mehr wird der Bedarf nach echter Konkurrenz wachsen. Und auch die Bürgernetze, die im Moment in DSL-freien Gebieten aus dem Boden sprießen, werden mit dem steigenden Bedarf wachsen.

    Die Inhaltsanbieter haben diesen Kampf schon durch. Erinnert sich noch jemand an die Versuche, die Nutzer in geschlossenen Netzen einzusperren (Compuserve, AOL)? Ist alles überrollt worden.

  7. 07

    „Aber vielleicht irre ich mich ja auch und alles war ganz anders gemeint.“

    Nein, du irrst dich nicht. Auf slashdot ist diese Debatte schon seit ein paar Wochen im vollen Gang.
    Pay-to Play and the Tiered Internet
    http://yro.slashdot.org/article.pl?sid=06/02/02/1926257&from=rss
    ISPs Race to Create Two-Tiered Internet
    http://yro.slashdot.org/article.pl?sid=05/12/19/1524200&from=rss
    Telcos Propose 2-Tier Internet
    http://politics.slashdot.org/article.pl?sid=05/12/13/185206

    Ist also nicht allein die bekloppte Idee der Telekom. Worüber von den großen Telcos aber wohl keiner nachgedacht hat: wenn sie aufhören Universalprovider zu sein und solche Mediendienste anbieten,dann ändert sich auch ihre rechtliche Stellung. Dann kann man sie nämlich für alles rechtswidrige Material in ihren Kanälen mitverantwortlich machen…

  8. 08

    @apunkt: das mit der rechtlichen Stellung hatte ich so bisher nicht auf dem Schirm. Der Punkt iat nicht schlecht.
    @stralau: ja, ich habe deinen Optimismus ja auch noch. :) Aber es verzögert nöglicherweise einige Dinge, vielleicht nur um ein paar Jahre. Ich will keine Verzögerung um ein paar Jahre, weil es verschenkte Jahre währen.

  9. 09

    Tja. Komm mal nach Stralau, da relativiert sich das mit den Jahren.

    Wir haben gerade die Nachricht von der Telekom bekommen, daß sich das mit DSL noch Jahre hinzieht, weil in der Modersohnbrücke kaputte Kabelschächte liegen, da muß erstmal die Baufirma auf Regreß verklagt werden, dann muß irnkwann nochmal der komplette Verkehr auf der Stadtbahn gesperrt werden, damit man an die Kabelschächte rankommt — hier lernt man geduldig sein.

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