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Der Engländer

Wenn der Engländer nicht gerade verlorenen Empires nachtrauert, kleine Schafinseln gegen Gauchos verteidigt, die Popmusik revolutioniert oder seinem Spleen fröhnt, Kriege aller Art gegen die Krauts zu gewinnen, spielt er Fußball. Denn er hat’s schließlich erfunden. Was direkt zu einem der großen Missverständnisse der Fußballhistorie führt: England ist nicht das Mutterland des Fußballs. England ist das Vaterland des Fußballs. Wenn das Fußballspiel überhaupt eine Mutter haben kann – die Fooligan-internen Gentests laufen noch – wird diese sehr wahrscheinlich Esperanto mit portugiesischem Akzent sprechen.

Footie liebt der Engländer von ganzem Herzen. In der Vergangenheit aber nur selten mit ganzem Kopf. Der ging schon mal kaputt in englischen Fußballstadien. Oder davor.

Hooliganism is a British disease. The most British disease there is. Before they’ll find a cure for hooliganism, they’ll find a cure for cancer.
(Ex-Hooligan in einer dieser stimmungsvollen arte-Dokus)

Aber der Hooligan an sich ist heute nicht das Thema. Der kommt später.

Der Großbrite leistet sich als einzige Nation der halbwegs zivilisierten Welt mit England, Schottland, Wales und Nordirland vier Nationalmannschaften. Denn wenn es um das Spiel geht, das laut Liverpool-Gott Bill Shankly wichtiger sei als Leben und Tod, ist das Vereinigte Königreich nicht vereint, sondern wie Heathcliff von Leidenschaft zerfressen und gespalten. Deutschen Hauptschülern gleich bleiben die Volksstämme der Insel lieber unter Ihresgleichen, um die anderen in blutigen Schlachten zu besiegen. Und weil das heute draußen in schottischen Hochmooren mit Schwert und Mel Gibson bei Kofi Annan einen schlechten Eindruck machen würde, hat man die blutige Schlacht auf’s Spielfeld verlegt. Denn diese 22 Männer da unten laden bei inselinternen Duellen die gesamte Last auf sich, die britische Geschichte zu bieten hat. Löwenherzen auf dem Trikot und in der Brust, Heinrich V. als Ballverteiler und Richard III. als fieser Vorstopper gegen William Wallace und Rob Roy, Tudor grätscht Stuart, St. Georg gegen St. Patrick – und auf den Außenbahnen Spitfire-Piloten, die kamikazehaft V1-Raketen mit ihren Flügelspitzen antippen, um sie aus der Flugbahn zu bringen. Denn nichts weniger bedeutet Fußball in diesem kleinen Königreich von Land’s End bis zu den Orkney-Inseln.

Niederlagen und damit den Tod sind Schotten, Waliser und Nordiren seit Jahrhunderten gewohnt (was für polyglotte Weltbürger den Vorteil hat, eine Hauptstadt namens London wesentlich einfacher ausprechen zu können als eine namens Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch), aber für den Engländer bedeuten Niederlagen die größte vorstellbare Kollektivscham. “So many jokes, so many sneers” und “30 years of hurt” heißt es in einer alten englischen Volksweise. Trotzdem verzeiht der Engländer seinem Team immer wieder, weil er weiß, dass nach dem Abpfiff restlos alle Spieler Kämpfer mehr als einmal gestorben sein werden. Weil knüppelharte Blutgrätscher vor Millionenpublikum mit Heulkrämpfen zusammenbrechen. Weil metrosexuelle Multimillionäre in diesem Augenblick wieder zu zehnjährigen Jungs werden, die in der Schule, in Manchesters Straßen, in Liverpools Drecksvierteln, in Sheffields Industrieruinen gehänselt wurden, weil sie zu klein, zu dünn, zu dumm oder zu anders waren und es deswegen allen zeigen wollten, nicht viel außer Fußball hatten und denen in der Stunde ihrer Niederlage alles genommen wird.

Doch selbst mit den größten Emotionen kann man heute kein Fußballspiel mehr gewinnnen. Diese nicht unbedeutende Weisheit mag sich bis in die hinteren Winkel der Highlands noch nicht herum gesprochen haben, im englischen Fußball aber ist sie sehr wohl angekommen. Nach der Neuordnung der höchsten Spielklasse zur Premier League, nach der einem Königsverrat gleichkommenden Verpflichtung eines Schweden als Nationaltrainer, nach der Öffnung der großen Klubs hin zu Kontinentaleuropa hat eine Mannschaft wie der Arsenal FC zwar keinen einzigen englischen Stammspieler mehr, spielt aber im Halbfinale der Champions League. Interessanterweise leidet die Qualität der englischen Nationalmannschaft nicht unter dem hohen Ausländeranteil der eigenen Liga.

Der Engländer fährt mit einer Mannschaft zur WM, in der (Ex-)Weltklassespieler wie David Beckham oder Sol Campbell bei Spielbeginn auch auf der Bank sitzen könnten. Außerdem hat England derzeit eines der besten Mittelfelder der Welt, und kein Sambatänzer oder Pizzabäcker wird mir diese Meinung ausreden können. Steven Gerrard und Frank Lampard machen zusammen drei gefühlte Ballacks plus einen halben Pirlo.

Wie weit England im Verlauf des Turniers wirklich kommen wird, weiß ich nicht. Vielleicht stirbt es wieder im Elfmeterschießen.

3 Kommentare

  1. 01
  2. 02

    Vielleicht stirbt es wieder im Elfmeterschießen.

    Und so war es dann ja auch. Mo kann (vielleicht) in die Zukunft sehen.

  3. 03

    Wer die Vergangenheit kennt, kennt die Zukunft :)

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