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Versuch über Ronaldinho

Brasilien. Erstes Spiel heute abend in Berlin. Was soll man noch schreiben, welche Klischees plattwalzen, welche Anekdote wiederholen, wie oft noch “Zauberer vom Zuckerhut” mit leicht gesenkter Stimme ins Phrasenschwein flüstern, welchen Ballgott hervorheben? — Ronaldinho also.

Ronaldo de Assis Moreira. Nie zuvor habe ich bei einem einzigen Spieler die perfekte Beherrschung so vieler Zaubereien, Finten, Pass- und Schussvarianten gesehen. Nie zuvor diese totale Kontrolle über den Ball selbst bei Höchstgeschwindigkeit. Nicht einmal bei Diego Armando M. Und doch scheint ihm etwas zu fehlen. Die Welt hat ihn noch nicht auf den Olymp der Pelés, Maradonas, Cruijffs, Beckenbauers, Hidegkutis, Puskás oder Garrinchas gehoben. Und wird das vielleicht auch nie tun.

Sterben

“Meine Geliebte ist der Ball” grinst er in die Kameras und meint das ehrlich. Die Geliebte der Größten aber war das Spiel an sich, ein ernsteres Spiel als – bill-shankly-like – das um Leben und Tod. Sogar die vermeintlichen Schönwetterkicker unter den Besten gingen den Weg bis zum Beinahe-Knockout: Beckenbauer etwa 1970 mit Armschlinge oder die 1994 ihren totalen Kollaps riskierende Koksapotheke Maradona. Pelé in beinahe jedem Spiel der 60er und 70er, als sogar die unglaublich brutalen Fouls gegen ihn seine Tore nicht verhindern konnten.

Einen auf dem Platz sterbenden Ronaldinho aber kann ich mir nicht vorstellen. Vielleicht liegt es daran, dass ich die spanische Liga nicht verfolge, aber einen sich quälenden Ronaldinho habe ich bisher noch nicht gesehen. Wenn sein größter Spaß keinen Spaß mehr macht, hört Ronaldinho manchmal einfach auf, Fußball zu spielen. Zum Beispiel dann, wenn sich im Finale der Champions League eine Abwehr wie die von Arsenal entgegen stemmt. Dann flattern selbst seine ruhenden Bälle nervös ins Leere.

Erschaffen

Ronaldinho Wunderkind definiert genau wie Mozart seine Kunst nicht neu, sondern perfektioniert sie innerhalb schon vorhandener Grenzen. Die Grenzen gesprengt und Neues erschaffen haben andere: Bach und Beethoven in der Musik, Cruijff und Hidegkuti auf dem Platz. Ohne diese beiden gäbe es heute keinen Ballack, keinen Gerrard, keinen Totti. Mag sein, dass die Zeit der revolutionären Spiele und Spieler vorbei ist und nur noch konstante Evolution regiert. Dann aber wird in Zukunft niemand mehr nach Fußballwalhalla gelangen können, auch Ronaldinho nicht.

Unsterblich werden

Entscheidend is auf’m Platz. Stimmt so nicht. Entscheidend is im Herzen der Fans. Ronaldinho wird geliebt, oh ja, aber abseits des Platzes bleibt er zu nett, zu normal, zu Ronaldinho. Fanherzen verfallen zerrissenen Seelen (Maradona), völlig Wahnsinnigen (Kahn), tragischen Helden (George Best), Rebellen (Chilavert) oder Allmachtstypen, die sie hasslieben können (Beckenbauer) und verklären diese so lange, bis sie im kollektiven Gedächtnis unsterblich werden. Ronaldinho kann das noch erreichen, falls er das entscheidende Tor, den entscheidenden Elfmeter verwandelt – oder eben nicht. Paradoxerweise gewährt beides Unsterblichkeit.

Töten

In der aktuellen Seleção steht ein Weltklassetorwart und eine Weltklasseabwehr. Das ist neu. Keine Position, die nicht doppelt und dreifach überirdisch besetzt wäre. Wie kann man Brasilien schlagen? Vielleicht, indem man hässlich spielt und versucht, jegliche Spielfreude zu rauben, jeden zu Qualen zu zwingen, alles Schöne zu töten. Spieler wie Lucio oder Carlos halten dem stand. Ronaldo, Wunderkind himself, hält das nach vielen Rückschlägen inzwischen auch aus. Und Ronaldinho?

“Yet each man kills the thing he loves.” — Oscar Wilde
“Am besten grätschen wir die Brasilianer schon bei der Hymne weg.” — Torsten Frings 2002

Brasilien – Kroatien. Heute abend in Berlin. Und ich weiß schon jetzt, dass ich danach nur die falschen Worte finden werde.

8 Kommentare

  1. 01
    pierrot

    Also nee: Der wichtigste Unterschied ist, Ronaldhino ist 26 und hat noch vier bis fünf sehr gute Fußballjahre vor sich. Seine Spielweise hat den Fußball zwar nicht revolutioniert, aber das wird man sicher später hindrehen können (blablub Spielgestaltung aus der Halbposition blablub löste die klassische zehn auf blablub). Und was die Mysthifizierungen anbelangt, da mach ich mir keine Sorgen, Ronaldo de Assis Moreira hat schließlich Werbeverträge mit Nike und Pepsi, die kriegen das bestimmt ganz gut hin, ihm ein nachhaltiges Image zu verpassen.

  2. 02

    Ronaldinho Wunderkind definiert genau wie Mozart seine Kunst nicht neu, sondern perfektioniert sie innerhalb schon vorhandener Grenzen.

    Ich habe noch nichts Besseres über den kleinen Ronald gelesen.

    Die Geliebte der Größten aber war das Spiel an sich.

    Man kann es nicht klüger sagen. Ich höre auf mit dem bloggen über Fußball.

  3. 03

    Ich habe noch nichts Besseres über den kleinen Ronald gelesen.

    Über den kleinen Amadeus allerdings schon. ;)

  4. 04
    Alex

    Leute, Leute,

    wenn schon Diego der Golden Boy sagt, dass Ronaldinho Gaucho sein würdiger Nachfolger ist, hat man einfach keine Argumente mehr. Das ist wie als ob der Kaiser sagt: “Micha ich bin dein Vater!”. =)

    In diesem Sinne,
    Campeone, campeone ole ole ole!!

  5. 05

    @pierrot: ja, er hat noch was Zeit. Aber Verklärung durch Werbung bei seinem Aussehen? Na, ich weiß nicht…

    @Alex: Das sagt Diego aber zu beinahe jedem Wunderspieler (Riquelme, Messi, Batistuta, Zidane).

  6. 06
    Solotoj

    Ja, sehr schöner Artikel über Ronaldinho. Aber daß Brasilien unschlagbar ist, daran glaub ich nicht. Auch ohne Häßlichkeit.

  7. 07

    Beckenbauer und auf dem Platz sterben, also bitte. Nur weil er mal seinen Unterarm auf dem Platz spazieren getragen hat. Kein kluger Trainer würde so was heute noch erlauben. Auch die anderen erwähnten Über-Stars zeichneten sich weniger durch Selbstmord auf dem Feld aus, sondern im Gegenteil durch die Unbeschwertheit, das Spielerische ihres Tuns.

    Das Problem, dass Ronaldinho hat, wenn es denn überhaupt eines ist, ist die abgemachte Überhöhung, die die ihm zuteil wird, gesteuert von Nike und Co. befördert durch faule bzw. bezahlte Medienleute. Ich bin ziemlich sicher, dass der Spruch vom Ball als Freundin von ‘nem Werbfritzen stammt. Viele kriegen das mit, selbst der Bild-Leser spürt das.

    Und,… Shankley mag ja ein Irrer gewesen sein, aber er war auch Engländer und die haben in der Regel Humor und ursprünglich war sein mittlerweile etwas zu oft missbrauchter Spruch ein Scherzchen, nichts weiter.

    Trotzdem guter Versuch, weil was riskiert, findet eze

  8. 08

    @eze: auch ein kluger Trainer hätte ihn nicht mehr ausgewechselt, da das Kontigent bereits so erschöpft wie die Spieler waren. Klar, Beckenbauer sah nie gequält aus. Aber zumindest in den nachts gezeigten Spielen der WM 66 hat der Jungkaiser mich Spätgeborenen mit seinem Kampfeswillen sehr überrascht.

    Und was die Quelle (z.b. Werbefritze) einer Aussage mit ihrem Inhalt und dessen Wahrheit zu tun hat, weiß ich nicht. Hitler schrieb einst: “der Fuchs frisst die Gans”. Da spürt selbst der Bild-Leser, das hier was im Busch ist, und doch muss er zustimmen. ;)

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