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Sprache klebt

Zu Grundschulzeiten hatte sich bei uns das Schimpfwort „Spasti“ durchgesetzt. Ich hatte zwar keine Ahnung, was ein Spasti eigentlich war, aber es funktionierte rein wortmalerisch und klang dabei in meinen jungen Ohren nicht einmal besonders abwertend, sondern eher witzig. Ein Tölpel, vielleicht, wobei ich mir gerade unsicher bin ob ich zu dieser Zeit wusste, was ein Tölpel war.

Meine Eltern erklärten mir dann mal, was Spastiker wirklich bedeutet und von da an war der Begriff als Schimpfwort für mich erledigt.

Wenig erfreut waren nicht nur meine Eltern später auch vom Gütesiegel „geil“, welches einen späteren Ritterschlag zur Massenkompatibilität durch einen entsetzlich dumpfen deutschen Schlager aus Holland bekam. Riesenhit damals, natürlich. Und immerhin: Eine Zeitlang sorgte der dämliche Song dafür, dass man das Wort nicht mehr benutzen mochte, auch wenn ich zu meiner Schande gestehen muss, dass der Begriff bis heute nicht aus meinem Sprachgebrauch verschwunden ist und nicht nur für Zustände höherer Erregung verwendet wird. Das muss aufhören, man macht sich ja lächerlich.

„Spasti“ sagt heute kein junger Mensch mehr, der etwas auf sich hält und „geil“ ist nur noch Geiz, außer für diejenigen Werber, die diesen Unfug erfunden haben. Legt man meine relativ einseitigen Kontakte mit modernen Heranwachsenden, die sich in den vergangenen Monaten auf einige hundert gelöschte Kommentare zum Sonnenlicht-Video und auf die aus den Löschungen resultierenden Mail-Attacken reduzieren lassen, als Maßstab an, dann ist heute so gut wie alles eher „schwul“ – solange es nicht „krass“ ist.

Dass Sprache lebt, dass jede Generation ihre eigene sprachliche Abgrenzung benötigt und dass im Rahmen dieser Abgrenzung bestimmte Worte ihre eigentliche Bedeutung verlieren und neu-wertig verwendet werden, das wissen bestimmt sogar TV-Morgenmagazin-Moderatoren. Im Falle vom abwertend gemeinten „schwul“ ergibt sich oft sogar noch eine nicht unlustige Absurdität, wenn der Begriff ausgerechnet und bevorzugt von Hiphop-beeinflussten Jugendkulturen (oder, im Bereich der halbwegs Erwachsenen, von Ballermännern) benutzt wird, die durch oft sehr bedachte Auswahl ihrer stets gepflegten, gerne weißen Kleidung und durch die Definition des eigenen Ichs über die Anzahl der getragenen Goldketten und die Menge an aufgetragenem Haargel auf Dritte oft einen – nun ja – nicht gerade untuntigen Eindruck machen. Wie das alles nun wieder im Zusammenhang mit der Homophobie einiger Hiphop-Spielarten steht entzieht sich meiner genauen Kenntnis, ich vermute aber, dass genau dort der Begriff „schwul“ als Beleidigung entstanden ist:

Die „Gefahr“ des möglichen Verdachts der eigenen Homosexualität (hui, wie furchtbar!), begründet durch das in unserem Kulturkreis noch immer eher weiblich belegte Interesse für Kleidung, Frisur und Schmuck sowie die auffallend enge Bindung an die männlichen Kollegen („male bonding“), soll durch andauernde Versicherung des eigenen Nicht-Schwul-Seins gebannt werden.

Ab hier könnte man es sich leicht machen und das alles schmunzelnd und achselzuckend zur Kenntnis nehmen. Jugendsprache eben, was soll’s, alles wie immer: Die Jugend stänkert, die Erwachsenen meckern. So muss das sein.

So müsste das sein, ist es aber nicht. Denn im Zuge der gefühlten verlängerten Jugend mag niemand unter 60 wirklich erwachsen sein und die rote Meckerkarte ziehen, zu dicht ist man doch noch dran an dieser Jugend. Wer sich beschwert, ist alt, und wer will schon alt sein? So verwaschen wichtige Generationsgrenzen und durch den Irrtum, es wäre alles akzeptabel und irgendwie doch voll okay, solange man nicht auf längst überholte und inzwischen als spießig geltende „politische Korrektheit“ pochen würde, wird beinahe alles möglich und machbar. Und damit banal, austauschbar und unwichtig: Noch drei Monate bis zur Mega-Markt-Werbung mit dem Claim „Wir sind cool, die Anderen sind schwul“ und deutsche Männer können sich endlich wieder gemeinsam auf die Schenkel klopfen (aber bloß nicht gegenseitig!).

Gesunder Nonkonformismus kann dadurch als generelle Antihaltung ohne Verstand fehlinterpretiert und umgesetzt werden, aus dem wichtigen Misstrauen gegenüber Autoritäten wird Ablehnung jeder „anderen“ Meinung und Haltung, und gesellschaftliche Ungerechtigkeiten werden eh nur noch von „Gutmenschen“ diskutiert, die einfach noch nicht geschnallt haben, dass Geiz eben geil ist und man Recht nicht hat, sondern sich holt, notfalls mit Geld oder Gewalt. Es ist schick, ein Arschloch zu sein. Und nur Loser, nein, Opfer zollen dir „Respekt“ dafür, wenn du dich bemühst keines zu sein.

Bemängelt man Sprachkultur, tritt man vor ein Arsenal an offenen Fallen, die nur darauf warten endlich zuschnappen zu können. „Konservativer Mist“ wäre dabei noch die harmlosere Kritik, eine Einladung zum Bloggen für die CSU sicher der Höhepunkt der möglichen Missverständnisse.

Doch selbst auf diese Gefahren hin und obwohl meine eigene Sprache besonders im privaten Kreis ganz sicher alles andere als „p.c.“ ist, halte ich das verstärkte Augenmerk auf öffentliche Sprache, das die 68er-Generation uns in den letzten Jahrzehnten beschert hat, für immer noch wichtig und keinesfalls lächerlich. Natürlich kann Political-Correctness-Wahn unglaublich bescheuerte Blüten treiben, natürlich nervt es beim Lesen, wenn der/die betreffende Mann/Frau eine/n Arbeiter/-in während seiner/ihrer und so weiter…

…aber auf die durch das detaillierte Beobachten von Sprachkultur entstandenen Diskussionen möchte ich auf keinen Fall verzichten. Denn es hat Gründe, warum man hinsichtlich der Emanzipation von Frauen oder der hoffentlich weiter abnehmenden Diskriminierung Homosexueller durchaus von gesellschaftlichen Fortschritten sprechen kann, selbst wenn diese ganz sicher noch lange nicht an ihrem Ziel angelangt sind.

Und diese Gründe liegen eben auch im Manifestieren und Kritisieren von gesellschaftlichen Entwicklungen am Beispiel unseres Sprachgebrauchs.

Denn wenn Schwule als minderwertige Menschen angesehen werden, wenn Opfer nichts anderes als einen weiteren Tritt benötigen, dann mögen das vergängliche und etwas „unschöne“ Sprach-Trends sein. Vielleicht aber folgen sie nur den längst gegebenen Realitäten.

(Inspiration: Diaet)

74 Kommentare

  1. 01

    Ey, krasser Artikel ;-) Nein im Ernst: Danke dafür.

    Ich kann mich noch gut daran erinnern wie meine Eltern mal in Hörreichweite waren als ich ’nem Kumpel ein „Ey bist du schwul oder was?“ an Kopf warf. Die elterliche Reaktion war, dass ich ihnen erstmal erklären sollte was schwul eigentlich wäre – das wusste ich dann auch nicht so genau, aber das Gespräch war (mir) so peinlich das dieser Ausdruck für immer aus meinem Sprachgebrauch verschwand. Hmm das muss jetzt so ca. 15 Jahre her sein…

  2. 02

    Der Begriff »geil« ist bei der jüngeren Jugend allerdings »cool«.

    Man steht hier, denke ich, vor der Frage, ob die Sprache das Denken beeinflusst (oder nicht, bzw. inwieweit) oder das Denken die Sprache (oder nicht, bzw. inwieweit). »Schwul« zu sagen muss für/von den, der den Begriff gebraucht, keineswegs abwertend gemeint sein, weil er ggf. ein ganz anderes Verständnis von dem Begriff hat — und möglicherweise etwas ganz anderes meint.

    So wird das für die meisten Begrifflichkeiten sein. In erster Linie weiss der Anwender (hoffe ich jedenfalls) was er meint. Der dialogische Kontext ist ebenfalls zu berücksichtigen. Und der/die Empfänger der Nachricht.

    Wir bewegen uns also auf einem Realität Relativierungsfeld. Das greifbar zu machen und zu objektivieren ist schwierig. Aber sicher sind die meisten Sprachsituationen durchaus eindeutig — für alle Beteiligten.

    Gleichwohl: schwieriges Terrain.

  3. 03

    Schwierige Sache: Diskriminierende Sprache (Spasti, schwul) kenntlich zu machen, ohne in Neusprech (MitgliederInnen, Beamtin) zu verfallen.

    Etwas am Thema vorbei, aber gut beobachtet: Jens Friebe zu „žkraß“

  4. 04
    ick

    ja, wohl war, ein schöner artikel. bin gerade 31, aber dadurch, dass ich meinem geliebten brüderchen eine, mehr oder weniger, korrekte deutsche wortwahl ans von bushido und konsorten versaute herz legen will, bekomm ich auch zu hören, wie schwul oder uncool ich bin. alt und ein „stino“ (stinknormaler) sowieso. ist das bitter. aber anhand deines artikels seh ich doch noch etwas licht am horizont. wenn ich mir überlege, dass diese beschränkten kinder mal die zukunft deutschlands sein wollen… gestern in der stadt, fragt der eine, etwa 22-jährige, seinen kumpel: `du, liegt darmstadt in deutschland?`

  5. 05

    mmh, anscheinend sind krass und schwul auch schon wieder haut. heutzutage sagt man porno und psycho. porno für cool kenn ich zwar aus diversen foren, aber psycho hab ich persönlich noch nie gehört. obwohl ich mit meinen 20 noch gar nicht so alt bin :D
    http://www.zeit.de/2006/11/Titel_2fMartenstein_11

  6. 06

    erstmal an johnny, danke. der artikel regt auf jeden fall zum nachdenken und diskutieren an.

    ich moechte da auch gleich mal auf den kommentar von andi eingehen.
    du hast damals nicht so richtig gewusst was schwul eigentlich genau bedeutet. ist es nicht auch ziemlich oft so, dass viele leute nicht wissen was sie da genau sagen/schreiben?

    es gibt da auch dieses schoene beispiel in der kneipe. wo irgendwelche halb angetrunken (meist maennliche) personen sitzen die wieder einmal ueber „kanaken“ schimpfen. spricht man diese leute an und fragt was kanaken eigentlich sind, bekommt man antworten ala „das sind die, die uns die arbeit weg nehmen“ (ich will hiermit nicht wieder das integrationsthema aufrollen – das war nur ein beispiel!). was ich damit sagen will – sprache wird doch im allgemeinen viel zu unbedacht gebraucht und dadurch auch abwertend gegenueber zb minderheiten.

    achso was kanaken sind gibt’s hier zum nachlesen.

  7. 07

    tja..hmm..tja. also ein „schwul“ kam mir auch schonmal über die lippen. wobei ich mich alles andere als homophob oder ähnliches bezeichnen würde. es ist sicher auch kein fester bestandteil meines daily talks. dann doch eher cool/uncool. auch wenn ich manchmal dachte, das diese begriffe so dermassen 80er sind. was natürlich völliger quatsch ist. oder selbst wenn es kein quatsch ist: es ist egal.
    man beschäftigt sich ja immer mit der sprache, täglich, schon durchs bloggen. wer freut sich nicht einen sachverhalt so exakt auf den punkt formuliert zu haben, wie man es sich wünschte…? eben.
    in den 80ern war spasti das schlimmste wort der jugendlichen. die liberalen eltern von damals fanden es schlimm, eine behinderung zum schimpfwort zu machen. ich muss aber sagen, das ich das gefühl habe spasti heute auch noch recht verbreitet zu erleben. neben dem dazugekommenen schwul etc. auch wenn man nicht alles schlucken sollte, man sollte sich auch nicht allzu grosse sorgen machen, oder?
    da finde ich „hey, wir sind schliesslich in köln“-witze von pocher und konsorten deutlich schlimmer und schätze auch deren schaden grösser ein.

  8. 08

    @nilz: Sicherlich wird sich der Gebrauch bestimmter Wörter wieder legen, aber schon allein deren Falschgebrauch in einer Generation prägt diese so sehr. Was alle als schlecht bezeichnen, kann nicht toll sein, es schleift sich ein. „Schwul“ ist dann uncool, klar, man weiß nicht so wirklich, was es bedeutet, aber hautpsache nicht diesem Begriff entsprechen. Am Ende steht dann der Schwule, der sich mit Vorurteilen herumplagen muss, weil die Gesellschaft sich auf diesem Wege verwirkt hat. Zwar werden viele Freunde möglicherweise diesen Gebrauch herunterfahren, wenn sie erstmal von der Homosexualität einer betreffenden Person wissen, aber im Kopf hängt dieses Wort weiterhin. Blöderweise wie viele Entgleisungen, die eben auf Kosten anderer sind… Dafür sind sie dummerweise da.

  9. 09
    Lothar

    Man sollte in der Diskussion beachten, daß das Wort „schwul“ schon immer eine negative Bedeutung hatte, auch bevor es für „homosexuell“ stand. Siehe auch Wikipedia :

    „Auch das Wort „schwul“ (drückend heiß; in dieser Bedeutung seit dem 18. Jahrhundert schwül als Parallelbildung zu „kühl“ oder von „Schwulität“ = Schwierigkeit, Bedrängnis, peinliche Lage) wurde ursprünglich abwertend gebraucht. Die Schwulenbewegung der frühen siebziger Jahre nahm bewusst das deutsche Schimpfwort „schwul“ als Begriff für homosexuelle Männer, da es in der deutschen Sprache keinen positiven Begriff für sie gab, und drängte die abwertende Bedeutung zurück.“

    So wird ja auch niemand in der Redewendung „Das bringt einen in Schwulitäten.“ eine Diskriminierung von Schwulen sehen.

  10. 10
    sven

    Heutzutage schreibt man in Webforen und ähnlichem durchaus noch gern „Spasst“ mit Doppel-S. Gern genommen ist dann noch die „Mistgeburt“.

  11. 11

    Beschimpfungen politisch korrekt zu gestalten, das ist ein schwieriges Unterfangen. Schweine beispielsweise sind hochintelligente Tiere, aber jeder weiß, was gemeint ist, wenn ihm ein „Schwein“ an den Kopf geworfen wird. Wir werden uns mit diesem Thema in eine hochkomplexe Henne-Ei-Diskussion begeben. Sind Homosexuelle in der Gesellschaft gleichberechtigt und werden jetzt durch die Jugendkultur zurückgedrängt? Oder nimmt die Jugendkultur hier den nicht-medialen Mainstream auf und schleust ihn durch die Jugendmedien ins Abendprogramm?
    Warum wird „Wixer“ als Beleidigung empfunden, obwohl 100% aller Männer Mitglied dieser Gruppe sind oder es waren? Warum ist „arm“ ein beleidigungsverschärfendes Adjektiv, obwohl doch nur ein Bruchteil der Bevölkerung wohlhabend ist? Weil es nur ein Ideal gibt, dass uns allen hingehalten wird: Der weiße, erfolgreiche, monogame Mann mit einem großen Freundeskreis, gut bestückt und sportlich. Weicht man in einer Beziehung ab, muss man auf den anderen Gebieten überkompensieren. Westerwelle darf schwul sein, aber er muss einen Mann haben, genauso Wowereit. Wer kann sich schon eine darkroomkreuzende Ledertucke als FDP-Chef vorstellen. Gerald Asamoah darf für Deutschland spielen – nie war ein Afrikaner preußischer. Merkel darf Bundeskanzlerin sein – nie war eine Frau männlicher. Mag sein, dass man Verhältnisse über die Sprache ändern kann, bis jetzt ist die Sprache der Political Correctness hauptsächlcih die Waffe der Verschleierer gewesen.

  12. 12
    sunny3d

    Das sind meiner Meinung nach alles Sprachfloskeln, die das – wie von Johnny beschriebene, „Schwul – Sein“ an sich, kaum fassen können. Also – was bedeutet es – mit Männern Sex zu haben, mit Männern zusammen zu leben, Männerkulturen zu leben. Ich glaube sogar das dieser Bushido oder wie die da alle heißen mögen, kaum einem Schwulem was vor die Fresse geben, erstens sind die dann alle schön in der Presse abgelichtet und wer weiß, Eminem ist bestimmt auch schwul.

    In orientalischen Kulturen war es (früher?) eh gang und gebe sich vielfach hinzugeben, abseits unserer heutigen Grillkulturvorstellungen.

    Die sind schon echt dreist – die Rapper von heute – thematisieren sogar
    Schwul-sein. :-) Ob sie wollen oder nicht!!!!!!!!!!

    Leider stehen dann immer die Ballermänner im Abseits, oder die Grauzonen von Menschenverachtung an sich.

    Jeder für sich!

    Rein in den Pöbel und schön aufmischen!

    s.

  13. 13

    Ich glaube, in der gesprochenen Sprache ist man besonders bei eher unwichtigen Themen zu faul sich korrekt auszudrücken, weil es oft nur Small-Talk ist. So beobachte ich mich öfters dabei, dass ich ein „geil“ hinwerfe, wenn ich etwas gut finde, obwohl ich mich danach dafür schäme. Besonders peinlich ist auch mein ständiges „mega“. Aber irgendwie ist es so verbreitet im Kollegenkreis, dass es schwer ist, sich das abzugewöhnen.

  14. 14

    zitat: „sprache ist erfunden um andere auszuschalten“

  15. 15
    sunny3d

    Hallo Malte

    wir müssen gleichzeitig geschrieben haben. Dein Kommentar ist top und jetzt musst du noch einen frauenfreundlichen Kommentar abgeben und mich loben.

    s.

  16. 16

    Beste weil offensive Attacke auf „schwul“ als Beleidigung ist „Schwule Mädchen“ von Fettes Brot, weil es kein „verbieten“ von schwul als Beleidigung will sondern einen Imagewandel. Dass das trotz großen Erfolg mit der Single natürlich doch nicht geklappt hat (das Teil ist eben auch ein Partysong) war irgendwie auch voherzusehen, aber den Versuch war’s wert.

    Was man sagt ist wichtig. Das man pc nicht immer mitmachen muss ist auch klar. Ich hab halt ’ne kleine Blacklist im Kopf mit Sachen, die ich nicht sagen will, nicht weil ich mich irgendwie dazu genötigt fühle, sondern weil mir die Wörter einfach unsmpathisch sind. Schwul als Beleidigung steht da auch drauf.

  17. 17
    sunny3d

    by the way, könntet ihr einen Artikel zum Gesundheitssystem schreiben – ansonsten mach ich das.

    s.

  18. 18
    Mirek

    Also schwul war auch zu meinen Grundschulzeiten in den 80ern ein Schimpfwort, das ich auch mal ganz gerne benutzt hatte. Genau wie #1 hatte ich aber keine Ahnung, was das überhaupt bedeutet. Das änderte sich, als ich irgendwann mal einen etwas älteren Mitschüler beleidigt hatte:

    Ich: „Ey du bist voll schwul ey“
    Er: „Echt, bin ich das? Du weißt doch gar nicht was schwul bedeutet“
    Ich: „Doch klar, du A…loch“
    Er: „Dann erklär es mir“
    Ich (verlegen): „Naja, schwul ist jemand, der voll doof ist“
    Er (triumphierend): „Nee, schwul ist ein Mann der Männer liebt“
    Ich : „Echt? Und warum ist das doof?“

    Danach habe ich aufgehört, Dinge und Leute als „schwul“ zu bezeichnen. War mir zu blöd. Und wenn andere Kinder gesagt hatten „Susanne, du bist voll schwul“, oder „Was ist das für ein schwuler Mist“ habe ich immer heimlich gelacht, weil die Leute „blöd“ waren und das Wort falsch benutzten.

    Wenn die Kids das heute benutzen, denke ich zwar, dass sie wissen, was es bedeutet, aber ich glaube nicht, dass es sich speziell gegen Homosexuelle richtet, sondern man benutzt es , weil man es halt so sagt. Wir haben ja früher auch immer unsere besten Freunde mit „Hey du Arsch“ begrüßt, oder?

    „Spasti“ haben wir auch gesagt. Irgendwann hatten wir zwar mitbekommen, was das Wort bedeutet, aber irgendwie klingt es halt gut. Naja, aber als Gymnasiast war das dann irgendwann voll „uncool“, jmd mit einem Wort zu beleidigen, dass sich eigentlich gegen Behinderte richtet. Als Ersatz dazu diente dann „Spacken“, gerne auch „Spaten“. Jmd der eine „Spast“ war, benahm sich fortan also total „spackig“

    @all: weiß eigentlich jmd, woher das Wort „Spacken“ kommt und was es bedeutet? Ich benutze es nämlich eigentlich immer ganz gerne so mal zwischendurch

  19. 19

    scheint aus’m ruhrpott zu kommen.
    ausfuehrliceh erklaerung gibt’s hier.
    und gute nacht.

  20. 20

    ups, muss natuerlich „ausfuehrliche“ heißen. es ist aber auch schon wieder spaet…

  21. 21

    ich hab früher so oft „spasti“ gesagt, bis meine mutter es irgendwann aus versehen auch tat.

  22. 22

    Positiv. Denkt doch mal positiv. Im Anhang an die sexuelle Revolution haben alle geil gesagt. Zur Integration der Homosexuellen haben alle schwul gesagt. Mit Körperbehinderten war es auch so. Ich glaube die lief „Mein Gott Walter“ im Fernsehen. Ein Downkind spielete die Hauptrolle. Da sagten alle Spasti.

    Es scheint eine Art Auflösung einer Verklemmtheit zu sein. Wir benutzen diese Wörter ohen deren Sinn zu verstehen. Also Provokation und weil es alle machen. Und dann ist irgendwann das Wort so in aller Munde, dass der Inhalt integriert ist. Somit ist das was positives. Auch wenn es nicht schön klingt.

  23. 23

    ALs ich zur Schule ging, wurde ich häufig als „Spasti“ bezeichnet. Es bot sich an. Kombinationen wie „Basti-Spasti“ waren wohl nur zu verlockend.
    Ich ahtte keine Ahnung, was ein Spasti war und ließ es desinteressiert über mich ergehen. Erst später fand ich heraus, was dieses Wort bedeutet und daß es eigentlich eine Beleidigung darstellen sollte. Doch da hatte ich es schon hundertfach vernommen, und es berührte mich längst nicht mehr.

    Das Wort „schwul“ als Beleidgung oder abwertendes Attribut zu nutzen, gehörte auch eine Zeitlang zu meinen Eigenarten. Ich glaube, es watr damals nicht minder „in“ als heute, und jedesmals, wenn ich gegenüber echten homosexuellen derartige Wortverfehlungen beging, schämte ich mich.

    Irgendwann änderte ich das bewußt. Heute hört man mich häufig sagen „Das ist ja total hetero.“ und kann sich eines ironischen Mundwinkel-Nach-Oben-Ziehens sicher sein…

  24. 24

    @Christof Hintze die Fernsehserie war „Unser Walter“. „Mein Gott Walter“ ist ein ganz grässliches Lied von Supernase Mike Krüger.

  25. 25

    @Christof: interessanter Gedanke – die Inflation des Wortes kam ja auch wohl hauptsächlich dadurch, dass es gerade von homosexuellen Männern ironisierend als eine positive Selbstbeschreibung umgedeutet wurde.

    Ansonsten ist es vermutlich wirklich meistens eingefahrene Unbedachtheit – und die bewussten Anspielungen á la Pocher (danke, Nilz) sind das größere „Problem“. Maltes „Wixer“ fand ich hier ein schönes Beispiel – welcher Kerl kann sich dadurch eigentlich beleidigen lassen? Noch so ein Punkt, an dem man eigentlich öfter mal innehalten könnte, es aber nicht tut, weil an eine solche Normalität kaum ein Gedanke verschwendet wird. Oder bleibt wichsen durch den Gebrauch als Schimpfwort weiterhin als „bäh“ stigmatisiert? (Ernste, nicht rhetorische Frage)

  26. 26

    Muss wohl dran liegen, dass ich ein unccoler, alter Sack bin, aber mir gehen auch nicht-beleidigend-gemeinte Sprachverhunzungen fürchterlich auf den Keks. Ich habe mich letzte Woche mit einem Typ in meiner Stammbar unterhalten und obwohl der Typ nicht blöd und das Gespräch durchaus interessant war, merkte ich, dass ich nach dem 7. Gebrauch des Wortes „geschmeidig“ in 3 Minuten als Beschreibung für seine Lebenssituation, den gestrigen Abend, den Verlauf seiner letzten Prüfung, das Verhältnis zu seiner Freundin, etc. etc. richtiggehend aggressiv wurde. Diese Reduzierung des Wortschatzes ist ein sprachliches Armutszeugnis. Wenn Mensch nicht mehr weiss, was er eigentlich sagt mit dem, was er so redet (siehe einige „schwul/spasti-Geschichten“ in den oberen Kommentaren) oder nicht mehr in der Lage ist, sich differenziert auszudrücken, geht ihm über kurz oder lang auch die Fähigkeit ab, Inhalte zu begreifen, die sich mit Schwammwörtern eben nicht erfassen lassen. So wird die Sprache wieder das, was sie immer war, ein Instrument zur Ausgrenzung, ein Herrschaftsinstrument. Doppelplusungut das!

  27. 27
    Claus Thaler

    @Johnny.
    Nur kurz eine Anmerkung:
    Wenn du schreibst „Wenig erfreut waren nicht nur meine Eltern später auch vom Gütesiegel „žgeil“, welches einen späteren Ritterschlag zur Massenkompatibilität durch einen entsetzlich dumpfen deutschen Schlager aus Holland bekam. „, täuscht dich dann nicht die Erinnerung?
    Lange vor „Brunce und Bongo“, die du wahrscheinlich meinst, wurde nämlich bei mir zuhause im Kinderzimmer schon „Das ist geil!“ mitgegrölt, als Extrabreit „Hurra, Hurra, die Schule brennt“ sangen. :-))

  28. 28
    Daniel (aus Neustadt)

    Spasst, Monk, Schwuchtel und co. sind – zumindest unter uns – eigentlich ganz normaler Sprachgebrauch. Bei uns weis aber jeder um deren Bedeutung, und vermutlich sind wir auch gebildet genug um deren Wirkung abschätzen zu können.
    Aber eigentlich geht es ja weniger darum, wer diese Ausdrücke benutzt, sondern eher wer sie hört! Wenn mich einer als Hinterlader bezeichnet lach ich drüber – unser „Afrikaner“ lacht über Kanak genauso, wie der Lockenträger über „Scheiss Jud“ – weil wir genau wissen das wir uns nur gegenseitig aufziehen wollen. Es ist wohl wichtig zu unterscheiden in welchem Kontext – und wem gegenüber – man diese Ausdrücke benutzt!

  29. 29

    Aufrüstung der Worte. Wer das härtere, unbekanntere Schimpfwort kennt, hat die Lacher und Bewunderer auf seiner Seite. Wenn sich die (Jugend)Sprachkultur heute entscheidet, „Du Bloggi“ als Schimpfwort zu benutzen, dann vermutlich nicht deshalb, weil sie verstehen, was sie da sagen. Erinnert mich an meinen Vater, der seinerzeit mal enthüllte, dass das schlimmste Schimpfwort, das er in seiner Kindheit kannte, „Birnenkompott“ war.

    Die „Kraft“ eines Schimpfworts liegt vermutlich a) im Brechen eines Tabus (Behinderte, Homosexuelle, …) und b) in der Verwendungshäufigkeit. So hat (jetzt mal als Ausdruck der Zustimmung) das Wort „Geil“ an Kraft ziemlich verloren. Trotz Saturn.

    Zum Thema politisch „korrekte“ Kommunikation, jenseites von Multigeschlechtsformulierungen: Man möge mir bitte unterstellen, dass ich das was ich sage generell „positiv“ meine. Ich möchte kein Etymologe sein, um kommunizieren zu können und ich kenne auch nicht alle Zitate des Dritten Reichs auswendig. Manchmal ist nämlich die Diskussion über das „korrekte“ Wort in Wirklichkeit nur ein Herumdrücken über den Inhalt einer Aussage bzw. die dahinterliegende Absicht.

    PS: Es gibt nichts Ungeileres als Geiz.

  30. 30

    Ach, schöne Diskussion, danke mal wieder! Extrabreit hatte ich tatsächlich vergessen, die waren vor Bruce und Bongo da, stimmt. Und ansonsten ist der Kontext natürlich sehr entscheidend, ich rede unter guten Freunden auch leicht anders als bspw. im Podcast.

  31. 31

    political correctness my ass. hierzulande sagt man auch gerne spast. eigentlich spasst. klingt auf alle fälle herausfordernd und hat mit trisomie nix mehr zu tun. schwierig, manchmal aber verlockend. neulich hörte ich jemanden sagen: „nazis sind alles spastiker!“ – oh ha! und jetzt?

  32. 32

    Interessant ist auch, dass sich die Verwendung von ’schwul‘ als abwertende Beschreibung nicht nur auf den deutschen Sprachraum beschraenkt. Hier in UK wird ‚gay‘ genauso verwendet und es entbrannte eine lebhafte Diskussion darueber, als Chris Moyles, seines Zeichens zuhoerer staerkster Breakfast Show Moderator bei BBC Radio 1, einen Klingelton als ‚gay‘ bezeichnete: Artikel aus der Times Online dazu

  33. 33

    Die Sprachkultur ist zu Teilen nur ein Symptom. Wenn Down-Syndrom-Kinder nicht mit anderen zur Schule gehen (oder gleich abgetrieben werden), ist das Schimpfwort „Mongo“ nicht weit.

    Es ist natürlich trotzdem sinnvoll, zu sensiblem Umgang mit Sprache aufzufordern, aber Sprache ist hier leider oft nur ein Ausdruck der tatsächlich vorhandenen Ausgrenzung.

  34. 34
    ~thc

    bei jedem sprachgebrauch (sehr stark bei jugendlichen, aber auch allgemein) gibt es ja das phänomen des „soziolekts“. über den gebrauch von sprache definiert man unbewusst oder bewusst gruppen und gruppenzugehörigkeiten.

    wenn man jemandem sehr nahe steht und denjenigen gut kennt, kann man das richtig beobachten, wie sich der gebrauch der sprache je nach aktueller gruppe oder situation ändert.

    der gebrauch von worten als schimpfworte ist nicht vom soziolekt zu trennen. in der aktuellen gruppe wird dann z.b. „schwul“ als ersatz für „doof, blöd, nicht dazugehörend“ benutzt, weil diese (fehl-)interpretation in diesem soziolekt von allen beteiligten so interpretiert und anerkannt wird.

  35. 35
    Acid

    wenn Opfer nichts anderes als einen weiteren Tritt benötigen, dann mögen das vergängliche und etwas „žunschöne“ Sprach-Trends sein. Vielleicht aber folgen sie nur den längst gegebenen Realitäten

    Na sicher, jeder knüppelt den nächst Schwächeren nieder. Wird uns doch täglich vorexerziert.
    Über Arbeitslager… äähm Zwangsarbeit denkt man auch gerade wieder nach. Ein Wunder, dass die Sprache nicht rüder ist.
    Großen Teilen der Bevölkerung wird der letzte Rest von Würde genommen, man macht ihnen immer deutlicher klar, dass sie Menschen 4. Klasse sind – wieso sollten sie sich um Umgangformen bemühen?

    Bei uns hieß es damals übrigens „Spackel“ – das klang irgendwie verniedlichend, es erinnerte an Dackel und war auch so gemeint. Allzu niedlich ist heute nichts mehr.

  36. 36

    Bei mir in der Klasse (9. Klasse Gymnasialzweig) ist das schlimmste Schimpfwort seit ca. einem Jahr „Hauptschüler“ dadurch das die Flure gemischt mit H, R, und G schülern sind, ist es doch manchal sehr laut. Während dem Lehererwechsel versteht man bei uns im Klassenzimmer sein eigenes Wort nicht mehr. Das liegt daran, dass neber uns eine H9 ist und die dann ihre Musikanlage mit der Schlechtesten Musik anschlaten die man auf diesem Planeten hört (Englischsprchige Discomusik aus Russland, wo Ice Ice baby eher Reis, Reis klingt).
    Wenn man jemand als Hauptschüler dekradiert wird , dann gehört er nicht mehr in die möchtegern „Elite“ unserer Klasse sondern einfach nurnoch als extrem Dummer Mensch.

    Ich finde soetwas schäuslich aber ich kann nichts dafür wenn man den Hauptschulzweig auf Böse Onkelz hörende Vollidioten beschänkt, auf die alle wörter zutreffen die irgendwas mit dumm, blöd, hässlich und so zutun haben.

  37. 37

    »Wenn Down-Syndrom-Kinder nicht mit anderen zur Schule gehen…«
    Aber auch wenn sie das tun, kommt es vor, dass zB »Du bist ja behindert« als Schimpfwort gebraucht wird. In diesem Fall ist es ganz konkret eine Auflehnung gegen Eltern und Lehrer.

    Man staunt manchmal, wie auch Kids aus »aufgeklärten« Elternhäusern voll auf diesen Zug aufspringen. Abschalten kann man das nicht, Verbote u. Strafen nützen kaum, aber generell über Sprache reden hilft: Kids können kapieren, dass Worte so weh tun können wie Schläge. Und richtig witzig wird es, wenn man sie dazu kriegt, sich alternative eigene Schimpfwörter auszudenken. »Du Strassenlaterne!« Damit kriegt man die »unkorrekten« Ausdrücke zwar auch nicht weg, aber es werden weniger und es entsteht auf Dauer ein bewussterer Umgang mit Sprache.

    Über Sprache reden ist überhaupt was Gutes. Sollten wir alle ab und zu machen (ach so, tun wir ja gerade..)

  38. 38
    nereos

    Ein sehr richtiger Artikel mit einem guten Ansatz!

  39. 39
    Shun Di

    Aber Matti, um derlei Kritik zu üben, sollte zumindest partiell Deine Rechtschreibung nicht Deine Arroganz Lüge strafen.

    Zum Thema:
    Eine Abflachung der Rezeptoren und damit auch der Reflexionen findet seit jeher statt. Kultur blüht auf und geht wieder ein. Wenn wir unseren Kindern kein Paradies bieten können oder wollen, dann werden alle Redundanzen um den Überlebenstrieb herum auch weiterhin von ihnen abgebaut. Schließlich muss man einem Shareholder Value genügen, der den eigenen Wert definiert.

    Eventuell etwas spitz formuliert, aber klare Positionen dienen einer guten Diskussion :)

  40. 40

    Guten Tag,

    ich finde es zum kotzen, wenn Menschen nicht bescheid wissen, dass die Sprache böses anrichten kann. Nicht umsonst werden von vielen Menschen Cannabisprodukte als harmlos eingeschätzt, weil sie schließlich eine weiche Droge sind, von anderen aber als gefährlich angesehen, da es ja eine Droge ist. „Hauptsache du kiffst nicht“, sagte letztens ein Vater an der Supermarktschlange zu seinem ca. Sechzehnjährigen, als der noch ’nen Sechser Becks Gold haben wollte. Schließlich ist Alkohol ja Alkohol und keine Droge. Zumindest, wenn es wieder heißt „..die Frau wurde von einem Golffahrer überfahren, der auf Grund übermäßigen Alkoholgenusses nicht in der Lage war rechtzeitig zu bremsen.“ oder für einen Hanfblütengenießer am Steuer „..die Frau wurde von einem Kiffer/ einem Golffahrer überfahren, der auf Grund Drogenmissbrauchs unter THC-Einfluss stand und nicht in der Lage war..“. Da frage ich mich, warum so viele Menschen die Cannabislegalisierung ablehnen.. Natürlich nicht nur deswegen, aber auch.

    Sprache zeigt Wirkung. Es wird oft nicht mehr Kernenergie, sondern Atomkraft gesagt, weil es nicht wortmalerisch ist und sich Atomkraft eher nach Atombombe anhört, Kernenergie eher nach Kirschkernen.

    Die Gefahr bei politisch unkorrekten Begriffen liegt in der Gewöhnung. Ich kann bei einigen Mitschülern seit der neunten Klasse feststellen, wie sie sich anfangs als Nigga bezeichneten, heute ab und an Sachen raushauen wie „Kemal der scheiß Kümmeltürke kriegt doch eh nix auf die Reihe“. Kanns das sein? Es ist gefährlich, wenn man Begriffe für etwas anderes zweckentfremdet. Im Kopf entsteht bei dem Erfassen des Klangs eine negative Verbindung. Das ist ein rhetorisches Mittel und heißt Konnotation. Das heißt, wir assozieren dann einen homosexuellen, mit dem Dreckskerl, der uns immer angerempelt hat, in der Schule und den wir in Folge dessen als Schuchtel bezeichneten. Au weia.

  41. 41

    Oh, gemeint ist Schwuchtel, mit w und nicht ohne..

  42. 42

    „Die Sprachkultur ist zu Teilen nur ein Symptom. Wenn Down-Syndrom-Kinder nicht mit anderen zur Schule gehen (oder gleich abgetrieben werden), ist das Schimpfwort „Mongo“ nicht weit.“

    Das ist aber Quatsch. Es hat doch nichts damit zu tun auf welche Schule man sein behindertes Kind schickt, ob man das Schimpfwort „Mongo“ benutzt oder nicht. Das ist genauso wie als würde man sagen: „Wenn Kinder nicht mit anderen zum Gymnasium gehen, dann ist das Schimpfwort „Blödmann“ nicht weit“

    In Wirklichkeit ist es nämlich eine ganz klare Entscheidung der Eltern ob sie Ihre Kinder auf eine integrative Schule schicken, in der das behinderte Kind eben sehr wohl die Schule mit „normalen“ Kindern besucht oder eben ganz bewusst in eine spezielle Schule für praktisch Bildbare. Das Problem ist nämlich, dass eine solche integrative Schule nicht in jedem Fall eine bessere Integration gewährleistet sondern im Gegenteil unter Umständen im Extremfall sogar eher für ein Angleichen der zwei Welten aneinander sorgt (nach dem Motto die „normalen“ Schüler sind vom Wissen am Ende nicht weiter als die lernschwachen geistig-behinderten Schüler) oder aber eine wirklich gezielte Förderung jedes einzelnen Behinderten voneinander getrennt garnicht stattfinden kann. Das ist aber etwas, das in praktischen Schulen funktioniert, weil die Klassen kleiner sind und der Lehrer Zeit hat die Kinder mit Down-Syndrom individuell zu betreuen. Davon ab (wobei ich hier zugebe nicht zu wissen, ob es an integrativen Schulen ähnlich prakiziert wird) spricht für solche Schulen, dass die Bewertungen nicht in den 1-6 Schubladen stattfinden, die für ein geistig behindertes Kind, so sehr man es auch integrieren will, halt einfach nicht passen.

    Was dagegen wirklich schade ist das es durchaus auch eine Frage des Geldes sein kann, ob man sein Kind zu einer integrativen Schule schickt.

  43. 43

    Ich versuch’s kurz zu machen, weil hier schon einige in die gleiche Richtung geschrieben haben.

    Wenn „schwul“ dauernd als abwertende Bezeichnung benutzt wird, prägt sich das ein. Mal ganz abgesehen davon, dass wenn ein Schwuler anwesend ist, er das sicher nicht so freundlich findet (und man weiß auch nicht immer, ob einer dabei ist; soviel zum Thema „ich sag das nur, wenn keiner betroffen ist“).

    Seine Freunde mit „Hey, du Arsch“ zu begrüßen, finde ich auch seltsam. Ich sag ja auch nicht „Ich hasse dich“ statt „Ich liebe dich“. Müssen wir uns permanent beleidigen? Auch wenn wir es vielleicht nicht so meinen?

    Wörter wie „geil“ sehe ich das ganz anders, denn das hat ja eine positive Bedeutung und beleidigt niemanden.

    Sprache prägt das Bewusstsein und andersherum. Das heißt die abwertende Verwendung von „schwul“ z.B. ist Symptom einer Ablehnung und verfestigt diese auch.

  44. 44
    Mirek

    Seine Freunde mit „Hey du Arsch“ zu begrüßen ist in der Tat seltsam, ich tu’s auch nicht mehr, sondern habe mich eher an die Schulzeit 7-10 Klasse erinnert.
    Pubertierende Jugendliche sind schon seltsame Geschöpfe und verhalten sich oft so, dass man zurückblickend nur noch über sich selbst den Kopf schütteln kann… :-P

  45. 45

    Über die Rolle von Sprache im dritten Reich machte sich schon Victor Kleperer in seinem 1947 veröffentlichten Buch „LTI – Lingua Tertii Imperii“ sehr interessante Gedanken:
    http://de.wikipedia.org/wiki/LTI_-_Lingua_Tertii_Imperii

  46. 46

    Patrick: das habe ich mich vielleicht mißverständlich ausgedrückt.

    Mein Satz war keine Forderung an Eltern behinderter Kinder. Auch wollte ich nicht auf Schulpolitik eingehen (sicher gibt es für alle Eltern gute Gründe, Kinder auf diese oder jene Schule zu schicken), sondern nur darauf hinweisen, daß diskriminierende Sprache ein Symptom tiefer gehender Segregation in der Gesellschaft sein kann.

  47. 47

    Drüben beim lawblog gefunden:

    de.wikipedia.org/wiki/Euphemismus-Tretmühle

    So mal als Einwurf von der Seite gedacht ;-)

  48. 48
    heidrun

    nur kurz am rande: ich finde etwas schwierig, sich über feinheiten der sprache und sprachbewusstsein zu unterhalten und dabei die ganze zeit dieses unerträgliche wort „kids“ zu verwenden.
    ansonsten: guter artikel! spannendes thema.

  49. 49

    Danke für den Artikel! Jetzt komme ich mir weniger ausgegrenzt vor, wenn ich Freunde für die Verwendung des Wortes „Neger“ maßregele, weil es für mehr differenzierten Wortschatz offensichtlich nicht reicht… Ich denke, Modesprache hin oder her: rassistisch oder sexistisch anmutende Ausdrücke lassen schon auf viel Ignoranz schließen…

  50. 50

    @michael:
    Beste weil offensive Attacke auf „schwul“ als Beleidigung ist „Schwule Mädchen“ von Fettes Brot, weil es kein „verbieten“ von schwul als Beleidigung will sondern einen Imagewandel. Dass das trotz großen Erfolg mit der Single natürlich doch nicht geklappt hat (das Teil ist eben auch ein Partysong) war irgendwie auch voherzusehen, aber den Versuch war“™s wert.
    Die Band hatte es ja so geplant, war aber leider nicht wirklich erfolgreich. Es ist jedoch immer wieder interessant wenn man im Cabrio sitzt, an der roten Ampel steht und plötzlich genau das Lied laut gespielt wird. Die Blicke der anderen sind amüsant.

  51. 51

    Die Sprache ist ein Spiegel der Gesellschaft – das hat glaube ich schon mal ein kluger Kopf gesagt (nur leider bin ich wohl nicht gebildet genug, als dass mir jetzt einfallen würde, wer das war…)

    Das Problem das ich dabei sehe, auch wenn das schon sehr populistisch klingen mag, ist die Tatsache, dass die beschriebene Verwendung der Sprache hauptsächlich in den sozial schwächeren Bevölkerungsteilen auftritt. Zugegeben, auch an der Uni findet sich ‚geil‘ und anderes derartiges Vokabular im Sprachgebrauch wieder, allerdings ist die Häufigkeit der Verwendung und die Größe des derartigen Wortschatzes doch einfach mal in einem ‚krassen‘ anderem Verhältnis, als was einem so in der Öffentlichkeit begegnet, wenn man mal mit der U-Bahn durch die Stadt fährt oder durch Neukölln läuft.

    Dieses Problem (ja ich denke, dass es im Gegensatz zu früher wirklich ein Problem ist) hat meiner Meinung nach heutzutage eine ganz andere Qualität. Während ‚damals‘ (ich assoziere dieses Wort jetzt mal mit dem Zeitrahmen, den Johnny zusammen mit ‚geil‘ abgesteckt hat), die Verwendung solcher Begriffe hauptsächlich zum Audruck des Andersdenkens und auch Auflehnens verwendet wurde, werde ich jetzt den Eindruck nicht los, dass diese Jugendsprache fast ausschlieslich darauf abziehlt andere zu ‚dissen‘, zu erniedrigen und sich als der/die Deste darzustellen. Das erscheint mir innerhalb der gegebenen sozialen Strukturen auch nur als logisch – denn wie soll man sonst, in Zeiten von hoher Arbeitlosigkeit, großen sozialen Unterschieden und öffentlich proklamierter, gescheiterter Integrationspolitik, als Jungendlicher mit beschränkten Zukunftsaussichten ein Selbstwertgefühl aufbauen? Durch das Heruntermachen Anderer und die Besserstellung der eigenen Person geht das nun mal am einfachsten.

    Kann sein, dass ich schon zu alt dafür bin, aber aus meiner Sicht ist die hier beschriebene Jugendsprache eher ein Ausdruck der akuten sozialen Missstände als eine ganz normale Erscheinung in der Altersgruppe.

  52. 52
    ajo

    In meiner Grundschulzeit rangierte auch „homosexuell“ ganz oben in den Schimpfwortcharts – bevor ich wusste, was das heißt. Das konnte sich bei meinem Fluchen allerdings nie wirklich durchsetzen. „Schwul“ dagegen verwende ich, 22, noch immer, wahrscheinlich weil das Wort dem Gegenteil „cool“ sehr ähnlich ist und mir deshalb leicht über die Lippen geht. Es ist sozusagen die Verneinung von cool. Was ich aber beobachte: Personen als „schwul“ zu beschimpfen ist out („Bist du schwul oder was?“). Bei Dingen sieht das allerdings anders aus. Zumindest in meinem Vokabular. Schon die Absurdität des Satzes „Wie schwul ist das denn?“ finde ich immer noch genial. Ein ziemlich asozialer* Mit-Zivi von mir hat mal nen anderen Kollegen angeschrien: „Mach das schwule, mothaf*ckin‘, verf*ckte Gay-Licht aus!!“ Ohne auch nur eine Sekunde über die Wortwahl nachzudenken, sozusagen Freestyle. Ich konnte mich mehrere Minuten nicht mehr einkriegen – so viel zu meinem Humor.

    Man sollte vielleicht genügend Selbstvertrauen in seine eigenen, liberalen Ansichten haben. Dann darf man eigentlich alles sagen. Sich hinterher zu schämen, wenn man „mega-geil“ oder „schwul“ sagt, halte ich für ein bisschen ungesund. Denn spontanes Fluchen tut gut:

    http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,391497,00.html

    Mein aktuelles Lieblingsschimpfwort ist übrigens „Nerd“.

    *Ich hoffe, wenigstens „asozial“ ist noch pc.

  53. 53

    Und diese Gründe liegen eben auch im Manifestieren und Kritisieren von gesellschaftlichen Entwicklungen am Beispiel unseres Sprachgebrauchs.

    Schön ist in diesem Zusammenhang, dass der Kontaktbeamte der Polizei, der für unsere Schule zuständig ist, neulich unserem Schulleiter sinngemäß erklärte, dass man mittlerweile nicht mehr in jedem Falle erfolgreich gegen Leute klagen könne, die einem mit dem von Johnny beschriebenen Vokabular begegnen. Das sei nun mal ihre Alltagssprache (siehe Soziolekt weiter oben in den Kommentaren).
    Gut, dass es diesen Artikel auf Spreeblick und die vielen scharfsinnigen Kommentare gibt. Ich hatte schon befürchtet zu alt und zu spießig zu sein, wenn ich zusammenzucke, nur weil sich meine Schüler ein herzliches „Ich fick‘ deine Mutter!“ zurufen.
    Andreas B.

  54. 54

    @ajo
    Sicher, dass du das genauso sehen würdest, wenn du schwul wärst?

    @Andreas B.
    Keine Sorge. Da gibt es noch mehr Menschen, die das so sehen und dazu muss man nicht alt sein. Bin Jahrgang 1981.

  55. 55

    Entstehen solche Begriffe nicht grade als Gegenentwurf zur Sprache der Älteren? D.H. sobald „schwul“ auch bei Älteren politisch-korrektes Synonym für „doof“ würde (glaub zwar nicht, das es passiert, ist auch mit „Spasti“ nie passiert), würden sich die jüngeren eine neue Provokation suchen. Dabei ist die Provokation dann einfach nur ein Gegenpol zu dem, was die Älteren korrekt finden. So wie der Hippie mit langen Haaren seine gepflegten Eltern provoziert, provoziert auch der Popper mit seinen gepflegten Haaren seine Hippie-Eltern.

    „Spasti“ als Schimpfwort gab es auch bei uns zur Schülerzeit (genauso wie „homosexueller Steckdosenbefruchter“, was irgendwie die ultimative Beleidigung in der 5. Klasse war). Das Kinder die gemeinsten und verletztendsten Menschen der Welt sind, grad in so einem Halbgefängniskontext wie einer typischen Schule, ist ja bekannt. Aber ich seh diesen Sprachgebrauch eher als Symptom, ein Symptom welches zur Zeit, bei der es von den meisten benutzt wird, keine wirkliche Bedeutung mehr hat; aber gleichzeitig natürlich ein Symptom, das auf ursprüngliche Mißstände in der Akzeptanz von allem „andersartigen“ hinweist. (Denk dir eine beliebige Minderheit in der Bevölkerung aus, und du findest ein abgeleitetes Schimpfwort; Glatzkopf, Brillenschlange, Vierauge, Spasti, Hure, Hurensohn.) Deswegen geht mir auch politische Sprachkorrektheit auf die Nerven, weil sie eben eher an Symptomen rumdoktert. „Darf man nicht sagen“ könnte genausogut heißen „darf man nicht denken“, dabei müsste es eigentlich heißen, „wäre schöner wenn man es garnicht denken wollte.“ Ja, stimmt, aber dieses Ideal erreicht man bestimmt nicht durch Sprachverbote.

    „Gay“ im amerikaneischen Sprachgebrauch ist übrigens schon im Mainstream angekommen als Semi-Schimpfwort, eher ironisch („that is SO gay“), und da finde ich wird es eher locker gebraucht, einfach als Zeichen das auch Schwule im Mainstream angekommen sind, und schön verarscht werden dürfen. Unausgesprochene Diskriminierung ist da schlimmer als ironisierende Aussprechung. „Heten“ find ich auch nicht schlimm als Bezeichnung für die nicht-Schwulen. Den Kommentar mit „schwule Mädchen“ find ich gut, die Single gefällt mir auch. Einfach alles umdefinieren :)

    Was man natürlich verbieten sollte ;) ist propagandistischer Sprachgebrauch, hauptsächlich von Medien/ Politik usw. Ich denke da an „War on Terror“ oder „Axis of Evil“ und weitere Idiotien. Oder in Deutschland das von Arbeitgeber-Lobbyisten (erfolgreich) eingeschleuste „Sozial ist, was Arbeit schafft“, später von Politikern übernommen. „Du bist Deutschland“ ist natürlich noch so ein Fall. Das sind die Dinger, die mich richtig nerven, weil sie einfach gezielt propagandistisch sind — also nicht Symptom, sondern Ursprung.

  56. 56
    Ingeborg

    Wunderbarer Artikel.
    Der abwertende Missbrauch des Wortes „schwul“ hatte sich in meinem eigenen Sprechverhalten, wie mir unlängst in einem entsetzen Moment klar wurde, wirklich hartnäckig eingenistet.
    Diskussionen im Freundeskreis schürten Problembewusstsein und die Motivation, sich zukünftig gegenseitig auf den Missbrauch des Wortes hinzuweisen. Erfolgreich, komischer- und glücklicherweise. Nachdem wir das Wort durch allerlustigste Alternativen zu substituieren begannen, bekämpfen wir derzeit einen noch hartnäckigeren Feind: das gemeine „LOL“.

  57. 57
    lm

    In dem Zusammenhang möchte ich an Lester Bangs erinnern, der sicher nicht „politisch korrekt“ im üblichen Sinne war und der sich wie wohl kaum ein anderer über das hypokritische Hippie-Geschwalle seiner Zeitgenossen echauffieren konnte. Punk/New Wave haben ja genau in diese Kerbe geschlagen. Aber irgendwann wurde es ihm einfach zuviel, als er merkte, daß der zitierende/instrumentelle Gebrauch rassistischer Ausdrücke sich in Intention und Wirkung nicht mehr sonderlich von der üblichen Verwendung dieser Ausdrücke unterschied. Da hat er die Geschichte auf den Punkt gebracht: „I put a dollop more pain in the world, and that was that.“ (Bezogen auf einen eigenen Anti-PC-Stunt)

    Ich denke, das macht den Kern der Angelegenheit aus. Der Sprachgebrauch verletzt, auch dann, wenn er „eigentlich nicht so gemeint“ ist und darum sollte man aus schlichter Rücksichtnahme auch darauf verzichten, egal, welcher Mehrwert (punktgenau auf die Palme gebrachtes heuchlerisches Lehrpersonal z.B.) ansonsten dabei herausspränge. Das wäre ein Akt der Höflichkeit.

    Nur interessant, daß ausgerechnet diejenigen, die neobürgerlich die Manieren hochhalten, sich die Kritik am „Gutmenschentum“ derart zu eigen gemacht haben, daß sie auf jede Rücksichtnahme zu verzichten bereit sind.

    (L.B.:The White Noise Supremacists. In: Psychotic Reactions and Carburetor Dung.1988)

  58. 58

    Ach, Spasti ist schon noch eine beliebte Bezeichnung unter Schülern, vorallem wenn das „opfer“ sebastian heißt. Selbst an Gymnasien.

  59. 59

    Schon bei den kleinsten Kindern hört man, wie einfach sie Ausdrücke oder diskriminierende Wörter in den Mund nehmen, nur weil andere es tun. Die Schwelle singt von Jahr zu Jahr, Alter zu Alter. Mitschülern, die das Wort „Spasti“ zur Diskriminierung benutzen, habe ich klar gemacht, was das eigentlich ist. Wenn man Geschwister hat, die genau diesen Behinderungsgrad aufweisen, kann man ruhig aus Erfahrung sprechen. @nakry: Mein kleiner Bruder mit Spastik heißt sogar Sebastian.
    Was mich total ärgert, dass die Typen schnell dazu neigen, alles, was nicht in ihrem Sinn ist, besonders Personen, als „Spasti“ zu bezeichnen. Ich selber habe es miterlebt. Nur weil man Websites macht oder als Hobby gerne fotografiert, ist man ein „Spasti“??? Wo sind wir denn? Wo ist das der Sinn? – Genau, nirgendwo! Ein Wort, das völlig mit den Mündern missbraucht wird…

  60. 60

    @christian:

    ich finde du hast da einen sehr interssanten punkt angesprochen.
    gerade kinder muessen ja die sprache, die sie benutzen, irgendwo herhaben. und ich bezweifle stark, dass alles boese aus den medien (internet, tv…) kommt. meistens lernen doch kinder von geschwistern, freunden, mitschuelern und teilweise eltern die schimpfworte.

    sollten wir alle nicht deshalb besonders im beisein von kindern auf unsere ausdrucksweise achten? wir ‚aelteren‘ wissen was mit schwuchtel, spasti und aehnlichem gemeint ist, kinder jedoch meistens nicht. kinder benutzen diese worte dann trotzdem und so kommt es zu missverstaendnissen und unklarheiten.

    abgesehen davon sollte man doch spaetestens nach der pubertaet aus dem alter raus sein, wo man leute einfach als spasti beschimpft.

  61. 61
    Daniel a. d. D.

    @Henning: Bin inzwischen die Jahrgangstunte in der Schule und mir persönlich isses einfach nur egal wenn mich jemand als solchen bezeichnet. Warum auch nicht? Schließlich stimmts ;) . Wenn jemand schwul abwertend benutzt kratzt mich das genauso wenig. Denn: Warum sollte ich einem Wort die Macht geben mich persönlich zu beleidigen – vor allem wenn es eigentlich garnicht deswegen benutzt wird? Oder anders: Ich bin nicht schwul – ich bin etwas, das gemeinhin als schwul bezeichnet wird! Wenn sich die Bedeutung des „Lautes“ (oder für Informatiker: der Wert der Variable „Schwul“) ändert dann passe ich mich dem an. Überhaupt – Sprache hat nur die Macht und die Bedeutung die wir ihr verpassen – und beleidigt sein kann man wegen jedem Mist ;). Bei der Gelegenheit möcht ich übrigends auf die Nigger/Neger-Diskussion in den USA verweisen.

    @reticulum logeum: Deine Reaktion ist auf jeden Fall völlig berechtigt und nachvollziehbar. Unsereins darf auf keinen Fall vergessen, dass, vor allem „Außenstehende“, einen Ausdruck anders interpretieren und werten. „Deine Mutter lutscht Schwänze in der Hölle!“, ist dafür ein wunderbare Beispiel. Wir haben dieses Zitat aus irgendeinem Exorzistenfilm (im geschlossenen Personenkreis) völlig sinnentfremdet und irgendwann hatte er etwa die Ausdruckskraft von „’nen schönen Tag noch“. Bis einer „von uns“ den Satz gegenüber einem „Außenstehenden“ benutzte – der war weniger erfreut :D

  62. 62
    dora

    Wenn es so wäre, dass viele nicht auch das Konzept Abwertung dahinter verinnerlicht hätten, wäre die Situation weniger dramatisch! Aber gerade Homophobie, Machismo usw. werden ja gefestigt, wenn ich durch diese Sprache meine Gruppenzugehörigkeit nach außen bestimmen kann und dadurch Bestätigung erfahre. In einigen Klassen, in denen ich unterrichte ist die Steigerung von „Bistu schwul, man?!“ übrigens „Du Jude!“. Noch Fragen?

  63. 63

    @Daniel a. d. D.
    Dir macht es vielleicht nichts aus, aber anderen. Wie kam man denn auf die Idee negative Dinge mit dem Wort schwul zu bezeichnen? Klar, weil schwul für den Wortschöpfer auch negativ war. Das ist die Idee, die dahintersteckt und die gefällt mir nicht.

    @Christian (und auch @mp_464)
    Ja, das ist auch mein Eindruck, dass es immer heftigere Beschimpfungen gibt und sowohl die Ausbreitung des Anwenderkreises als auch die Schwelle für die Anwendung sinkt (vor allem, wenn sowas schn zur Begrüßung wird). Ich denke, viel darüber reden und vielen klar machen, um was es da geht, ist der einzige Weg. Oft erreicht man da was.

    @dora
    Danke!

  64. 64

    Ende der 8ziger – the Haties, wie Morrissey sie treffend bezeichnet, gab es eine Phase als plötzlich das Wort „Faschist“ inflationär als Schimpfwort in Mode kam: „Welcher Faschist hat mein Bier umgeschmissen?“ Damals brach dann eine entsprechende Sprachdiskussion los, bei der es statt um „Diskriminierung“ wie bei „schwul“ um die „Verharmlosung“ ging. Inzwischen sagt sowas kein Mensch mehr. Ich würde also mal vermuten, dass auch „schwul“ sich irgendwann totlaufen und durch etwas noch schockenderes ersetzt werden wird, Leichenficker z.B. über das wir dann wieder trefflich diskutieren können. Schimpfwörter sind eben nicht pc und werden es auch nie sein.

  65. 65

    Sprache ist Manipulation!
    So wie man Spasti sagt und vergisst das es dabei um einen krampfenden Körper handeld so vergisst man auch das Geil das schlimmste Gefühl ist was man auf dauer haben kann!
    Den es geht nicht um Geilheit sondern um Befriedigung!
    Wenn dann auch noch Geiz (nicht geben können) Geil ist und man darunter leidet ohne Befriedigung leben zu müssen dann vegisst man sehr schnell das die krankhafte Ursache eben der Geiz in den Gefühlen ist!

  66. 66

    Gegen die Diskriminierung von Minderheitem wäre schon viel erreicht, wenn nicht so leichtfertig mit Vokabeln wie „Spasti“ oder „Schwuchtel“ ziemlicher Schaden angerichtet würde. Fingerspitzengefühl im Gebrauch der Sprache ist auch manchen Fußballfans in diesen Tagen zu wünschen, weil manche doch recht derbe im Ausdruck sind. Da fängt Hooliganism an.

  67. 67

    Die ewige Diskussion. EInerseits kotzt mich PC gehabe oft genig an. Andererseits hat es mich doch überrascht wie leichtfertig es humoramputierte Comedians wie Erkan & Stefan oder Mundstuhl innert weniger Jahre geschafft haben „SCHWUL“ wieder zum allgemein akzeptierten Wort für alles scheiße ist zu machen. Zu meinen Schulzeiten und an der Uni war bis Mitte der 90er der inflationäre Gebrauch des Wortes grade unter den nicht ganz bildungsfernen Schichten doch ziemlich zurückgedrängt. Wer „Schwul“ sagte, meinte damit homosexuell. Schwuchtel war als Schimpfwort noch in der Zirkulation, aber nicht so häufig zu hören. Wer „schwul“ für „scheiße“ benutzte machte das meist mit schlechten Gewissen und dem Gefühl, daß es nicht okay sei.
    Das hat sich mit dem Aufkommen der Prollcomedians leider sehr schnell wieder geändert. Mit der „Dumm ist cool“-Attitüde die Erkan, Stefan und Co propagieren, ist die herabsetztende Benutzung von „schwul“ als Schimpfwort leider wieder in den Mainstream eingezogen. Zwar würde ich keinen der Comedians als homophob bezeichnen, aber die Gedankenlosigkeit mit der sie eine mühsam erkämpfte positivbelegung des Begriffs zunichte gemacht haben, indem sie ihm eine breite Öffentlichkeit boten, zusammen mit der „is ja nur Spaß“-Haltung, macht dennoch wütend. Doof ist geil, und schwul ist scheiße. Zumal den hiesigen Comedians deutlich die satirische Tiefe eines Ali G. fehlt, den sie ja allzudeutlich und platt kopiert haben. Sacha Baron Cohen bringt in der Varianz seiner Figuren stets mehr zum Ausdruck als homophobe Jugendlichkeit nur nachzuäffen, er seziert seine Figuren genauso wie die Leute die er interviewed. Davon ist bei Erkan & Stefan nichts zu merken. Zusammen mit dem konservativen Backlash seit Anfang des Jahrtausends, nervt es einfach, wenn das Coming Out heutzutage für viele Jugendliche wieder schwerer wird, weil sie von kleinauf damit bombardiert werden, daß „schwul“ für schlecht steht. Nicht nur unter den Dummen, sondern auch im angeblich liberalen Mainstream.

    Heikles Thema. Sicher man kann immer argumentieren, es kommt drauf an aus welcher Richtung ein Begriff kommt. Harald Schmidt kann Schwulenwitze bringen, die sich Stefan Raab besser nicht leisten sollte, alles richtig. Aber würde mit dem Wort Neger wieder so leichtfertig umgegangen wie mit schwul, wäre der Aufschrei vermutlich groß.

  68. 68

    „“žSpasti“ sagt heute kein junger Mensch mehr, der etwas auf sich hält“

    das würde ich fast bezweifeln, in meiner region, im hohen norden, ist das wort spasti bzw. spast noch sehr verbreitet als synonym für idiot oder etwas in der art. ansonsten sehr schöner artikel.

  69. 69
    Jan(TM)

    “ … und deutsche Männer können sich endlich …“ wie ist der Deutsch- und Männerfeindliche Satz den gemeint? Es gibt auch deutsche Männer die schwul und genug nicht deutsche Frauen die homophob sind.

    „… „žKonservativer Mist“ wäre dabei noch die harmlosere Kritik, eine Einladung zum Bloggen für die CSU …“ Sorry aber man kann durchaus konservativ sein und mit der CSU überhaupt nichts am Hut haben. Ich bin z.B. für die konservative Art Lebensmittel zu produzieren usw.

    Die Einteilung der Welt/Politik nach Seiten(links, rechts) ist primitiv und schränkt das Denken ein, versucht alles unter Kontrolle zu halten. Ich will weder mit Nazi noch Antifa Deppen in einen Topf geworfen werden und schon gar nicht mit der (neuen) Mitte.

  70. 70
    BelMondo

    Kompliment, ergänzend möchte ich noch den Ausdruck „Bullen“ miteinbeziehen den ich nicht benutze!. Ich komme aus Frankfurt am Main und bekomme täglich vor Augen geführt welch ein Einsatz die Polizei und auch die Sicherheitsdienste leisten. Bouffier (Innenminister) war in meiner Nähe und wurde von seinene „Sicherheitsmenschen“ abgeschirmt. Auf die Frage an einen Polizisten ob es denn Dank seinerseits gab schüttelte er den Kopf. Ich persönlich mache es mir zur täglichen Aufgabe mich bei Polizisten zu bedanken… Gerade in „Mainhattan“ mit dem fließenden Geld bleibt es leider bei den falschen hängen!

    Wünsche allen ein BelMondo

  71. 71
    micha

    schon vor jahren haben fettes brot dagegen die fahne mit dem „claim“ „wir sind schwule mädchen“ hochgehalten.

  72. 72

    @NielsBerlin: danke für den Link. Die Assoziation hab ich bei solchen
    Sachen öfters.

    @siamfisch: „Nazi“ als Schimpfwort ist übrigens derzeit wieder in. Kommt in Kombinationen wie „Stimmungsnazi“ u.Ä.

    Witzigerweise habe ich solche Diskussionen regelmäßig in meinem Bekannten / Freundeskreis, der sich aus buntgemischten Altersgruppen zwischen 18-35 Jahren, sowie mannigfaltigen Nationalitäten und Homo / Heterogruppen zusammensetzt. Und irgendwie machen das alle, das mit den Schimpfwörtern (sehr beliebt ist „Schmock“ bei meinem homosexuellen jüdischen Lieblingsfreund). Da haben Wenige Probleme mit, wenn sie sich mal kennen; ein liebenswertes „Du Hetero“ oder „Olle Tucke“ verletzt tatsächlich Niemanden der Anwesenden.

    Allerdings nur, solange es sich dann auch um Freunde handelt. Von denen weiß man ja, wie sie es meinen. Und darin liegt irgendein Terrier begraben: solange man weiß, daß das Schimpfwort nicht als solches gebraucht wird, ist es auch nicht verletztend. Und weil alle in dem Kreis wissen, wie man es meint, kann man sich über alle Grenzen hinwegsetzen. Wenn man diejenigen dann mal sanft darauf hinweist, daß Sprache auch Meinungen formt und die Assoziation mit einem Wort in veränderter Form auch dazu beiträgt, den eigenen Geist zu formen, endet man irgendwann als „Spielverderber“ (oder auch „zu sehr PC um lustig zu sein“).

    Kleines Beispiel:
    Nach einem Film im Kino. Neben mir: „Mann, war das schwul“.
    Später: „Das hat doch nichts mit Homosexualität zu tun!“
    Ich: „Aber was meist Du denn, wenn Du ‚Schwul‘ sagst?“
    Er: „Naja… Scheiße eben“
    (Man muß dazu sagen, daß er bei diesem Satz schon ziemlich schuldbewußt dreinsah, als ihm bewußt wurde, was er da gerade gesagt hatte).
    Ich: „Und warum sagst Du dann nicht ‚Scheisse‘, wenn Du ‚Scheisse‘ meinst?“
    Er: „Naja, weil’s die Anderen auch sagen.“

    Der Kerl ist einer der liebenswertesten, offensten und tolerantesten Menschen, die ich kenne. Und trotzdem sowas. Ick vasteh dit nich.

    Ich kann gut verstehen, wenn man bestimmte Begriffe als Schimpfwort verwendet. „Scheisse“ z.B. stinkt, eine „Sau“ ist ein (für meine Begriffe) häßliches Tierchen, das sich gerne im Schlamm rumtreibt. Aber die Angewohnheit, Begriffe, die eigentlich im eigenen Sprachgebrauch positiv oder neutral behaftet sind, als Schimpfwörter zu gebrauchen, ohne sich darüber Gedanken zu machen, ist mit total schleierhaft.

    (Übrigens auch interessant: „Proll“ als Schimpfwort ist bis heute in Gebrauch, meistens sogar verdammt abwertend. Daß das von „Prolet“ kommt und eigentlich gegen die Arbeiterklasse gemünzt ist, weiß wahrscheinlich heute kaum jemand mehr. Ich finde sowas irgendwie „kraß“.)

  73. 73
    Hanswurst

    Hey Boss!?

    Der krieg ist vorbei und Gammsbart traegt man nichtmal mehr im dunklen!

    Ich erwarte das dieser satz wenig sinn macht fuer jemanden der die notwendigkeit von wort entartung (*) nicht begreift!?
    aber hey…

    Ich glaub wirklich das die welt andere probleme hat als einige WENIGE replazierte vokabeln im wort schatz „der jugend“
    und einen haufen „Oldschool Sprachschatz Nazis“(Das Seid ihr lieben freunde der sonne hier…)

    Zum abschluss 2 dinge:

    Diesen eintrag wieder zu loeschen ist keine loesung und waer echt „schwul“ …und hack nicht auf meiner rechts schreibung rum
    Ich leb‘ seit 6 jahren in london

    Moin Moin!!

    * – Mir ist sehr wohl bewust das der begriff „entartung“ als
    provokativ empfunden werden koennte…
    na und?

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