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Medienproduzenten, Medienmitarbeiter und Konsumenten (kritischer werdend)

Ich habe Josef Hader auf der Bühne sagen hören, er könne auf der Bühne kein wahres Wort sagen.
Eine vom Standpunkt eines gerade durch die Logik 1 – Prüfung gefallenen Studenten aus betrachtet schwierige Aussage.
Die Wahrheitsvermittlung durch Medien: Fiebert Angela Merkel wirklich mit dem deutschen Team mit, schätzt Oliver Kahn Jens Lehmann?
Habe ich tatsächlich, wie ich es einige Male angedeutet habe, Eltern, oder bin ich das Ergebnis erster Klonversuche im Estland des Kalten Krieges?
Medienproduzenten haben ein hohes Interesse daran, Sachverhalte zu schematisieren, simplifizieren und emotionalisieren. Medienmitarbeiter – und dazu rechne ich jeden, der in das Schussfeld einer Kamera gerät und sich nicht wegduckt, haben dieses Prinzip verinnerlicht. Der Fan, der angesichts der Gewahrwerdung der Kamera nicht ekstatisch in die Kamera jubelte (Halbprofi) oder die Umstehenden darauf aufmerksam machte, dass er gefilmt wird (Amateur, wird durch Kameraentzug bestraft) ward noch nicht gesehen.
Vor all dem sitzt der Konsument und will – die Wahrheit hören?

In der Tagesschau, vielleicht, aber an dieser Stelle müsste man ihn zur Seite nehmen und zuflüstern: Pass auf, was du dir wünschst.
Im Moment kommt nach der 7. Minute der Tagesschau Sport und dann ein ausführlicher Bericht über das Wetter von morgen, der dich davor bewahrt, vor deiner Kleidungsentscheidung aus dem Fenster zu schauen. Danach wird noch ein verstorbener Prominenter ein letztes Mal hervorgehoben. In den 7 Minuten, die du ausharren musst bis zu den Softnews wird dir in Diagrammen erklärt, wieviel 2% sind, wird dir gezeigt, wie ein Politiker einen Gang entlang geht, wie sich zwei Politiker die Hand schütteln.
Wolltest du aber die Wahrheit erfahren, es wäre dir zu viel Theorie, zu viele Kinderleichen, zu viele Fakten, zu viele Fakten, die den gerade gelernten Fakten widersprächen. Die Freude auf den darauffolgenden Krimi wäre ernsthaft in Gefahr.
Und beim Fußball?
Hat man einige Subunternehmer eines größeren mittelständischen Unternehmens vor sich, die Konkurrenten sind, aber alle gemeinsam vor dem Kunden dafür verantwortlich, dass die Sache am Ende steht. Man sollte dies vor Augen haben, so wie man weiß, dass Jodie Foster lesbisch ist. Wenn sie aber im Film die Ehefrau gibt, sollte man sich nicht bei jeder Kussszene vorstellen, wie eklig das für sie nun ist. Oder man sollte es sich gerade vorstellen, je nach der Qualität des Films.
Die Inszenierung von Angela Merkels Freude fällt in die Kategorie der gelungenen, nicht wegen der Authentizität.
Authentisch sind wir alle nur auf der Toilette.
Sondern weil sie niedlich dabei aussah und die Menschen mögen niedliche Politiker. Norbert Blüm war beispielsweise allein wegen seiner Ähnlichkeit mit einem der 7 Zwerge so beliebt.
Die Inszenierung der Mutzusprechung von Kahn und Lehmann war gleichfalls ordentlich. Mag Lehmann gesagt haben:”Hör auf, meinen Kopf zu tätscheln, das ist mein Moment.” Und Kahn: “Aber die Kameras zeigen mich als den Pater familias.” So zeigt doch das transportierte Bild etwas anderes und hat damit den wohligen Effekt eines Films mit Hugh Grant, der so süß verhuscht und schüchtern in die Liebe stolpert und der im wahren Leben auf Cracknutten steht.
Einen Moment der Wahrheit gab es allerdings gestern:
Angela Merkels Blick auf die Frage, ob sie jemals etwas Derartiges wie dieses Spiel erlebt habe. Einen Moment lang bitzte die wahre Antwort durch: “Jüngelchen, ich bin die erste Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, was stellst Du eigentlich für dämliche Fragen? Frag mich doch gleich, ob ich nicht einen Job für Jürgen Klinsmann habe.”
Und der Reporter erhörte das Ungesagte und sorgte für einen zweiten Moment der Wahrheit.

6 Kommentare

  1. 01

    Bravo !
    Authentisch auf der Blog-Toilette.
    Der Clo(w)n aus Estland !
    Spitzen Text, really !

  2. 02
    Ich

    Sehr guter Text.

  3. 03
    ln

    Das mit der Bühne lässt sich einfach auflösen, ohne dass ein Selbstwiderspruch auftritt.
    Es geht nämlich dann gut, wenn die Aussage auf der Bühne einfach gelogen war – solange er auf der Bühne auch irgendwann mal die Wahrheit sagt. Wenn nämlich “Ich kann auf der Bühne nur lügen” eine Lüge war, dann ist die wahre Aussage nicht “Ich kann auf der Bühne nur die Wahrheit sagen”, sondern “es passiert mir auch mal, dass etwas auf der Bühne nicht gelogen ist”.

    Verdammte Prädikatenlogik.

  4. 04

    Könnt ihr Medienproduzenten dann auch noch den Kommentarspam da oben löschen? Dank vom Konsumenten ist euch sicher.

  5. 05

    @ Maggi
    sry, wurde vom produzenten übersehen.

  6. 06

    Ah, Danke! Wieder einmal bleibt mir nichts weiter übrig, als mich mit laaaangem Anlauf in den Staub zu werfen (natürlich nach wiederholten Lektüre dieses Textes!)

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