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Ein Halbfinale, zwei Geschichten

Nach dem Halbfinale.
“Scheissdreck!”
Genau das steht in der SMS mit unbekannter Nummer. Da steckt bestimmt der blonde Engel mit neuem Apparat dahinter, denke ich mir. Traue mich nicht, die Nummer anzurufen. Vor allem, weil ich mein schreckliches Geheimnis nicht preisgeben will. Denn ich bin schuld. Ich allein bin schuld an der Niederlage der deutschen Mannschaft.

Aberglaube ist mein Steckenpferd nicht, aber von Zeit zu Zeit simuliere ich ihn, um mich nicht so alleine und nirgendwo dazugehörig zu fühlen wie das kleine dicke Mädchen in der Ecke des Schulhofs, das wir alle noch kennen. Ich also an jedem Spieltag des deutschen Teams brav morgens mein Spreeblick-Hemd an, heimlich auf Groupies hoffen (klappt nicht), jubeln (klappt), Ketchup drauf, Bier drüber, Schweiß rein – was man eben so macht mit Hemden. Dabei immer schön die üblichen Aberglaubenregeln beachtend: nicht für andere Zwecke entweihen, nicht ausleihen und vor allem auf keinen Fall vor dem Endspiel waschen.

Deutschland bleibt im Turnier. Das Hemd bleibt ungewaschen. Am Morgen des Halbfinales also lasse ich mich von einem Gefühl der Rücksicht auf meine Mitmenschen täuschen wie einst Holofernes von Judith und lege das Glücksbringer-Hemd zunächst zur Seite, um vorher ein anderes mit hochsommerlicher Körperflüssigkeit zu durchtränken. “Das Gewinnerhemd ziehe ich erst kurz vor dem Spiel an”, sage ich zu mir in Anbetracht des noch sehr langen, sehr heißen Tages. (Ich wiederum stehe ja auf durchschwitzte Hemden von in mein Beuteschema passenden Individuen, aber manchmal muss man sich der deo-fehlgeleiteten Mehrheit beugen und überhaupt gehört das gar nicht hierher, was erzähle ich denn!)

Nie hat die deutsche Mannschaft verloren, wenn ich das Gewinnerhemd ganztätig durch die Hitze getragen habe.
Gestern hat sie verloren. Weil ich schwach war.
“Scheissdreck!”


Nach dem Halbfinale.
Eine seltsame Stimmung herrscht in den Straßen: eine Mischung aus Melancholie und beginnender Nostalgie wie am letzten Tag eines wunderschönen Urlaubs in Südfrankreich. Vielleicht wird man irgendwann wieder nach Südfrankreich reisen, doch diesen einen Urlaub wird man nicht wiederholen können, das weiß man am Tag der Abreise.

In der Bahn.
Ihr leerer Blick starrt durch das Fenster oder in ihr Spiegelbild oder auf die letzten zwei Spielminuten in ihrem Kopf. Sie sitzt mir schräg gegenüber und trägt eines der WM-90-Trikots mit diesen assymetrischen Streifen, die ihre Brust unvorteilhaft assymetrisch erscheinen lassen. Sie sieht aus, als sei sie gerade von einem wunderschönen Urlaub in Südfrankreich nach Hause gekommen. Traurig, aber nicht trauernd.

Für einen kurzen Moment treffen sich die Blicke unserer Augen, und in diesem Augen-Blick lächeln wir uns an, ganz schwach nur, eher mit den Augen als mit den Mundwinkeln, weil mehr nicht nötig ist heute nacht. Wir beide waren zuvor in genau derselben Minute geschockt, haben in genau denselben Minuten gebangt, gehofft, gejubelt, ohne uns zu kennen. Da reicht ein schwaches Lächeln.

Natürlich habe ich sie nicht angesprochen. So etwas tue ich nie. Und natürlich schlägt mein Herz heute abend für Frankreich. Zu schön waren all die Augenblicke mit Zidane.

18 Kommentare

  1. 01

    sorry, ich bin schuld. statt ins conne island zu gehen wie auch schon zu allen anderen spielen zuvor war man in einem irish pub in der nähe. das letzte zeichen ignorierend (urtyp pils vom fass *schauder*) wurde also aus- und endgeharrt. diese kombi war nicht einstudiert und musste schief gehen.

    zuhause frag ich mein söhnchen (zwei monate) beim füttern als er wieder mal eher spuckt als schluckt: “komm schon, du willst doch nich so ein lutscher wie totti werden?” – großes breites verneinendes grinsen für zwei sekunden. bis zum einschlafen war ich versöhnt.

  2. 02

    Ganz grosses Gefuehlskino auf Fooligan.de…Danke
    Hier wird Fussballerromantik geschrieben…:-)

  3. 03

    nee, ich bin schuld, statt wie bei allen vorherigen spielen mit freunden zu schauen, bin ich zu hause dank sommermagendarmgrippe in schöner regelmäßigkeit auf die toilette und dann wieder vor den fernseher. in einem der stärkeren fieberanfälle dachte ich dann mitte der 2. halbzeit, wie egal mir eigentlich das spiel wäre. weil ich nicht voll dabei war, deshalb sind wir jetzt raus.

  4. 04
    Ich

    Alle, die sich schuldig fühlen, können ihr Gewissen entlasten, indem sie mir, der nicht schuldig ist, 1 Euro überweisen. 1 Euro ist nicht viel im Anbetracht der Tatsache, dass Ihr mir die WM versaut habt.. ;)

    p.s.: Schöner Text.

  5. 05

    Ich bin schuld. Ich habe mir gestern eine Stunde vor Spielbeginn Stullen geschmiert, sowas hab ich noch nie zuvor getan. Und es war auch das letzte Mal.

    Es tut mir leid, seid mir nicht böse!

  6. 06

    Gibt Ich uns dann auch seine Kontoverbindung? Jetzt hab ich doch mal für die Deutschen die Daumen gedrückt und schon fliegen sie raus. Hätt ich mal lieber den Spaghetti unterstützt.

    PS. Die WM war für mich schon seit den Viertefinals versaut.

  7. 07
    HCL

    herrje,
    ICH habe völlig vergessen,
    wie bei allen vorigen DE-spielen,
    ein Fischbrötchen zu essen.
    bismarck- oder matjes.
    das machte keinen unterschied.
    die holländer sind auch so raus gewesen.
    na egal. calamari fritti sind ja ooch schön.

  8. 08
    Markus

    Ne, ich bin Schuld, ich war das erste mal seit der EM 2004 wieder beim Public Viewing und schon hat sich der Kreis geschlossen.

  9. 09

    ihr habt gekämpft und alle überrascht. aber, forza italia ;)

  10. 10

    Ne, ich bin Schuld, ich war das erste mal seit der EM 2004 wieder beim Public Viewing und schon hat sich der Kreis geschlossen.

    Das war ganz allein meine Schuld gestern. Statt wie üblich mit 2 Freunden in die prall gefüllte Sportsbar zu gehen, sind wir zu Großbildleinwand in der Stadt. Ich hatte dabei schon ein mieses Gefühl, und ich sollte leider Recht damit behalten :-(

  11. 11

    Ich kann Euch alle beruhigen, denn alles ist ganz allein meine Schuld:

    Statt wie üblich Bier zu trinken, hatte ich leichte Kopfschmerzen und trank nur Cola…konnte ja nicht gut gehen, ich alter Egoist. :(

  12. 12
    emm

    mir kommen schon wieder die tränen – sau schön geschrieben

  13. 13
    Mirek

    @Yalcin:

    Ich glaub ich kann dich beruhigen. Wir haben uns neutralisiert.

    Ich bin sonst immer auf der Fanmeile gewesen, doch gestern bin ich in eine Sportsbar. Es hat mich schon mein Gewissen gebissen, aber jetzt weiß ich, dass jemand anderes dran Schuld sein muss

  14. 14
    giuseppe

    …ein OOOOOHHHHH an alle sich schuldig fühlenden

  15. 15
  16. 16

    Mach dir keine Vorwürfe. Zinedine hat es verdient nochmal meister zu werden, und Berlin steht bestimmt nicht hinter der Squadra Azzurra. Das wird eine neue Qualität der deutsch-französischen Freundschaft! Und die Spreeblickfarben passen auch schon. Spreeblique! Vielleicht fragt ihr mal Loic le Meur nach einer Kooperation :]

    Allez les Bleu! Zi! Ne! Dine!

  17. 17

    Und mir sagen dauernd alle, dass ich schuld bin, weil ich ausnahmsweise zugeguckt habe. Da kann ich das ja jetzt beruhigt von mir weisen.

  18. 18
    Robert

    Ich wünschte, ich wäre schuld. Ich würde es wieder tun

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