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Green Helmet Man

In der Berliner Zeitung von heute findet sich ein interessanter Artikel über den „Green Helmet Man“, der zwar nicht als Hauptthema, aber immerhin sehr entspannt veranschaulicht, wie sich Blogger und klassische Journalisten bei der Recherche die Bälle zuspielen können.

18 Kommentare

  1. 01

    Also als „entspannte Veranschaulichung“ des Verhältnisses Blogger vs. Journalismus würde ich die ganze Sache nicht bezeichnen. Dafür ist der Hintergrund der Geschichte, nämlich die Propaganda aus Hizbollywood dann doch zu widerlich. Ich habe ja schon an anderer Stelle („Peace for the Middle East“) für die Bezeichnung „Friedenspropaganda“ mächtig Prügel bekommen. Aber vielleicht wird ja einigen bei der Lektüre zum „Green Helmet Man“ jetzt klar, was so ungefähr darunter zu verstehen ist.
    Insgesamt ist das alles keine einfache Situation und ich habe auch keine einfachen Lösungen sofort parat.
    Aber das wir als wohlbehütete Mitteleuropäer vielleicht etwas vorsichtig in der Beurteilung der Fernsehbilder- und Kommentare (egal ob RTL oder ARD) sein sollten, das sollte die Geschichte eigentlich gelehrt haben.

  2. 02

    Erst der stern brachte diese Woche den Gegencheck und enthüllt, dass »Green Helmet« kein Hisbollah-Agent sei, sondern seit zehn Jahren beim Katastrophenschutz arbeite. Salam Daher, so sein Name, habe ein totes Kind für die Fotografen hochgehalten, um »endlich in Ruhe nach Überlebenden suchen zu können«.

    ZEIT: Rat der falschen Wächter

  3. 03
    leo

    Mir leuchtet nicht ganz ein, warum es in diesem Fall irgendeine Manipulation geben soll, dass es Manipulationen gibt ist klar, aber hier…
    Der Mann arbeitet halt in dem Dorf oder dessen Umgebung und das tat er wohl auch schon 1996. Dörfer sind klein, also sieht man dort wohl auch immer wieder die gleichen Leute. Vielleicht ist er auch ein Kontaktmann der Reporter. Aber aus den Bildern alleine darauf zu schliessen, der Mann sei eine Hisbollah-Marionette finde ich irgendwie nicht sehr wissenschaftlich. Was diesen Krieg angeht bin ich doch eher gewillt den klassischen Medien Glauben zu schenken, da sie unter grösserer Kontrolle als Blogs stehen und auch unabhängige Mitarbeiter vor Ort haben. Manipulationsfälle im professionellen Journalismus betrachte ich als Einzelpannen und nicht als Regel.

    http://www.heise.de/tp/r4/artikel/23/23280/1.html
    http://www.heise.de/tp/r4/artikel/23/23301/1.html

  4. 04

    Ausgerechnet der Stern! Of Hitler-Tagebuch-Fame!! Und das reicht dann den supidupi-investigativen Journalisten von der alten Zeit, um den „so genannten Bloggern“ (Zitat aus verlinktem ZEIT-Artikel) mal zu zeigen, dass wirklicher Journalismus nur in großen Medien und am besten natürlich gedruckt abläuft. Na prima.

    Liest man den Artikel ein bisschen bösartig, könnte man natürlich auch meinen, hier schlagen die Old-School-Mainstream-Medien in Deutschland ihr erstes großes Gefecht gegen den Grasroots- und Do-It-yourself-Journalismus aus der Blogosphere. Bis jetzt stellen in Deutschland Blogger ja keine nennenswerte Gefahr dar, ganz im Gegensatz zu den USA, wo Media-Blogs für viele MSMs echte Kontrollfunktionen übernehmen.
    Die Zeit hat jedenfalls nichts klügeres zu tun, als den Watch-Bloggern, in diesem Fall meistens strammen Konservativen, vorzuwerfen, sich die Zeit zu nehmen, Bilder und Bildfolgen genau zu untersuchen, während die großen Medienagenturen und Medien in der Hitze des Gefechts da einfach nicht so genau hinschauen könnten, was ihre schlecht bezahlten Fotografen on the ground so treiben. Bitte?! Lese ich das nur so oder meint Florian Klenk hier wirklich: Blogger sind Scheiße, wenn sie die Aufgaben machen, die eigentlich einer Zeitungsredaktion zukommen?
    Nur am Rande erwähnt sei, dass wir ohne den Eureferendum-Blog und Little Green Footballs et al. von unseren großartigen Journalisten überhaupt nicht erfahren hätten, dass sie im Libanon natürlich keineswegs frei berichten können, sondern immer brav die Hisbollah-PR fahren. Warum hat sich da eigentlich niemand ins Fernsehen oder auf die Kommentarseit gestellt, um zu sagen: Alles, was Sie aus dem Kriegsgebiet zu höhren bekommen, müssen Sie sehr, sehr kritisch beurteilen, da sich unsere Leute vor Ort nicht in der Lager sehen, handwerklich sauber zu berichten.
    Ich kann ja verstehen, dass man seinen Arsch nicht für das Gehalt eines Auslandskorrespondenten riskieren will und deswegen lieber Freie ins Feuer schickt, die so schlecht bezahlt werden, dass ihnen nix anderes übrigbleibt. Aber dann bitte keine mit heroisch-betroffener Stimme vorgetragenen Berichte über die schreckliche Situation im Süden Libanons. Und bitte keine hochnäsigen Berichte über die blöden Blogger. die bösartige israelische Propaganda und wie toll das doch wieder die klassischen medien recherchiert haben.

  5. 05

    Da ist mir Frau Doktor (@Frau Doktor) doch zuvorgekommen. Denn ebendies wollte ich noch anmerken. Der Zeitartikel ist genaugenomen eine Frechheit („Die vergleichsvolle harmlose Fälschung…“). Relativieren wir jetzt also die journalistische Sorgfaltspflicht schon in böse und nur ein bisschen böse?
    Und der „Stern“ sollte auch ein wenig vorsichtiger sein. Der reißerische Aufmacher („Israel- Was das Land so aggressiv macht. Die Geschichte des Judenstaates“) ist aber wenigstens so ehrlich, die Stoßrichtung der Berichterstattung für alle sichtbar zu machen.

  6. 06
    leo

    @matthias: ich finde es durchaus harmloser ein paar Rauchwolken etwas schwärzer zu machen, als komplette Tötungen zu inszenieren. Trotzdem ist beides verwerflich.

  7. 07

    Achtung, der Kommentar ist wieder unverantwortlich lang! Kurzfassung gibt’s am Schluss.
    Da ist ja nicht nur die Sache mit den Wolken. Da gibt’s auch noch das Haus, das anscheinden in mindestens drei verschiedenen libanesischen Städten steht und zerbombt wurde. Die Opferzahlen, die anscheinend genauso regelmäßig einfach so von den Hisbollah-PR-Leuten übernommen werden. Die Interviews mit christlichen Libanesen oder Syrern, die jetzt ganz enthusastische Hisbollah-Fans sind, nur erzählt einem niemand, in welcher Situation das Interview gemacht wurde. Das Mysterium des Green Helmet Mannes, das immer noch nicht wirklich geklärt ist. (Der Vorfall von 1996 war ja nicht einfach der zigste Versuch der israelischen Armee, die Hisbollah-Basen in der Gegend in den Griff zu bekommen, sondern die Super-ANti-Israel-PR: Da hat’s nämlich UN Blau-Helme erwischt, womit man die Israelis wieder ganz scheiße aussehen lassen konnte, weltweit. Dem Mann im grünen Helm ordentlich nachzurecherchieren wäre da schon eine spannende Aufgabe.)

    Im Gegensatz zu den konservativen Watch-Bloggern in Ami-Land glaube ich ja nicht an eine antisemitische Verschwörung der schleißliberalen Mainstream-Medien. Ich denke, dass ist alles viel banaler: schlechte Arbeitsbedingungen vor Ort und in den Redaktionen; der Wettlauf um die spektakulärste Nachricht / das spektakulärste Bild; die Unsitte deutscher Medien und Journalisten, die eigene Agenda und die eigenen Arbeitsbedingungen nicht transparent zu machen; selbstgefällige westliche Ignoranz, die es einem anscheinend unmöglich macht, in vollbärtigen Männern in wallenden Gewändern und 1001 Nacht-Rhetorik Masters of the Spin zu sehen, die die Möglichkeiten elektronischer Medien mindestens genauso im Griff haben wie die staatlich diplomierten Absolventen deutscher Journalisten-Schulen; mangelnde Sprachkenntnis; die Angst, schwelenden Rassismus in Deutschland zu befeuern, in dem man einfach mal 1:1 übersetzt, was Nasrallah et al. sagen und was zum guten Ton in arabischen Medien gehört; schlecht verarbeitete Freiheitskämpfer-Romantik aus den 70ern und der eigenen Pubertät; Schwierigkeiten, religiöse Hintergründe und Kontexte überhaupt ernst zu nehmen; die Weigerung, dem Anti-Semiten in mir in die Augen zu sehen „¦

    Kurzfassung: Keine antisemitische Verschwörung liberaler MSM, sondern einfach Scheiße-Journalismus, was uns da im Moment geboten wird.

  8. 08

    Wie lässt sich eigentlich die auffallend geringe Zahl der Kommentare hier erklären?
    Schlichtes Desinteresse, Entpolitisierung der Spreeblickgemeinde oder einfach allgemeines Unbehagen einmal (zu einem zugegebnermaßen extrem kontroversen Thema) Stellung zu beziehen?
    Aber dafür sind doch Blogs da? Dachte ich zumindest.

  9. 09

    Matthias, vielleicht war mein Ausdruck „entspannt“ an dieser Stelle falsch gewählt. Ich meinte damit die Art mit der der Autor mit dem Thema „Blogs und Journalisten“ umgeht, ein Thema, das ja oft genug noch als „entweder, oder“-Frage behandelt wird.

    Tatsächlich stellte aber das Posting oben zunächst eine ähnliche Frage wie deine nach der politischen Ebene deutscher Blogs. Warum ich dann doch gelöscht habe? Garantiert nicht wegen eigener Entpolitisierung, sondern eher, weil ich gespannt war, ob das nach dem Posting von allein Thema in den Kommentaren wird. Mit wenigen Ausnahmen wird es das aber scheinbar nicht.

  10. 10

    Als Betthupferl gibts noch einen sehenswerten Zapp-Beitrag
    zum Thema Bilderflut im Krieg inkl. Grün-Helm, Blogs, YouTube etc… (Kam gerade über Medienrauschen rein.) Und damit Gute Nacht.

  11. 11

    Stichwort Scheiße-Journalismus: Auf Telepolis findet sich ein guter Artikel über Fotografen im Gebiet.

  12. 12

    @woweezowee: Danke für den Link zu dem spannenden Artikel.

    @ Johnny: Was meinst du denn konkret mit „politischer Ebene“ deutscher Blogs. Es gibt ja eine ganze Menge, in denen politische Meinungen zu allem und jedem gepostet werden. Aber meistens bleibt es da ja bei der Meinung aka Vorurteil, die/das auch gerne ohne großen Nachdenk- und Rechercheaufwand ins Netz geworfen wird.

    @ alle:
    Bin ich selbst schon ganz medienblind und sehe solche Artikel, die die Arbeit von Journalisten reflektieren und in ihren ökonomischen und sozialen Kontext stellen, nicht in den großen Medien oder gibt’s die da einfach wirklich höchst selten und stattdessen nehmen sich Fringe-Media solcher Sachen an? Und wäre nicht genau das eine Sache, die auch deutsche Blogs machen könnten: Medien-Wachhund? Soviel Kontext wie nur irgendmöglich zu Meldungen oder Diskussionen zusammenkarren, damit man Meldungen auch mal wirklich einschätzen kann? Und nicht immer nach dem Reflex „Die haben meine Meinung, die haben recht“ funktioniert? Oder gibt’s die schon und ich hab’s wieder nicht mitbekommen?

  13. 13
    rmstar

    Es wäre zwar schön, aber ich glaube nicht daß die Arbeitsbedingungen die Erklärung sind, zumindest nicht für diesen Vorfall. Das Vorgehen ist mir zu systematisch. Es wird immer auf der gleichen Seite Partei ergriffen. Die Berichterstattung kriegt immer den gleichen Spin.

    (Und wo wir schon dabei sind. Die heutigen Kommentare zu den vereitelten terroranschlägen von gestern, zumindest die, die ich gelesen habe – Taz, SZ, und NYTimes, haben eine recht eindeutige Position: schuld sind natürlich die britische Regierung und die USA.)

  14. 14

    Frau Doktor, genau das meine ich. Es ist ja klasse und Sinn von Blogs , Meinungen zu posten, ab und zu fehlt mir aber schon etwas mehr Recherche oder wenigstens Neugier.

  15. 15

    Oh, lustig, heulende Verschwörungstheoretiker, die mal was anderes als Fox News erleben müssen. Und die es hassen, dass die Geschichte durch ist. Sogar die israelische Armee gibnt ja zu, dass keine Abschüsse von Katjuschas vor dem Bomberdement stattgefunden haben, und auch nicht aus dem Haus heraus. Die Leute sind leider tot, keine Hisbollah hat sie in der Haus getrieben, vielleicht wären es ja nette Leute und keine erbärmlichen Verschwörungstheoretiker gewesen, die ihr propagandistisches Scheissspiel mit dem Leid anderer Menschen machen.

  16. 16

    green helmet und white t-shirt sehen viel zu sauber aus, um als „Helfer“ im Dreck gewuehlt zu haben. anders als regulaere helfer tragen sie auch keine schutzhandschuhe – absolut unueblich. green helmet traegt eine schicke designerbrille – er sieht alles andere aus als ein simpler dorfbewohner. die kinder sind – bis auf eines – ebenfalls nicht staubbedeckt – seltsam, wo sie doch von den „helfern“ gerade aus dem schutt hervorgezogen wurden…..denkt mal bitte zurueck an die bilder, wie staubig die menschen nach 9/11 waren…..Die kinderleichen sind sauber gewaschen, bei einigen war schon die totenstarre (die bekanntlich erst stunden nach exitus eintritt)deutlich erkennbar – darauf hat nicht nur herr north, sondern medizinisch geschulte blogger hingewiesen. christlich-libanesische blogger von libanoscope(keine hetzer, sondern pro-europaeische saekulare christen mit verstaendnis fuer die lage israels) beziehen sich auf geheimdienstquellen, die von einer grossen, gut gekuehlten leichenhalle im nahen tyrus sprechen; australische reporter haben in kana mehrere grosse kuehlwagen gesichtet…..hisbollywood at his best. schande ueber solche journalisten, die zu dumm, zu perfide oder zu gleichgueltig sind, um derartiges klar auszusprechen. schande ueber die sz und ueber die dummschwaetzer vom stern. ist es nicht grotesk, dass ausgerechnet die bild in sachen israel anstand zeigt? bilder luegen nicht, argumentieren einige. ok – aber gelegentlich der fotograf, die fotomodelle und photoshop……Lest bitte auch meinen alphabetischen wochenrueckblick, bes. C wie Christen im Libanon und F wie Faelschung – ich hatte uebrigens auch eine infame foto-luege von jetzt.de (von der guten, alten sz!) in sachen pretzien aufgedeckt. wir blogger werden immer wichtiger – was z.B. derzeit blogger sendungsbewusstsein in sachen israel leistet, ist gigantisch. Hier mein blog http://erlkoenigstochter.blogspot.com/ und hier der blog von sendungsbewusstsein http://sebew.wordpress.com/
    cu, eure e.t. – und weiter so

  17. 17
    leo

    Was die Medien mal tun sollten, ist, den Mann direkt vor die Kamera zu zerren und ihn nach seiner Meinung zu fragen.

  18. 18

    In der aktuellen zeit steht auch ein Artikel zu dem Fall:
    http://www.zeit.de/2006/33/Manipulation

    Hier zeigt sich auch das zweischneidige Schwert des freien Internet-Journalismus, von dem ich nie besonders begeistert war.
    Bei einer Zeitung, weiss ich wer hinter einem Artikel steht, was der Mensch vorher geschrieben hat und kann den Artikel einordnen, ausserdem ist der Mann im Nachhinein für das geschriebene Verantwortlich zu machen. Dies ist allerdings nicht oder viel weniger im Internet und bei Blogs möglich.
    Da kann schonmal vollkommener unsinn die Runde machen und ist danach nur schwer zu wiederlegen.

    Kurz hierzu ein Zitat aus der Zeit (naja im Prinzip aus dem Stern): „Erst der stern brachte diese Woche den Gegencheck und enthüllt, dass »Green Helmet« kein Hisbollah-Agent sei, sondern seit zehn Jahren beim Katastrophenschutz arbeite. Salam Daher, so sein Name, habe ein totes Kind für die Fotografen hochgehalten, um »endlich in Ruhe nach Überlebenden suchen zu können«.

    Durch Dinge wie diese fällt es mir schwer den allgemeinen Blog-Enthausiasmus zu teilen. Einem Blog traue ich zumindest 100x weniger als einer Zeitung, ausser eben, wenn ich mehr über den Autor weiss und Dinge einordnen kann, die der Beftreffende schreibt.

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