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Der kalte Blick des Gabor Steingart

steingart
Foto © Hamburger Jung

Wenn George Bush ein Konservativer mit Herz ist, dann ist Gabor Steingart ein Konservativer mit Hirn. Und so ein Hirn, das kann einen Menschen schon einmal dazu verführen, dass er andere Menschen in Wertvolle und Unwerte Nützliche und Unnützliche Produktive und Unproduktive unterteilt.

Gabor Steingart, der fleischgewordene Ruck, der durch Deutschland geht wie ein Ronald-Berger-Eleve durch ein marodes Unternehmen, ist natürlich viel zu klug, um einfach eine sachliche Analyse der tatsächlichen Gegebenheiten zu produzieren. Denn schließlich arbeitet er für das Magazin, das Dr. Lieschen Müller fest im Blick hat – und die will im Büro von Zeit zu Zeit mit Radikalthesen überraschen.

Wirtschaft ist das wichtigste Thema unserer Zeit für den Leiter des Spiegel-Hauptstadtbüros, daher besetzte er die Chefredaktion durchgehend mit Wirtschaftjournalisten. Er war die Speerspitze im Kampf gegen Rot-Grün, er barrte den späten Schroeder, der vor den letzten Reformhürden verweigerte.

Er schrieb eifrig mit an den beiden großen deutschen Lebenslügen der letzten Jahre: dass Arbeit frei mache das Allheilmittel für alle Probleme sei und dass es den Armen in Deutschland zu gut gehe.
Kurzer Exkurs in die Wirklichkeit:
Bei den meisten Tätigkeiten, ist es ein Segen, dass sie weggefallen sind.
Und den Armen geht es beschissen.

Der Text selbst ist im Kern unspektakulär, banal für jeden, der die Situation kennt.
Vor einigen Jahren habe ich ein Praktikum im Sozialamt absolviert, bei dem ich all die Dinge tun musste, mit denen heute die Privatsender ihr Programm gestalten:
Missbrauch aufdecken, Schränke öffnen, Zahnbürsten zählen, Tapeten befühlen.
Was ich nicht musste, das war: Menschen helfen.

Und Hilfe hätten diese Menschen benötigt. Hilfe, nicht bloß Geld und Sachleistungen. Gabor Steingart hat, anders als es Boocompany sieht, recht, wenn er den Alkoholismus zu den Hauptproblemen der Menschen, die Sozialhilfe beziehen, zählt. Im Amt aber wurde dieses Problem gänzlich ignoriert. Auf meinen Vorschlag hin, die Menschen nicht einfach nur abzubürsten, sondern zu versuchen, ihnen zuzuhören, den Alleinerziehenden andere Ratschläge zu geben als den Heroinabhängigen, auf die einsamen Alten anders zuzugehen als auf die Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss oder eben die Alkoholiker, schauten sie mich an wie ein seltenes, aber krank aussehendes Insekt.
„Irrglaube! Dann wollen die nur noch mehr haben! Für sowas sind wir gar nicht zuständig.“

Zuständig ist nie jemand. Damit das so bleibt, ist ein absurdes System installiert worden.
Auf der einen Seite die Beamten im Sozialamt als Frontsoldaten im Krieg gegen die Armen.
Bezahlt vom Staat. Und auf der anderen Seite die Sozialarbeiter, die Friedenstruppen dieses Krieges. Bezahlt vom Staat. Die Sozialarbeiter gaben wertvolle Tipps, zum Beispiel, zu behaupten, man habe sein Geld, das man zu Monatsanfang bei der Bank abgeholt habe, verloren. Dann muss das Amt nämlich erneut zahlen. Die Beamten händigten dann zähneknirschend ein Formular aus, das extra für diesen Fall existierte, denn von diesem Tipp hatte jeder gehört, also verlor beinahe jeder ab und an sein ganzes Geld.
Jeder Krieg hat halt seine Opfer und es ist Volksweisheit, dass die Wahrheit das erste ist.

Die Unselbstständigkeit der Menschen, die völlige Unfähigkeit, ihr Leben zu gestalten, war mit den Händen zu greifen. Gleichzeitig wurde jeder Ansatz zur Selbsthilfe abgetötet.
Das Ansinnen eines Mannes, ihm das Geld für einen Anzug für ein Bewerbungsgespräch zu bewilligen, wurde abgelehnt. Man ahnt es: Keine Zuständigkeit. Einer Prostituierten, die aus ihrem Gewerbe aussteigen wollte und das zum ungünstigsten Zeitpunkt, nämlich in der Mitte des Monats und dann auch noch 5 Minuten vor der Mittagspause, wurde gesagt, sie habe sich doch bisher auch finanzieren können.

Ich würde sogar noch weiter als Steingart gehen. Wahrscheinlich noch nie in der Geschichte der Menschheit hat es so viele Menschen gegeben, die sich in ihrer Lebenswelt nicht zurecht fanden. Ähnlich ihrer selbst entfremdet wie sie sind wohl nur noch die amerikanischen Ureinwohner gewesen, als sie, randvoll mit Feuerwasser, in ihre Reservate geschoben wurden. Aber die hatten wenigstens kein Sat1.

Es ist wohlfeil, Eigenverantwortung einzufordern von Menschen, die sich selbst verloren haben. Es ist scheinhellsichtig, diese Menschen als Gefahr für unsere Demokratie zu bezeichnen. Denn nicht sie haben den Staat verraten, der Staat hat sie verraten.
Deutschland ist ein Sozialstaat. Das mag den aufrechten Steuerzahler ankotzen, aber es steht im Grundgesetz.

Gabor Steingart hätte nun sein großes Gehirn dazu gebrauchen können, ein Konzept zu entwerfen, diesen Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen.
Aber sein Herz hat ihn im Stich gelassen.

29 Kommentare

  1. 01

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  2. 02

    Während Gabor also auf undifferenzierte Art und Weise den Missstand anprangert, dass es eine geistige verwahrloste Schicht von Menschen gibt, die die Demokratie gefährdet, so prangere ich den Missstand an, dass es eine geistig verwahrloste Schichte gibt, die zwar mehr verdient, als die zuerst genannte, sich aber mit Menschenrechten nicht im geringsten auskennt.

  3. 03

    Seh’s genauso wie Sunny. Steingart verwechselt Ursache und Wirkung in fataler Weise. Augstein würde sich…na, weißt schon.

  4. 04

    fäb: Super Artikel! Wobei ich den „proleten“ oder „arbeitslosen“ oder „schlechtverdinenden“ oder „sonstigen“ natürlich nicht jede Selbstverantwortung nehmen möchte. Die Vereinzelung in unserer Gesellschaft, zu Mobilität gezwungen, lässt kaum Strukturen entstehen…

    Aber warum nicht radikaler antworten – wenn die Arroganz einem dermaßen fies das Licht nimmt.

  5. 05

    Radikaler antworten? Gerne.

    Gabor ist ein arrogantes Bübchen aus gutem Hause, das nicht weiss, wovon es spricht, wenn es aus dem Elfenbeinturm ganze Gesellschaftsschichten als demokratiegefährdend abschreibt.

    Man kann auch noch weiter gehen:
    Solange Menschen wie Gabor die Position zusteht, über Menschen zu urteilen, wird die Panikschreibe in Deutschland immer weitergehen, schlechtgeschriebenes zieht sich immer weiter in sein Sammelsurium aus Gerichtsshows und Kallwass zurück, Gesellschaft trennt sich immer mehr voneinander. Wer ist dabei assozial, der aktive Schreiber oder der passive Zuseher?

    Mir kommt bei Steingarts Artikel das pure Kotzen, die Arroganz (aus gutem Hause) ist so dermaßen anmaßend und herrengutsartig, dass man sich fragen muss, ob der Mann die letzten Jahre mit verschlossenen Augen auf der Sonnenbank verbracht hat.

    Bombadiert das Volk mit sinnentleerten Botschaften (= Privatfernsehen) und kombiniert das dann mit der in letzter Konsequenz wegfallenden Industrie, und ihr habt euer neues Feindbild. Nämlich den Menschen, der in des FDP-Wählers Augen unnütz geworden, nicht wählen geht, weil die Gesellschaft als ganzes ihm selbst nichts mehr bieten kann. Weder Arbeitsplätze, noch Bildung, noch Perspektiven.

    Und dann kommt ein reiches, verwöhntes und in meinen Augen arschlochmäßig-auftretendes Arschloch auf, und erzählt meinen arbeitslosen Freunden „žsie stünden außerhalb der Gesellschaft“.

    Sorry, aber da platzt mir einiges mehr als die Hutschnur.

  6. 06

    Jau, ein neuer Konzeptentwurf wäre wirklich einen Artikel wert. So gesehen sind es nur Beobachtungen, hinter denen man sich neutral verstecken kann (möchte).

  7. 07
    Jens

    „Und Hilfe hätten diese Menschen benötigt. Hilfe, nicht bloß Geld und Sachleistungen.“ […] „Damit das so bleibt, ist ein absurdes System installiert worden.“

    Das System der Entmündigung durch den (Sozial-)Staat funktioniert also offensichtlich nicht …

    Oder doch, bitte mehr davon? …

    „Es ist wohlfeil, Eigenverantwortung einzufordern von Menschen, die sich selbst verloren haben.“

    „Es ist scheinhellsichtig, diese Menschen als Gefahr für unsere Demokratie zu bezeichnen.“

    Man beachte die aktuellen Wahlergebnisse und die Wahlbeteiligung. Wenn mehr als 40% der Wahlberechtigten nicht mehr wählen gehen, dann ist das eine Gefahr für die Demokratie. Wenn radikale Parteien versuchen, Wahlen durch Schlägertrupps zu beeinflussen und außerdem noch gewählt werden, dann ist das eine Gefahr für die Demokratie.

    „Denn nicht sie haben den Staat verraten, der Staat hat sie verraten.“ – Ich glaube, das ist ungefähr auch das Gefühl derer, die von rechts oder links die Demokratie/den Staat abschaffen wollen. Geht’s noch?

    Habt ihr den Text überhaupt zu Ende gelesen? Von den Zuspitzungen und Pauschalisierungen im ersten Teil abgesehen, stellt Steingart am Ende offenbar genau die entscheidenenden Fragen:

    Zitat: „Was ist die Staatsbürgerschaft eines Landes wert, wenn den Menschen dort die Teilnahme am Arbeitsprozess verwehrt bleibt? Was nützen bürgerliche Freiheiten aller Art, wenn das Recht auf eine eigenständige Lebensführung nicht mehr dazugehört? Ist es zulässig, dass die in der Verfassung verbrieften Rechte auf Teilhabe nur für den Gebildeten weiter ihre Gültigkeit besitzen?“

    „Gabor Steingart hätte nun sein großes Gehirn dazu gebrauchen können, ein Konzept zu entwerfen, diesen Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen.“

    Vielleicht steht etwas von seinem Konzept in dem Buch, welches mit dem Auszug (!) beworben wird? Und wo ist überhaupt der Gegenentwurf?

    Ich weiß gerade wirklich nicht, was ich schlimmer finde: Die zynische Perspektive von Herrn Steingart oder die totale Orientierungslosigkeit, mit der hier versucht wird, ihn zu kritisieren.

  8. 08
    Malte

    Das System der Entmündigung durch den (Sozial-)Staat funktioniert also offensichtlich nicht „¦

    Oder doch, bitte mehr davon?

    Hilfe bedeutet nicht Entmündigung. Oder wirst du zum Beispiel entmündigt, wenn du einen Psychotherapeuten oder einen Lebensberater aufsuchst?

    Wenn radikale Parteien versuchen, Wahlen durch Schlägertrupps zu beeinflussen und außerdem noch gewählt werden, dann ist das eine Gefahr für die Demokratie.

    Und diese Schläger sind Sozialhilfeempfänger? Die Funktionäre dieser Parteien jedenfalls nicht.

    Ich glaube, das ist ungefähr auch das Gefühl derer, die von rechts oder links die Demokratie/den Staat abschaffen wollen. Geht“™s noch?

    Nicht jeder Vegetarier ist Adolf Hitler. Wenn die ersten Einschnitte bei Reformen ausgerechnet bei den Ärmsten angesetzt werden, ist das eine Aufkündigung des Sozialstaatsprinzips. Also Verrat.

    Von den Zuspitzungen und Pauschalisierungen im ersten Teil abgesehen, stellt Steingart am Ende offenbar genau die entscheidenenden Fragen

    Wenn du das findest, wie kommst du dann darauf, seine Perspektive im nächsten Satz als „zynisch“ zu bezeichnen? Bist du etwa orientierungslos?
    Das Problem an Steingarts Text ist, dass er eine einzige Nebelkerze ist. Der Text an sich enthält gar keine Aussage, nur Geraune. Wenn du den Kontext beachtest, aus dem heraus er wirkt, wird jedoch deutlich, dass er den Sozialstaat lediglich als Ballast empfindet, Sozialhilfeempfänger als „White Trash“.
    Wenn du von mir im Rahmen eines einzigen Artikels die Lösung für die Probleme der Armen in Deutschland erwartest, muss ich dich enttäuschen.
    Das sprengt leider den Rahmen, nach und nach kann das geschehen, ich kann aber keine Diplomarbeit veröffentlichen. Würdest du doch in einem Zeitungsartikel auch nicht erwarten. Daher nur ein Punkt:
    In Deutschland ist der soziale Aufstieg durch Bildung schwieriger als in jedem anderen westlichen Land.

  9. 09
    sunny3d

    Den Gedanken, wobei ich nicht mehr weiß, wer das gerade erwähnte, möchte ich noch einmal aufgreifen – das also im Zuge der Wiedervereinigung oder Vereinnahmung nicht auch die alte BRD aufgegeben wurde.

    Ich glaube, dass es sehr vielen Menschen wichtig ist und sein wird, sich darüber zu definieren. Sich über D zu definieren.

    Ist den Litauern Litauen egal – ja – und nein?!
    Ist den Esten Estland egal – ja und nein?!

    Und so sofort.

    Im Grunde genommen könnte uns die Auflösung staatlicher Grenzen wurscht sein, wenn sie nicht derartig in unser Bewusstsein dringen würde und wir befürchten müssten, dass wir nicht mehr wissen, ob die Straße, in der wir wohnen, noch unsere ist – also was passiert – wenn ich meine Wohnung verlasse und die Straße betrete und mich frage, in welchem Land und in welcher Straße befinde ich mich?

    Das braucht halt ein langen, langen Prozess, Erklärungsprozess, dass sich etwas verändert hat. Es gibt keine Länder mehr, keine Ländergrenzen und die Straßen sind zwar noch in öffentlicher Hand – aber der Park nicht mehr.

  10. 10

    erst dachte ich es geht um gabor steingart, um das fragwürdige denken eines menschen der die wirtschaft als motor des menschseins definiert. dann wird aus einem seiner artikel zitiert und genauso blass argumentiert wie es gabor steigart zu tun pflegt. anstatt gabor steingart mittels seiner einsichten zu entlarven, bzw. dessen weltsicht zu relativieren, drischt man blindlings auf ihn ein und macht ihn zum buh-mann. ich finde emotionen in einem artikel gut, die distanz zum „unterschichten fernsehen“ erkenne ich leider nicht. der mann ist wirtschaftsexperte und kein weltverbesserer/soziologe/oder sonst wie angenehm denkender mensch. ich unterstelle einem BILD-schreiberling auch keine intellektuellen sonderfähigkeiten.
    btw. hitler war kein vegetarier

  11. 11
    fehnman

    Was mir bei Kommentaren dieser Art aktuell auffällt: Das Zueendelesen eines Textes sowie das unvoreingenommene Wirkenlassen von Aussagen, die nicht zwangsläufig anklagend gegenüber dem Objekt der Betrachtung gemeint sein müssen, sich aber isoliert womöglich so anhören, gehört nicht mehr zum guten Ton.

    Der Mann (Steingart, nicht Malte) trifft mit seiner Betrachtung ja wohl den Nagel auf den Kopf, und er stellt zum Schluss auch die richtigen Fragen. Dass ihm die Worte im Mund verdreht werden, muss an einer generellen Ablehnung harter und ehrlicher Betrachtungen liegen. Lieber von Menschenwürde faseln als über betrunkene RTLII-Gucker, die sich einen Dreck um ihre Kinder kümmern.

    Die Stelle, an der Steingart „wohlfeil“ Eigenverantwortung der Arbeitslosen einfordert, würde ich gerne mal unterstrichen bekommen. Wo er überhaupt irgendetwas von den „neuen Proleten“ fordert ebenso. Dass sie eine Bedrohung für unsere Demokratie darstellen, meint er anders, als Malte es in seiner reflexartigen Abwehrhaltung verstehen kann:

    Kann eine Demokratie es tatsächlich hinnehmen, dass ein Teil des Souveräns dauerhaft von der Wohlstandsmehrung ausgeschlossen bleibt? Und wenn sie es hinnimmt: Wird sich diese Entscheidung nicht noch zu unser aller Lebzeiten rächen?

  12. 12

    …wer im kaufhaus spricht, muss mit einkaufstütenbeladenen rechnen…

  13. 13

    Lese ich aus dem Artikel, dass Hilfe zur Selbsthilfe besser ist, als den Menschen Geld zu geben? Oder sollte es Geld + Hilfe zur Selbsthilfe sein? Und was ist mit denen die anmerken, dass die Sozialhilfe ursächlich für die Apathie bei ihren Beziehern zuständig ist. Eine Beobachtung übrigens, die ich auch machen konnte. Bei mir und meiner Umgebung. Ich höre noch nicht heraus, was sich bessern muss. Was sollte passieren? Was muss besser werden?

  14. 14

    Ich verstehe die Kritik an dem Artikel nicht. Steingart beschreibt einen verhängnisvollen Teufelskreis, in dem viele Menschen in Deutschland heute gefangen sind und stellt eine Reihe wichtiger Fragen, z.B „Ist es zulässig, dass die in der Verfassung verbrieften Rechte auf Teilhabe nur für den Gebildeten weiter ihre Gültigkeit besitzen?“
    Was ist daran zynisch?

  15. 15

    Egal, wie unterschiedlich eure Ansichten sein mögen, das Zitat „Arbeit macht frei“ auf die seinigen(nicht) zu verwenden, finde ich etwas daneben, sorry.

  16. 16
    westernworld

    @alecks, herr steingart hat vwl im nebenfach studiert sein hauptfach war politologie. wirschaftsexperte ist also ein wenig zuviel der ehre.

    für einen ehemaligen jungtürken des neoliberalismus ist der artikel geradezu ein ausbund an einsicht.
    dies ist wahrscheinlich dem umstand geschuldet das herr aust und herr steingart einen stimmungsumschwung in der zielgruppe ihres medienkonzerns feststellen oder befürchten.
    die globalisierung bedroht nun auch in zunehmendem maße die mittelschichten.

    daher weht der wind in den herr aust sein signalrotes mäntelchen hält, der mann ist in erster line kaufmann. eine politische oder philosophische haltung jenseits des „hauptsache der schornstein raucht“ gibt es da nicht.
    womit ich zu meiner abschließenden these komme- man sollte den spiegel nicht all zu ernst nehmen.
    der focus ist der spiegel für bildzeitungsleser und der spiegel die bildzeitung für akademiker oder solche die gerne dafür gehalten werden wollen.
    er betreibt sein geschäft des gehobenen boulevard journalismus immer mit dem blick auf den showeffekt und die leichte konsumierbarkeit, ein der aufklärung verpflichtetes ethos findet nicht mehr statt.

    das herr steingart ein flotter schreiberling aus wohlhabenden verhältnissen kein allzu tiefschürfender denker ist, sondern einer der sich in der pose des unerbittlichen analytikers nur ein weiteres windschnittiges mäntelchen überwirft, sollte niemanden wirklich überraschen.

    der mann ist ein symptom dafür das die avanciertheit der debatte hinter der komplexität der verhältnisse weit hinterherhinkt.
    er wäre der ideale nachfolger für frau christiansen.

  17. 17
    Malte

    @ Tom
    Warum ich das so geschrieben habe:
    Nicht, um Hern Steingart eine Nähe zum nationalsozialistischen Gedankengut zu unterstellen. Sondern um zu verdeutlichen, mit welchen Worthülsen Leergutverbreiter wie Steingart arbeiten, immer geschickt so formuliert, dass sie nicht aus dem demokratischen Konsens fallen.
    Hätte es die Nazis nie gegeben, wäre „Arbeit macht frei“ eine Phrase, die durchaus Steingarts These auf ihre Essenz zusammenzurren würde.
    @ westernworld
    me 2!
    @ goetzeclan
    Natürlich Geld >em>und Hilfe, denn wovon sollen die Menschen sonst leben?
    Apathisch macht die Art, wie das Sozialsystem funktioniert, das ist nicht wegzudiskutieren. Bei der Enwicklungshilfe ist zu sehen, wie das Ganze im großen Maßstab funktioniert. Hilfe muss intelligent eingesetzt werden, einfaches Abfüttern führt zu verdummender Passivität.

  18. 18

    Nun, in der Bibel konnte man als Samariter noch einen Menschen auf der Straße helfen. Heute, so drängt es sich mir immer mehr auf, finanziert eine gute Gabe einen Lebensstil. Ähnliches beobachte ich auch in dem Teil der „Sozialhilfeszene“ die ich überschauen kann. Es gibt nur den schwachen Wunsch, die Situation zu ändern. Da aber Hilfe zur Selbshilfe immer auch bedeutet zu arbeiten (nicht unbedingt im Sinne von Gelderwerb, Job und so) stoßen solcherlei Projekte schnell auf aktiven und passiven Widerstand. Die Situation ändern, ja verbessern: Gerne. Dafür handeln, äh … muss das sein?

    Natürlich gilt das nicht pauschal, das ist mir auch klar. Mir scheint aber meiner Beobachtung nach, dass die deutliche Mehrheit sich in der Dauerkrise eingerichtet hat. Die Frage die sich mir da aufdrängt ist: Wie kann es weitergehen? Und muss dazu nicht das ganze Sozialsystem komplett überworfen werden? Und werden die Sozialverbände und Gewerkschaften und all die anderen das zulassen? Die halten üblicherweisen noch fester an alten Zöpfen fest. Mir scheint, dies ist das zentrale Dilemma in der Sozialpolitik. Egal, welche Partei darüber spricht.

  19. 19

    Richtig unangenehm ist es, wenn Autoren wie Steingart die Fakten nicht ausreichen und sie anfangen, Zusammenhänge zu suggerieren, die in Wirklichkeit nicht existieren. Das hört sich dann so an:

    „Der neue Prolet (…) isst viel und fettig, er raucht und trinkt gern. Rund acht Prozent der Deutschen konsumieren 40 Prozent allen im Land verkauften Alkohols“.

    In voller Absicht suggeriert die Passage, dass Steingarts „neue Proleten“ rund 40 Prozent des im Land verkauften Alkohols trinken. Natürlich stimmt das nicht. Deshalb hütet Steingart sich auch, so etwas zu behaupten. Er stellt einfach die zwei Sätze nebeneinander und überlässt es dem oberflächlichen Leser, die Verbindung herzustellen. Das ist ein altbekanntes Stilmittel. Normalerweise wird es in ideologisch motivierten Auseinandersetzungen wie dem Wahlkampf eingesetzt. Im angeblich objektiven, tatsachenorientierten Journalismus hat es nicht zu suchen.

  20. 20
    Herr M.

    @la deutsche vita Das Argument einer Korrelation zwischen Unterschicht-Zugehörigkeit und Drogenkonsum kannst du – auch mit Quellen belegt, wenn ich mich recht entsinne – bei Noltes „Generation Reform“ nachlesen. Auf den stützt sich der Steingart eh ausgiebig, wie mir scheint.

  21. 21

    @ Herr M.
    Dass der „neue Prolet“ (wen immer GS dabei im Kopf hat) gerne trinkt und raucht glaube ich ihm ja auch. Aber er hätte es bei der Aussage lassen sollen und nicht noch eine „harte Zahl“ hinterherschieben, die dann sprachlich nicht mit dem vorangegangenen Satz verbunden wird. Er sagt nämlich nirgends, dass die „neuen Proleten“ 40% des Alkohols konsumieren. Er sagt noch nicht einmal, dass sie mehr trinken als beispielsweise Akademiker. Aber durch die Art und Weise wie er den Satz mit den 40 Prozent im Text platziert suggeriert er, dass das „neue Proletariat“ für den Großteil des Alkoholkonsums in Deutschland verantwortlich sind. Wenn das tatsächlich so sein sollte, dann verstehe ich nicht, warum er es nicht ausdrücklich sagt. Wenn ihm aber die Daten fehlen, dann soll er es eben bei der vagen Vermutung des ersten Satzes belassen.

  22. 22

    Spannend finde ich, wie so in den letzten zwei, drei Jahren plötzlich wieder Begriffe und Konzepte im öffentlichen Diskurs auftauchen, die vorher noch großspurig von führenden Gesellschaftsanalysten in die ewigen Jagdgründe verabschiedet worden sind: Unterschichten, Proleten, Bürgertum usw. Bloss kommen die auch nocht mal ansatzweise als analytisches Besteck daher, sondern als Schlagstock im diskursiven Klassenkampf. Und dann ist das Ganze auch noch nicht mal originell: Den Untergang des Abendlandes durch die Rückkehr der Barbaren bejammerten schon der alte Oswals Spengler und Arnold Gehlen. Nur können die beiden echten Kosnervativen so weit denken, dass sie darauf kommen, dass es zwischen totalem Kapitalismus (aka Neoliberalismus) und der „Verwahrlosung“ der „Unterschichten“ strukturelle Zusammenhänge gibt.

    Historisch falsch ist Steingart Proleten-Darstellung natürlich auch: Nicht die Proleten haben sich in sozialrevolutionären oder reformerischen Gruppen organisiert, sondern die Teile der Arbeiterschaft, für deren Tätigkeit schon so was wie eine minimale Ausbildung nötig war, zum Beispiel in der Metallindustrie. Da gehen dem Gabor wohl der revolutionäre Pariser Mob von 1789 und die echten Glanzzeiten der Sozialdemokratie durcheinander.

  23. 23

    Schöner Artikel Malte! Steingart steht für die Angst der Gutsituierten vor dem Sozialstaat. Seine „Analyse“ vergisst Vieles, zum Beispiel auch die große Angst der Mittelschichten vor dem Abstieg. Er vergisst die Rentner. Steingart ist blind.

  24. 24

    Danke Dean, was mich hier in den Kommentaren vor allem beunruhigt, ist, dass diese unfassbare Arroganz, aus der dieser Steindings auf ganze Bevölkerungsteile herabschaut, nicht als solche erkannt wird. Dass diese Menschen nämlich ganz und gar unwirtschaftliche, aber deshalb noch lange nicht minderwertige, Kompetenzen besitzen, das fällt völlig unter den Tisch.

    Tatsächlich ist es doch so: Steindings schaut aus seinem Vorstandsfenster und denkt sich so „žwas für assoziales Gesocks“ und schreibt da mal munter einen vieldiskutierten Artikel drüber. Dass dieses „žGesocks“ aber mehr soziale Kompetenzen inne hat, als er sich mit seinen Hofbediensteten jemals leisten könnte, sieht er nicht. Weil er auf diesem Auge nämlich blind ist. Von Geburt an.

    Bin ich unfair? Ja. Und zwar gerne.

    Dieses arme Würstchen!

  25. 25

    @ Malte:

    Okay, so hatte ich es nicht aufgefasst :)

    (Bissle späte Antwort, I’m sorry)

  26. 26
    ichichichdududu

    Eiziges mittel sich nicht verdummung zu lassen: NICHT MEHR SPIEGEL LESEN!

  27. 27
    Rainer Hüls

    Sicher, Steingarts Blick auf unsere Gesellschaft ist ziemlich kühl und mag uns deshalb herzlos erscheinen. Von einem Volkswirt und Politologen, der unser Wirtschaftssystem für ein Sachbuch analysiert, muss man aber die volle und nüchterne Wahrnehmung der Realtität verlangen. Am Anfang jeder Veränderung steht zunächst die nüchterne Bilanz. Daraus neue politische, humanitäre und moralische Forderungen abzuleiten, ist ein anderes Thema, das er sich offenbar nicht gestellt hat. Das überlasst er anderen und das ist legitim.

    Nicht einverstanden bin ich mit der Bemerkung in Eurem Kommentar, der Staat habe einen Teil des Volkes „verraten“, weil er sich nicht genug um sie kümmert. Der Staat soll uns einen rechtlichen Rahmen setzen für unsere individuelle Entwicklung und unser Zusammenleben, aber nicht Vater und Mutter ersetzen. So wie unsere Eltern versucht haben, uns zu erwachsenen Menschen zu erziehen, die in der Lage sind, ein eigenverantwortliches Leben zu führen, so soll der Staat auch seinen Beitrag dazu leisten. Er soll sich aber nicht wie jene Eltern verhalten, die ihre Kinder auf Dauer an sich zu binden versuchen, weil sie ihre Elternrolle nicht loslassen können. Zum Erwachsenwerden, das heißt mündig und selbstbestimmungsfähig werden, gibt es keine Alternative. Oder wir müssen den Menschen neu definieren. Und noch etwas: Die Demokratrie ist eine Staatsform, aber kein Versorgungsmodell. Sie hat ihren Wert an sich, unabhängig von der materiellen Situation der Menschen. Es ist genug, dass sich die Deutschen schon einmal wegen einer Wirtschaftskrise einer Diktatur ausgeliefert haben. Der Führer hat seine Schutzbefohlenen nicht sich selbst überlassen, er hat über sie bestimmt…bis zum Untergang.

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