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Aller Anfang ist leicht

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Foto: Mattsabo17

Von allen Jugendträumen ist der Traum, Schriftsteller zu werden, der unausrottbarste. Ein Erstlingswerk kann man schließlich auch mitten in der Midlife-Crisis in die Tasten hämmern. Zumindest kann man sich das vorstellen, denn zu erzählen hat schließlich jeder etwas.
So schreibt jeder Abiturient ein paar Seiten einer grandiosen Coming-of-Age-Geschichte, jeder gerade aus der Therapie Entlassene einen großen ersten Satz zu einem pulpfictionesken Roman über die Drogenhölle, in den Sekretären der Pensionäre schlummern Entwürfe zu zwiebelerschütternden Lebensbeichten.

Nun muss ein Schriftsteller ärgerlicherweise mehr als zehn Seiten zu Papier bringen und so bleiben all die grandiosen Preziosen Spielplatz für sich von Staub und Sehnsüchten ernährende Kleinstlebewesen.
Wir wollen das ändern.
Spreeblick glaubt an Schlingensiefs Scheitern als Chance.

Kopiert eure Romananfänge in die Kommentare!
Es geht hier nicht um einen Literaturpreis, sondern um Wortrettung und Spottgelegenheit, Satzerhalt und Selbstentblößung.
Um den Einstieg zu erleichtern, hier der Anfang eines epochemachenden Werks von mir, das ich während meines Zivildienstes mit 19 Jahren begonnen habe, also 1994.
Eine Ménage-à-Trois, erzählt von allen Hauptpersonen, Konstruktivismus für Cosmopolitan-Leserinnen.

Brigitte:
Die meisten Menschen sind doch grottenhässlich.
Es mag arrogant klingen, aber ich fühlte mich in diesem Bus, der mich Morgen für Morgen zur Schule beförderte, immer fehl am Platz. Einige meiner Mitfahrer schienen morgendliches Duschen schon für eine Form des Overdressed-Seins zu halten. Aber das Schlimmste war, dass sich Oliver, einer meiner unerträglichsten Schüler, den Platz mir direkt gegenüber gesichert hatte.

„Frau Schulte-Gääärnaa, haben Sie schon die Klassenarbeiten durchgeguckt?“
Ich bewegte den Kopf von rechts nach links und zurück.
„Und wir war meineee?“

Ich muss wohl etwas verständnislos geschaut haben, denn er wiederholte die Frage mit Nachdruck, wobei ihm irgendetwas Undefinierbares die Unterlippe hinunterlief.
Das leicht würgende Gefühl in meinem Magen bekämpfend, beschloss ich, ihn zu ignorieren, indem ich interessiert die Scheibe des Busses anstarrte.

Plötzlich ließ Oliver tatsächlich von mir ab, da wir eine Bushaltestelle erreichten, an der mehr von seiner Art zustiegen.

Mein Blick wurde glasig.

Gerade hatte ich diesen Tag abgehakt, als unerwartet die Sonne aufging.
Die erprobte Voyeurin in mir hatte innerhalb von Sekundenbruchteilen erfasst, was hinter dem hellerleuchteten Fenster des Appartments im ersten Stock des Gebäudes hinter der Bushaltestellte geschah.

Ein nackter griechischer Gott cremte seinen Astralleib nach dem Bade.

Er schien sich nur von Nektar und Ambrosia zu ernähren, mit irdischen Konservierungsstoffen ist so ein Resultat nicht zu erzielen.

Er sah aus wie meine sämtlichen Cool-Water-Levis-Perwoll-Träume.
Aber er war real.
Und direkt vor meiner Nase.

Etwas berührte meinen Oberschenkel.

Ich schloss genießerisch die Augen, öffnete sie wieder – mein Blick fiel auf die Hand, die mein Bein entlangklopfte, wobei sie mit drei Fingern ein Mars umklammerte.
„Frau Schulte-Gärnaaaa, hören Sie doch maaal!“

Olivers bester Freund Tim hielt sein Gesicht vor meins.

Nachdem meine Nase mir gesagt hatte, was Tim außer Mars heute morgen noch inhaliert haben könnte, versuchte ich einen letzten Blick auf den fleischgewordenen Werbespot zu werfen.

Doch der Bus ruckelte los.

Erst jetzt fiel mir siedendheiß ein, dass meine Schüler etwas von meinen erotischen Ausschweifungen mitbekommen haben könnten.
Doch ein Blick in ihre durch 48 Stunden Wochenend-VIVA getrübten Augen beruhigte mich.

Meine Intimssphäre war gewahrt, wenn auch nicht respektiert, denn Tims Patschehand fühlte sich offensichtlich sehr wohl auf meiner Strumpfhose.
„Ist meine KL besser als die letzte?“
„Wart mal ab“, murmelte ich, wobei ich die verstreuten Fetzen meines Nervenkostüms zusammenraffte, um einigermaßen konzentriert ins Schulgebäude zu gelangen.

Ich sog frische Luft in meine Lungen und projezierte noch einmal das Bild meines gecremten Adonis auf die Leinwand meines Kleinhirnpornokinos.
In einer dunklen Ecke meines Herzens heulte mein schlechtes Gewissen.

Immerhin war ich keine 32jährige Jungfrau, die schon vor Jahren festgestellt hatte, dass wahre Liebe batteriebetrieben ist und brummt, sondern hatte einen wunderbaren Burkhard Schulte-Gärner samt Tabeah und Raphael.


Adrian:

Jetzt blieb auch noch das Duschwasser kalt. Ich hatte doch nicht den Wehrdienst verweigert, um jetzt doch kalt duschen zu müssen. Das Positive am Germanistikstudentendasein ist, dass man sich in solchen Fällen ganz entspannt dazu entschließen kann, auf die morgendliche Körperhygiene zu verzichten. Also cremte ich mich nur mit meiner ekligen Antihefepilzsalbe ein, bevor ich dranging, mir zu überlegen, mit welchem Outfit ich meinen Norwegerpullikommilitonen heute den Tag würde versauen können.
Außerdem müsste ich mir mal Rollos kaufen. Ich hasse die Vorstellung, dass hier jemand reinguckt.

50 Kommentare

  1. 01

    Erster! :)

    Einmal im Jahr tue ich meinen Eltern einen richtig großen Gefallen. Ich bringe sie zum Flughafen, damit Sie ihren Wir-wollen-vor-dem-Winter-noch-mal-Sonne-tanken Flieger erreichen. Das ist nicht nur nett meinen Eltern gegenüber, sondern gibt mir auch die Möglichkeit, ihr Auto unauffällig für zwei Wochen in Beschlag zu nehmen. Außerdem erlaubt es mir etwas zu sehen, was ich als Student im normalen Alltag wirklich nie zu sehen bekomme: die Welt vor zehn Uhr morgens.

    Also sitze ich um halb sechs am Frühstückstisch meiner Eltern, in einer Hand den Kaffee, in der anderen eine Kippe, krampfhaft bemüht, sämtliche Umwelteinflüsse für eine weitere Viertelstunde von mir fern zu halten. Das fällt wirklich sehr schwer – mein Vater bastelte meiner Mutter vor kurzem eine Tageslichtlampe – das ist eine Lampe die das Sonnenlicht erschreckend echt nachbildet, insbesondere in Sachen Helligkeit. Das Ding ist noch so neu, das es noch nicht den Weg alles selbstgebastelten in eine Ecke im Keller gegangen ist, sondern immer noch in Benutzung ist. „Das hilft wirklich beim wach werden“ höre ich meinen Vater sagen. Meine Netzhaut geht in den Ausnahmezustand und ich werde mir bewusst, dass ich ihn einst selbst auf die Idee brachte, so ein Ding zu bauen.

    Kurz vor sechs ist die Autobahn gerammelt voll. Man möchte aussteigen und die Leute fragen, welchen furchtbaren Berufen sie denn wohl nachgehen. Wieder ein paar Kandidaten für meine Liste der „100 Jobs, die ich garantiert niemals haben möchte“, die ich seit einigen Jahren in meinem Kopf führe. Wenn ich schon niemanden fragen kann, setze ich gedanklich wenigstens drei Ausrufezeichen hinter den Beruf des Kaufhallenradiomoderators.

    Am Flughafen verabschiedet sich meine Mutter von mir mit den Worten „In Anbetracht der politischen Situation halte ich es für angemessen, wenn wir anrufen, sobald wir da sind.“ Nichts ist mehr so, wie es mal war – selbst die Verabschiedung meiner Mutter klingt wie eine Presseerklärung des Kanzleramts. Natürlich stehe ich mit meiner Zigarette direkt unter dem „Rauchen verboten“ Schild. Außerdem habe ich das Auto auf den Kurzzeitparkplatz abgestellt – zwei gute Gründe weiteren Abschiedszeremonien auszuweichen und rasch zu flüchten.

    Wieder im Auto genieße ich erst mal den Anblick des Kleinwagens: dieses Gefährt also steht mir die nächsten zwei Wochen zur freien Verfügung. Meine erste Änderung gilt dem Radiosender – schließlich bin ich noch nicht im man-ist-so-jung-wie-man-sich-fühlt Alter und brauche noch nicht Fritz zu hören, sondern kann zum Radiosender nur für Erwachsene wechseln. Außerdem wird natürlich der Fahrersitz neu eingstellt – als ehemaliger Trabbifahrer ist für mich die ideale Sitzposition nach wie vor ein Bauch, der am Lenkrad langschrammt.

  2. 02

    Tolle Idee! Ich muss mal meinen Text rausrkamen. Die beiden Anfänge gafallen mir übrigens wirklich gut!

  3. 03
    alphabet

    Ein Händedruck lastet auf ihrem Bauch, den die Unverletzten Seele nennen. Gerade noch wurden ihr die Häppchen des Mannes zugeworfen, jene Hoffnungsschnittchen für die Trugfahrt ins Gebleu. Weiß denn die Frau nicht, wie sie enden wird? Ja, weil sie dafür lebt. Denn noch immer trinkt der Mann von ihr, um den größten Teil wegzuschütten, den sie mitgebracht hat. Gleich wirds ihr fehlen, und so rasch ist man nicht mehr rübergesprungen wie in früheren Lagern. Nur wenige sind es, die ihren Durst zu stillen und sie zu pflegen bereit sind, so menschlich geht“˜s zu in der Kosmetikabteilung.

    Derweil ists um die Freiheit gut bestellt, der wir uns schricklich fügen. Zu ihr kraxeln die Freier gern hinauf, grad weils nicht mehr als diese kleine Mühe zu leisten gilt wies auch bei der eignen Nummer bleibt. So reibts und steckts sich schon ganz passabel aneinander, da muss man nicht die eigene Chose anheizen. Doch der Frau muss das angebrannt sein, sie soll ihren Glückskuchen backen und nicht steinhart werden lassen wie ein Hufeisen, das jemand ganz anderes schmiedet! Da sitzt sie nun auf ihrem Klumpen, wenn auch niemand mehr vorbeikommt.

    Und wieder

    riecht sie nach Schokolade. Ihre Finger wachsen dem Saft entgegen, der sich um ihren Hals legt. Warm sickert der Geschmack ins Hirn, ihre Lider hält die Frau geöffnet. Ein neuer Brocken versinkt im Zungenmeer, jede Strömung treibt das Tropenwasser in die eisigen Gefilde. Ihr Gletscher quetscht das neue Land, ein Geschiebe von Ost nach West fratzt ihren Mund zum Faltenreifen und sichelt ihn gleich wieder lippenlos. Letztlich schnauft sie ein kleckerndes Rinnsal hinunter, für kurze Zeit schweigt ihr malmender Apparat. So schmeckts noch am ehrlichsten, was die Frau sich selbst in den Hals stopft. Glauben Sie nicht, ich übertreibe, doch beim Essen ist noch niemand verhungert. Bald hängt sie über der Schüssel wie weiland an den Lippen ihres Schatzes, so oder so kotzend.

  4. 04
    Sebastian Sachse

    Geil, bester Aufruf ever. Und so wahr, wahr wahr! Mein Beginn, auch heute noch topp:

    Die Nacht, in der ich Weltmeister wurde

    Das Thermometer maß trotz hereingebrochener Nacht immer noch zu viel, als dass man hätte schlafen können. Also tat ich das, was man heutzutage wohl tut, wenn man wach im Bett liegt: ich schaute fern. Vorbei an hässlichen, nichtsdestotrotz nackten Ostblockfrauen zappte ich mich Richtung hinteres Ende meiner Senderskala. Man konnte nicht sagen, dass die Sender schlechter wurden, je weiter man schaltete. Sie wurden nur spezieller. Zunächst kamen nämlich die Allerweltssender, mit denen man seit Kindertagen großgeworden ist, die sich praktisch in die Senderspeicher 1 — 9 eingebrannt hatten. ARD, ZDF, NDR, Sat.1 (das seine Daseinsberechtigung mit dem Ende der Harald Schmidt Show schon verwirkt hatte, nur um dann mit Genial Daneben wieder wie Phönix aus der Asche usw.), RTL (das seine Daseinsberechtigung an dem Tag verlor, an dem die 80er endeten), PRO7, die üblichen Verdächtigen halt. Dann die Spartensender! Musikkanäle, auf denen nur noch selten Musik läuft, sich dafür um so häufiger Menschen die Fresse einhauen, Sportkanäle, tagsüber tatsächlich als solche zu erkennen, nachts jedoch verwandeln sie sich in Pornokanäle für die Unterschicht, schön ist das nicht (besagte Ostblocksklavenfrauen).

    Doch dann kam ich an etwas vorbei, was unter normalen Umständen wohl nie meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte. Braunes Studio mit braunem Teppichboden, braune Stühle, auf denen braun gekleidete Herren saßen, die direkt dem Telekolleg fortgeschrittene Physik zu entsprangen schienen, die sich über braune Tische beugten, auf denen Schachbretter standen, inklusive Figuren und braunen Stoppuhren. Es war der WDR, es war eine Schachweltmeisterschaft, die, so erfuhr ich später, nicht in den 70ern stattfand (die Optik ließ eigentlich keinen anderen Schluss zu), sondern Anfang der 90er. Nun, ich interessierte mich noch nie im Leben für Schach, ich kam mir immer zu dumm für das Spiel vor, oder die anderen schienen mir zu elitär. Worin ich ganz gut war, war Schlaukopf, eine Art Kinderschach mit einem langem Lulatsch, einem kleinen dicken Bauern und einem, eben, Schlaukopf. Sie hatten alle verschiedene Fähigkeiten, es war insgesamt ein schönes Spiel. Aber richtiges Schach? Mir fehlte immer die Fantasie eines Napoleon, der sich die Figuren wie reale Kriegsmaschinerie vorstellte und so geniale Züge voraussehen konnte. Ich glaube zumindest, dass es so war, es klingt zumindest gut.

    Da lag ich also nun, und war aus irgendeinem Grund gefesselt von dem, was sich da zutrug. Die Ansicht schaltete auf eine Computeransicht, die das Geschehen von oben zeigte. Zwar nicht mit animierten Figuren, wie beim Computerspiel, aber dennoch wohl interessant genug, dass ich nicht zurück zu Katharina und Olga auf den Pornosportkanälen wollte. Ich war geradezu hypnotisiert von diesem Bildschirm, Karomuster, weiss-blau, darauf die Figuren, so schön in ihrer Schlichtheit. Es waren mehrere Spiele, zwischen denen hin- und hergeschaltet wurde, eines spannender als das andere. Und ich begann zu lernen. Ich saugte die Regeln in mich auf, ich erfuhr alles über das Spiel, was es zu erfahren gab, denn der Moderator ließ es sich nicht nehmen, sämtliche wichtigen Partien der letzten 1000 Jahre aufzuzählen, so schien es mir. Ich lernte, dass es so ziemlich jeder Zug einen eigenen Namen hat, meist benannt nach einem schlauen Russen oder Diktator, mehr noch, ich lernte, die Namen selber zuzuordnen, Züge selber auszuführen, vorherzusehen, bevor es die Profis taten. Ich fluchte, wenn ein potentieller Weltmeister einen schlechten Zug machte, staunte, wenn dieser Zug sich als genial herausstellte und wurde besser. Ich sah ein, dass ein Spiel zuende sein konnte, lange bevor eine Mattsituation entstand, Profis sahen ihr Ende schon lange vorher. Und ich wurde besser. Innerhalb weniger Stunden, die Sendung lief die ganze Nacht, wurde ich nicht nur Profi, ich war Deep Blue, ausgebrochen aus seiner Siliziumhülle, zu Fleisch geworden. Ich gewann praktisch im Durchmarsch die Schachweltmeisterschaft ´92, ich war der Gott aller Streber. Dann schlief ich ein.

    Am nächsten Morgen, besser spätem Vormittag, hatte ich sämtliche Regeln wieder vergessen. Doch diese Nacht, diese eine Nacht, in der ich heimlicher Herrscher über die Welt war, der Mensch, der schlauer war als sämtliche Schachcomputer, deren Rechenkapazität ausreichte um Menschen auf den Mond zu schießen, diese Nacht werde ich nie vergessen.

  5. 05

    da bin ich ja schon froh, denn ich hab immerhin schon 28 Seiten (wenn man die vielen Anmerkungen und spontanen Ideen mitzählt, die ich zwischen die einzelnen Passagen getippt hab). Wenn ihrs wirklich wissen wollt, das Buch fängt ganz harmlos an und ist irgendwann nächstes Jahr fertig (Infos auf psychoglobal):

    Es war kalt und ich hatte mich warm angezogen, als ich dem Haus ging. Gottseidank hatten sie mich erst auf halb eins bestellt. Ich war ausgeschlafen, hatte gegessen und genug Kaffee getrunken, um den Tag zu überstehen. Es war Anfang Februar, eine undankbare Zeit der dicken Pullover, Schals und Handschuhe; eine Zeit in der man sich ständig verkleidet, nur um nicht zu frieren. Alle sahen irgendwie albern aus.
    Am U-Bahn-Eingang holte ich mir ein Second-Hand-Ticket, rannte, um die gerade einfahrende Bahn noch zu bekommen und quetschte mich zwischen einen älteren Herren und ein Schulkind.
    Ich freute mich an diesem Tag: ich würde zu meiner Chefin gehen, mich kurz mit ihr unterhalten – über die Arbeit, das Team ect. Kurz: Personalgespräch. Es ging um meine Zukunft — Vertragsverlängerung… Natürlich hatte ich nicht die geringste Lust, meinen Vertrag verlängern zu lassen, endlich würde mir die Entscheidung abgenommen: Sie oder ich, der schleichende Tod oder das Leben. Klar, wofür ich mich entschied. Es war nur solidarisch gegenüber sechs Millionen Arbeitslosen, diesen Platz für einen verzweifelten Langzeit-Hartz-IV-Typen frei zu machen. Was bildeten sich die anderen Arbeitsplatzbesitzer eigentlich ein, dass sie meinen ihr Arbeitsplatz würde ihnen gehören? Ich betrachtete meine U-Bahn-Genossen. „žEgoschweine“ dachte ich. „žDer Reichtum muss geteilt werden, sonst gehen am Ende alle unter. Werden schon noch merken, wie schnell das geht, nichts ist heute mehr sicher — schon gar kein Arbeitsplatz. Also ist es besser dem Schicksal zuvor zu kommen, selbst die Fäden in der Hand zu behalten.“ Selbst kündigen, statt Rauswurf. In die Freiheit springen, statt in den Abgrund geworfen zu werden. Was hatte man eigentlich davon, einem Chef zu dienen, für die paar Kröten, buckeln, sich die Gesundheit ruinieren? Nicht mit mir.
    Eine angenehme Epoche der Arbeitslosigkeit lag vor mir. Vom Jobcenter, so hatte ich berechnet, würde ich ein Jahr lang meine Ruhe haben. Ein Jahr privilegierter Arbeitsloser. Ein Jahr Arbeitslosengeld I, lange Kneipenabende, Ausschlafen, vielleicht – solange es kalt war in Berlin – hier und da etwas politisches, Flugblätter gegen Sozialkürzung und Nazis, Demos; im Sommer Hilfsarbeiten auf dem Selbstversorger-Hof „žneuer weg“ den Freunde gegründet hatten, später Erntezeit… das ganze Programm. Ein Jahr im Paradies.
    Ein paar Stationen, ein kurzer Spaziergang und ich war an meiner Arbeitsstelle.
    „žGuten Tag Herr Breit“ sagte Dr. Ode, Fachpsychologin und Chefin in dem Heim in dem ich arbeitete, als ich ihr Büro betrat. Sie sah etwas abgearbeitet aus. ‚Dabei hat sie noch vier Stunden vor sich‘ dachte ich. Es folgten die üblichen Fragen, auf die ich vorbereitet war: Wie geht“™s im Team, wie gefällt ihnen die Arbeit in unserem Haus, usw. Ich hatte beschlossen, sie noch ein wenig Zappeln zu lassen und spielte brav mit. Was könnte man an der Arbeit verbessern, wie ist der Kontakt zu den Klienten… Kein Mensch wünscht sich in diesen Zeiten seinen Job zu verlieren, dachte ich zynisch.
    „žGut.“ (sie sagte andauernd „žGut.“) „žWie stellen Sie sich Ihre Zukunft in unserem Hause vor, Herr Breit?“ Was für eine Zukunft sollte man haben in einem Laden, in dem mit dem Alter und der Unfähigkeit anderer ein Haufen Geld gemacht wurde. Dieser Sozialbetrieb stank doch zum Himmel. Erst werden sie abgeschoben und dann abgezogen. Und was blieb für den Betreuer am Ende übrig? 900 € Brutto von den Renten der Alten.
    Es war klar, dass diese Frage die Richtung des Gesprächs änderte.
    „žNun, eigentlich hatte ich daran gedacht aufzuhören.“ sagte ich zögerlich. Vielleicht könnte ich sie noch etwas hinhalten, meine Entscheidung oberflächlich begründen, sie würde nach Auswegen suchen damit ich hier doch weiterarbeite — einen guten Mitarbeiter verliert man nicht gern. Ich wollte die Macht über das Gespräch nicht verlieren. Doch es kam anders.
    „žGut. Dann können wir das Gespräch ja hier abbrechen. Ihr Vertrag läuft am 14. Februar aus, also in zwei Wochen. Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihre Zukunft. Wegen dem Arbeitszeugnis wenden Sie sich bitte an Frau Klein. Auf wiedersehen Herr Breit.“, sie lächelte freundlich aber irgendwie verschwörerisch (oder bildete ich mir das ein?).
    Mit diesem abrupten Ende hatte ich nicht gerechnet, aber gut: es war meine Entscheidung und sie konnte mich sowieso nicht davon abbringen, aber schon blöd, dass ihnen nicht mehr an mir lag. Wieder ging mir der bevorstehende Sommer im „žneuen weg“ durch den Kopf, ich fühlte mich besser.
    Die zwei letzten Wochen vergingen wie im Schlaf: angenehme Gespräche mit den Heimbewohnern, hier und da etwas Pflege, Kontakt zu Angehörigen, Bürokram, Fernsehabende, Bingo. Das übliche. Man gab mir keine großen Aufgaben mehr, weil alle wussten, dass ich bald gehen würde. Abschiedsworte, Arbeitszeugnis, sogar Tränen („žkommst uns doch mal besuchen, Lucas?“). Dann war ich draußen. Tat garnicht weh.

  6. 06

    Hey, du musst ein Hellseher sein :-) Ich plane einen kleinen Online-Roman, den ich schon relativ weit geführt habe und Teil für Teil in einem Blog veröffentlichen möchte.

    Hier die ersten Sätze …

    Ein dünner Nebel zog langsam über New Seattle hinweg, als mit rotem Schein ein neuer Morgen hereinbrach. Quälend zwängten sich die ersten Pendler durch die noch feuchten Straßen und strebten widerwillig ihrer Arbeitsstätte entgegen.

    *

    An eben diesem Morgen, genau um 6:00 Uhr, fing der Wecker Erwin Schrödingers an zu schrillen. Fast schon verächtlich gab er ein ‚riiiing‘ — ‚riiiing‘ von sich, als wolle er schreien SCHÖÖÖDINGER! Aufstehen du fauler Sack, aber SOFOORT. Doch Erwin versuchte sich noch, unter Zuhilfenahme seines weichen Kissens gegen die Schreie seines Weckers zu erwehren und hoffte mit einem gekonnten Schlag den Störenfried zum schweigen zu bringen.

    Noch leicht unkoordiniert schwang er seinen Arm unter der Decke hervor und traf — allerdings nicht das erhoffte Ziel. Klirrend knallte daraufhin die Nachttischlampe von ihrer erhörten Position auf den Boden, und veranlasste so unseren schläfrigen Protagonisten seinen müden Leib zu erheben.

    Verwirrt versuchte Erwin seine verklebten Augen zu öffnen, was ihm allerdings noch nicht recht gelingen wollte …

  7. 07

    Mein letzter Roman, umfasste immerhin 24 Seiten und 12 Artikel, es kommen außer Hansjörgen und Ute auch noch Hubschrauber drin vor, er hat mehrere farbenfrohe Illustrationen und wurde in einem praktischen Format verfasst, leider müsst ihr selber gucken kommen. Er endet im 12. Artikel dummerweise kurz vor einer angekündigten Mitternachtsparty.

  8. 08

    Das ist kein Anfang, sondern aus meiner Datei „Fragmente“, die seit Ewigkeiten auf der Festplatte schimmelt [man beachte die Referenzen auf längst eingegangene Konsolen, Spiele und Printprodukte], aber egal. Die Idee ist grandios, Malte.

    Michel ist noch stärker als ich Videokid. Ziemlich gegen Ende einer durchrauchten und durchsoffenen Nacht neulich sind wir noch auf die Idee gekommen bin, Playstation zu spielen. JetMoto, ein recht rasantes Rennspiel. Ich war schon nicht mehr so ganz in der Lage, geradeheraus zu schauen, war also dementsprechend schlecht. Michel spielte zum ersten Mal und hatte es direkt raus. Er fragte sogar zwischendurch: Welches ist der Knopf für die Bremse? Elke las währenddessen im neuen „žjetzt“.
    Wir hätten uns auch alle unterhalten können.

  9. 09

    Damals – als ich noch jung und blödsinnig war und die Integralrechnung beherrschte, da schrieb ich regelmäßig einen Newsletter und versah disen mit einem Vorwort. Jede Woche neu hackte ich da sinnvolles und -entleertes in die weite Welt. Aber ich hatte nie vor, daraus ein Buch zu machen. Ja auf diese Idee wäre ich nie gekommen. Und doch – mit der Zeit häuften sich die Meldungen, dass viele den Newsletter nur wegen des Vorworts gelesen haben. Der Rest waren eh bloss Witze und Sprüche. Und als ich dann einmal beim einkaufen einer Abonnentin über den Weg lief (oder hatte sie mir aufgelauert?), da fragte sich mich glatt „Und warum schreibst du kein Buch?“
    Da war ich platt und in meinem Geiste alberten verschwommene Gedanken an eine Zukunft voller goldener Letter herum, in deren Glanz ich mich sonnte bis sie sich in irgendeine dunkle Ecke meiner Seele verkrümelt hatten. Und so ist es bis heute – nicht zu denken an ein Buch.

  10. 10

    Mein erster Romanschreibversuch war eine Kladde in einem kleinen linierten Schul-Schreibheft. Falls ich das Heft je wiederfinden sollte, werde ich trotz zwangsläufig einsetzendem Ruhm bei Veröffentlichung niemals die Zeit finden, alles nochmal in diese Maschine hier vor mir zu hacken.
    Desterwegen copy’n’paste ich mal meinen ‚ersten-Schreibversuch-am-Computer‘ hier in den Kommentar, zumindest mal die erste halbe Seite (damit keiner einschläft) – weil mir Johnnys Idee gefällt:
    *
    Ich habe die Welt verstanden. Begriffen wie sie funktioniert. Zumindest den Teil der Welt, der innerhalb meines Horizonts liegt. Aber was heißt das schon? Eigentlich ist mein Schränkchen jetzt fertig, das mit den vielen Schubladen, in die ich all die Dinge packen kann, die mir tagtäglich begegnen. Passt ein neues Detail irgendwie in eine Schublade, habe ich das Ding verstanden. So einfach ist das. Jeder macht das so, ich weiß es jetzt. Alles erscheint so klar, hat seinen Platz.
    Aber wehe es passiert etwas, das nirgends hinein sortiert werden kann!

    1.
    Die Zeit verhält sich merkwürdig. Als kleiner Junge kamen mir manche Sekunden so lang wie Minuten vor, Tage waren endlos, und doch schnell vorbei. Zwischen jedem Aufstehen und zu Bett gehen gab es so viel zu erleben. Später wurde es eher so, als reiche die Zeit nie aus, etwas zu erledigen, Stunden hatten viel weniger Minuten. Schnell muss ich jetzt schreiben, sonst kann ich diese Gedanken nicht vollständig materialisieren. Wo sind nur die Minuten hin, die ich eben noch zu haben glaubte. Die Sonne geht schneller auf und noch schneller wieder unter, von Tag zu Tag immer schneller. Nur deshalb wollt ich wieder klein sein, nur um den langen Tag zu genießen, ohne Hast.

    2.
    So mit vier Jahren etwa war meine Welt noch in Ordnung, ich war der Mittelpunkt meines kleinen Universums. Mein Wille geschah — meistens. Meine Eltern waren die Hüter meines Universums, es war vollkommen, und es war meins.
    Der erste herbe Rückschlag trat ein in Form eines kleinen Brüderleins. Ein störrischer, nervender und sabbernder Schreihals, der mich doch glatt zur Nummer Zwei in meinem Reich. In meiner kindlichen Unzurechnungsfähigkeit griff ich zum letzten Mittel: Eines Nachts, ich fühlte mich unbeobachtet, stieg ich in sein Bett und ohrfeigte ihn. Nicht heftig, nur mit halber Kraft. Für einen halbjährigen Säugling hatte er doch ein sehr starkes Schreiorgan und nutzte dieses auch kräftig. Ich erschrak dabei fürchterlich, wusste nicht weiter und erstarrte erst einmal mit erhobener Hand, die schon zur zweiten Watsche bereit war. Mein Notfallprogramm funktionierte nicht, es sprang nicht an. Die Situation war nicht mehr unter meiner Kontrolle. Natürlich stürzten meine Eltern herein, bedrängten mich, ich sollte endlich reden, was sei eigentlich los. Aber meine Apathie hüllte mich gegen die lästige Außenwelt. Jetzt war ehrlich was kaputtgegangen an meiner Welt, was man nicht mehr heil machen konnte, so wie man einen Verstorbenen nicht mehr lebendig machen kann. Es hatte sich gerade etwas geändert, was nie wieder so wie vorher wird. In diesem Augenblick wurde mir das bewußt und es erzeugte ein neues, merkwürdiges Gefühl in mir. Das Gefühl von ab jetzt ist nichts mehr wie bisher.

  11. 11

    Tolle Idee. Hab mich dann direkt auch mal geoutet mit den komischen Anfängen meiner Kurzgeschichten. Da der Trackback anscheinend nicht funktioniert hat:

    http://www.netdisein.com/ther4py/blog/archives/563-Kurzgeschichten.html

  12. 12

    Jawohl. :)
    Ohne Romananfang, dafür mit tollen Schreibern in der Hinterhand. Malte, groß!

  13. 13

    ja cool, ich ueberlege grad ein buch zu schreiben ueber das leben mit einem bedingungslosen grundeinkommen. was denkt ihr ueber das bedingungslose grundeinkommen?
    http://de.wikipedia.org/wiki/Unternimm_die_Zukunft

  14. 14

    Keine Ahnung ob das fair ist oder nicht das hier zu posten, aber einer meiner letzten Einträge sollte wie ein Roman wirken – hoffe, es liest sich gut:

    Wenn Mr. Zhang nicht mit Mr. Li, der Interesse an einer großen, gebrauchten Werkzeugmaschine meines Vater hatte, mit nach Heidelberg gekommen wäre, als Übersetzter für jenen Mr. Li, dann wäre ich vielleicht nie nach China eingeladen worden, und dann tatsächlich dorthin gereist, um dort die Liebe meines Lebens zu finden.

    Denn dieser Mr. Li kam nach Heidelberg, nun meine Ex-Heimatstadt, um eine Maschine in unserem Lager in St. Leon-Rot zu inspizieren – und brachte unseren chinesischen Mitarbeiter Mr. Zhang als Übersetzter mit. Abends lud Mr. Li dann meinen Vater mitsamt Familie zum Essen ein – dort lernte ich Mr. Zhang und Mr. Li erst richtig kennen. Es war ein von Alkohol gesegneter Abend, und die Biere flossen wie verrückt. Dem chinesischen „Gambej“ Trinkspiel war es letztendlich zu verdanken, dass um die 10 Gläser Bier „auf Ex“ in meinen Magen flossen. Nein, schossen.

    Im Rausch und mit krabbenrotem Gesicht lud mich Mr. Zhang dann zu später Stunde in einem gänzlich anderen Lokal, einem Tanzlokal, wo man eben zur Steigerung nach einem Restaurantbesuch hingeht, nach China ein, er wolle mir unbedingt mal unser Repräsentanz Büro dort und die Stadt zeigen. Mein ebenfalls leicht alkoholisierter Vater fand diese Idee ganz hervorragend und so fingen die Beiden an, mir eine Reise in dieses ferne Land aufzureden, während ich mich eigentlich mehr für die Toilette interessierte, da einige Getränke unangenehm drückten.

    Hier kann mans weiterlesen…

  15. 15

    Ehrlich gesagt, erinnere ich mich gar nicht mehr daran, ob es so leicht war mit dem Anfang dieses Romans. Aber zur Zeit ist es sauschwer, auch wenn ich etwas mehr niedergeschrieben habe, als einige andere hier. Dies ist also der erste Teil meines Prologes vom Romananfang „Das dunkle Zeitalter“. Den Rest findet man hier.

    Die Karawane
    Fianna war nun schon drei Wochen mit der Gruppe von Händlern unterwegs. Ihr nächstes Ziel war Børnholm, eine kleine, verschlafene, dreißig Seelen Siedlung. Das Gebiet um Børnholm war reich an Flora und Fauna, zumindest während der Frühlings- und Sommerzeit. Zum Herbst hin verloren die Bäume ihr Laub und die meisten Tiere zogen in den Süden. Nur die Menschen blieben und ernährten sich von dem, was sie im Sommer erjagt und im Herbst geerntet hatten. Man könnte meinen, dass die Händler dieses verschlafene Nest auch umgehen könnten, doch der Grund, weshalb es die Händler jedes Jahr nach Børnholm zog, war der Børnlachs. Eine Delikatesse, die nur am See von Børnholm heimisch war. Niemand hatte es bisher geschafft den Børnlachs woanders zu züchten, denn das Klima der Region Sindelfjord war einzigartig in diesem Land.
    „Was schaust Du so verträumt in die Gegend, Fianna?“
    Die Frage schreckte Fianna auf, obwohl ihr die Stimme nur allzu vertraut war. Galdor, der Hüne, schaute sie vorwurfsvoll an. Er war ein guter Freund ihres verstorbenen Bruders und erschien wie das Yang zu dem Yin, das sie darstellte. Wie sein Name beschrieb, maß er mehr als 2 Fuß. Der Umfang seiner Arme war so groß wie mancher Oberschenkel einer schmächtigeren Person. Sein Haar war lang und zottelig und sein Gesicht war braun und wettergegerbt. Man sah diesem Mann an, dass er viele Schlachten geschlagen hatte, doch schaute man ein zweites Mal, also genauer hin, so entdeckte man die Wärme, die seinen Augen entsprang. Dieser Mann schien der Namensgeber des Bildes „Harte Schale, weicher Kern“ zu sein.
    Fianna hingegen schien zerbrechlich zu sein. Auch wenn sie nicht klein gewachsen war, so konnte man ihr ihre elfische Herkunft ansehen. Ihr Haar war kastanienbraun, leicht gelockt und ging bis zu ihrem Bauch. Ihre Arme waren so schlank, dass man meinen mochte sie hätte niemals genügend Kraft einen Kurzbogen, geschweige denn ihren elfischen Langbogen, den sie mit sich führte, zu spannen. Doch der Schein trügte so manchen Angreifer, der am Ende eines Kampfes meistens das Augenlicht, wenn nicht sogar sein Herz an sie verlor.
    „Ich habe nur die Landschaft bewundert. Es scheint hier alles noch so unberührt.“
    „Du meinst, dass Du Heimweh hast, weil es Dich an Dal’Gena erinnert.“
    „Ja, ich sehne mich nach meiner Heimat, Galdor. Ist es für Dich nicht auch so schlimm?“
    „Nunja, dadurch, dass ich schon des Öfteren mit dieser Karawane unterwegs war, weiß ich, dass ich auch nach Hause zurückkehren werde. Aber wenn es Dich beruhigt, ja, auch ich hatte bei meiner ersten Reise schreckliches Heimweh, obwohl meine Heimatstadt Juntao bei weitem nicht so schön ist wie Dal’Gena.“

    Inzwischen war es Abend geworden und die Karawane musste einen Kundschafter ausschicken, um einen geeigneten Rastplatz für die Nacht zu finden. Dieses Mal fiel das Los auf Fianna. Von der Natur gesegnet war es für Fianna ein Leichtes im Dämmerlicht eine geeignete Raststelle zu finden. Es war eine kleine Lichtung im Wald, an dem die Handelsstraße entlang führte. Die Lichtung hatte nur einen Haken. Zwar war sie relativ gut vor Räubern zu beschützen, da die Vegetation nur zwei Zugänge zur Lichtung zuließ, doch konnte sich dieser Vorteil sehr rasch in einen Nachteil entwickeln, wenn es darum ging schnellstmöglich mit der Karawane vor der hiesigen Fauna zu flüchten. Dann würden die einzelnen Wagen zu lange brauchen, bis sie sich alle vor den Wesen des Waldes in Sicherheit gebracht hätten. Doch ein anderer Rastplatz war für Fianna nicht auffindbar, und die Sonne war schon längst hinter dem Abranusgebirge verschwunden. Also machte sie sich auf um dem Führer der Karawane ihre Entdeckung mitzuteilen…

  16. 16

    @Jakob: Das habe ich mir letzte Woche ausgedruckt. Die ersten 900 Pixel hatte ich am Bildschirm gelesen, bis ich gemerkt habe, dass das ja noch ewig weitergeht. Fängt gut an und ich bin sehr gespannt!

  17. 17

    Hier mal nicht der Anfang, sondern so ziemlich das End, bitte Jugend, nehmt es euch nicht als Vorbild!!! Aber Gerhard hätte mal ruhig die ein oder andere ecstasy-Pille vertragen…
    lg Donnie

    In Schallgewittern

    Jetzt stehen wir auf dem Podest inmitten ekstatisch tanzender Sunbeams. Bass und ein geradeaus drängender Beat, Hammerdrums schießen durch die Halle. Plötzlich bleibt der Beat stehen, für Sekunden dringen mutierte Klänge aus den Bams, Klänge, die ein beladener Lastkran von sich geben würde, wenn man ihn in Übergeschwindigkeit rotieren ließe. Eine Sirene. Eine einsame elektronische Sirene.
    Zeit für den Feierkrieg. Alle Sunbeams sind bewaffnet, vollgepumpt mit Munition, ihre Schreie werden gellender, die Sirene kreischt lauter, jault inbrünstiger, und dann plötzlich ein gewaltiger
    Ur-Kick, Donner über Babylon, der Feierstern Ally am Ende des Nachthimmels beginnt sein lachendes Leuchten.
    Eine halbe Sekunde Stille – ein leiser House-Beat, von einem Lowpassfilter-Korsett verhüllt, das sich um seine loopende Taille schnürt, eine wirbelnde peitschende Snare; das Korsett lichtet sich, der Beat wird heller, eine zischende Hi-Hat, ein gewaltiger Donnerkick, eine dritter, vierter , fünfter, sechster, ein letzter – endgültig Stille.
    Und das Feuer in dem Topf dort unten kocht über: flackernde schattenhafte Bewegungen, Hände in der Luft, chemische Liebe im Kopf. Dort wird gebetet, Dorian Gray gedankt, dort umarmen sich Girls in aller Seelenfriedlichkeit, dort, im blitzenden Scheinwerferlicht, zappeln Freaks wie Taekwondoolehrer.
    Väth klopft Ella auf die Schulter:

    „žHi Darling!“

    Ella ist überrannt vor Glück, fällt Väth in die Arme. Die Turntables kreisen.
    Ella – ein winziges Girl mit einem Schopf aus kurzem blauem Haar, einer hohen Stimme, mit einem Vinylknistern belegt, eine Stimme, die öfters vor Begeisterung zusammenbricht. Ella, ein Girl mit dunkelgrünen Pupillen, die sich in unregelmäßigen Abständen öffnen und schließen; Ella, deren Hände ständig in ungestümem Aktivismus an den Fadern des Mixers rumtüfteln.

    „Wisst ihr, ich komme gerade von einer fetten Party aus Tell-yo-chief, der absolute Hammer! Als wir hörten, dass hier heut `ne Party steigt, sind wir sofort in die Sunglider. Fast die ganze Partycrowd ist hier.“

    Die Stimmung könnte nicht besser sein. Hildenbum wird auf seinen dringlichsten Wunsch hin von den beiden Eurasierinnen auf ein Geländer gehoben und jubelt ekstatisch den Sunbeams zu. Mit heiserer Stimme schreit er:

    „žHe, ho, Hildenbum! He Girls, here I am, Hildenbum. Yes, it´s me, the one and only Hildenbum!“

    Der Gnom dreht auf, wird zum Beherrscher der Szenerie, vom Winzigsten zum Würdevollsten, vom Entlegenen zum Erlauchten.

    „žHildenbum!“ — nun hat auch Väth sein Treiben bemerkt.

    „žIhro Exzellenz?“

    „žHildenbum — das Koks!“ – Väths weißer, zu Eis erstarrter Blick.

    Hildenbum taumelt zurück, landet weich in den Armen der beiden Eurasierinnen.

    „žJa natürlich, Ihro Exzellenz, ich bin ja schon auf dem Weg. Den Koffer habe ich sicher
    verwahrt.“

    „žDu hast ihn“ – Väths Augen nehmen einen düsteren Glanz an – „žverwahrt?“

    Väth packt mit angsteinflößender Entschlossenheit die Schultern des Gnoms, hebt ihn vor sein Gesicht. Väth, der blonde breitschultrige Recke, der Spielführer vs. Hildenbum, der kleine zerknitterte Gnom, der jetzt vor Angst die Backen schüttelt.

    „žHildenbum!“

    Väths Gesicht belädt sich mit unsittsamer Undurchdringlichkeit und das Gesicht des Gnoms weiss sich nicht mehr zu wehren. Väth schüttelt es im grollenden Basedrumfegefeuer, dazu zuckende Stroboskope, die wie gleißende unheilverkündende Blitze durch die Halle schießen. Hildenbum, der gelieferte Gnom!

    „žUnd was ist mit dem Emergency-bag? Wo ist er?“

    Hildenbum steht wieder auf den Beinen, wühlt verlegen in den weiten Taschen seiner Homeboy-Latzhose, obwohl der Emergency—Bag da sowieso nicht sein könnte. Wo ist er also? Bestimmt auch nicht zwischen den mit Haarspray aufgestachelten Haaren, die sich der Gnom jetzt rauft.
    Mit piepsig – gebrochener Stimme raunt er:

    „žIhro Exzellenz, ich muss gestehen, dass…dass ich weder verstehen noch erklären kann, wohin mir der balsamische Beutel entlaufen ist.“

    In Väths Kopf rankt sich Ranküne, bitter schmeckender Schmerz schmilzt auf seiner Nasenscheidewand, läuft sein Gaumensegel hinab in eine mit Wut verwundete Kehle; Aggression ankert in seinen stechend-weißen Augen.

    „žHildenbum, ich hoffe, du weisst was du zu tun hast!“

    Hildenbum nickt so gut und soviel er kann, tritt mit Ehrerbietung bekundenen Schritten zurück, macht sich unumgänglich auf den Weg, um den gelben Koffer mit dem Kernspaltungssymbol aufzutreiben, den er draußen mit zwergischer Unzuverlässigkeit an Gott weiss was für einem Ort deponiert hat, um einer blonden Beauty mit wollüstiger Gnomonomie die begnadeten Beine zu bezirzen, die sich den Koffer vielleicht schon längst geschnappt hat, um ihn mit Vergnügen zu vernaschen.
    Mit schlotternden Knien, den Blick des großen Väth im Nacken, tasten sich seine fitzeligen Füße das Podest hinab, als würde er der Hölle selbst entsteigen. Hildenbum macht sich auf den Weg durch die feiernde Schar aus Sunbeams.
    Cox hat sich unterdessen zu Ella gesellt, beide shaken die Köpfe zum Beat. Ella scracht krude chiastische Beats in ihr Set. Doch obwohl die Party hier gerade einem Höhepunkte zuläuft, scheint es mit Väths guter Laune fürs Erste gelaufen zu sein. Zerfurchte Gesichtszüge wie die eines von Römern ruinierten Germanen. Selbst die Musik scheint ihm nicht mehr zu passen. Väth tippt Cox auf die Schulter:

    „žHe Cox, was ist das bloß für ein tune?“

    Cox nimmt Väths ernste Worte nicht zu dramatisch, shakt zusammen mit Ella weiter den Kopf. Väth in Null-Laune. Jetzt öffnet er seinen Plattenkoffer, zwirbelt einige Platten zwischen den Fingern, murmelt drohende Düsterkeit in seinen Koffer.
    Prächtig amüsieren sich unterdessen die beiden Eurasierinnen. Sie haben eine Riege hübscher Sunguys dicht vor dem Podium ausgemacht. Die Blonde dreht einen Joint. Sie trägt ein knallrote hautenge Plastikjeans, ihre schmackhaften Schenkel hervorhebend; ihr Po schwebt wie eine glänzende Kugel über der Party; zwischen ihren gesonnten Brüsten laufen feine Schweißperlen. Jetzt streicheln sie sich die Eurasierinnen gegenseitig Wangen und Hals. Väth hat derweil einige tunes aus dem Plattenkoffer gezogen, steht jetzt ungeduldig hinter Ella und Cox.

    „žWhat the fuck! He Cox, was ist das für eine Scheiße, die ihr da auflegt. Soll ich kotzen?“

    Cox , der schwarzhäutige Bär mit dunkler Sonnenbrille, dreht sich um.

    „žWhats up, Väth? It´s keeping the crowd alive!“

    Und dann wieder seine geheimnisvollen Worte:

    „…not everyone understands Housemusic, Väth, it´s a spiritual thing, a body thing
    a soul thing“¦“

    Väth zum ersten Mal verunsichert, zupft an seiner Augenbraue. Cox scheint recht zu haben: abertausende Sunbeams feiern ausgelassen. Die Stimmung kocht, eine grandiose Party, die auf Väths Rechnung geht und seinen Namen im Biz noch mehr Ehre erweisen wird. Denn auf Feuerland gibt es nur eine Möglichkeit, sich Reputation zu verschaffen – man muss fette Partys schmeißen, ein Event ausrufen, das mit einem Schlag den Rest der Insel evakuiert und alle Sunbeams an einem Ort zusammenschmelzen lässt, sodass sie sich als ein Ganzes verstehen, ein Körper, ein Universum, ein gemeinsamer Geist – one tune, one low latency spirit…
    Väths Gesichtszüge sind schon ein ganzes Stück weit ungrimmiger. Worte wirken wahre Wunder. Auch die beiden Eurasierinnen spüren den warmen liebesgetränkten Partydunst, der sich in der Halle wie ein Zaubertrank verbreitet. Die eine lutscht der anderen gefühlvoll das Ohr, jetzt küsst sie zärtlich ihre Wange; die andere reibt die Hand auf ihrem schwarzen Lederrock.
    And now, ladies, we present the one and only, mixmaster of all mixmasters – Cox, Carl Cox!
    Ein Aufschrei geht durch die Menge. Cox löst jetzt Ella ab, die gerade ihre letzte Scheibe vom Teller nimmt, Cox umarmt und ihm mit der Faust einen Knuff auf einen seiner gestählten Oberarme gibt. Die Energie ist übertragen. An die Teller, Cox!
    Am Anfang seines Sets eine schüchterne Scheibe: ein ruhiger, tief rockender Beat. „žDoomsnight Detroit“ liest sich auf der Scheibe. Elektronisches Zirpen mit minimalistischer Eleganz, ein Bass aus dem Hades geküsst von Perse-phone. Die Halle beruhigt sich ein wenig, aber man spürt schon jetzt, dass es nicht lange so bleiben wird. Man horcht auf und Cox shakt langsam wieder mit dem Kopf und jetzt auch Väth. Die schlechte Laune scheint vergessen, obwohl Hildenbum verschollen scheint, sodass man sich fragen sollte, ob er hier je wieder auftauchen wird. Nun ein eleganter Break vom anderen Teller, dem Cox mit dem low—cut die bassigen Beine abgesäbelt hat. Wieder und wieder driftet er von oben in den rockenden Beat der Basisscheibe. Schon jetzt mixt der schwarzhäutige Scheibendreher haargenau, seine Finger sind schneller und zielsicherer als die von Ella, und manchmal sucht er in seinem Plattenkoffer nur nach einem einzigen kurzen Beat, quasi nach einem Beat-Polaroid, das er auf die Schnelle reinmixen kann. Cox ist fortwährend in Bewegung, nur auf sein Set konzentriert. Es ist phantastisch und jetzt, nach einer knappen Viertelstunde, spürt man das dort tief unten, unter dem Boden seines Sets etwas brodelt, etwas nach oben ins bunt flackernde Hallenlicht drängt. Es ist ein Beat, ein gerader Beat, in jeder Scheibe mit gesyncten LFO—Arabesken ausgeziert, aber ganz sicher ein Beat, vielleicht die Idee eines Beats, die sich dort empfinden lässt. Er wird nie ganz deutlich, er ist vielmehr ein Abglanz, ein Schatten, ein Gedanke, eine Idee; und selbst ich, der unerfahrene Andy Kontor, der beinah das erste Mal unabdingbar mit dieser Musik konfrontiert wird, sehe, dass Cox diesen Beat sieht, er liegt ihm in den Händen, schwebt ihm wie eine Pyramide über dem Kopf, schimmert unter der schwarzen Sonnenbrille ihm wie Spice in den Augen.
    Jetzt, nach einer halben Stunde rockt die Halle ausnahmslos. Immer mehr Sunbeams schlendern aus den Chill-Out-Zonen. Die Blonde hat sich zu den Eurasierinnen gesellt. Sie küssen und streicheln sich jetzt zu dritt, streifen sich gegenseitig die Hände durchs Haar. Cox zwinkert dem Boy mit dem sternförmigen Mützenschirm zu. Das ist das Zeichen. Der unscheinbare Begleiter nimmt seinen mit neongrünen Stacheln verzierten Rucksack vom Rücken, öffnet zielstrebig den Reisverschluss und zieht das dritte Geschütz heraus: Technics, Kaliber 1210. Fix stellt er ihn neben die beiden anderen, linkt ihn mit dem Mixer. Three turntables and a rockin` Cox, der einzige auf Feuerland, der diese Disziplin beherrscht, erfahre ich von Väth. Und er beherrscht sie wirklich ausgezeichnet. Plötzlich ist es nicht mehr eine Basisscheibe, sondern es sind zwei, die völlig parallel zueinander laufen. Und trotzdem flippt Cox die Scheiben mit geschäftiger Geschicklichkeit. Er scracht nicht nur auf einem Table, nein, er scracht auf allen, geht reihum, alles andere würde den Meister gar nicht mehr fordern. Selbst Väth scheinen bei dem Anblick die Augen zu knistern. Das geht. Das rockt. Die Halle bebt, die Party lebt!
    Väth ist inspiriert. Er nimmt sein Handy und sucht nach einem akustischen Vakuum. Er dreht einige Runden telefonierend auf dem Podest, hält mit beiden Händen das Handy, um das Eindringen des Schalls zu verhindern. Derweil macht Cox Vollgas. Auf einem Teller läuft „žDa Funk Phenomena“. Väths Gesichtszüge scheinen erleichtert. Von Schallgewittern umgeben bestätigt er nickend die Aussagen seines Gegenübers am anderen Ende des heißen Mediums. Alles scheint abgeklärt. Jetzt kommt er auf mich zu, klopft mir grinsend auf die Schulter und sagt:
    „žKomm mal mit, Andy, Partylöwe!“
    Väth und ich schreiten durch die Menge. Einige Sunbeams erkennen den Meister und klopfen Väth anerkennend auf die Schulter.
    „žVäth, alter Recke, fette Party!“
    Es ist gewaltig! Ich fühle mich, als würde ich auf einem paradiesischen Pfad wandeln. Wir gehen jetzt an einer Tribüne mit verschiedenen Plateaus entlang, deren Konturen nie voll erkennbar werden, sondern von zuckenden Lichtblitzen nur für Millisekunden belichtet werden. Exotische Schwärme, ekstatische Wärme. Väth und ich gehen in die VIP-Lounge. Hier ist es kühl. Hildenbum wartet schon. Tatsächlich hat er den Koffer mit dem Kernspaltungssymbol irgendwie organisiert, trotzdem muss er beim Koksziehen zuschauen, was dem Gnom nicht passt, aber er will nicht noch weiter beim großen Väth in Ungnade fallen.
    Väth und ich chillen gemeinsam auf den roten weichen Kissen. Dabei erinnere ich mich an eine Passage aus einem meiner Geschichtsbücher, das ich einst in der alten Welt gelesen hatte:
    Die griechische Mythologie entstand aus einer Vermischung der Glaubensvorstellungen der vorgriechischen Bevölkerung mit denen der von Norden her eingewanderten griechischen Kolonisten. In dieser Volksreligion mischten sich Vorstellungen lokaler Gottheiten mit Personifizierungen von Naturkräften. Eine weitere bedeutende Quelle stellen die religiösen Vorstellungen der Bewohner von Kreta dar, wo um 3000 v. Chr. die minoische Kultur entstand. Die Kreter glaubten, dass alle Dinge beseelt seien und bestimmte Gegenstände oder Fetische über besondere magische Kräfte verfügen. Im Laufe der Zeit führten diese Überzeugungen zu einer Reihe von Legenden, die Gegenstände, Tiere und Götter in Menschengestalt zum Thema hatten.

    Väth, der Fetisch, eine Reinkarnation aus vorchristlicher Zeit? Er ist es leibhaftig, er muss wieder auferstanden sein – der Fetisch lebt!
    Hier sitzen wir nun auf weichen Kissen, vor uns bestes gelbes (vielleicht kolumbianisches?) Koks, das mir ins Gehirn steigt. Von ferne höre ich die Party brodeln. Ich bin glücklich, meinen Auftrag und mit ihm die alte Welt lege ich in diesen Momenten ad acta. Ich habe mich entschieden: ich möchte hier bleiben! Ich denke, dass niemand diese Insel je erobern kann, solange sie mit so viel Liebe gesegnet ist. Die alte Welt wird eines Tages von alleine untergehen; ihre Absurditäten werden den Regierungen einst wie von selbst das Wasser abgraben und sie wird an sich selbst ersticken, zu Staub zerfallen. Ich fühle mich wohl bei diesem Gedanken.
    „žFremdling,“, Väth schaut mir tief in die Augen, „žich erkenne, dass du ein Gesandter von den Aliens bist; es ist kein Zufall, dass du hier bist. Du sollst mit uns ziehen. Wir werden dich fürstlich behandeln.“
    Mein Entschluss war nun endgültig gefasst: ich bleibe und lebe!

    In der Alien Nation gibt es kein Bedürfnis und von nichts sonst hat man einen Nutzen: einzig das Denken und Anschauen bleibt, also die Form des Lebens, von der wir jetzt behaupten, dass sie die des freien Menschen sei“¦

  18. 18
    martin

    oh je… was für ein S……

  19. 19

    Einer von vielen Anfängen. Kein besonders guter, sondern einer, der mir spontan zwischen die Finger kam.

    Er hatte Mühe, seine Augen vom Bildschirm zu lösen und sie über den Tisch gleiten zu lassen.
    Eine Sekunde lang wollte er fluchen, als ihm klar wurde, dass kein Taschentuch in greifbarer Nähe war, doch er war bereits an dem Punkt, an dem solche Sorgen keinerlei Überlebenschance hatten in seinem hormongeschwängeren Hirn.
    Er würde gleich kommen und er würde sein T-Shirt versauen und es war ihm scheiß egal, wie einem überhaupt alles scheiß egal ist in solchen Momenten.
    Das war der beste Moment, den er kannte: Die Scheiß-Egal-Phase.
    Das verlogene an diesem Moment war nur, dass er so widerlich kurz war.
    Er sah sich an, blickte auf das herab, was er angerichtet hatte, rührte — in dem Moment zwischen leichter Erschöpfung und wiederkehrenden Langeweile — in der kleinen, hellen Lache, die gerade dabei war in den Baumwollstoff gesogen zu werden, herum und fand sich abstoßend.
    In der Hoffnung, er würde nochmal seine Wirkung entfalten sah er sich noch ein paar Sekunden des Pornos an, der ihn gerade noch in hirnfreie Ekstase versetzt hatte, schickte ihn aber wütend ins Jenseits, weil er nun auch ihn abstoßend fand.
    Er beobachtete eine Weile, wie die Feuchtigkeit, deren Epizenrum der glänzende Fleck war, sich rasch kreisförmig durch die Fasern sog und sie dunkler werden lies.
    Auf dem weg zum Schrank zog er das T-Shirt aus, um auch seinen Bauch, seinen Körper im allgemeinen zu hassen und ein neues, frisches, weißes überzuziehen. Er hatte fast nur weiße T-Shirts. Er hätte gerne tolle. kreative. schwarze, bedruckte T-Shirts gehabt, aber bisher hatte er diesen Wunsch weder selbst erfüllt noch geäußert.
    Ohne seiner Umwelt mehr als die minimal nötige Aufmerksamkeit zu schenken ging er in die Küche.
    Kaffee. Immer gut. Im angrenzenden Wohnzimmer lachte der Vater widerlich grunzend über irgendein drittklassiges B-Movie und die Mutter saß, ihre filigrane Lesebrille im verfallenden, fein geäderten Gesicht, neben ihm.
    Sie las ein Buch. Es war Müll, wusste er, doch sie spürte um sich diesen zart wehenden Flair von Intellekt und dafür konnte er sie hassen.
    Die Mahnung, den Kaffee in der Küche zu trinken ignorierte er. Er hatte schon vor Langem angefangen Mahnungen ebenso zu ignorieren wie Bitten und Warnungen.
    War er ein Arschloch? Nein, wohl kaum. Er ignorierte all das ohne böse Absicht, aber es war nun einmal so, dass er, um in Ruhe leben zu können, irgendwann damit begonnen hatte, den Beiden keine Beachtung mehr zu schenken.
    Und so kam es, dass es sie mittlerweile nicht ein mal mehr hörte.
    Wahrscheinlich war er doch ein Arschloch. Aber das war jetzt egal: Wenn, dann war er ein Arschloch mit einem Kaffee, dass verdammtnochmal nicht zu blöd zum Trinken war und noch viel zu viel zu erledigen hatte als das er es sich leisten könnte, seine rare Zeit in der eh zu engen und zu dunklen Küche zu vertrödeln und sich das geifernde Lachen seines Vaters anzuhören.
    Er musste ihn nicht sehen, um sich vorzustellen, wie er mit fettigen Pranken Erdnüsse nach schob und sie dann kurz darauf lachend, grunzend auf dem Sofa verteilte. Er konnte es vor sich sehen, wie um die Erdnuss-Meteore herum sein Speichel kleine, ekelhafte Flecken auf das Polster machte.
    Ihm wurde schlecht.

  20. 20
  21. 21
    Nad

    alsooo, in dem boom von herr der ringe wollte auch ich mit mischen… ;-). prinzipiell denke ich ja, es kann jeder schreiben, die frage ist nur, wem es interessiert…

    hier mein kleiner prolog

    Seit Zeiten geht eine Legende um, die älter ist, als wir erahnen können. Erzählt, in düsteren Abendstunden, von den Alten, die sie an die Kinder weitergeben.
    Sie erzählen, dass es eine Zeit gab, wo die Menschen noch glaubten. Eine Zeit, die lebendig war, voller Mythen und Sagen. Menschen lebten zusammen mit Zauberern, Feen und Völkern, die wir nur noch aus Geschichten kennen.
    Die Menschen waren stark, voller Kraft und verteidigten ihren Glauben und ihre Werte mit allem, was sie besaßen. Ruhm bekamen diejenigen, die tapfer für das Gute kämpften. Mit Ihren Schwertern gaben sie ihr Leben und unendlich viele verloren es.
    Es gab einen Packt, zwischen den Fabelwesen und den Menschen. Viele Male wurde er verraten, aufgelöst und wieder geschlossen. Manche Herrscher waren gut, manche waren böse. Die Waage hatte sich immer gehalten.
    Doch mit der Zeit, in der sich die Welt unendlich viele Male drehte, die Monde auf und untergingen, so oft, dass man es nicht zu zählen vermag, keimte das Böse in den tiefsten Ecken des Herzens der Menschen, um den Pakt zu zerstören. Die Fabelwesen versteckten sich, aus Angst, dem Hass der Menschen ausgeliefert zu werden. Der Glaube wurde missbraucht für die tiefsten und bösesten Abgründe einer menschlichen Seele. Und so hörten die Menschen auf zu glauben.
    Die Fabelwesen begaben sich an einem Ort, an den die Menschen nicht gelangen können. Ja, dort konnten sie leben. An jenem Ort nahmen sie alles auf, was von den Menschen verstoßen wurde. Dennoch blieben sie mit der Welt der Menschen verbunden, durch das Bündnis, was sie einst hatten. Doch nicht alle wissen von diesem Geheimnis. Es verlor sich im Laufe der Jahre, der Jahrhunderte, der Jahrtausende.
    Das Übel fand jedoch ein Schlupfloch in der Welt des verlorenen Glaubens. Er keimte dort in den Herzen der Wesen, die uns Menschen gar nicht so unähnlich waren, denn viele waren vom Blute jener.
    Das Böse keimte und gedieh. Sie nannten sich die Ãshcalots. So war auch diese Welt von neuen in Gefahr unterzugehen. Zu jener Zeit aber weilten tapfere Helden unter ihnen. Männer, die stark waren und denen das Geheimnis in die Ohren geflüstert wurde, als sie noch sehr klein waren. Diese Männer, vereinigten sich mit allen Geschöpfen, die noch auf der Seite des Guten waren. Vernichtet hatten sie die Ãshcalots in einer Schlacht, die so blutig war, dass man heute nur hinter vorgehaltener Hand über sie erzählt, soviel Schrecken liegt noch über ihr. Doch ein Sprössling jenes bösen Blutes überlebte und konnte sein Blut weiter vererben. So schwelte die Gefahr weiter, unbeobachtet.
    Nur wenige, die die Jahrtausende überlebt hatten, wussten um diese Gefahr. Aber die Völker jenes Landes fanden ihr eigenes Leben. Abgekapselt von den anderen lebte jeder seine Tage dahin. Bis zu jenem, als das Schicksal ihnen alle einen Streich spielte und jemand in die Welt des verlorenen Glaubens hinein ließ. Vielleicht war es nicht alleine das Schicksal, denn zwei Gestalten aus der alten Welt beobachteten schon lange mit großer Sorge den Verlauf der Welt. Eigentlich wollten sie ruhen, müde von den Jahren, die vergangen waren. Doch das Gute in ihnen ließ es nicht zu. So begaben sie sich wieder auf Wanderschaft, um die Wesen der alten Welt zu einen. Sie hatten Hoffnung, dass bald wieder Männer heranwachsen, die das Erbe ihrer Ahnen aufnahmen. Mit wachen Augen sahen sie dem Schicksal dabei zu, sein Werk zu tun. Das Schicksal lüftete, wohl überlegt, für einen Moment den Schleier aus Nebel, um die Hoffnung herein zu lassen.

  22. 22
    Kairamon

    Das sollte mal eine spannende Geschichte über Bergsteiger werden, ist jedoch gleich zu anfang ziemlich schief gelaufen. Mir ist nichts ernsthaft spannendes eingefallen, nur absurde Wortspiele & so. Die Geschichte bitte nicht ernst nehmen, ich find sie lustig aber ich schätze mein Humor ist nicht jedermann’s Sache:

    Er war da, der letzte Meter. Einen satten Meter ging es noch in die Höhe und dann würde Schluss sein. Doch ich wusste nicht, dass es nicht so einfach sein würde“¦

    Kairamon“™s
    Der Letzte Meter!

    „ž…eisige Kälte. Finger sind Taub. Doch sie sind auch zuhause, in diesen Bergen. Sie krallen sich zuverlässig in das raue Gestein, das sich vor mir auftut. An manchen Stellen. So dass meine klammen Finger Raum zum Reingreifen haben.“ —Tagebuch des Bergsteigers

    Ich lachte kurz auf. Ein trockenes, zynisches Lachen. Ich war ein Mann der die Härte der Welt kannte, ein Mann in Zwietracht mit Gott. Darum kletterte ich. Darum war ich hier, in vielen Metern Höhe an einem Seil, einen Meter unter dem Eingang zu einer Eishöhle hängend. Und darum lachte ich ab und zu zynisch auf. Mein Kletterpartner hing nur ein kleines Stück über mir.
    Plötzlich riss mich ein lautes Knacken aus meinen Gedanken. Dann ein Ausruf der Pein. Ich warf meine reichhaltige Mähne in den Nacken und hatte nun freien Blick auf meinen Kletterpartner. „žGeh weiter“ rief ich noch, „žhalte durch! Es ist: Der Letzte Meter!“

    Doch wehe.

    Er deutete auf sein Bein: „žgeht nicht.“
    „žEs muss gehen!“ stieß ich aus. Er stieß auf. Ohne jede Warnung. Ich wollte ihn von mir stoßen, in ohnmächtiger Wut. Da hing er und stieß was er noch hatte, mit Macht herauf.
    Mein Leben hing am Seil. Das Seil an einem Bein, das nicht ging. Das Bein an einem Mann, der die Kontrolle verloren hatte.

    „žScheiße!“

    Panisch sah ich hoch, doch falscher Alarm. Er hatte die Kontrolle nicht völlig verloren. Mein Kletterpartner hatte sich das Hosenbein aufgerissen, das Bein war Schwarz und verkümmert. „žEs ist tot“ sagte er.
    Dann durchbrach ein weiteres lautes Knacken die Stille und das Bein und es fiel ab. Der Berg Hatte es eingefordert. Blitzschnell band mein Kletterpartner das Seil an sein anderes Bein. Die Situation war wieder stabil.

    Lange hingen wir dort. Ich, ab und zu zynisch auflachend. Er, daran Anstoß nehmend, aufstoßend.
    Nach einer Zeit schien sich mein Partner wieder zu fassen. „žgeht“™s wieder?“ fragte ich, auf seinen Beinrest deutend. „žGeht so:“ er machte kurz vor wie es ging. „žDa geht nicht viel“ meinte ich ehrlich, der Ansatz war noch da und bewegte sich, „žaber es geht was“.
    Meine Haltung wurde mir unbequem. Ich ruckte ein wenig an dem Seil, wobei ich wohl das andere Bein meines Partners zu stark belastete.

    Es brach. Und er brach.

    Ich sah ihn brechen und als er fertig war, war er ein gebrochener Mann. Ich wünsche ihnen dass sie niemals miterleben müssen, wie ein Mann bricht.

    Doch mein Partner war trotzdem noch geistesgegenwärtig.
    Er dachte sofort an das Seil und merkte, dass sein zweites Bein kurz vor dem Abfall war. Da schlang er das Seil um seinen rechten Arm, während er sich mit dem Linken, an dem sich glücklicherweise vor ihm auftuenden Fels hielt. Eine Kraft tief in seinem Innern war es, die ihn befähigte unser beider gewicht mit seinem blanken, linken Arm zu halten. Er war gebrochen gewesen, doch nun hatte er sich wieder zusammengerissen.
    Und ein Feuer brannte in ihm, ein Feuer das ich nur zu gut kannte. Ein Feuer das ich all die Jahre gesucht hatte, in dieser Eiseskälte der Berge. Das mich einst verlassen und eine erkaltete Feuerstelle der Leere hinterlassen hatte.

    Gott.

    Endlich hatte ich Gott gefunden. Ich lachte so zynisch auf, wie ich nur konnte. All die Jahre der Suche, der Verzweiflung und der Kälte packte ich rein, in dieses Auflachen.
    Es löste eine Lawine aus, doch bevor ich auch darüber zynisch auflachen konnte, musste ich handeln. Zu spät. Die Lawine erwischte meinen Partner und er fiel hinab. Fiel. Fiel. Fiel. Fiel.
    Nein! Sagte etwas in mir. NEIN!
    Das Feuer meines Partners ging quasi auf mich über (ich glaube er hatte mich gestreift) und ich platzte fast vor Glauben an mich & Gott & die Welt. Fast. Mit Übermenschlichkeit, so ähnlich wie mein Partner, hielt ich mich mit meinem linken Arm fest während ich meinen Partner mit dem Seil festhielt.
    „žLass mich los!“ rief er „žrette dich!“ & ich: „žNeeeiin! Neeeiin! Neeeiin!“ usw. die ganze Zeit. Und die Lawine rollte und rollte, immer weiter. Wann hört das auf? dachte ich. Irgendwann wurde ich heiser und ich hörte auf zu rufen.
    Plötzlich war diese göttliche Phase dann zu ende und ich fühlte mich wieder dreckig. Wieder die Leere und die kalte Feuerstelle. Holz, dachte ich. Auch mein Partner wollte plötzlich nicht mehr für mich sterben: „žZieh mich rauf!“ rief er „žDu hast doch zwei gesunde Beine“. Damit hatte er Recht und somit schlang ich mir das Seil um mein linkes Bein und begann den letzten Meter in Angriff zu nehmen. Komisch, dachte ich, dass nach allem was passiert ist immer noch nur ein Meter vor uns liegt.
    Mein Partner ruckte die ganze Zeit heftig an dem Seil. Auch sein göttliches Feuer war wieder weg und er war total rachsüchtig und neidisch auf meine Beine. „žGeht“™s noch?!“ fragte ich ihn. Das schien ihn noch mehr aufzuregen. Er schrie auf und ruckte mit rollenden Augen immer härter an dem Seil. Ich verspürte den Brechreiz, dem mein Partner nachgegeben haben musste, doch mein Bein hielt. Nachdem sich mein Partner beruhigt hatte, begann ich, ihn mit mir hochzuziehen. Sein gebrochenes Bein schwang unkontrolliert in alle Winkel und plötzlich verkeilte es sich im Fels, was ein Glück war, da in diesem Moment das Seil riss.
    Zack. Schon hing er an seinem Bein nach unten. Doch der Fall hatte ihm Schwung verschafft und so schwang er an seinem verkeilten Bein wieder hoch. Ich reichte ihm meine Hand, sein Bein entkeilte sich und weil er immer noch Schwung hatte, schwang ich ihn den gesamten Meter (!) hinauf in die Eishöhle. Nun reichte mein Partner mir wiederum seine Hand und wir lachten beide, wie Männer lachen, die dem Tod von der Schippe gesprungen sind. Er zog mich hinauf und dann hatten wir es geschafft.

    Ich übergab ihm meinen Dank und er sich. Wir setzten uns hin und mein Partner blickte niedergeschlagen auf sein verbliebenes Bein. „žEs wird schon gehen“ sagte ich. Er schüttelte den Kopf „žnie wieder“.
    Ich nickte und sprach:
    „žEins sage ich dir“ sprach ich „žVon allen Metern die ich geklettert bin, war das hier:
    Der Letzte Meter!“

    Nach jedem gekletterten Meter stellte ich dies fest“¦

  23. 23
    Danson

    …ach wie schön, endlich ein Forum für unveröffentlichte Romananfänge. Da mache ich doch direkt mal mit. „Kick& Rush“ heißt das bislang von der Industrie sträflich unterschätzte Chef d’Oeuvre.
    Here we go …

    1 Vertrauen sie mir, ich weiß was ich tue

    „žVerdammt, was soll der Krach“, murmelte ich und versuchte mühsam, mich aufzurichten. Meine Güte, war ich lädiert, lädiert war gar kein Ausdruck.
    Klarer Fall, das Telefon war der Krachmacher. Hatte ich´ s mir doch gedacht. Scheiß Telefon. Ich sackte wieder zur Seite weg. Keine Zeit, keine Lust, kein gar nichts.
    Schon wieder Telefon. Was war denn heute bitte los? Hatten die Leute nichts anderes zu tun?
    Ein Blick auf den Wecker sagte mir, daß ich ungefähr 16 Stunden geschlafen habe.
    Montag morgen. Also, erst mal eine Tüte rauchen, um diesem merkwürdigen Tag ein bißchen Struktur zu verleihen.
    Wieder das Telefon. Gut, daß ich einen Anrufbeantworter verpflichtet habe, mir diese Art der Belästigung vom Hals zu halten.
    Gut, wenn man sich wenigstens auf einen verlassen konnte.
    Der Tag da draußen war trüb und glasig, wie vergammelter Fisch, so ähnlich roch er auch, in diesem beschissenen Winkel dieses viel zu kleinen Landes.
    Wir befinden uns im Herzen Deutschlands. Oben Berge, unten Berge, dazwischen jede Menge Rentner, Straßenbahnen, Arschlöcher, das volle Programm.
    Das war nicht meine Welt. Meine Welt spielte sich ganz woanders ab.
    Ich hatte die kleine Tüte fertig gerollt, und atmete den Rauch tief ein. Noch ein bißchen schlafen dürfte gar nicht schlecht sein. Immerhin hatte ich das die letzten zwei Tage und Nächte ziemlich vernachlässigt. Also, immer mit der Ruhe. Erst mal klarkommen. Montag ist Schontag. Ich schlief wieder ein, mit dem beruhigenden Gebimmel des Telefons im Hintergrund.
    „žGeh schon ran“, brummte ich noch, ehe ich wieder entschlummerte.
    Der Gute. Er wachte über meinen Schlaf. Danke, Mann.

  24. 24
    Malte

    Ich dachte mir ja, dass wir kreative Leser haben, aber von der Menge bin ich jetzt doch überrascht. Da bleibt bei manchen Texten nur das Audrucken. Max und ich haben gestern überlegt, dass ich die Anfänge vorlesen und hier als Podcast veröffentlichen werde. Also nehmt euch ein Beispiel an Jott, sonst muss ich zu viele Ricola lutschen und ich war deswegen schon in Therapie. Nein! Quatsch, haut raus, was ihr habt, dauert dann nur etwas länger mit der Reaktion.
    @ Sebastian
    Ich hatte auch mal so einen Schachmoment. Ich kann normalerweise exakt zwei Züge im Voraus denken. Aber dieses eine Mal !PAM! hatte mein Hirn unendliche Weiten, ich konnte acht, neun Züge vorher sehen- und dann habe ich vergessen, welche Farbe ich hatte.
    @ MaBU
    Selbst – und Elternekel, ein klassisches Motiv, zusammen mit einer detailverliebten Masturbationsszene: Ist das der von Lottmann lange angekündigte „Hullebeck auf Deutsch“?
    @ tofu
    Auf der Party war ich auch.
    @ Albert
    Ich bin dafür.
    @ hotel mama
    Vorsicht, hier wohnt eine Frau, die darf so etwas nicht sehen. :)

  25. 25
    Malte

    @ Kairamon
    Das ist sehr, sehr krank. Und natürlich habe ich gelacht. Muss mal zum Arzt.
    @ Danson
    Der Anrufbeantworter ist ein völlig unterschätztes Kulturgut.

  26. 26

    http://www.neue-bodenstaendigkeit.de – simply simple texts.

    Kontrollverlust Mash-Up | Phase eins.

    Robert blättert in dem Buch, ohne es zu lesen. Din A4, Herlitz. Ein Schimpansenpärchen feixt ihn frech vom Hochglanz gedrucktem Hardcover an. Ein Mädchenbuch. Seines Mädchens Buch. Der Strichcode sagt vierneunzig und meint noch D-Mark. Diese 90-seitige Klebebindung ist ein kitschiges Frauending — ein Tagebuch. Er brauchte so etwas nie. Keine Schimpansen, keine Pferde, keine Poesiealben, keine Freundschaftsarmbänder. Das sind Frauenrituale. Mädchenreflexionen. In einer Liga mit Pyjamapartys, Ferrero Küsschen und Ki-Ba. Das haben nur Frauen. Solche Frauen, wie Julia eben.

    In ein Tagebuch schreibt man Sachen, von denen man glaubt, dass sie in ein Tagebuch gehören. Und meistens sind es schlechte Dinge, Gefühle oder mädchenhafte Jungsinterpretationen, vielleicht noch flüchtige Schwärmereien.
    Julia ist fleißig. „ž12“ hat sie mit Edding vorn darauf geschrieben. Gerade so, dass die Ziffern nicht auf einem Affengesicht stehen. Das zwölfte Band. Ihr Leben füllt schon zwölf Bücher. Wenn er richtig rechnet, müsste er seit drei Bänden ein Thema sein. Vier Jahre sind sie jetzt zusammen. Zwei davon leben sie in dieser Wohnung, macht insgesamt drei Bände. Seine längste Beziehung. Und wahrscheinlich steht alles hier drin. Kleinlich dokumentiert.
    Von der Bremsspur in der Unterhose, bis zum Elternbesuch. Weihnachten, Urlaube, Kino, Studium, Klamotten, Freundinnen, Konzerte, Streits, Sex, Krankheiten, Gefühle, Zukunftspläne. Orgasmusprobleme, Kinderwunsch, andere Kerle? Würde sie auch über andere Typen schreiben?

    Julia weiß, dass Robert weiß, wo ihre Bücher liegen. Sie gibt sich nicht Mühe etwas zu verbergen. Andererseits, warum sollte sie auch etwas vor ihm verstecken? Sie kann Robert vertrauen. Sie reden über alles. Neben der Beziehung sind sie beste Freunde. Es gibt keinen Menschen, der ihn besser kennt oder versteht. Sie war ihm nie fremd. Beide haben sie verloren in diesem großen Hörsaal gestanden und hatten dabei keine Lust auf dieses Studium. Was sollten sie mit Kulturwissenschaften?

    Robert hatte allen Grund: er musste nur weg, weg von zu Hause.
    Am Ende hat er das Dorf nur noch gehasst. Polizistensohn und Scheidungskind, doch auf dem Baumblütenfest waren sie immer vorzeigbar. Ein Lächeln hier, ein Zuprosten da. Dieses kleine Schaustück der Fassaden. Die Anonymität ist kein Phänomen der Großstadt. Nein, das Dorf ist schon in sich eine verlogende, eingeschworene Gemeinschaft. Der Bürgermeister hatte seine Frau verdroschen, regelmäßig. Und alle haben es gewusst. Andererseits hat er auch Geld für einen neuen Radweg rangeschafft. Da wurde dann auch mal weggeschaut und er eben wieder gewählt, ohne Gegenkandidaten. Es entscheidet immer der Pragmatismus.
    Irgendwann musste dann Roberts Vater zu der zur zum Wohnhaus ausgebauten Scheune des Bürgermeisters ausrücken und den Arsch da rausholen. Fast ins Koma gesoffen hatte er sich und dabei seine Frau halb tot geboxt. „žMensch Klaus, wat machs´de denn für Sachen?“, hörte er seinen Vater zum geschulterten Bürgermeister sagen. Robert hätte kotzen können.

    Weg, nur weg,

    Er hat hier nie reingepasst. Er war immer der Grübler, einer der immer nachfragt. Diesen Tick zu interessiert am Leben – dort wo die Schwelle zum Auf-die-Nerven-gehen übertreten wird. Dann, wenn man lieber alles so laufen lassen will, wie es gerade läuft. Denn, es funktioniert ja.
    Robert war das immer zu wenig. Sooft es ging schnappte er sich die alte Karre, die er sich von dem frisch gebackenem 21-jährigen Vater, und einer seiner wenigen Freunde in Personalunion, ab und zu ausleihen konnte und fuhr raus, einfach nur raus.

    Martin, der junge Vater, war eigentlich ganz anders als er und dennoch irgendwie ganz ähnlich. Beide wollte immer mehr. Viel zu eng saß das Korsett der Kleinbürgerlichkeit. Martin wollte Mädchen, Parties und Drogen. Und diese Dreisamkeit suchte und fand er — alles in schöner Regelmäßigkeit. Irgendwann hat er dann Kristin kennen gelernt, wobei kennen gelernt hier nur bedeutet, gesehen. Im „žCrash“. Das einzige Entertainmentprogramm im Umkreis von 35 Kilometern.

    Das „žCrash“ zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass man immer wusste, was einen erwartete. Ein Qualitätsmerkmal, neben den exzessiv mikrofonbenutzenden DJ, den 99-Pfennig Parties und den Single-Flirt-Nächten. Die Musik war grausam, die Menschen schrecklich. Aber die Alternative war immer nur Kiff, Bong und dann zocken am Rechner. Zu zweit schießen. Mal mit, meistens gegeneinander. Längst kannten sie alle Kombinationen auf den Controllern und waren zu Meistern im virtuellen Töten geworden. Viel sagen mussten sie sich dabei nicht, denn beide wussten, dass das nicht das Ende hier sein kann.

    Und dann kam Kristin. Zunächst aber erst einmal Martin in ihr. Ohne Gummi, ohne Nachdenken. Whiskey-Cola und Dorfsex. Kristin war bekannt-berüchtigt in der Umgebung. Nicht das sie sonderlich sexuell aktiv war, zumindest nicht mehr als andere Mädchen in ihrem Alter, aber sie war eine der Wenigen, die über die entscheidenden optischen Benefits für die pubertierende Landjugend verfügte. Sie war alldem auch nicht abgeneigt und es schmeichelte ihr sogar. Es brachte ihr jedes Jahr die Scherpe der Kirschblüten-Königin ein. Sie nahm das nicht wirklich ernst, aber damit war man schon wer und Kristin erst recht. Und nun wurde Kristin Mutter von Martins zum Kind angewachsenen Samen.
    Die Scherpe passte schon ab dem vierten Monat nicht mehr. Die anfänglichen Verzweiflung und die darauf folgenden Abfindung, sind nun dem Alttag als junges Elternglück gewichen. Für Martin das Ende der Dreisamkeit und der direkte, integrative Weg in die Dorfgemeinschaft. Für Robert der Verlust eines Leidensbruders und das Signal zum Aufbruch.

    Kulturwissenschaften. Der Erste seiner Familie an der Uni. Damit verband sich keine Erwartungshaltung an ihn, aber es war Ausdruck des Anspruchsdenkens an das Thema Bildung innerhalb seiner Sippe.
    Studenten waren immer die Idioten, die Demonstranten, die Faulenzer. Zumindest laut Stammtisch-Gebrauchskatalog für dörfliche Verbalakrobaten. Und dann auch noch Kulturwissenschaften. Robert hatte manchmal das Gefühl, sein Vater und dessen neue Freundin waren froh, dass er endlich das Haus verlassen hatte. Nicht wegen der vielen neuen Möglichkeiten, die sich nun für den Jungen ergeben sollten, sondern der Bequemlichkeit wegen. Robert war das eigentlich egal. Er war nur froh weg zu gehen. Weit weg und wirklich raus. Kein Neuanfang, sondern der erste Anfang. Der Startpunkt, der Pistolenknall. Peng, und da war dann auch schon Julia. Julia, mit ihrem braunen, schulterlangen Haar und dem frechen Pony. Sie hatte ihn nur nach dem Weg zur Einführungsveranstaltung gefragt und Robert dachte, ganz gegen seine Art, sofort an Sex.

    Manchmal holt Robert noch die Fotos von damals vor, die Julia unentwegt geschossen hatte. Den Campus, die Mensa, die Bibliothek, die Aushänge, die WG-Gesuche am Schwarzen Brett. Sie trinken ein Glas „žLe Filou“ und fahren dann ihren eigenen Film.

    to be continued >>>

  27. 27

    leider befinde ich mich mit meinen 19 jahren gerade exakt in der phase, unbedingt einen roman schreiben zu wollen, dementsprechend aber eben noch nicht angefangen zu haben, der artikel kommt wohl etwa 3 monate zu früh für mich. =)

    @malte
    hullebeck heißt doch brinkmann auf deutsch?

  28. 28

    Guten Tag,

    in eurer Verlagsrolle steht zoomo immer noch drin. Doch der letzte Beitrag ist dort am 26.06 veröffentlicht worden. Danach: kein Wort. Mittlerweile ist die Adresse unerreichbar bzw. die Plesk-Standardseite wird angezeigt.

    Zoomo war eine der wenigen Perlen des Internets, anscheinend ist sie flöten gegangen. Ist ja auch nur’n Hobby, das Bloggen, schon klar. Das soll auch kein Vorwurf sein. Ich finde es nur sehr schade, dass das ganze ohne auch nur einen einzigen Kommentar, weder dort, noch hier, von statten ging. Das ist doch nicht zoomo-würdig!

    Obwohl? Ist das wirklich nur ein Hobby, nicht doch zumindest semiprofessionell? Immerhin nennt ihr euch Verlag, macht Geld, und Zoomo war ein Bestandteil. Damit meine ich nicht das Einpflegen von Inhalten, als das Drumherum. Das wäre wohl für einen Verlag nur angemessen gewesen.

    Außerdem wundere ich mich, dass ihr ein Verschwinden so einfach zulasst und nicht auch nur ein Archiv anbietet. Immerhin, soetwas wie Bloggen bringt auch die Verantwortung mit, das irgendwie zu archivieren, zumal, wenn man mehr als einen Leser (d.h. sich selbst) hat. Das Google zu überlassen halte ich füUnd das hatte Zoomo, es gab dort etwa Diskussionen. Diese Aufgabe der Cache-Funktion großer Suchmaschinen zu überlassen, ist in meinen Augen falsch: Damit gibt man ihnen die Macht über die Vergangenheit. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Blogs eben eine Alternative zum Journalismus darstellen sollen. Gut, das mag nichit auf Zoomo zu treffen. Aber prinzipiell wäre es schön, wenn das berücksichtigt würde.

    Das ist themenfremd, sorry, aber ich wüsste nicht, wo ich es sonst hinschreiben soll.

  29. 29

    Zugegebenerweise etwas arg SF-lastig, aber was solls ;)

    Der Astronaut

    „žUm es gleich vorweg zu nehmen, ich sterbe. Die Tage, in denen ich auf Genesung hoffen konnte, sind schon lange vorbei und mein Leiden kann niemand heilen, denn es wurde von einem Ereignis verursacht, das niemand rückgängig machen kann. Darum können mich die Drohungen gegen mein Leben auch nicht mehr schrecken. Ich will aber nicht sterben, ohne den Menschen dieses Planeten noch eine wichtige Botschaft mit auf den Weg mitzugeben.
    Leider konnte ich meiner Familie nicht auch mitteilen, was ich nun hier beichten will, aber es wäre eine zu große Gefahr für sie gewesen, dieses Wissen mit mir zu teilen, und aus Rücksicht auf ihr Leben musste ich bis zu diesem Tag warten, ehe ich mein Schweigen breche. Eigentlich sollte ein Vater seinen Kindern etwas Bedeutendes für ihr Leben hinterlassen, stattdessen aber haben meine Söhne mir etwas hinterlassen, nämlich den Mut und die Kraft nun diese Worte auszusprechen.

    Meine Ausbildung zum Astronauten begann ich nach meiner Zeit als Pilot der Royal Navy. Ich wollte schon als Kind immer wissen, wie es ist, höher hinaus zu kommen als andere Menschen. Nach meinem Studium in Flugzeugtechnik und einer achtjährigen Dienstzeit bewarb ich mich beim European Astronaut Corps, einer Abteilung der ESA, die sich mit der Ausbildung aller Astronauten der Europäischen Raumfahrt Agentur beschäftigt. Die ESA hat zwar keine so großartige Vergangenheit wie die NASA, aber es ist ein elitärer Kreis und es machte mir Spaß, meinen Dienst dort zu absolvieren. Man muss dazu sagen, dass lange nicht alle Kadetten des EAC auch die Chance erhalten einmal in den Weltraum zu starten, aber ehrgeizig wie ich war, kämpfte ich mich immer weiter nach oben. Nach 3 Jahren schließlich hatte ich endlich meinen ersten Flug ins All. Es ging um einen einfachen Versorgungs- und Wartungsflug zur ISS, die damals gerade mal 2 Jahre im Orbit um die Erde kreiste. Ich weiß noch, wie ich meinem ältesten Sohn zu erklären versuchte, wo ich in den nächsten Tagen sein würde und was ich dort alles tun müsse, er war damals erst drei Jahre alt und wollte mich gar nicht gehen lassen.
    Der Start verlief wie im Bilderbuch, gab keinerlei Verzögerungen oder Problemen und meine zwei Kameraden und ich schwenkten unsere Soyuz-Kapsel wie geplant in einen niedrigen Orbit, wo wir unsere Ausrüstung untersuchten. Keiner von ihnen nahm sich die Zeit einen Blick aus dem kleinen Fenster an der Steuerbordseite des kleinen Raumfahrzeugs zu werfen, aber da es mein Jungfernflug war, konnte ich mich nicht daran satt sehen, wie die Erde als riesiger blauer Ball unter uns seiner ewig gleichen Bahn folgte. Als wir den Terminator, also die Tag-Nacht-Grenze, zum dritten Mal überquerten, fiel mir erstmals etwas Ungewöhnliches auf, das sonst von der Helligkeit der Sonne überblendet worden sein musste. Von der Erde aus stiegen unablässig kleine blau-weiß leuchtende Objekte auf, die sich auf ihrem Weg in die obere Atmosphäre zu größeren Leuchterscheinungen bündelten und immer schneller in Richtung Weltall glitten. Zuerst dachte ich, es wären ungewöhnliche elektrische Phänomene, doch dazu kamen sie zu großflächig und vor allem zu häufig vor. Als ich wusste, worauf ich zu achten hatte, bemerkte ich immer mehr dieser Phänomene, mehr als sich wissenschaftlich erklären ließen!
    Da ich mir keinen Rat wusste, fragte ich meine beiden Kameraden, ob sie sich diese Erscheinungen erklären konnten. Doch meine Fragen wurden nur sehr trocken beantwortet, so als gäbe es nichts, dass meine Aufregung in dieser Angelegenheit rechtfertigen würde. Diese Gleichgültigkeit machte mich einerseits ziemlich wütend, verwunderte mich aber auch stark. Beides bewog mich jedenfalls dazu, der Sache weiter nachzugehen. Am meisten aber beunruhigte mich ein einziger Gedanke — warum hatte noch nie jemand von diesen Lichtern gesprochen, geschweige denn sie von der Erde aus beobachtet!?
    Das Funkgerät zwang mich aus meinen Gedanken, als sich die Bodenstation in mein Helmsystem drängte. Es gab in der Soyuz zwar keinen Platz für Luxus, aber um den Passagieren zumindest etwas Privatsphäre zu gönnen, bestand die Möglichkeit, sowohl private Gespräche mit den Kameraden zu führen als auch von der Erde zu einzelnen Teammitgliedern Funkkontakt aufzunehmen. Diese Möglichkeit wurde aber nur sehr selten genutzt, wie ich nun im Nachhinein weiß. Aber die Stimme, die ich in meinem Helmfunk nun vernahm, kam nicht aus dem vertrauten Kontrollraum, von dem ich dutzende Starts beobachtet hatte, bevor ich selbst nach oben flog. Diese Stimme hatte von Anfang an etwas Bedrohliches, einen eisigen Unterton, der mir trotz der heuchlerischen Freundlichkeit der Worte durch mein Rückenmark fuhr, wie ein Skalpell. Die Stimme ließ mich auch gar nicht erst zu Wort kommen. In einem fünfminütigen Monolog teilte sie mir Wohnort und Anschrift meiner Familie, die Adresse des Kinderhorts meines Sohnes sowie der Arbeitsstelle meiner Frau mit. Versehen mit der unmissverständlichen Aufforderung mich nicht um Dinge zu kümmern, die außerhalb meiner Mission lagen. Angstschweiß lief über meine Stirn. Das alles ging so unglaublich schnell, dass ich nicht umhin kam meine Kameraden verhohlen nach Anzeichen von Mitwisserschaft zu mustern. Aber in ihren Augen konnte ich nur die gleiche Geschäftigkeit entdecken, die sie schon die ganze Zeit an den Tag legten. Dennoch, ich wusste dass sie genau ahnten, warum ich plötzlich so kreidebleich im Gesicht war. Man hatte auch ihnen mit Konsequenzen gedroht, darum waren sie so gleichgültig gegenüber diesem Wunder.

  30. 30

    Tolle Idee :-)

    Hier mal mein Kram:

    Legoland! Was um alles in der Welt hatte ihn ausgerechnet hierhin verschlagen? Dabei sollte die Reise nach Europa doch so schön werden. Nur er und seine Freundin Ginger, zwei junge Leute, bewaffnet mit einem Rucksack, einer billigen Digitalkamera und einer unerhört großen Portion hormonell bedingter Liebesgefühle. Aber Pustekuchen: Irgendwo zwischen Paris und Berlin, irgendwo in der zentraleuropäischen Einöde in einem gottverdammten Euro-Express ist es passiert: Ginger wollte sich unbedingt alle bisher geschossenen Fotos auf der Digitalkamera ansehen. Die Atlantikküste Portugals, die Skyline von Madrid, der Big-Ben und plötzlich, unverhofft beim Wechsel der Speicherkarte: Billy — Splitterfasernackt. Mit erregiertem Glied und einem unerhört schwulen Blick. Ginger starrte fassungslos auf das große, glänzende Ding, das sich ihr auf dem winzigen LCD-Display kokett entgegenreckte. Konnte das sein? Ihr Freund? Nein, dass würde er doch niemals … oder doch? Und warum? Und überhaupt: Ist die nasse Spitze von Billys primären Geschlechtsorgan oder doch der Ausdruck in seinen Augen das, was sie am meisten anwidert? Sie konnte sich nicht entscheiden, überlegte. Und auch wenn ihr das ganze wie nur wenige Sekunden erschien, verstrich in Wahrheit eine halbe Ewigkeit. Billy, der die ganze Fahrt über schon aus dem Fenster guckte, gelegentlich mal schnippische Zitate von seinem Urgroßvater verkündete, die er aus zweiter Hand von seinem Vater gehört hat und die er mehr lustig fand denn ernst nahm. Von wegen den blöden „žKrauts“, deren Hintern sie hier und dort heldenhaft versohlten, in einem an sich völlig bedeutungslosen Scharmützel irgendwo am Rande des zweiten Weltkrieges. Jedenfalls bemerkte er Gingers Abwesenheit erst nicht. Vertieft in die Landschaft und den tradierten Erinnerungen seiner Familie. Doch dann fiel sein Blick auf ihre leeren Augen seiner Freundin und die Dinge nahmen ihren Lauf.

  31. 31

    Eine wirklich tolle Idee. Und ich schließe mich den vielen Perlen hier einfach mal an. Geschrieben irgendwann im Herbst 1996, vergraben in einer großen dunklen Kiste, nie zu Ende gedacht. Jetzt habe ich wieder Lust dazu, darüber nachzudenken. Vorher aber mal die Reaktionen testen. Hat schließlich sonst noch nie jemand gelesen. Ich habe es unverändert gelassen und es ist sehr viel mehr als das hier, aber das würde zu weit führen, oder?

    Kalte Zeit

    Kalte Luft, Schnee und ein trüber Sonnenschein. Sonntagsspaziergänger waren unterwegs, Weihnachtslieder aus den Lautsprechern. Lichterketten schaukelten leise im Wind. Glühwein und Lebkuchen, Kerzenverkäufer und Unicef-Postkarten, leuchtende Kinderaugen und Weihnachtsmänner vom Arbeitsamt. Advent eben.

    Für ihn war alles anders als zuvor. Er sah sie nicht. Nicht die hastenden Angestellten, nicht die angeheiterten Glühweingesellen, nicht die vergnügten Schneeballwerfer. Weder den glücklichen Kindern noch den verliebten Paaren schenkte er Beachtung. Er sah die Schneeflocken nicht kommen, die allmählich sein Haar unter sich begruben und ihm einen kalten Schal auf seine Schultern legten. Er spürte den Wind nicht, der die Furchen tiefer grub und seine Gesichtsfarbe in ein unnatürliches Grauweiß verwandelte. Menschen um ihn herum wichen auseinander, machten ihm Platz und schauten verwundert. Tränen liefen über sein Gesicht, sammelten sich am Rand des Pullovers und froren zu einem bizarren Eisgebilde. Alle sahen einen Mann, aber ihn beachtete niemand. Nicht so, wie er es gewollt hätte. Wie er es gebraucht hätte. Jetzt, heute, sofort, an diesem verdammten Wintertag. Er lebte unter ihnen und gehörte nicht mehr dazu. Wie ein yellow cab in Bielefeld. Seine Brille beschlug, seine Nase lief und er tat es ihr gleich. Er wusste weder wohin noch warum. Aber er hatte das Gefühl, das Richtige zu tun.

  32. 32

    in eigener sache, passt auch nicht ganz in den kontext: wieß einer von euch, wer der ultracare bei del.icio.us ist? gruß albert

  33. 33
    sunny3d

    ich bin k.o. – ich habe gerade 25 000 Viruseinträge löschen lassen – ist mir jetzt alles egal – und das hier sollte mal 2000 der Vorspann zu nem Auftakt werden…

    Es sind zehn Jahre vergangen, um es genau zu datieren. Doch in welcher Phase der Erinnerung befinde ich mich samt all den anderen? Man beginnt mit dem Schreiben von speziell historischen Romanen oder besser wäre der Ausruf:
    „Mein Leben nach der Wende!“
    Ein speziell historischer Roman? Ist er historisch und skuril? In schlechten amerikanischen Filmen beginnt der Vorspann immer mit der üblichen Einleitung. Aller Üblichkeit und allen Joyces zum Trotz. Im Notfall kann man immer noch emigrieren.
    Es war im Spätherbst, kurz vor der Jahrtausendwende. Deutschland erhielt endlich einen zweiten oder dritten Nobelpreisträger für Literatur. Das Phänomen Techno war abgeklungen und hatte seine komplette Daseinsberechtigung, samt MC Radunski, der nicht mehr Radunski hieß, sondern einen austauschbaren Namen innerhalb der Kultursenatorszene von Berlin besaß. Die Regierungen Deutschlands hatten eine merkwürdige Entwicklung durchgemacht. Von den Anfängen der Orientierung, hinzu Erziehungsmaßnahmen, mit allen Enfants terribles inbegriffen, letztendlich zur Katharsis, der scheinbaren. In den Buchläden häuften sich die Ost – West – Romane und die Geschichten über die vermeintliche Annäherung, sowie über alle scheinbar immer noch vorhandenen Vorurteile. Alle biographischen Grausamkeiten konnten in Talk – Shows zu Grabe getragen werden oder wenn es blöd gelaufen war, dann erhielt man als Geschenk eine ewig offene Frage, in Stein gemeißelt. Naturheilpraktiker schossen wie Pilze aus dem Boden und sowieso wurde jegliche Bestandsaufnahme der Gegenwart verweigert. Alles endete im Nichts und es war großartig! Alles war möglich? Der Schein betrog uns und das gewaltig, weil noch Unterschiede zwischen Unterhaltung und Tatsachen existierten. Gute Unterhaltung wurde von schlechter Präsentation abgelöst. Manchmal standen im Sommer vor den Hackeschen Höfen Straßenkünstler, die Feuer spuckten. An einem dieser sommerlichen Abende habe ich dem Spektakel fünf Stunden beigewohnt. Ich hatte Glück, kein Feuer gespuckt zu haben. Ein anderer nicht.
    Er verbrannte sich den Rachen, ich mir lediglich die Wimpern. Texte neuer junger Autoren verwandelten sich in aktuelle Zeitungsmeldungen.
    Neues ist nicht in Sicht, riefen sie immer wieder im Chor. Genauso ist es jedoch unmöglich, alte Formen auf lange Sicht wiederzubeleben, dachte ich mir, als ich mir die künstlichen Wimpern anklebte.
    Man war der Meinung, etwas Neues würde sich anbahnen. Radiosender begannen ihre Hörer abzuhören, da den Redakteuren die Ideen ausgingen.
    Dann stand es in der Zeitung: „Softwareproduzent nimmt den Gesang seiner Nachbarin auf, die regelmäßig unter der Dusche trällert“
    Seitdem sprechen ausdauernde Mitarbeiter von Fernsehsendern wildfremde Menschen an, weil sie gar nichts von ihnen wollen, außer ihre dummen Gesichter in einen Fernsehrahmen zu pressen. Zu guter letzt hängte selbst ich mir eine Kamera vor die Augen, um zu beobachten, was sie sehen. Ich habe gestern auch wieder unter der Dusche GESUNGEN und ich kann SINGEN.
    Schöne Hintergrundmelodie, um die paar hässlichen Bildchen aufzumöbeln. Selbst kommentiert und selbst vermessen, Maßstab vergessen oder selbstbesessen.
    Privat sind die, die es nicht sind.
    (Trinken sie dieses Buch belesen)

  34. 34

    Er strich sich die Hand über seinen nur geringfügig haarigen, aber nun leider ziemlich speckigen Bauch. Seine Gedanken waren bei Gabi, genauer gesagt, sie irrlichterten zwischen Gabi, seiner Firma und einer Kränkung, bei der er nicht verstand, worin sie genau bestand.

    Es war so: An diesem Dienstag Nachmittag…

    – to be followed –

  35. 35
    Schabernackensteak

    Klasse, eine öffentliche Müllablage! Da will ich doch gleich mal meinen Teil zu beisteuern.

    Drinking Mé.doc

    I“™d like to state that my estate
    reflects my state of mind.
    It“™s ground is static
    and if you stay there
    for a longer time,
    you“™d propably remark
    that that was an understatement.
    There“™s so much electricity,
    especially in the basement,
    nobody ever walked out
    without basing oneself on
    a kind of self-abasement.
    Yes, go ahead, my dear, go on.
    Or do you want a rearrangement?

    What kind of thoughts
    do you rear now at the rear
    of the stage of your mind?
    Do you see now that we are living
    in the Dark Age of the Blind?
    Bear that in mind!
    But don“™t forget to give him honey.
    And don“™t forgive to get the money,
    for your little gift.

    Because animals don“™t pay.
    Neither attention nor their debts.
    They are adept in all tricks of the trade.
    Stand tall and face the facts.
    Don“™t try to be too pawky,
    because he“™s the one with paws.
    Pause for effect, then start talking
    while looking in the jaw.
    That“™s how you have to handle
    the animal inside.
    Never fly of the handle
    and don“™t throw with a knife.

    You have to know the bear
    inside outback and forth,
    and to and fro. I swear,
    the only way to chase him off,
    is to be well prepaired.
    Try to think outside the box,
    and box inside that thing,
    don“™t care about the locks.
    Just look what life will bring.

    Und weils so schön war:

    Anthropozentrifugalkraft

    Unergründlicherweise ist der Boden ohne Faß fast abgetragen
    von all dem Rumgetrample
    der ziel-und sinnerfüllt umherschwadronierenden Individuen-Massen.
    Mitschuld habe auch ich auf mich geladen,
    durch angeborene Neigungen wie
    Zugehörigkeitsgefühlsausbrüche
    und so weiter.
    Und so fort.
    Geschritten wie wir sind,
    sind keine vor uns,
    wir sie haben sie hinter uns gelassen.
    Und unsere Ideen und Orchideen
    vorher nochmal durch die Anthropozentrifuge gejagt.
    Und dann, bei einer Belastung von 38 G-Punkten,
    Wurde ihnen schiwndelig.
    Man merke sich dennoch:
    Schönheit schwindelt zwar und schwindet,
    aber die Werte nicht.

  36. 36

    Herrlich!
    Dieses alten Stück aus der Schublade ist eigentlich das dritte Kapitel meines in der Entstehung befindlichen utopischen Lit-Blogs „Läscher4all“, bildet aber den wahren Einstieg in die Geschichte.

    Dass der Radfahrer mit der roten Jacke einen Schuh verlor, als er den Sperlingssturz herunterraste, und es nicht bemerkte, ist an sich nichts Besonderes.
    Zum einen ist der Sperlingssturz ein mit Hubbeln und Schlaglöchern übersäter Kiesweg, zum anderen fiel der Schuh dem Radler nicht vom Fuß, sondern hüpfte aus einer der beiden Hängetaschen, die am Gepäckträger befestigt waren.
    Das Besondere und damit Erwähnenswerte ist, dass dieser abgeschabte, braune Herrenlederschuh Größe 46 ausgerechnet Sinje vor die Füße fiel, sie ihn aufhob und vergeblich versuchte, seinem Eigentümer den Verlust anzuzeigen Denn dass Sinje in diesem Moment mit einem Herrenlederschuh in der Faust gewissermaßen im Wald stand (Der Sperlingssturz führt durch einen Stadtpark), erlaubt mir, ein Licht auf den Charakter dieser für meine Geschichte wichtigen Person zu werfen.
    Sinje stand also mit einem Herrenlederschuh in der Hand im Sperlingssturz schaute mit großem Ernst dem davonhoppelnden roten Punkt nach, dann senkte sie den Blick ihrer untertassengroßen schwarzen Augen auf die Aufgabe, die ihr das Leben so unverhofft vor die Füße geworfen hatte.
    Mutmaßungen betreffs ihres Gedankenganges mussten unweigerlich fehlgehen. Ein zufällig des Weges kommender Passant hätte dazu ebensoviel oder -wenig Berechtigung gehabt wie ihre intimsten Freunde oder sogar sie selbst, die ihre Entscheidungsfindungsprozesse als das Tanzen eines Elefanten in ihrem Kopf empfand. Buchstäblich niemand wusste also, wie dieses Mädchen mit dem Schuh in seiner Hand verfahren würde.
    Der Passant mag vielleicht mutmaßen, es würde sich nach einer Sekunde des Besinnens entschließen, den Herrenlederschuh wieder dorthin zu legen, wohin er sich selbst gebettet hatte, und dann seiner Wege gehen.
    Ich hingegen, der Sinjes Hang zum Irrwitz kannte, hätte eher vermutet, dass sie sich eines ihrer eigenen Schlappen Größe 37 entledigt, sich den Herrenlederschuh überstreift und dann damit auftippt wie ein ungeduldiger Clown oder wie Goofy. Oder ein paar Meter damit zu rennen versucht. Oder aber den Herrenlederschuh anpisst, sich im Gebüsch versteckt und den zurückkehrenden Radfahrer auslacht, wenn er ihn berührt.
    Sie aber tat nichts von alldem. Sie behielt den Schuh in der Hand und setzte den Weg mit ihrem leicht watschelndem Gang fort. Irgendwo hinter ihren untertassengroßen Augen hatte sich wie auch immer der Entschluss geformt, diesen Schuh ins Fundbüro zu bringen. Von diesem Moment an war Sinje nicht mehr davon abzubringen. Nach einem Grund für diese Handlung gefragt, hätte sie für einen Moment mit ihrem untertassengroßen schwarzen Augen mit dem braunen Schimmer ins Leere gestarrt, dann dem Fragenden ein Lächeln geschenkt, das durch ihren leichten asiatischen Überbiss die perfekte Balance aus vierzig Prozent versonnen, fünfzig Prozent süß und zehn Prozent debil hält, und sich vielleicht solcherart geäußert: „žIch lebte gerne in einer Welt, in der die Leute Schuhe, die sie finden, ins Fundbüro bringen.“ Und manch einer hätte diese scheinbar vernünftige Antwort geschluckt. Nur wie kann eine Rechtfertigung vernünftig sein, die zwar für sich genommen vernünftig scheint, aber in Wahrheit der rein zufälligen Entscheidungslaune eines tanzenden Elefanten entspringt? Nichts weniger als vernünftig war es also, dass Sinje mit dem Herrenlederschuh an ihrer Seite den Berg herunterwatschelte. Aber es könnte auch nichts egaler sein. Denn jeder, der dieser versonnen/süß/debil vor sich hinlächelnden Halbasiatin mit den Sommersprossen, dem Entengang, dem Überbiss, den untertassengroßen Augen und dem abgeschabten braunen Herrenlederschuh Größe 46 begegnete, konnte nicht umhin, bei sich zu denken: „In dieser Welt, in der Leute die Schuhe, die sie finden, ins Fundbüro bringen, lebte ich auch gerne. Wenn es nur mit ihr wäre.“
    Doch nicht jedem Menschen kann es vergönnt sein, in Sinjes Welt zu leben. Es ist nur wenigen vorbehalten, und auch für diese Glücklichen ist diese Zeit nur knapp bemessen. Doch wenn nach Goethe die Erinnerung an glückliche Tage das zweite Glück ist, so ist das Berichten von diesen Tagen das dritte Glück. Und deshalb will ich euch von Sinje erzählen.

  37. 37

    Lustige Idee, Malte! Zu meiner Entschuldigung: ich war 15 und brauchte das Geld habe zu der Zeit fast nur Stephen King gelesen. Und eigentlich waren es noch 14 Kapitel mehr, aber das will ich niemandem zumuten ;)

    Professor Sethlic gab zu jeder Arbeit einen Kommentar ab, als er sie in der Klasse verteilte.
    Die meisten waren, wie er es auszudrücken pflegte, Schrott.
    Die Aufgabenstellung war wahrlich nicht schwer gewesen, aber Sethlic war der Meinung, daß dieser »Haufen von Vollidioten« keine milderen Wertungen verdient hatte.
    »Ich verstehe nicht, wie man bei so simplem Stoff so dämliche Fehler machen kann, Thomas. Mehr als eine Sechs war nicht drin. … Von dir hätte ich eigentlich auch etwas besseres als eine Vier erwartet. Pech.«
    Als er in die dritte Reihe vordrang, hatten sich die Mienen der meisten Schüler in frustrierte Abbilder ihrer selbst verwandelt. Aus der Stille, die sich plötzlich im Raum breitmachte, hätte ein ahnungsloser Zuschauer wohl leicht ablesen können, daß gerade bei mindestens siebzehn Schülern ein Todesurteil verhängt worden war (was bei einigen wohl – in Anbetracht der im Elternhaus zu erwartenden Reaktion – nicht sehr weit daneben lag).
    Bei dem fünften Heft, das er in der Reihe verteilte, ließen sich bei Sethlic Spuren eines sadistischen Grinsens erkennen.
    »Unser Englisch-As! Es tut mir ja fürchterlich leid, aber es scheint, als würdest Du dich in deinem Niveau allmählich an den Kurs anpassen, Steven.«
    Der Sadismus in seiner Mimik hätte wohl nur vom Marquis de Sade persönlich übertroffen werden können.
    Es war für jeden sichtlich erkennbar, daß Sethlic es genoß, dem sonstigen Einser-Kandidaten zu offerieren, welch‘ törichte Idee es gewesen sei, auch diesmal wieder auf die höchste Note zu hoffen.
    Als Steven Cabbot das Heft öffnete, sah er in mehrfacher Hinsicht rot: Zum einen hatte der Professor wirklich nicht an Korrekturen mit dem Rotstift gespart, zum anderen nahmen die verabscheuenden Haßgefühle gegen Sethlic mit einem Mal immense Ausmaße an.
    Mangelhaft.
    Nur diese eine Wort, in verzückter Sorgfalt geschrieben, mit der schwungvollsten Unterschrift, die »der Erbarmungslose« jemals unter eine Note gesetzt hatte.
    Mangelhaft.
    Im Kopf des 16jährigen begann sich ein Wust von Gedanken zu bilden. Die einzelnen Puzzleteile seines klaren Verstandes brachen an den irrsinnigsten Stellen gleichzeitig entzwei. Nach einer Weile formierten sich einige neu, um wenigstens einen klaren Gedanken entstehen zu lassen.
    Sethlic, Du hast verspielt.
    Doch irgend etwas stimmte an diesem Gedanken nicht. Es schien, als wäre er noch nicht zufrieden mit seiner Gestalt.
    Du hast deine letzte Chance vertan.
    Doch der Gedanke war anscheinend mit seinem Äußeren (und vermutlich auch Inneren) immer noch nicht zufrieden genug, um so zu verbleiben.
    Du bist tot.
    Dieser Satz spaltete Stevens Geist endgültig. Er war kein gewalttätiger Mensch, und so war er erschreckt darüber, eine solche Aussage in seinen Hirnwindungen wiederzufinden. Aber er empfand auch eine gewisse Befriedigung, als sich etwa zeitgleich das Bild eines Grabsteins in seinem Schädel wiederfand. Die Inschrift
    »PROFESSOR JASON MALCOLM SETHLIC
    *1944 *1994
    ER WAR EIN ERBARMUNGSLOSES SCHWEIN«

    tat irgendwie gut.
    Die pazifistische Hälfte gewann schließlich doch noch die Überhand, weswegen das Gedankenpuzzle kurz vor seiner erneuten Auflösung stand, als Stevens wieder klarer Geist die Situation erfaßte. Diese
    (Scheiße)
    ungerechtfertigte Note würde seinen Durchschnitt ruinieren; das konnte er nicht einfach so hinnehmen, also faßte er den Entschluß, mit Sethlic zu reden.
    Er bereute diesen Entschluß früher, als erwartet.

  38. 38

    Liebe Jungs und liebe Mädchen, jetzt verrate ich Euch drei echte Männergeheimnisse!

    1. Nicht die Länge sondern die Dicke macht es!
    2. Passen muss es wie die Mutter und die Schraube!
    3. Schriftsteller ist man wenn man merkt das man es ist!

    http://freigeldpraktiker.de/weltenaufgang/blog/article/was-wir-wissen-muessen/

    Da gibt es ein Link zum Buch von Karl Walkers/ über das goldene Mittelalter!

    Dann versteht so mancher auch das gute Deutschland!

    Das ist natürlich keine Eigenwerbung den mein Buch heißt Weltenaufgang!

  39. 39
    apfelbaum

    Also mein Anfang is ja eher kurz, bin ie über den ersten Satz hinausgekommen.
    „Ich habe München schon immer gehasst.“
    Irgendwann mach ich die restlichen 299,99 Seiten auch noch voll, und wenn’s nur ein Reiseführer wird.

  40. 40

    @mathias (#26): gefaellt mir sehr gut, bin sehr auf die fortsetzung gespannt (habe ich auch schon auf neue-bodenstaendigkeit gepostet.)

    @max (#1), mabu (#19), sachsenwunder (#31), diaet (#36):
    bei euren texten wuerde mich wirklich interessieren, wie denn die geschichten weiterverlaufen. ist eigentlich ein weiterschreiben geplant bzw gibt es weitere kapitel?

  41. 41

    @apfelbaum: interessanter ansatz. kann man auf jeden fall was draus machen :)

  42. 42

    @mp_464: Danke! Zumindest bei mir gibt’s noch vierzehn Kapitel (und mindestens einen Toten, muss selber nochmal nachlesen :)

    Ob ich aber jemals dran weiterschreibe…

  43. 43

    Abgefahrene Idee. Es ist so peinlich wie beim … erwischt werden. Das ist ja wie eine Selsthilfegruppe für anonyme Autoren.

    Also, gut das Vorwort zu meinen Roman.

    Das Spiel.

    Das Gleiche ist nicht Dasselbe. Das ist man sicher. Eine deutsche Biographie über die Kollektivschuld? Nein! Eher über die kollektive Unschuld? Das muss jeder selbst entscheiden. Man wird sehen. Eine Erzählung, die nicht bedrückend und anklagend sein will, sondern erfreulich offen, erfrischend und unterhaltsam sein möchte. Die aus dem Inneren erzählt, was draussen vor sich geht. Die den langsamen Weg der schüchternen Annäherung erzählen möchte. Die seltsame Auseinandersetzung mit der Schuld die zugleich auch eine Unschuld ist. Und welche Blüten diese so treibt. Die Schuld und/oder Unschuld. Die Unwissenheit über die Schuldfragen. Die Naivität im Umgang mit der Unschuld. So eine Art Romeo und Julia auf Länderebene. Eine francophile Familie in Deutschland. Eine francophile Familie in Frankreich. Der Ernst des Lebens, die beiden Seiten, sehr einseitig betrachtet. Ein Rückblick in die Begegnung zweier Kulturen, zweier Nachbarn, zweier Erzfeinde, zweier Geschichten die nicht enden wollen und immer weiter fortgeschrieben werden. Ein Rückblick, der zugleich einen Einblick über den Status gewährt und einen Ausblick zulässt. Zwei die sich am Ende lieben müssen. Sicherlich auch werden. Wenn genügend Gras über die Sache gewachsen ist. Wie die eigene Lebensgeschichte beweist. Damit es ein europäisches Happy-End auf der ganzen Linie gibt. Sonst wäre alles umsonst gewesen. Helmut und Giscard. Helmut 2 und Francois. Die EU. Der G7 Gipfel. Völler in Frankreich. Alles wäre umsonst gewesen. Aus der einfachen Sicht des Spiels, dass nicht nur ein Spiel sein kann. Aus der einfachen Sicht eines Lebens. Aus der einfachen Sicht der Gegensätze, Beobachtungen und der daraus resultierenden Biographie. Deutschland : Frankreich. Und warum Gegensätze sich doch vielleicht anziehen. Warum Anziehendes sich so abstoßen kann. Deutschland will und braucht so dringend deine uneingeschränkte Liebe – Frankreich. So sehr. Stoß uns nicht zurück. Bitte zier dich nicht so. Stell dich nicht so an. Vergebe uns. Liebe uns. Denn wir wollen dich so gerne lieben. Denn, wenn Du uns lieben kannst, dann sind wir endlich befreit. Befreit von einer Schuld, die uns nicht loslässt. Denn wenn Du uns liebst, dann ist unsere Unschuld besiegelt. Nach nichts mehr sehnen wir uns. Also, das Spiel kann beginnen.

  44. 44

    1.szene

    wolf, daniel, kränk, andy

    die wg

    wolf ist im wohnzimmer hört musik und hängt poster auf
    kränk klingelt an der tür
    wolf macht auf

    wolf: hallo kränk, willkommen.
    Kränk: ja, hallo, juhu daniel und andy kommen auch noch
    Wolf: gut da freu ich mich juhu die eigene wohnung

    Kiffen einen dann kommen andy und daniel unterhalten sich und kiffen

    2.szene

    andy, wolf, kränk, daniel

    wg

    sitzen in wolf`s zimmer rum
    Andy geht daniel schläft da

    3.szene

    kränk, mattosch, und noch leute

    schule, raucherhof

    kränk: endlich eigene wohnung
    mattosch: ja cool komm ich nachher gleich vorbei
    kränk: ja alter mach mal

    4.szene

    kränk, mattosch, leute

    schule

    kränk: los alter lass uns hier weg
    mattosch: ja wird zeit

    gehen los

    5.szene

    kränk, mattosch, wolf, irgendwer

    wg

    wolf steht in der küche macht essen
    kränk und mattosch kommen die treppe hoch
    klingeln
    wolf geht zur tür und macht auf

    wolf: hallo kränk hallo mattosch
    mattosch&kränk: hallo wolf

    gehen rein setzen sich
    wolf holt das essen aus der küche *diese szene dann auf guppys flur*

    mattosch: cool das ihr jetzt ne wohnung habt
    kränk&wolf: ja
    wolf: hier kränk lecker essen

    sie essen dann kiffen
    später kommt noch jemand kiffen

    6.szene

    kränk, wolf, andy, nicole, mattosch

    Wg

    Sitzen im wohnzimmer am offenen fenster sehen auf die strasse raus
    Musik kiffen
    Mattosch oder andy haben dope dabei also brauchen wolf und kränk nichts

    Kränk: hey nicole lass uns mal n spagetti-abend machen ganz romantisch
    Nicole: ja gern
    Wolf: ja das klingt gut

  45. 45

    Die Idee find ich echt mal gut, darum hab ich ganz tief in der Geschichtenkiste gegraben um für Spreeblick was ganz tolles zu finden, auf gehts!

    Die Luft ist erfüllt von Schweiß- und Deo-Geruch, nicht zum aushalten – bloß raus hier !
    Meine Finger schnellen dem Türgriff entgegen, endlich raus.
    Raus aus der stickigen Luft.
    Meine Finger berühren den Türgriff und stoßen sie schwungvoll davon. Die Tür fliegt auf und stößt leicht gegen ihren Rahmen. Die Kühle der Umgebung schnellt mir entgegen. Die Luft riecht frisch und es regnet, zum Glück ist vor der Turnhalle ein Vordach. Das wird sicher ein lustiger Weg nach Hause.
    Die Tür kracht hinter mir in ihre Ausgangstellung zurück.
    Zum abkühlen stelle ich mich an die Kante der kleinen, dreistufigen, Treppe zum Innenhof der Schule und schaue in den Himmel. Alles Grau in Grau. Der Regen entpuppt sich doch nur als leichter Nieselregen, also doch schnell nach Hause.
    Ich fasse an meinen Rucksack, in der rechten Tasche ist noch eine Flasche ACE – Drink. Ich nehme sie umständlich heraus, drehe den Deckel auf und trinke den kleinen Rest schnell aus. Dann drehe ich den Deckel wieder drauf und lasse die Flasche an meiner Hand heruntergleiten und fasse sie am Deckel an.
    Ich schwinge die Flasche langsam hin und her.
    Doch alleine will ich nicht gehen, also warte ich ab wer da wohl so als nächstes rauskommt. Und so lange betrachte ich die Regentropfen beim einschlagen in die kleine Pfütze zu meinen Füßen, wie schön sich der Himmel in dem Wasser spiegelt.

    Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, die Tür öffnet sich erneut und mehrere Personen kommen wortlos heraus.
    Wer da wohl gekommen ist, soll ich mich umdrehen und nachsehen ?
    Nein, die Pfütze ist grad so interessant.
    Doch, die Personen gehen los und an mir vorbei zum Eingang des Schulgebäudes – unter dem Dach – hin.
    Ich sehe auf, es sind Anna und Daniel.
    Okay, doch schon gehen. Tschüss Pfütze, schönes Leben noch.
    Ich muss ein kleines Stück schnell laufen.
    Weil ich grade am trostlosen Mülleimer vorbeikomme, werfe ich die Flasche kunstvoll davon. Sie fliegt im leichten Bogen, überschlägt sich und Prallt dann mit dem Boden gegen die Innenseite und fällt zu Boden.
    Strike !
    Ich folge Anna und Daniel die Kurze Treppe zum Eingang des Gebäudes herab.
    „Kann ich ne Kippe haben ?“ Annas Frage zerstört die fast schon andächtige Stille.
    Bei dem schönen Klang ihrer Stimme wird mir innerlich wärmer.
    „Hast keine eigenen ?“
    „Würd ich dann Fragen, nein hab ich nicht ? Also gib mir schon eine ab“ Anna ist hartnäckig wie immer.
    Daniel kramt in der Tasche seines Pullovers, und holt eine Weiße Packung Zigaretten hervor. Er streckt sie Anna entgegen.
    Sieht aus wie West oder wie auch immer die heißen.
    „Danke“ sagt sie während sie die Packung in die Hand nimmt und sich eine Zigarette raus nimmt. Sie reicht sie zurück.
    „Die kannste behalten, ich will die nicht.“ sagt Daniel und kramt weiter in seiner Pullovertasche.
    „Warum ?“ Anna klingt sehr verwundert.
    „Probier Die“ eine kurze Pause, während wir die Tür zur Straße hin passieren „Die schmecken Scheiße ! Ich will die nicht.“
    „Warum hast du die dann ?“ frage ich ebenfalls verwundert
    „Weil ich die umsonst bekommen hab, darum.“ lautet die Knappe Antwort.
    Stimmt ja, Daniel arbeitet abends bei der Spedition Knecht. Da organisiert der Chef immer wieder große Mengen billiger Ost-Zigaretten. Daher hat er die also.
    Wir gehen den Fußweg weiter, vorbei an parkenden Autos.
    Mein Blick fällt auf Anna. Wie schön ihr Haar doch offen nach hinten wegfällt.
    Mein Blick wandert weiter, ich betrachte die immer-gleiche Wand des Rathauses zu unserer Rechten. Nur um festzustellen das sich wieder nichts getan hat.
    Als wir an den ersten Stufen der großen Treppe, hinauf zu den drei massiven Türen des Rathauses vorbeikommen zerbricht die Stille wieder.
    „Ich will die aber nicht“ Anna scheint kein Interesse an der Verpackung mit X Zigaretten drin zu haben.
    „Ich auch nicht, dann schmeiß die in den Busch.“ lautet die Knappe antwort während Daniel sich seine Zigarette ansteckt. „Na super, jetzt ist mein Bus weg“ sagt er ohne auf eine Uhr zu schauen. Vielleicht hat er ja drinnen noch auf eine Uhr gesehen.
    „Ich WILL die aber nicht“ Anna kann sich aber auch manchmal anstellen.
    „Dann werf sie doch da vorne in den Busch“ schlage ich vor.
    Keine Antwort, nichts.
    Wir gehen wortlos am Busch und dem Eingang des Mpeyers vorbei.
    „Und was soll ich damit jetzt machen ?“ Anna lässt nicht locker
    „Da vorne kommt ne Ecke, oder gibt die irgendeinem Penner“ schlage ich noch mal vor.
    „Ja, gib die nem Penner. Der freut sich sicher“ Daniel bekräftigt meinen Vorschlag, Anna regiert nicht.
    Sie geht die schmale Passage zwischen Straße und Rathaus voran. Ich gehe mit Daniel auf einer Höhe dadurch.
    Wieder herrscht Stille.
    Es regnet noch immer, und mir ist immer noch ein wenig warm. Innen und Außen.
    Die Ampel wechselt ihre Farbe von Grün auf Rot.
    Passanten laufen los, ich muss mich beeilen um die Phase zu erwischen.
    Anna läuft schnellen Schrittes vorran.
    Wir erhöhen alle unser Tempo.
    Bei der speziellen Rechtsabbieger Spur an der Ampel trenne ich mich von Daniel mit dem kurzen Satz „Bis Morgen.“ „Jo, bis Morgen. Komm trocken nach Hause“
    Ich laufe ausnahmsweise vor dem Schild lang und nicht auf dem normalen Fußgängerstreifen. Ich bin etwa 3 Meter hinter Anna. Sie sieht nach links.
    Ich gehe ein paar Schritte und sehe auch nach links. Keine Bahn kommt, danke !
    Als ich wieder zur Straße blicke sehe ich das die zweite Ampel bereits wieder Rot zeigt. Anna stoppt einen Meter rechts von der kleinen Ampel direkt an der Bordsteinkante.
    Ich stelle mich links an die Ampel und lehne mich an.
    Ich sehe zu Boden, eine kleine Pfütze.
    Hallo Pfütze.
    Ich sehe auf, die Autos auf der Straße fahren an und kommen auf uns zu. Anna steht gefährlich nahe am Rand. Wenn jetzt ein Auto zu weit links fahren würde.
    Weg mit dem dummen Gedanken fauche ich mich an. Ich betrachte die Schlange Autos die sich an uns vorbei bewegt. Kein Auto macht auch nur Anstalten zu weit links zu fahren.
    Anna geht trotzdem einen Schritt nach hinten zurück.
    Ich sehe auf, meine innere Uhr sagt mir das es gleich grün werden müsste.
    Ich starre ungeduldig das rote Männchen der Ampel an. Da verschwindet es.
    Ich gehe los, Anna hat den Start wohl verpennt. Sie folgt erst in ein wenig Abstand.
    Gegenverkehr, ich muss weiter rechts gehen und kürze die Strecke über die Straße ein wenig ab. Da hat Anna wieder aufgeholt.
    Es nieselt immer noch.
    Wir gehen ein paar Schritte, mir wird auf einmal ganz kühl. Ist es hier windiger als vorhin ?
    „Na toll, ich sehe hier keinen Penner“ sagt Anna mit leicht hilfesuchender Stimme.
    „Die sind wohl nur auf der Hochstraße, aber bei dem Wetter“
    „Ja“
    „Aber da ist eine Mülltonne an der Haltestelle“ ich deute in die Richtung in die wir gehen „Die freut sich sicher über die Schachtel Zigaretten. Und da es gibt extra jemand, der die Tonne entleert“
    „Ach ne“ Besserwisser fauche ich mich wieder innerlich an.
    Wir gehen Wortlos weiter.
    Das Kopfsteinpflaster der Straßenbahnschienen glänzt so schön.
    „Die Straßenbahnschienen freuen sich sicher auch, über so ein tolles Geschenk“ schlage ich wieder vor.
    „Meinste ?“
    „Und es gibt wieder jemand der es wegmachen wird.“ Hör doch auf damit !
    Wir sind auf der anderen Seite der Schienen angekommen und gehen an dem Haltestellenhäuschen vorbei.
    Alle Plätze sind besetzt und überall stehen Leute. Jeder sucht Unterschlupf vor dem Regen.
    Mein Haar ist mittlerweile ganz nass geworden. Nasser als durch den Sport, danke Petrus !
    Nun bleibt Anna stehen „Du läufst sicher – oder ?“
    Jetzt mal bitte ohne dummen Anhang „Ja, wie immer“
    „Wie immer“ wiederholt sie den letzten Teil meines Satzes. „Und was mach ich jetzt hiermit ?“ fragt sie mich und hält mir die Zigarettenschachtel entgegen.
    „Keine Ahnung, schmeiß sie einfach auf den Boden“ schlage ich vor.
    Anna guckt mich ungläubig an.
    „Gib du sie doch nem Penner“ und hält mir die Schachtel entgegen.
    Ich nehme die Schachtel entgegen „Oder einem freundlichen Mülleimer“ setze ich Annas Satz fort.
    Die Schachtel ist unerwartet schwerer und gleitet mir aus den Fingern.
    Platsch, da ist sie auf dem Boden gelandet.
    Anna und ich greifen gleichzeitig nach der Schachtel, wir packen nehmen sie gemeinsam und heben sie wieder auf.

    Wir sehen uns an, irgendwas blitzt in Annas Augen auf. Was war das ?
    Es nieselt auf einmal nicht mehr, wie lange wohl schon nicht mehr. Die Zeit scheint zu stehen.
    Anna nimmt die Schachtel, öffnet sie. Nimmt ein Bündel Zigaretten heraus. Wie viele da noch drin waren, bestimmt mehr als 10. Sie knickt die Zigaretten und wirft einige auf den Boden.
    Ihre gerauchte Zigarette landet auch auf dem Boden. Jetzt tritt sie auf alle Zigaretten und verteilt den Tabak gleichmäßig über den dreckigen Boden.
    „So ist´s besser“
    Irgendwas ist anders,
    anders als früher.
    Anna ist anders, irgendwie.
    Ich sehe sie an „Na, dann kannste die Schachtel ja dazu legen.“
    „Nee“ sagt Annas leere Stimme
    Ich schaue an ihr vorbei, ich kann ihren Blick nicht ertragen.
    Die Baustelle hinter der Haltestelle ist aber schon ganz schön weit gekommen. Das die schon 4 Stockwerke fertig haben. Wahnsinn.
    Ich betrachte die grüne Plane die um das neue Haus gewickelt ist.
    Ich muss gehen, es nieselt wieder stärker.
    „Na, wie dem auch sei. Wirf sie doch hinter dich auf die Baustelle.“ Ich sehe sie wieder an, sie sieht auf den Boden und betrachtet ihr Werk. „So weit kannste die ja sicher werfen.“
    „Ja, dann raucht die son dummer Bauarbeiter – gute Idee.“ sie stockt „Wie immer“ fügt sie ganz leise hinzu.
    Ich überhöre den letzten Teil ihres Satzes
    „Mach was du willst, ich muss jetzt gehen. Ich will am besten so trocken wie möglich nach Hause kommen“ sage ich schnell, und sehe wieder zur Baustelle.
    „Fahr doch mit mir und der Bahn“ schlägt Anna vor.
    „Ne, ich hab doch keine Fahrkarte.“ schiebe ich als Grund vor.
    Ich will einfach nicht.
    „Okay, machs gut“ wieder eine Pause „Tschüssi. Bis morgen !“ Annas Stimme klingt wie früher.
    Ich könnte doch eigendlich auch mit der Bahn.
    Nein !
    Jetzt nicht mehr. Jetzt nicht mehr. Sage ich mir innerlich.
    „Tschüss“ sage ich knapp.
    Ich blicke ihr nicht mehr ins Gesicht und wende mich ab.
    Jetzt gehe ich davon.
    Oh, noch eine Pfütze.
    Eine schmutzige Pfütze, ganz verseucht vom Öl.
    Bloß schnell weg von diesem Ort, ab nach Hause.
    Ich gehe schnell weiter.
    Der Nieselregen geht in einen richtigen Regen über.
    Und die trockene Bahn, samt Anna fährt an mir vorbei. Und entfernt sich zum Horizont
    Ich halte kurz inne.
    Es ist mit einem mal sehr frisch. Ich gehe schnell weiter.
    Nein, es war besser nicht zu fahren. Schwarzfahren macht man nicht.
    Wirklich ?

  46. 46

    Die Unmöglichkeit der Möglichkeiten

    Im Jahr 1989 gab es unzählige gute Ereignisse auf unserer Welt. So zogen die Russen ihre Truppen aus Afghanistan ab. In Chile beendete die Wahl von Patricio Aylwin zum Präsidenten Pinochets Diktatur. In Ägypten wurde eine 4400 Jahre alte Mumie gefunden. Und in den USA, gewann Mike Tyson den Weltmeistertitel im Schwergewicht.
    Hier in Deutschland feierten Millionen Menschen den Fall der Mauer. Eine Mauer, die seit über dreißig Jahren die Schwestern und Brüder ein und desselben Landes in zwei eigenständige Gruppen teilten. Freunde und Bekannte fielen sich mit Tränen in den Augen in die Arme und erfreuten sich nach jahrzehntelangen Trennung der Nähe geliebter Menschen. Sogar Fremde, die sich bis zu diesem Augenblick weder gesprochen, noch jemals gesehen hatten, fielen sich hemmungslos in die Arme. Die Wessis schluckten mit viel Mühe ihre Arroganz herunter und simulierten Zugehörigkeit und Anteilnahme. Schließlich war das Einschmeicheln die beste Strategie um sich ganz vorsichtig und unauffällig an einen unbekannten Feind heran zu tasten. Die Ossis, behaupteten böse Zungen, wollten natürlich auch tasten – wie es sich für Kinder ein und des selben Vaters gehörte. Doch hier hörten die Gemeinsamkeiten keineswegs auf. Denn auch wenn die Brüder aus dem Osten ihr ganzes sozialistisches Leben lang Kameradschaft und Hilfsbereitschaft – also materielle Armut und Entbehrung auf jeder nur erdenklichen Ebene – leben mussten, schlug der Drang zur kapitalistischen Selbstverwirklichung noch immer in diesen sternenförmig gepressten Herzen. Also tasteten sich viele flinken Finger, die einst gekonnt an Schwalben und Trabis herumschraubten, ganz unauffällig in die prall gefüllten Taschen der Gegenüberseite und fischten geschickt allerlei tolle Schätze heraus. Manch einer ergatterte die damals sehr beliebte Deutsche Mark, vorzugsweise in Scheinen und in gerollten Bündeln. Andere wiederum fanden zwar kein Geld im neuen Armanianzug eines hinabgestiegenen Erfolgsunternehmers aus dem Westen, wurden aber mit einem Stern auf dem soeben entdeckten Autoschlüssels durchaus fair belohnt. Zwar hatte dieser Stern nur drei Zacken und nicht die gewohnten fünf, doch diese geometrische Form ging mit der Nahrung in den kommunistischen Ganztagsschulen und den fröhlichen Wanderungen unter der Roten Flagge in den sommerlichen Pionierlagern, dermaßen ins Blut über, dass für die Deutschen im Osten inzwischen jeder Stern, positive Eigenschaften barg. Und wie ein vom Himmel gefallener Stern glänzten auch die teure Karossen für alle Langfinger, die auf den überfüllten Parkplätzen der westlichen Mauerseite das Gegenstück des Schlüssels zum Glück fanden.
    Mein Vater versprach sich von diesem Abend auch genügend Startkapital für sein neues Leben innerhalb des offenen Europas. Leider traf er bei seiner ersten grenzübergreifenden Umarmung auf meine Mutter. So eng umschlungen spürte er plötzlich ein altbekanntes Gefühl. Ein Verlangen, das seine Gier nach Geld, Macht und Anerkennung für eine sehr kurze Zeit vollkommen dominierte und so raubte mein Vater etwas, das meine Mutter nur ein einmalig zu vergeben hatte und so wurde ich in der drauf folgenden Nacht gezeugt.
    Am nächsten Morgen wachte meine Mutter in einer kleinen verlassenen Wohnung auf. Mein Vater hatte immerhin genug Anstand gehabt ihr eine halbe Tüte frischer Brötchen da zu lassen, bevor er sich für immer nach, laut Werbung bestes Land für Weib und Wein – Frankreich, absetzte. Meine Mutter frühstückte noch gemütlich, bevor sie sich auf die Suche nach ihren liberalen Kommilitonen begab. Als begeisterte Teilnehmerin an Demonstrationen jeglicher Art, tat auch sie des Öfteren ihren Beitrag zum Fall der Mauer und zu sonstigen mit den studentischen Demonstrationen verbundenen Themen. Und so kam ihre kleine Gruppe von romantisch-rebellischen Studenten an die verhasste Mauer um ursprünglich die Früchte einer jahrelangen verbalen Erschöpfung zu ernten und an diesem historischen Tag teil zu haben. Doch bei diesem routinemäßigen Ausflug hatte meine Mutter etwas mehr als bloß neue Eindrücke und Erfahrung dazu gewonnen. Auch dreihundertundacht Gramm waren im Siegertopf, als ich neun Monate später aus ihr heraus purzelte.

  47. 47

    Ich hab meine Geschichten alle geloescht oder verbrannt, was ich jetzt bereue XD

  48. 48

    @mp_464: Es sind mittlerweile sechs Kapitel (knapp 70 Seiten) und es entwickelt sich. Zu einer traurigen Geschichte. Mehr sage ich (noch) nicht und es wird wohl eine Weile länger dauern als anfangs gedacht. Deshalb auch erst jetzt eine Rückmeldung. Eines ist mir aber ein echtes Bedürfnis: DANKE für den Aufruf, ohne den ich niemals wieder an meine Anfänge gedacht hätte!

  49. 49

    @sachsenwunder: wenn deine geschichte fertig ist bzw wenn du etwas von deiner geschichte online stellst, wuerde es mich freuen, wenn du dich nochmal (mit der dazugehoerigen url) melden wuerdest. bis dahin – gutes gelingen!

  50. 50

    @mp_464: Versprochen. Rudimente oder Fragmente oder möglicherweise sogar ganze Kapitel werde ich online stellen. Dann, wenn es fertig scheint. So richtig abgeschlossen. Wenn das denn überhaupt möglich ist. Danke für das Interesse vorab trotz des fragwürdigen Anfangs!

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