45

Wie ein Spreeblick-Artikel entsteht

sb
Illustration: René

Man könnte meinen, all die großen und kleinen Artikel, die hier Tag für Tag veröffentlicht werden, seien locker aus der Hüfte geschossen. Weit gefehlt.

Zunächst ist da die Programmkommission. Diese ist streng demokratisch aufgebaut. Vorbild ist das wilhelminische Deutschland. Hier bringen die Autoren Themenvorschläge ein. Dann vertagt sich die Programmkommission. Wenige Tage später kommt sie erneut zusammen. Das ist das darwinistische Element im Findungsprozess. Themen, die nach einigen Tagen aus dem Bewusstsein verschwunden sind, werden aussortiert. Die am besten angepassten Themen überleben diesen ersten Schritt. Dann beginnt die Diskussion. Erkenntnisleitende Fragen sind dabei: Hatten wir das schon? Hatte das schon jemand anderes? Warum machen wir das überhaupt? Warum immer ich?

Ich merke an, dass wir mehr Sexthemen bringen müssen. Daraufhin winkt René mit Paparazzi-Fotos von Marge Simpson. Das bringt Max in Wallung, der der Meinung ist, dass wir die erst veröffentlichen könnten, wenn wir auch welche von Homer haben. Andreas zündet sich seine letzte Zigarette an.

Diese Diskussion findet in einem geschlossenen Raum ohne Frischluftzufuhr statt. Als man die Fenster noch öffnen konnte, dauerten die Diskussionen häufig recht lang, heute gehen sie meist nur über vier oder fünf Tage. Mittwochs schaut Sascha Lobo vorbei, blickt mit Insektenforschermiene um sich, murmelt etwas von „böhmischen Dörfern“, macht sich Notizen und die Kaffeemaschine kaputt.

Holgi möchte gern ein Gespräch mit seinem Radiologen zu Gehör bringen, in dem dieser die Gefahren des Sportangelns erläutert. Während Andreas sich seine letzte Zigarette anzündet, fragt Max, ob Sportangeln nicht zu 1996 sei, woraufhin Holgi versucht, den Raum zu verlassen, was der Redaktionswachhund Jacky zu verhindern weiß. Ich frage, ob ein Sexthema nicht wieder an der Zeit wäre. Max schlägt vor, ausnahmsweise etwas über ein Produkt von Apple zu schreiben. Seine letzte Zigarette anzündend, lächelt Andreas sardonisch und Holgi rächt sich für die Sportangeltirade, indem er einen PC hochfährt. Ich klicke mich durch eine Datei mit Nazipornos und frage, ob man damit nicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen könnte. Max betrachtet eine Fliege auf seiner Nase und sagt, dass er niemals Fliegen schlage.

Mit dem Protokoll der Sitzung geht der Schriftführer dann zum Ethikrat. Der Ethikrat hat keine Hände und keinen Mund. Nur zwei Daumen. Sie zeigen entweder nach unten oder nach oben. Die Ratschlüsse des Ethikrates sind unergründlich und werden nicht hinterfragt.

Jetzt können die Autoren die Themen ausarbeiten. Johnny, der mittlerweile aufgewacht ist, steht mit einer Stechuhr im Rücken der Autoren, denn wir haben nicht ewig Zeit. Fünf Minuten später sind die Artikel fertig. Diese gehen jetzt in die Endredaktion. Antagonisten sind hier Max und ich.

Während Maxens Idealartikel Tanjas Wie spät ist, ist mein Vorbild Axonas Artikel über easydentic.
Die Diskussion über die Länge geht über einige Runden und wird schließlich durch eine Partie Dart entschieden.

Dann ist Wochenende. Wenn am Montagmorgen jemand die Kraft findet, auf „žpublish“ zu drücken, findet der Leser spontane Klowandkritzeleien vor und fragt sich, womit wir eigentlich unser Geld verdienen.

45 Kommentare

  1. 01
    Stefan_K

    Welches Geld?

  2. 02

    welche leser? ich suche hier schon seit monaten das video von diesen drei jungs…

  3. 03

    hast du nicht tanja mit der „gerechtigkeitssinn“-lederpeitsche vergessen?

  4. 04

    lol .. das Bild find ich witzig :-)

  5. 05
    sunny3d

    schönes phtoto

  6. 06
    sunny3d

    ehrlich gesagt, verstehe ich nicht einmal die hälfte des artikels – kann mir das jemand erklären… neee wahrscheinlich eben nicht.

  7. 07
    Malte

    Der ist doch in sehr einfacher Sprache gehalten. Aber frag ruhig, was du nicht verstehst :)

  8. 08
    sunny3d

    warum muss das geburtsjahr einer callcenteragentin zwischen 1970 und 1985 liegen – die können zum beispiel auch sehr unschöne stimmen haben.

  9. 09

    *Räusper* Also… könntet ihr vielleicht Max mal zum Lektorieren ausleihen?

  10. 10

    Zum Bild:

    Nach seinem Tod kommt ein Spreeblick-Autor zu Johnny und dieser bietet ihm die Wahl zwischen Himmel und Hölle. Der Spreeblick-Autor bittet darum, beides zu sehen.

    Johnnny führt ihn zu einem Eingang und erklärt: „Hier in der Hölle haben wir einen Raum extra für Spreeblick-Autoren.“ In diesem Raum sieht der Spreeblick-Autor endlose Reihen gesichtsloser anderer Spreeblick-Autoren, die alle wie wild vor sich hinkritzeln, während riesige rote Teufel mit dicken Peitschen auf sie losgehen. „Die Redaktionskonferenz ist in fünf Minuten! Die Redaktionskonferenz ist in fünf Minuten!“ schreien die Teufel dabei.

    „Ähm … zeigen Sie mir lieber den Himmel,“ sagt der Spreeblick-Autor. Sie ziehen los. „Hier im Himmel haben wir auch einen Raum extra für Spreeblick-Autoren,“ erklärt Johnny. Als der Spreeblick-Autor in den zweiten Raum blickt, sieht er auch hier endlose Reihen gesichtsloser Spreeblick-Autoren, die alle wie wild vor sich hinkritzeln, während riesige Racheengel mit dicken Peitschen auf sie losgehen. „Die Redaktionskonferenz ist in fünf Minuten! Die Redaktionskonferenz ist in fünf Minuten!“ schreien die Racheengel.

    Der Spreeblick-Autor protestiert: „Ich dachte, das sei der Himmel!“ Sagt Johnny: „Ja schon, aber hier wird danach auf „Publish“ gedrückt.“

    Abgeleitet von einem sehr populären BranchenWitz.

  11. 11
    sunny3d

    @julio, nein es liegt wohl daran, dass ich die zusammenhänge einfach nicht einordnen kann – ich habe es jetzt schon zwei mal gelesen und …
    ich bin einfach zu blöd und „falsch“ ausgebildet mit meinem literaturstudium… toll jetzt steh ich hier total nackig da

  12. 12
    Malte

    @ MR
    Die Branche muss ja lustig sein. Ich jedenfalls liege unter dem Tisch. Aber ein Teufel hilft mir gerade beim aufstehen.
    @ Julio
    Ich schenke ihn dir und biete noch eine fast frische Frikadelle als Dreingabe.

  13. 13
    pausmann

    Gebt’s doch zu: Ihr schreibt an einem Artikel ca. 5 Minuten rum, dann drückt ihr auf „publish“. Und die Leute finden’s gut, weil’s halt „auf Spreeblick“ ist. ;-)

  14. 14
    sunny3d

    wer ist dieser herr google? hab mich wieder angezogen.

  15. 15

    @Sunny3d:
    Ach du kapierst den Artikel über Easydentic nicht? Das ist auch nicht leicht nachzuvollziehen: Vor ein paar Monaten machte das deutsche Internet-Unternehmen Euroweb bei den Bloggern Furore, weil es kritische Berichterstattung über seine Geschäftspraktiken unterdrücken wollte. Der Blogger Jens Scholz setzte sich damals mit ihnen auseinander. Die Firma macht selbstverständlich trotz der Kritik vor ein paar Monaten weiter wie gehabt.

    Euroweb ist aber kein Einzelfall, sondern Teil eines internationalen Firmennetzwerks, das europaweit mit einer ähnlichen Masche operiert. Dazu gehören nicht nur Internetfirmen wie die belgische „Proximedia“ oder die deutsche „Euroweb“, sondern auch die französische Firma Adhersis (Datensicherungen) oder eben Easydentic, ein Anbieter von Überwachungstechnologie und Biometrie. Man arbeitet mit den gleichen Knebelverträgen, den gleichen Geldeintreibern, ähnlichen Vertiebskonzepten (Referenzkundenmasche) und Vertriebspersonal (Deshalb erwähne ich das Alter: Unerfahrenheit oder Geldnot kann ja gelegentlich auch ein guter Einstellungsgrund sein.) Und sie alle haben ein gestörtes Verhältnis zu Kritik. Deshalb auch die Google-Zensur.

    Was Malte angeht: Er schätzt offenkundig die Devise des Artikels: Warum die Dinge auf den Punkt bringen, wenn du sie auch seitenweise darstellen kannst. Nur die Härtesten sollten es bis zum Artikel-Ende schaffen.

    Was dein Nackig-Sein angeht: Das musste jetzt kein Fehler sein. (Wenn du es vielleicht visuell exemplifizieren könntest?)

  16. 16

    @ Malte:
    Klasse, die Frikadelle geht an den Kater. Beinhaltet das Geschenk umfassende Nutzungsfreigabe?

  17. 17
    sunny3d

    nein, nein, keine nacktbilder. ich hatte nur mit des erscheinen von maltes artikel hier, easydentic gegoogelt und mich gewundert, wegen der zensur. aber scheint ja alles nich so wild zu sein. obwohl ich jede art von zensur bedenklich finde.

  18. 18
    Malte

    Du kannst mit ihm reiten, surfen, joggen. Aber nicht nach Mitternacht füttern.

  19. 19
    Malte

    Ach ja. Ausnahmsweise ganz ernsthaft: Ich finde es bewundernswert, was du für einen Aufwand betreibst. Das ist noch richtiger Journalismus alter Schule, als hätte es nie Zielgruppenanalysen etc gegeben. Allerdings bin ich nicht klug genug, um zu erkennen, inwiefern der Artikel „offensichtlich rechtswidrig“ ist.

  20. 20

    @sunny3d:
    Naja, was heißt wild? Google hat anscheinend die partielle Rücknahme der Zensur selbst zurückgenommen, sprich: der Artikel wird wieder zensiert. Das sagt was aus darüber, wie leicht man bei Google durchkommt, wenn man was aus der öffentlichen Wahrnehmung drücken will. Nicht jeder hat Blogger, die den Fall aufgreifen.

    @Malte:
    Die Verwendung nach Mitternacht wird nach Prüfung durch qualifiziertes Personal geklärt. Alles weitere dann nach Versandentgegennahme.

  21. 21

    @Malte:
    Oh danke für die Blumen. Bei einem Lob aus Eurem Haus schmeichelt das doch sehr. Da ich kein Journalist bin, weiß ich nicht genau wie Mechanismen der Zielgruppenorientierung Recherchen beeinflussen. Selbiges sorgt aber auch dafür, das die Lesbarkeit miserabel ist. Ich weiß ansonsten auch nicht, wo die offensichtliche Rechtswidrigkeit liegen soll – ehrlich nicht. Dass der Artikel Fehler beinhalten kann ist ja klar, ich habe ja keinen journalistischen Apparat zur Verfügung. Aber so manches unappetittliche und ungesicherte wie z.B. Kundenberichte habe ich ja noch gar nicht gebracht.

  22. 22

    Also, die Illustration ist wirklich klasse. Riesiges Lob an René! Allerdings mag ich dem Artikel nicht so recht Glauben schnenken. Ich bin ja immernoch davon überzeugt, dass Johnny sich eine riesige Affenarmee zugelegt hat, die Tag und nacht vor Rechnern sitzt und in die Tasten haut. Die „Spreeblickschreiber“ schauen den Affenkram dann einmal in der Woche, während sie von nakten Playboy-Models massiert werden, durch und publizieren dann den sinnigsten Kram unter den dann ihr jeweiliger Name geklatscht wird.

  23. 23

    affenkram? vorsicht – du hast es mit einer hobo – emanze zu tun.

  24. 24

    Also ich schmeiß ja immer meine Scrabblebuchstaben durcheinander und tippe das dann ab. (Natürlich nur, wenn Scanner und OCR gerade nicht verfügbar sind.)

    @Malte, danke für diesen spannenden Einblick!
    @Julio: die Blumen waren glaube ich mehr als berechtigt.
    @René: gibt’s das schon als Großformat-Print im Spreeblick-Shop? ;)

  25. 25

    @micha: das mit den affen ist schon mal bei den simpsons vorgekommen. da hat es aber nicht so geklappt.
    na gut, bei den simpsons sollten die affen den laengsten roman der welt schreiben, hier ist es ja „nur“ bloggen. aber vielleicht hat johnny ein paar super-affen gezuechtet ;)

  26. 26
    jan(Konservativ2.0)

    @rene: Nettes Bild, allerdings springen einem deine Vorbilder viel zu sehr ins Gesicht. Plakatkunst gibt es auch jenseits von Warhol und todkopierten US Sachen aus den 30er-60ern. Z.B. http://www.tululuka.net/alco/ http://images.google.de/images?q=ALEXANDER+RODCHENKO

  27. 27
    Malte

    @ jan
    Aber das Bild von René sieht besser aus.

  28. 28

    @ Jan: Einflüsse kann man nicht so einfach aus dem Gehirn wischen, gut so! Aber der Einfluß sind mitnichten Warhol und die 60s, sondern eher Dekonstruktivismus der 90er. Nur so am Rande.

  29. 29

    Sorry, aber den Warhol und Motivik (gibt’s das Wort? ;) hätte ich auch eher in den einzelnen Bildelementen gesehen – und dann ab durch den Mixer, äh, die Dekonstruktion. Also, Großformat-Print?

  30. 30

    Ach so, @ all: danke für die Blumen ;-)

  31. 31

    Klar, Großformat-Print mit 300dpi als A1-Plakat, is schon beim Digiprinter… macht 50 Euro ;-)

    (5 Minuten-Produktion in RGB und 72dpi = Real Life)

  32. 32

    ich finde ja auch das 5FilmFreunde-Design sehr gut. Wollt ich mal sagen. Aber mein neues wird auch schick!

  33. 33

    wann kommt’s denn nun endlich (das neue design)? es wurde ja schon vor monaten(?) davon geredet.

    ich weiss, es war in bisschen stressig in letzter zeit, wollte nur mal nachfragen.

  34. 34

    ich hab auch mal ne frage. was ist eigentlich mit den anderen blogs aus der spreeblick-familie? ich habe mich gerade da mal durchgeklickt, und das wirkte nicht wahnsinnig belebt.
    der blog „trashkurs“ ist mir völlig unbekannt, aber laut den informationen dieser seite teil des verlags. drei andere schlummern friedlich vor sich hin.
    zeit, dass sich was dreht.

  35. 35

    und was ist jetzt eigentlich mit den sexthemen?

  36. 36
    Malte

    @ ovit
    Ich kann nur für Fooligan sprechen. Ursprünglich sollte es nur für die WM sein, jetzt bleiben wir aber doch am Ball. Bevor wir uns ständig wiederholen (die Bundesliga ist halt sehr schwach), berichten wir nur, wenn sich auch mal was tut. Wie zum Beispiel bei Dynamo Dresden.
    @ mp_464
    Also, den Toni Mahoni würde ich schon unter Sex sortieren. Etwa nicht?

  37. 37

    … ich will mich ovit mal anschließen. Ich hab immer gerne Lautgeben gelesen, aber bei denen ist’s nun wirklich ziemlich still geworden. Achja, und wo bleiben nun eigentlich die Sexthemen?

  38. 38

    Die Jugend von heute… Sex, Sex, Sex… das ist alles, woran sie denken… Na? Wie geht’s uns denn, Herr Hauptmann?

  39. 39

    neben internet, blogs schreiben, tv, radio, klingeltoene runterladen, musik in p2p netzen runterladen legal erwerben, playstation (und dergleichen), und doofe kommentare in anderen blogs abgeben, bleibt der jugend schliesslich nicht viel. :)

  40. 40
    Malte

    Macht die Jugend eigentlich auch mal (Achtung! Jetzt kommt der Sex-Content) was Analoges?

  41. 41

    Oh, Malte, aua ;)

  42. 42
    Malte

    Meine Hände haben gezittert, aber ich konnte nicht widerstehen. Legt einem Beckham nicht den Ball auf den Punkt. Er wird verziehen. Verzeiht.

  43. 43

    „Mittwochs schaut Sascha Lobo vorbei, […], macht sich Notizen und die Kaffeemaschine kaputt.“

    Geiler Humor! Jeden Mittwoch macht er die Kaffeemaschine kaputt. :-)))))

  44. 44
    Malte

    @ henning
    wie schön, jemand hat es gemerkt. das war mein heinz-erhardt-gedächtnis-scherz :)

  45. 45

    Ah, daher mochte ich den(*).

    * Heinz Erhardt oder den Witz, passt beides. :-)

Diesen Artikel kommentieren