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Moskau, Moskau! – Teil 3

moskau
Foto © borya

I live by the river!

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(Teil 1, Teil 2)

Wir wussten nichts über den Auftrittsort oder das Publikum, als wir uns am späten Nachmittag zum anderen Ende der Stadt aufmachten. Wir waren also auf alles gefasst. Nur nicht darauf, dass uns Adolf Hitler empfangen würde.

Uniform, Hakenkreuz-Armbinde, Stiefel, schwarzer Seitenscheitel, Popelbremse.

„Ah, you the band from Germany! You play metal?“

Gut zu wissen, wo der Kerl sich die ganzen Jahre versteckt hatte. Ich nahm mir vor bei der nächsten Gelegenheit, falls ich eine bekomme sollte, was ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr glaubte, die internationalen Behörden zu informieren.

Der etwa 20-Jährige, der offensichtlich am „Geschmacklosestes Kostüm“-Wettbewerb teilnahm und extrem gute Chancen auf die ersten zehn Plätze hatte, führte uns in die Halle, in der es passieren sollte. In den Saal, in dem sich „Plan B in Moskau“ manifestieren würde, direkt zur Geburtsstätte einer geografische und politische Grenzen sprengenden musikalischen Revolution.

Kurz, er führte uns in den Hinterraum einer sozialen Begegnungsstätte. Wer schon einmal den Clubraum eines Schützenvereins oder das Versammlungszimmer einer Jugendeinrichtung gesehen hat: So.

Ja, wir waren enttäuscht. Das war aber nicht das Schlimmste. Etwa ein Dutzend junger Menschen war trotz früher Stunde bereits versammelt, gut die Hälfte von ihnen war mit Nazi-Emblemen ausgestattet. Hakenkreuze überall, rot-weiß-schwarze Armbinden, strenge Kleidung. „Eine Falle!“, schoss es mir durch den Kopf.

Einer der Jungs muss unseren Angstschweiß gerochen haben. Alles halb so wild, versicherte er. Das sei eben Punk in Moskau. Der letzte Schrei. Das nächste große Ding. Das einzige, mit dem man die Milizija noch richtig schön verwirren und ärgern könne.

Na gut. Dann also im Stechschritt zur Bühne.

Auf eben jener war schon die Anlage aufgebaut. Ein selbstgebasteltes Schlagzeug, das aus allem zu bestehen schien, was man direkt vor der Tür gefunden hatte sowie zwei oder drei Radios, die als Gitarrenverstärker fungieren sollten. Der Begriff „Soundcheck“ bekam eine völlig neue Dimension. Und so ersparten wir uns selbigen.

Das alles klingt hier viel undankbarer, als es gemeint ist, denn natürlich waren sowohl Technik als auch Auftrittsort in Wahrheit völlig egal und schließlich hatten wir nichts erwartet. Nur war eben alles noch einmal komplett anders, als wir es nicht erwartet hatten.

Der Abend nahm mit nettem Kennenlernen und versuchten Kommunikationsprozessen in deutscher, russischer und englischer Sprache seinen Lauf. Während sich die Punks, Metalfreaks und Hippies in der einen Ecke des Raums ausbreiteten, nahmen die gesetzteren Hochzeitsgäste – Eltern, Großeltern, Urgroßeltern und ihre direkten und indirekten Angehörigen in bester Hochzeitsausstattung – in der anderen Platz. Keine der schon rein optisch doch recht unterschiedlichen Generationen schien die Anwesenheit der anderen zu stören, im Gegenteil. Schnell vermischten sich alle Gäste und die mitgebrachten Flüssigkeiten machten die Runde. Ich vermutete nach einem kleinen Schluck, dass es sich bei diesen Flüssigkeiten um reinen Alkohol handelte und dass ich lieber die Finger davon lassen sollte. Beides erwies sich im Lauf des Abends als richtig.

Vor unserem großen Auftritt spielte eine lokale „Heavy-Metal-Band“ (Selbstbeschreibung), die eher harmlosen Rock der Marke BAP machten und witzigerweise auch so klangen – ihr Russisch machte in meinen Ohren kaum einen Unterschied zu Kölsch. Die Jungs waren mit Herzblut dabei und der Support aller Anwesenden inklusive der Reisegruppe aus Deutschland war ihnen sicher.

Irgendwann betraten dann auch wir endlich die Bühne, eine kleine Erhebung inmitten der Feierstätte. Da inzwischen nicht nur Flaschen, sondern auch jede Menge weißes Pulver von nicht weiter erläuterter Herkunft (ein Waschmittelhersteller ist noch heute meine Vermutung) die Runde gemacht hatten, war die Stimmung auf einer Ebene angekommen, die man zurückblickend je nach persönlicher Lebenseinstellung als Hoch- oder Tiefpunkt bezeichnen könnte.

Wir begannen (man beachte die Dramaturgie im wochenlang sorgsam vorbereiteten Set!) mit Thin Lizzys „Boys Are Back In Town“ und nach etwa zweieinhalb Sekunden hatte uns der Saal im Griff. Neben mir kniete ein junger Punkrocker auf dem Boden und hörte nicht auf, an meiner Gitarre zu lecken, das „Schlagzeug“ war derart im Raum verteilt worden, dass unser Drummer größte Mühe hatte etwas trommelartiges aufzutreiben und irgendjemand, der später einmal Tontechniker werden wollte, kurbelte konstant an allen Verstärkern herum.

Es war das reinste Chaos, eine freundliche Saalschlacht, Anarchie. Und es war großartig. Es dauerte ein paar Minuten, bis die unsicheren Blicke, die wir uns als Band gegenseitig zuwarfen, zu breitem und ungläubigen Grinsen wurden, doch nachdem es passiert war, tauchten wir ein in die russische Art zu feiern.

Wir schafften etwa zwei, drei Stücke und auch davon nur das jeweils erste Drittel.

Dann stand die Miliz im Raum.

(Hier entlang zum vierten und letzten Teil…)

16 Kommentare

  1. 01

    … großartig, einfach großartig. wird das ein fortsetzungsroman oder ist es ein reisebericht? wie dem auch sei, ich lese es und möchte trotzdem dort nicht dabei gewesen sein…

  2. 02
    ES

    Der letzte Teil kommt aber nicht erst Heiligabend. Oder?

  3. 03

    Nee, so schnell, wie’s geht, also noch in diesen Tagen. Dauert halt immer etwas, das Tippen… ich wollte eigentlich mit dem dritten Teil abschließen, aber es gibt doch noch so viel zu erzählen. Der vierte wird der letzte Teil sein.

  4. 04
    ES

    Ich warte gespannt. Deine Cliffhanger sind ja auch nicht von schlechten Eltern.

  5. 05

    Ein kurzes, nicht fundiertes, sondern nur emotional begründetes „Prima“ und „Danke“. Es ist wie eine Musikkritik, mich packt es und berührt es.

  6. 06
    miKa

    hab mich gerade dabei erwischt, die Fortsetzung mit Spannung zu erwarten… Dabei hasse ich eigentlich Fortsetzungen.
    Dann dachte ich „Teil 3 – jetzt erfährst du die ganze Wahrheit“ und jetzt? –to be continued! Aaargh – Was passiert mit der Miliz? Alle verhaften? Zum Uran-pflücken nach Nowosibirsk? Das hier ist ja noch schlimmer als Weihnachten.

  7. 07

    Mir gefällt das du nicht im „über“ Stil über die Dinge schreibst sondern in einer lebensechten Art und Weise!

    Russland ist also Wilder und Provozierender als das übliche Westgedudel!

    Ich schmierte in solchen Fällen die Miliz mit einem Kugelschreiber von Beate Use – mit Pornodiakuckloch!

    Wie macht man das nur Heute?

  8. 08

    Ich möchte ein Taschenbuch von Dir!

  9. 09
    kleines frühstück

    ganz ehrlich? ich fand ja teil 1+2 eher so mittel, aber dieser dritte teil…1a, Spitze! ich musste eben heftig lachen! du hast ja ne‘ richtig humoristische ader! freu mich auf teil vier.

  10. 10
    anfängerin

    dem kann man nur zustimmen, von den ersten beiden war ich nicht soo begeistert, aber dieser dritte teil der geschichte ist das spannendste und überzeugendste was ich seit langem über russland gelesen habe!

  11. 11

    Ich möchte ja nicht undankbar erscheinen (schließlich hab ich die Teile 1-3 jetzt mit staunendem und faszinierten Blick gelesen) – aber die Defcom-Story ist wohl komplizierter zu schreiben, was? ;)

    (SCNR, ich hoffe Du weisst, wie’s gemeint ist)

    Gespannt auf die IV wartend, diaet

  12. 12
    Harm

    fantastisch!

    An der Begleitung einer Plan-B-Reunion hätte ich grosses Interesse. Kegelzimmer einer sozialen Begegnungsstätte wird gestellt.
    Bzgl. der Moskau-Episoden freue ich mich schon auf das 4te Lichtlein.
    (homo sapiens sapiens advisory: explicit christmette blog comment)

  13. 13
    Sascha

    Jetzt hast du´s geschafft! Bisher konnt ich mich der Teilnahme am „Web 2.0“ verweigern. Aber jetzt muss ich mich trotzdem mal bedanken für alles was man von Spreeblick hört/liest!

    MfG

  14. 14

    sehr spannend…hier liest das ganze büro mit. ;)

    ich war vor 2 jahren in moskau, unter anderem auch in einer filiale eines großen fast-food konzerns. während ich also in diesem restaurant saß, bemerkte ich, wie sich zwei jugendliche anfingen zu raufen. eigentlich nichts schlimmes, wirkte eigentlich noch relativ harmlos, passiert halt. kurze zeit später traf dann allerdings schon die polizei (?) ein, um den „konflikt“ auf ihre spezielle art und weise zu lösen. die polizisten schlugen auf die beiden streithähne ein, selbst, als diese schon blutend auf dem boden lagen. kurz darauf verfrachtete man die beiden in den manschaftswagen und die polizei fuhr wieder davon, ein mitarbeiter wischte das blut vom boden und alles schien wieder in ordnung. alles innerhalb von 1 1/2 minuten. ich ließ alles stehen und liegen und verließ umgehend das restaurant. in moskau ticken die uhren anders. unfassbar.

    fortsetzung!!!

  15. 15

    Rockt!

    Noch vor der Vier
    Trink ich ein Bier.

  16. 16
    Gene October

    Irgendwie hört sich Rock 1.0 besser an als Web 2.0.2.4

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