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Ich glotz TV. Not.

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Foto: Alicetiara

Täglich 227 Minuten, also fast vier Stunden, hat der durchschnittliche Deutsche ab 14 Jahren 2006 vor der Glotze gesessen

Das sagt die AgF, die Arbeitsgemeinschaft für Fernsehforschung. Um solche Zahlen zu ermitteln, stellen die solche Dinger, Messgeräte sagen die dazu, ich nenne sie mal Orakelkästen, neben die Fernsehgeräte von circa 5000 Haushalten, dem sogenannten Panel. Die Zahlen dessen Fernsehverhaltens werden dann hochgerechnet und – Zack! – hat man Einschaltquoten und solch aussagekräftigen Zahlen wie oben.

Diese nimmt jetzt der Werbezeitenvermarkter IP Deutschland daher und jubelt:

Damit sei die Annahme widerlegt, dass die zunehmende Verbreitung des Internets das Fernsehen verdränge, folgerte IP Deutschland. Dies bestätige sich auch bei einem Blick auf andere Industrieländer. Deutlich mehr Zeit als die Deutschen verbringen etwa die Amerikaner (299 Minuten) und die Briten (235 Minuten) vor dem TV-Bildschirm – in beiden Ländern sei das Internet bereits stärker verbreitet als hierzulande.

Was IP Deutschland natürlich verschweigt und was der digital Elaborierte aus seinem Alltag kennt: das Flimmern der Fernsehkiste ist zum bunten Geflacker im Hintergrund verkümmert, während vorne, da wo die Action stattfindet, das Browserfenster den Blick einfängt. Und nur ab und zu schaut man müde auf das Hintergrund-Medium des vergangenen Jahrtausends, teils belustigt, teils entsetzt ob der Obszönitäten, die da dem gemeinen Volk zum Fraß vorgeworfen werden (sollen).

Und wendet sich wieder dem verseuchten Interdings zu. Denn da ist es nicht ganz so langweilig und gelogen wird auch weniger wenigstens nicht überall, und der große Vorteil ist: man muss ja nicht hinklicken.

Aber ich verstehe schon, das IP Deutschland solche Sachen verschweigt. Hauptsache, die Zahlen stimmen.

24 Kommentare

  1. 01

    Diese Zahl glaube ich nicht. So.

  2. 02

    Naja, wenn nur die Leute mit den Meßgeräten an ihren Fernsehern in die Statistik aufgenommen werden, gehen ja die unter, die einfach keinen Fernseher besitzen. Wahrscheinlich sind das aber einfach zu wenige…

  3. 03
    y

    227 Minuten??? dabei gibt es in de doch nicht mal den TV-Screensaver Fashion Channel

  4. 04
    Roman

    Das „Bunte Geflacker im Hintergrund“ stimmt genau. Mein Fernseher ist so dermaßen alt und kaputt, dass man im Sommer ca. 20min „vorheizen“ muss, im Winter braucht er auch schon mal 45min.
    Der Fernseher läuft bei mir also nachmittags nur, damit ich sicher sein kann, am Abend fernsehen zu können.

  5. 05
    David

    Das ist aber eine recht verallgemeinernde TV-Schelte von dir, die Obszönitäten findet man ja genauso im Internet.

  6. 06

    Genau deshalb schrieb ich aber auch, dass man da nicht hinklicken muss. Im Fernsehen bekommt man sie vorgesetzt.

  7. 07

    Also ich gucke so viel TV nichtmal in einer Woche. Momentan bin ich allerdings auch nur noch enttäuscht vom deutschen Fernsehen (hab keinen Vergleich aus anderen Ländern).

    Im Bereich der Dokumentationen sind die öffentlich-rechtlichen meist noch ganz brauchbar. Aber alle sonstigen Eigenproduktionen (sowohl ö/r als auch private) kann man meiner Meinung nach fast ausnahmslos in die Tonne kloppen. Am schlimmsten ist es bei Serien. Da fallen mir bei den deutschen so schreckliche Sachen wie „žHinter Gittern“ oder „žAlarm für Cobra 11“ ein. Die wirklich guten Serien (Simpsons, Scrubs, 24, „¦) kommen alle aus den USA.

    Manchmal sind die Spielfilme okay, wenn man sie nicht schon ohne Werbeunterbrechung und im O-Ton vom DVD-Verleiher hatte.

    Im Bereich Infotainment/Politik bringt mir das Internet wesentlich mehr als das TV, das gerade bei den für mich interessanten Themen wie Netzpolitik und weiteren unglaublich hinter“™m Mond lebt.

    Und zum Wissenschaftsfernsehen kann man nur den Kopf schütteln. Was so Leute wie Guido Knopp oder Joachim Bluthbad da abliefern, kann man am besten mit Effekthascherei bezeichnen. Einzig Quarks & Co. mit Ranga Yogeshwar ist brauchbar, hat aber auch deutlich nachgelassen.

    Und zum Bereich Comedy möchte ich dann nur hierauf verweisen.

    Allerdings glaube ich, dass ich da sehr unrepresentativ bin. Wenn ich mir so die Leute im Bekanntenkreis anschaue, die ich am ehesten in die Kategorie „žDurchschnittsdeutscher“ einordnen würde, dann ist die Zahl mit den 4 h/d nicht sooo abwegig. Auch, wenn man die aktive Zeit vor dem TV betrachtet.

  8. 08
    schroeder

    Und was halten Sie davon, das „žGeflacker im Hintergrund“ ganz auszuschalten, während Sie vorne mit „žAction“ beschäftigt sind? IP hätte dann vielleicht weniger zu verschweigen, aber noch wichtiger: Sie hätten weniger Stromverbrauch. Das ist doch was!

  9. 09

    Noch ist das TV-Nutzungsbewertungssystem ein sich selbst genügendes. Nicht vergessen werden darf, dass die AGF kein unabhängiges Institut, sondern eine Arbeitsgemeinschaft der Fernsehsender ist, deren verlängerte Arme die Vermarktungsgesellschaften ARD Werbung, IP, Sevenonemedia etc. sind, an deren Tropf die Mediaagenturen als Mittler zwischen Werbetreibenden und Sender hängen. Alle miteinander verbindet viel Geld, die Budgets für TV-Werbung. Ist völlig verständlich, dass versucht wird, jede Entwicklung, die dieses babylonische Gebilde gefährden könnte, klein zu reden. Soll die Glotze halt laufen, die Frage wird sein, was demnächst auf diesem Screen stattfindet.

  10. 10
    schroeder

    „ž…was demnächst auf diesem Screen stattfindet.“

    Ich vermute nichts anderes: Anbieter, gute wie schlechte, werden sich immer weiter etablieren. Böse Zungen sagen vielleicht „žsich verkaufen“ dazu. Werbeetats werden anstatt im Fernsehen mehr und mehr im Internet verpulvert. Firmen werden pleite machen. Neue gründen sich. Dann kommt die nächste Generation, quängelt über Inhalte und will alles besser machen. Wenn Sie so wollen, bleibt es alles beim alten.

  11. 11

    Der Unterschied wird darin bestehen, dass nicht mehr eine große und damit teure Anzahl an Nutzern benötigt wird, damit sich eine Sendung lohnt – wenn das Internet das Medium für den Transport bewegter Bilder auf den heimischen (und sonstwo befindlichen) Schirm sein wird. Wir können also „die Masse“ getrost ihren Neigungen überlassen, wer will, kann in neuen, sich ausdifferenzierenden Programmen agieren. Anbieten und nachfragen. Wir müssen nicht mehr nur quengeln, wir können machen. Ich bin optimistisch.

  12. 12

    Stimmt schon, die Menge des Fernsehkonsums ist sicher irreführend.

    Man ist dem aber nicht ausgeliefert: Obwohl ich habe den Fernseher schon vor einer Weile verkauft habe, sehe ich auch auf dem Rechner nur gezielt fern. Genauso wie man weiterhin Bücher und Zeitungen liest oder DVDs ausleiht.

    Dadurch kucke ich zwar nur selten, aber es gibt das durchaus: gutes Fernsehen — genauso wie es gutes Radio gibt. Das schlechte muß man ja nicht kucken, auch nicht als Hintergrundprogramm. Insofern habe ich nicht das Gefühl, dem hilflos ausgesetzt zu sein.

    [Deswegen ist auch das Schweigen von Zoomo so schade.]

  13. 13
    ~thc

    das ist ein bisschen, wie mit dem netten beispiel aus michael crichtons roman „dino park“ (später nach dem film „jurassic park“):

    die dino’s sind alle weiblich, damit sie sich nicht vermehren und konnen selbst die aminosäure lysin nicht produzieren, damit sie, falls sie von der insel fliehen, an lysinmangel sterben. (auf der insel bekommen sie futter mit zugesetztem lysin)

    die größte gefahr für die umwelt besteht in der flucht von dinos und daher zählt das computersystem jeden tag die populationen peinlich genau durch, bis es die exakte anzahl jeder gattung erfasst hat.

    später stellt sich heraus, dass sich die dinos schon seit einiger zeit kräftig vermehren und zum teil (vor allem bei den kleineren gattungen) ein vielfaches der ursprünglichen populationen erreichten.

    das programm zählte immer genau bis zu den erwarteten anzahlen und schlug nie alarm – es reflektierte eben die falsche grundannahme.

    hier bei den fernseh-messgeräten wird nur erfasst, wer den fernseher anstellt und wann er wieder abgestellt wird. ob die person(en) wirklich davor sitzen und zusehen, wird nicht erfasst oder hinterfragt – es wird vereinfachend angenommmen.

  14. 14

    @~thc: Das glaube ich eigentlich nicht. Die gehen mit Sicherheit nicht davon aus, dass jeder, der den Fernseher eingeschaltet hat, auch davor sitzt. Ich denke, die haben da schon ein paar Statistiker mit etwas Ahnung sitzen. Müssen die ja auch, da nur wenige Haushalte beobachtet werden um die Einschaltquoten zu bestimmen.
    Ich glaube also schon, dass die Ergebnisse relativ repräsentativ sind.

  15. 15

    So ist es. Die Panelteilnehmer werden regelmässig stichprobenartig per Telefon nach ihren aktuellen Aktivitäten befragt. Tätigkeiten während des Fernsehens werden damit erfaßt. Eine Schieflage ist natürlich immer dabei (etwa die Nichtberücksichtigung der generellen Nichtfernsehnutzer), denn es handelt sich auch bei den Methoden der Fernsehzuschauerforschung um die Anwendung eines Modells der Wirklichkeit und nicht um die Abbildung der Wirklichkeit selbst. Letztlich ist die Erfassung der Wirklichkeit auch sekundär, solange sich die Beteiligten über das Modell und seine Grenzen bewußt sind. Nochmal: bei dem AGF-Modell handelt es sich nicht um unabhängige Forschung, sondern um eine zwischen den Akteuren des Fernsehgeschehens vereinbarte Form der Nutzungsbewertung, die heute in der Hauptsache als Währung für die Bewertung der Werbeleistung dient. Auf dieser Basis werden Milliarden an Werbegeldern bewegt.

  16. 16
    schroeder

    @Andreas/Andreas
    Ihr Optimismus in allen Ehren aber sie unterschätzen „ždie Masse“. Sie ist der entscheidende Grund für die Expansionsstimmung. Spätestens wenn der Investor winkt, geht es nicht mehr nur um das Machen allein. Machen können Sie auch heute schon.

  17. 17

    Die (zugegebenermassen junge) Geschichte des Internets ermutigt mich zur Annahme, dass auch künftig neben den großen Playern genügend Platz sein wird für viele andere Medienanbieter, die genau das nicht benötigen: die grosse Masse. Ich will ja nicht Prosiebensateinsrtl abschaffen (obwohl ich ihnen keine Träne nachweinen würde), aber der sich vereinfachende technische Zugang zum häuslichen Fernseher und Volksempfänger via Internet sowie die sich verbessernden Techniken der Produktion und Übertragung werden genutzt werden. Wir haben doch heute schon im Bereich des klassischen TV eine immer grössere Anzahl kleinerer Akteure, heute schon, obwohl der Zugang teuer und reglementiert ist. Ausserdem: es sind immer die Visionen, die uns weiterbringen, nie die Bedenken.

  18. 18

    Mir ist es egal, ob sie stimmt oder nicht!
    Auf mich trifft es zumindest nicht zu, zumindest nicht auf meine Fernsehzeit. Auf meine PC-Zeit schon eher.

  19. 19
    schroeder

    Gegen Visionen ist kein Kraut gewachsen. Dennoch: was macht Sie so sicher, dass das Internet noch in 10 Jahren so billig und unreglementiert bleibt?

  20. 20

    @ Schroeder: Der Aufbegehrenswillen der Nutzer natürlich… und die Hoffnung, die ja bekanntlich immer zuletzt stirbt.

  21. 21

    So ist es. Für Pessimismus bleibt später noch Zeit. Sicher bin ich mir nie – es gibt bekanntlich keine Sicherheiten, als Selbständiger kann ich da ein Lied von singen. Es gibt jedoch einen Gestaltungswillen, den ich bei sehr vielen Akteuren im Internet sehe. Ich bin auch nicht so pessimistisch zu glauben, dass in den Massenmedien (innerhalb derer sich das Internet als zum wichtigsten entwickelte) die grossen Playern alle anderen Aktivitäten platt machen können. Ich finde die Geschichte des Internets als sehr ermutigendes Beispiel – nichtsdestoweniger werden die „Kleinen“ stets für Ihren Aneil am Kuchen kämpfen müssen. Wir leben nicht im Schlaraffenland, wo einem gebratene Tauben ins Maul fliegen.

  22. 22
    samuel

    Danke für den herrlichen Lacher, direkt nach der entsprechenden Zeile mal zum Fernseher rübergelinst…

  23. 23

    „Ich habe gar keinen Fernseher. Ich hab doch Internet!“

  24. 24

    ..wenn doch nur mal wenigstens endlich ’nur‘ alle TV-Sender auch über’s Netz zu empfangen wären – aber irgendwie ist irgendwas oder irgendwer noch nicht so weit.. ichverstehdasnicht….

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