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Ich bin eine Grafikhure

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(Foto: Peter Guthrie)

Es ist die alte Geschichte: Spielspaß vs. Grafik.

Die Fronten sind verhärtet, und beide Seiten sind unerbittlich in ihren jeweiligen Urteilen über die anderen. Wer rein auf Spielspaß schwört, hat offenbar ein Gerät aus dem Museum, und wem vor allem die Grafik wichtig ist, der kauft auch Bücher aufgrund der Schutzumschlag-Gestaltung.

Nun denn.

Wie bereits erwähnt, steht momentan eines dieser neumodischen Kraftpakete in meinem Wohnzimmer. Der Hersteller hebt die Grafikleistung explizit hervor; von einem »Grafikmonster« ist da die Rede, einem »Quantensprung«, und es wird nicht gegeizt mit Begriffen wie »umwerfend« und »atemberaubend«.

Als alten Spielspaß-Hasen und Verfechter des Prinzips »form follows function« machen mich solche Aussagen naturgemäß nicht wirklich an. Grafikmonster? Na und? Wie lässt es sich besiegen, was muss ich drücken, damit es verschwindet?

Ich starte also ein Experiment und spiele seit Tagen nur der Grafik wegen.

Um nichts in der Welt möchte ich jetzt meine anderen Systeme hergeben, und um nichts in der Welt möchte ich ab sofort behaupten, Grafik sei wichtiger als Spielspaß.

Aber Leute, ganz ehrlich: Auf einem 3,50 Meter (gefühlte Größe) Plasmaschirm eklige Insekten-Aliens durchs Eis jagen und dabei knirschende Stapfspuren zu hinterlassen, von Hochausdächern auf eine futuristische Stadt zu blicken (und zwar auf das gesamte Spielfeld und nicht bloß auf ein pixeliges Abbild), grob geschätzt 3.000 unterschiedlich animierten Feinden davonzulaufen oder mit Vollgas durch eine wirklich und tatsächlich atemberaubend umwerfend realistische Stadt zu brettern — wer, bitteschön, braucht da noch ein Spielprinzip?

Ich könnte mich stundenlang berauschen an Effekten wie wehenden Rauchschwaden und bildschirmfüllenden Explosionen. Könnte ganze Nächte durch wahnwitzig große Level streifen, auf der Suche nach einem perfekten Aussichtspunkt. Einfach nur so. Zum Spaß. Weil es plötzlich geht.

Das ist wie Sight-Seeing auf einem fremden Planeten. Großes Action-Kino, Popcorn. THX für die weit aufgerissenen Augen — the audience is watching und richtig schwer beeindruckt.

Irgendwie, ganz komisch, erinnert mich das an die ersten Polygon-Landschaften auf einem berühmten Heimcomputer. Einfach nur gucken. Bauklötze staunen. So gesehen schaffen die Grafikmonster tatsächlich etwas revolutionäres.

Ich hab’s schon mal gesagt, und ich sag’s gerne wieder: Wow.

Aber ich kaufe ja auch Bücher aufgrund der Schutzumschlag-Gestaltung.

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