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Das Wunder des Bloggens – Gespräch mit Stefan Niggemeier

Spreeblick: Stefan-Niggemeier.de ist extrem kampagnenfähig. Du bloggst zehn Mal hintereinander über 9Live. Hast du da nie die Sorge, dich zu wiederholen?

Niggemeier: Naja, das ist eine Gratwanderung. Und ein Experiment für
mich: Was kann ich anstellen in und mit diesem Medium Blog? Bei 9Live entsteht da im Grunde gerade nebenbei ein kleines Archiv rund um das Thema Call-TV; mit Beispielen, Beschreibungen, Dokumenten – ich habe in den nächsten Wochen auch noch einiges vor. Aber wenn du so willst, ist auch BILDblog eine einzige Kampagne. Ich glaube, Blogs sind ein ideales Medium, sich an bestimmten Themen festzubeißen und gründlich – die Kritiker würden sagen: obsessiv – abzuarbeiten.

S: BILDblog wird ja zunehmend vorgeworfen, dass es so kleinlich wäre.

N: Wir sind auch kleinlich. Oft zeigen sich in den kleinen Fehlern auch die großen Abgründe. Mich ärgert es allerdings, wenn Leute sagen:
„BILDblog wird immer kleinlicher“. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Mit vielen vermeintlichen Kleinigkeiten oder Flüchtigkeitsfehlern, aus denen wir früher Einträge gemacht hätten, beschäftigen wir uns heute gar nicht mehr. Ich glaube, dass es da noch ein Problem gibt, als Leser mit dem Grundprinzip von Blogs umzugehen, Einträge in der Regel nur zeitlich zu ordnen. In jeder Zeitung gibt es große Aufmacher, lange Reportagen – und kleine Randmeldungen. Das nimmt jeder als Gesamtkunstwerk hin. Wenn wir bei BILDblog oben eine Kleinigkeit stehen haben, kommen sofort die Beschwerden: „Dann macht doch lieber gar nichts als solchen Kleinkram.“ Und die Leute sehen nicht, dass zwei Plätze darunter die große Hammergeschichte steht.

S: Du warst festangestellt bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, jetzt schreibst du da als freier Mitarbeiter. Hast du die Festanstellung gekündigt, weil du gedacht hast: Die Zukunft liegt im Netz?

N: Ja, auch. Das klingt vielleicht komisch, wenn ich sage: Ja, ich habe
gedacht, die Zukunft liegt im Netz. Ich glaube nicht, dass das das Ende von Zeitungen ist oder so. Aber ich habe tatsächlich das Gefühl, da passiert gerade ganz viel im Internet. Alle denken, das sei nur ein Hype und hört bald wieder auf, das ist aber gar nicht so. Ich dachte: Jetzt ist der Zeitpunkt, dabei zu sein und auszuprobieren, was man da machen
kann. Ich weiß nicht, ob es in ein paar Jahren noch so einfach und so spannend wäre.

S: Es ist ein Hype, aber es wird immer da sein. Die Wahrnehmung durch
die Medien und die Realität klaffen da extrem weit auseinander. Die Süddeutsche beispielsweise ist wahnsinnig internetfeindlich. Du musst als normaler, nicht-internetaffiner Süddeutsche-Leser denken, dass du im Netz von Kinderschänderbanden ausgeraubt wirst. Ich gehe aber davon aus, dass das Internet die Welt mehr verändern wird als das Buch.

N: Das weiß ich nicht, da fallen mir doch einige Erfolgsgeschichten des
Buches ein. Die Sache damals mit Luther war ja schon mal ein eindrucksvoller Anfang.

S: Zweifellos. Aber schau dir allein das Bloggen an. Bloggen ist für
viele 12-, 13jährige Schulkinder heute Alltag. Dabei wird natürlich weder Literatur noch Journalismus hergestellt, aber es wird doch nie wieder jemand darauf verzichten, seine Meinung so einfach veröffentlichen zu können.

N: Es macht aber auch wirklich süchtig, finde ich. Ich stelle an mir
auch erschreckende Suchttendenzen fest. Und diese furchtbare Enttäuschung, wenn du denkst, du hättest etwas unglaublich Lustiges gebloggt und du schaust eine Stunde später und es hat noch keiner kommentiert.

S: Machen dir negative Kommentare etwas aus?

N: Viel schlimmer ist, wenn meine Witze nicht verstanden werden. Bei
BILDblog war es durchaus ein angenehmer Nebeneffekt, nachdem wir die Kommentare abgeschaltet haben, dass wir nicht mehr mitansehen mussten, wie übereifrige Leser versuchten, rhetorischen Fragen aus den Einträgen zu beantworten.

S: Wenn du deine Kolumne in der FAS schreibst: Was merkst du davon an Reaktion?

N: Sehr wenig. Vor allem gibt es natürlich Resonanz aus der Branche.
Kollegen oder Fernsehproduzenten sagen dann vielleicht mal: „Superwitzig“ oder „Endlich schreibt das mal jemand auf.“ Oder sie beschweren sich, wenn sie etwas ungerecht oder daneben fanden. Aber wenn es hoch kommt, bekommst du einen Leserbrief in der Woche. Mit etwas Pech gelegentlich auch noch in Sütterlin-Schrift. Man schreibt viel mehr in einen leeren, unbekannten Raum rein. Umso toller ist dann der Austausch mit Blog-Lesern. Bis hin dazu, dass dir Kommentatoren schon mal die Monster-Pointe unter einen mäßigen Text setzen. Das ist das pure Glück.

S: Du schaust wirklich viel Fernsehen. Bist du wie Bastian Pastewka vom
Fernsehen groß gezogen worden?

N: Ja, aber es lässt ein bisschen nach in letzter Zeit. Aber ich bin immer noch Fernsehjunkie. Wenn du DVDs von britischen oder amerikanischen Sendungen dazu zählst, sowieso.

S: Ich fand die Debatte um den Grimme-Preis für Extreme Activity
interessant. Deine Argumentation, dass es nicht unbedingt Aufgabe einer
Unterhaltunssendung ist, Problembewusstsein zu schaffen, fand ich
nachvollziehbar. Aber ausgerechnet Extreme Activity?

N: Wir haben uns kaputt gelacht.

S: Jana Hensel aber fand, dass das Lachen nicht reichen kann.

N: Sie hat in der Jury und später in der Süddeutschen ungefähr gefragt: „Muss nicht der Grimme-Preis der Preis sein, der nur das Schöne, Edle, Wahre, Bedeutungsschwangere auszeichnet?“ Das ist ja eine berechtigte Frage. Ärgerlich fand ich nur, dass sie das nach dem Motto aufgeschrieben hat: „Die anderen haben das alle nicht kapiert.“ Wir haben das alle kapiert. Wir waren nur anderer Meinung.

S: Dass es einen Preis gibt, der sich nicht allein nach dem Massengeschmack richtet, finde ich durchaus wichtig.

N: Ich auch. Das hast du aber beim Grimme-Preis immer noch. Wir hatten in unserer kleinen Unterhaltungs-Jury zwei Preise zu vergeben. Der eine ging an Türkisch für Anfänger. Das ist eine Serie, die wirklich auch klassische Grimme-Preis-Ansprüche erfüllt. Sie ist unterhaltsam, modern, schnell, lustig. Aber sie hat auch eine Tiefe, eine Relevanz und erzählt kluge Geschichten über den Zusammenprall der Kulturen. Und da hat die Mehrheit der Jury gesagt: Wenn wir das auszeichnen, können wir den zweiten Preis auch einer Show geben, die „nur“ unterhaltend ist.

S: Du schreibst auch sehr unterhaltsam und für Bloggerverhältnisse sehr
klar. Du erklärst durchaus Begriffe und setzt weniger voraus als es vielleicht bei Spreeblick der Fall ist.

N: Das ist womöglich die journalistische Ausbildung.

S: Ich lese überhaupt gern die Profis im Netz. Don Alphonso zum Beispiel
schreibt sehr gute Artikel, wenn er von Weidlingen zum Großen und Ganzen kommt.

N: Finde ich unleserlich und Weidlinge interessieren mich nicht die Bohne. Aber das ist eine reine Geschmacksfrage.

S: Wo siehst du denn den Hauptunterschied zwischen Bloggen und
journalistischem Schreiben?

N: Das meiste, das ich blogge, ist ja auch irgendwie journalistisch. Aber ein konkreter Unterschied bei mir ist der, dass bestimmt die Hälfte meiner Arbeitszeit bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung dafür draufging, auszuwählen, zu fragen: „Ist das wirklich das richtige Thema, ist das wichtig genug, müsste ich das nicht von einer anderen Seite angehen, hatte ich das nicht schon letzte Woche?“ In meinem kleinen Privatblog kann ich diese Fragen weitgehend ignorieren und einfach aufschreiben: „Hier ist mir eine Kleinigkeit aufgefallen, hatte ich vielleicht gestern schon, ist mir doch egal.“

S: Du musst im Prinzip weniger an die Leser denken und möglicherweise
wird es genau dadurch für die Leser interessanter.

N: Naja, ob das als grundsätzliche Regel taugt? Ich glaube eher nicht.
Aber manchmal funktioniert es. Das ist das Wunder.

20 Kommentare

  1. 01

    Schönes Interview. Und damit meine ich Antworten wie Fragen (wobei der gute Malte ja mit erstaunlich wenigen Fragezeichen auskommt…).

  2. 02

    „žIst das wirklich das richtige Thema, ist das wichtig genug, müsste ich das nicht von einer anderen Seite angehen, hatte ich das nicht schon letzte Woche?“

    Danke für die interessanten Einsichten. (Wobei ich glaube, dass es einigen beim Bloggen auch so geht – oder irgendwie abgewandelt.)

  3. 03

    Ein wirklich interessantes Interview. Schön.

  4. 04

    Lieber Stefan, genau richtig so. Im Umgang mit den heutigen Medien kann man gar nicht kleinlich genug sein. In unserem Blog und Städtchen Bielefeld haben wir aktuell Fall, in dem wir Schleichwerbung im Redaktionellen anprangern. Klar, kann man auch kleinlich nennen, aber in meinen Augen sind es gerade diese kleinen Grabenkämpfe, die es ausmachen!

    Vielen Dank für dieses Interview

  5. 05

    Ich lese immer Niggermeier, am Anfang dachte ich auch der Mensch hieße wirklich so ^^

    Ist diese Kulturrevolution Internet im Vergleich zum Buch nicht nur ein anderes Potential? -> Und die Killerapplikation Luther-Bibel fehlt dem Internet ja irgendwie noch :D

  6. 06

    Feines Interview – wenn man es noch so nennen kann. Ich würde es ja – bei dem schon angemerkten Mangel an Fragezeichen (ich würde fast behaupten, Malte hat weniger Fragen gestellt als Stefan) – eher als Gespräch bezeichnen. Finde ich auch angenehmer so.

  7. 07
    Malte

    Ich müsst euch da, wo ein Punkt steht, einen fragenden Blick vorstellen. Nein, um der Wahrheit die Ehre zu geben: Nur ich habe geredet. Ich habe dann aus den „Ähm, aber“, „Jooah“ und „Gntzmpfh“-Einwürfen möglichst eloquente Antworten geschmiedet.

  8. 08

    tja, ist auf jeden fall mutig von ihm, seine festanstellung aufzugeben. respekt. so sicher bin ich mir mit der blogsache noch nicht, immmerhin gibt es mehr blogger als leser :-)

  9. 09

    Bitte mehr solche Interviews.

  10. 10

    @Marius: Das ging mir bis vor kurzem auch so.

    Schönes Interview. Zeigt mal wieder, wie sympathisch mir der Herr Niggemeier ist.

    Zum Internet-Buch-Vergleich: Ich glaube, dass das Internet irgendwann mindestens genauso bedeutend wie das Buch sein wird. Aber ich glaube auch, dass es bis zu dieser Erkenntnis noch etwas dauert und noch einige Killerfeatures des Internet sich erst herausbilden müssen.

  11. 11
    dussel

    Malte geht’s wie mir. Ich les‘ auch extrem gern die Journalisten-Blogger. Den Niggemeier, Meier (Wer is’n das? Sorry, aber Don Alphonso – wie beknackt klingt das denn?!), Knüwer. Nicht dass alle anderen schlecht wären. Sie sind nur meist – rein subjektiv – nicht so spannend. Schlechte Schreibe und so. Außer Lawblog vielleicht. Und außer Malte.

  12. 12

    „Jetzt ist der Zeitpunkt, dabei zu sein und auszuprobieren, was man da machen kann.“

    Schöne Einstellung. Sehr gut! :)

    Grüße,

    René
    ProBloggerWorld

  13. 13

    Silicon Valley und Web 1.0 hab ich verpasst… Aber ich habe das Gefühl, etwas mitzuerleben, dass das alles toppt :)

  14. 14
    Last

    Das ist so 1995. Warum gibt es das Gespräch nicht als Podcast?

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