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Betas, Patches, Updates

updaterpatch

(Foto: WhiskeyTangoFoxtrot)

Früher, als es noch kein Internet gab, und man Anwendungsprogramme und Computerspiele auf kleinen Plastikscheibchen in großen Pappverpackungen erstanden hat, mussten Software-Entwickler unter allen Umständen sicherstellen, dass ihre Produkte fehlerfrei waren oder sich zumindest in einem Stadium des »erlebten Perfektionismus« befanden.

Die Vertriebswege waren lang, Defekte mündeten in wahnwitzig teuren Rückholaktionen, und dem Benutzer war es im großen und ganzen nicht zuzumuten, viel Geld für ein Produkt hinzulegen, welches sich noch im Fertigungsprozess befand.

Lufholen.

Ich kann mich z.B. noch an die Version 6 einer berühmten Textverarbeitung erinnern, welche auf sage und schreibe 14 Disketten ausgeliefert wurde. Leider hatte irgendwer bei irgendwas geschlampt, das gute Stück lief nicht wie es sollte, und so musste ich einen Brief an die Europäische Niederlassung verfassen, meinen Kaufbeleg samt Seriennummer-Nachweis beilegen, die Originale einsenden und zwei Wochen auf die fehlerbereingte »Version 6.0.1« warten.

Wieder 14 Disketten.

Zum Glück ist das heute anders. Sowohl bei Software auf meinem Rechner als auch bei Spielen in meiner Konsole erscheint eine Nachricht, sobald eine neue Version und/oder eine Aktualisierung vorhanden ist. Wunder des Internet; ein Klick, und ich bin auf dem neuesten Stand, dank DSL & Co. sogar in Nullkommanix.

Fehlerbeseitigungen, Verbesserungen, neue Funktionen, mehr Level, neue Spielmodi — die ursprünglich erstandene Version ist nur noch selten die, die man tatsächlich nutzt, vor allem am heimischen Computer.

Spieleentwickler gehen mit dieser neuen Möglichkeit, Fehler erst nach Ausfertigung auszumerzen und wichtige Funktionen nachzureichen, aktuell noch sehr besonnen, ja fast schon sparsam um. Zyniker werden behaupten, die Firmen beugten sich dem demographischen Druck; nicht jedes System bietet eine Auto-Update-Funktion, und von den Systemen, die eine bieten, sind nicht alle ans Internet angeschlossen. Es wäre also schlechte Geschäftspraxis, einem Großteil der Kunden unfertige Produkte verkaufen zu wollen.

Ich glaube allerdings, dass die Realität eher so ist, dass eine Spieleentwicklung so unendlich viel Zeit und Geld verschlingt, dass es auf ein paar Bug-Jagden mehr oder weniger auch nicht ankommt, und man intelligenterweise von Anfang an genau durchplant, welche Funktionen das Endprodukt haben soll.

Zudem wurden Spiele vor allem für Konsolen bislang auf unveränderbaren Medien produziert. Die Hersteller taten also gut daran, perfekte Produkte abzuliefern, und ich gehe einfach davon aus, dass sie das enorm geschult hat. ;)

Die Frage ist allerdings, wie das in… sagen wir mal… zehn Jahren aussieht, wenn die nächte oder übernächste Konsolengeneration standardmäßig voll vernetzt und mit massig Speicher ausgerüstet ist. Sollten die gegenwärtigen Methoden im Computersoftware-Bereich eine grobe Vorstellung der Spiel-Zukunft sein, so muss man sich doch ernsthaft Sorgen um unser Verständnis einer »Retail-Version« machen.

Es vergeht schließlich kein Tag vor meinem Computer, an dem ich nicht eine »neue« Version irgendeines Programmes würde herunterladen können. Von leidigen weil ewigen Beta-Programmen will ich trotz des Artikel-Titels gar nicht erst anfangen.

Ich frage mich manchmal, ob das nicht das herausragendste ist, das das World Wide Web uns gebracht hat: Das Unfertige. Nichts ist mehr absolut, nicht ist endgültig. Man schaue nur rüber zu Wikipedia, wo das, was gemeinhin als »Fakten« bezeichnet wird, also unumstößliche Tatsachen, einem ständigen Wandel ausgesetzt ist.

Tja.

Vielleicht ist in zehn Jahren also einfach das Konzept eines in sich geschlossenen Pogrammes so weit aufgeweicht, dass wir z.B. gar keine Spiele im eigentlichen Sinne mehr kaufen, sondern nur noch die Grunddaten, sowas wie »Basepacks«. Vielleicht einen Datenträger mit hochauflösenden Texturen, Filmen, Sounds und ähnlichem, während das eigentliche Programm mitsamt Levelbeschreibung etc. auf einem zentralen Server liegt und ohnehin ständig aktualisiert und verändert wird.

Bis es soweit ist, hoffe ich jedenfalls weiterhin auf die Umsichtigkeit der Entwickler und darauf, dass die in Teilen der Software-Branche anzutreffenden Auswüchse die Ausnahme bleiben.

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