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Heute vor 62 Jahren

stolperstein
Foto © Udo Herzog

Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa.

Genau wie Cem spaziere ich täglich, meist recht gut gelaunt, oft mit einem Kind an der Hand, an den Berliner Stolpersteinen von Gunter Demnig entlang und bin jeden Tag erneut beeindruckt von ihrer Nachhaltigkeit.

Ich kann sie nicht ignorieren, will es auch gar nicht, sie tauchen meine innere Umgebung jedes einzelne Mal für Bruchteile von Sekunden in ein filmisches Schwarzweiß und stellen mir Fragen… nein, das ist falsch, sie stellen mir keine Fragen, die stelle ich mir selbst. Keine weinerlichen oder pseudo-betroffenen, sondern spannende, herausfordernde Fragen, die den Kopf füttern und die ihren Zweck damit viel mehr und viel leichter erfüllen als viele andere Versuche, den Glücklichen an die Unglücklichen zu erinnern.

Wie fühlte sich diese Nachbarschaft damals an? Welcher der älteren Menschen im Kiez wohnte hier damals schon? Wie wäre mein Leben verlaufen, wäre ich ein paar Jahrzehnte früher geboren worden? Wie hätte ich mich verhalten? Wie würde ich mich heute verhalten, wie sähe mein Leben aus, wenn die Generationen vorher… Ich kann es nicht wissen, aber ich kann ja mal überlegen.

Es sind diese Sekunden, in denen man sein eigenes großes Maul mal wieder in Relation setzt, und das passt sowieso immer.

„Für ein besseres Morgen“
Anton Waldt

Hinweis: Das Foto zeigt einen Hamburger Stolperstein, ich weiß. Es war jedoch absurderweise das einzige unter kommerziell nutzbarer CC-Lizenz, das ich bei flickr finden konnte.

38 Kommentare

  1. 01

    „Für überhaupt ein Morgen“
    -.markus

    (und jetzt setze ich wieder mein eigenes großes Maul in Relation ;) Schöner Eintrag, übrigens!)

  2. 02
    stolperer

    Zum Thema Stolpersteine gab es am Wochenende auch einen schönen Text in der taz (http://www.taz.de/dx/2007/05/05/a0025.1/text). Zum Foto: warum hast du nicht einfach den Stein fotografiert und gezeigt, an dem du täglich langspazierst?

  3. 03

    Gute Frage. Weil ich gestern, als mir zuletzt wieder einer aufgefallen ist, nicht daran gedacht habe. Komischerweise bin ich ganz sicher, darüber vor Jahren schonmal bei Spreeblick geschrieben zu haben und finde den Text nicht…

  4. 04

    Ich achte immer darauf, nicht auf die Stolpersteine zu treten. Und achte auch darauf, dass mein Kind nicht auf Stolpersteine tritt. Und warte auf den tag, an dem mein Kind mich nach den Stolpersteinen fragt.

  5. 05

    Beeindruckend finde ich, wie diese kleinen Dinger doch eine wesentlich größere Wirkung erzielen, als das vielgepriesen Holocaust-Mahnmal, welches mehr als Touristen- und Klassenfahrtsattraktion verkommt anstatt uns zum nachdenken zu bewegen.

  6. 06

    Mayweather, das kam bei uns schon. Kann man so ab 5 Jahren auch erklären, finde ich, wenn auch in leicht vereinfachter Version: Krieg, Hass ob anderen Glaubens oder anderer Herkunft, Mord… Ich glaube, das ist schon sehr viel des Unguten, aber man kann und will ja auch nicht alles schönmalen.

    Konzentrationslager habe ich (noch) nicht erwähnt, das geht ja selbst über den erwachsenen Verstand.

    sonnenscheinguru, jau, genau das meine ich.

  7. 07
    studi

    Guter Betrag, meine Gedanke sind ähnlich.

    @Mayweather
    Ich trete auch nie auf die Steine, den Aspekt mit den Kindern hatte ich noch gar nicht bedacht. Werde das, wenn es mal soweit ist, auch so machen..

  8. 08

    Danke!
    Auch an stolperer für den tollen Hinweis!!

  9. 09

    @johnny: Deine Erinnerung trügt Dich, glaube ich, nicht. Wo die Steine in Spreeblick eingelassen wurden, weiß ich aber auch nicht.

  10. 10

    Auch ich finde die Stolpersteine nachhaltig beeindruckend, die ich immer wieder beim Laufen durch Freiburgs Gassen entdecke. Gegen das Vergessen bleibe ich eine Weile davor stehen und versuche mich in diese Zeit zu versetzen. Ich denke das hilft im Hier und jetzt aufmerksam und wach zu bleiben.
    Der Stadtrat von München lehnte vor Jahren die Verlegung der Steine ab, kann es sein das es dort immer noch keine gibt? Das fände ich sehr beschämend für die ehemalige „Hauptstadt der Bewegung“, auch wenn sie jetzt dort so eine beindruckende neue Synagoge im Stadtzentrum haben.

  11. 11

    Bei uns in Göppingen hat der auch so was gemacht. Ich finde den Mann einen nervenden Wichtigtuer.

  12. 12

    Danke, Johnny. Obwohl in Hamburg über 1000 Stolpersteine liegen, der 1000. auf dem Hambuger Rathhaus Markt, sind mir diese nie aufgefallen. Ich werd‘ heute mit offeneren Augen durch die Stadt gehen.

  13. 13
    ick

    hab die in berlin auch noch nicht entdeckt. wo kann ich denn?

  14. 14

    @ick: Wohnst Du in einem Berliner Randbezirk, daß Du beim Gehen nicht ständig nach unten siehst, um der Hundekacke auszuweichen?
    Ich seh sie ständig, kann aber auch keinen konkret benennen. Klick Dich doch durch http://de.wikipedia.org/wiki/Stolpersteine

  15. 15

    Mayweather: Wenn ich mich richtig erinnere, sieht zumindest Gunter Demnig das mit dem drauftreten durchaus positiv: die Steine werden dadurch blankgeputzt und bleiben sichtbar.

  16. 16

    Danke, dass du an diesen Tag erinnerst.

  17. 17
    boo

    @sonnenscheinguru (Holocaustmahnmal):
    Bei dem Wettbewerb zum Mahnmal gabs ’nen guten Beitrag der in diese Stopersteinrichtung geht:
    http://www.matzfotografie.de/deu/textarchiv/mahn.htm
    Statt einer Bebauung des Grundstücks in Mitte wird vorgeschlagen, die A 7 bei Kassel auf 1 km zu pflastern.

  18. 18

    Das Unaufdringliche hat größere Wirkung als das Aufdringliche – weil man sich dessen nicht erwehren muss.

    Wenn ich meinen Sohn den Brudermord erklären werde – dann beginnt die Geschichte ganz sehr früh – ein Volk wurde von allen Völkern gehasst und dies über fast alle Zeiten – unser Volk hat gemacht was alle Völker gerne machen wollten und immer versucht haben – unser Volk hat es aber in Perfektion gemacht – sie haben angefangen die Leute zu vertreiben – in dem sie diese geärgert haben – da standen Bänke, auf denen war ein Schild – „Nicht für Juden“ – in Amerika standen auch Bänke aber dort war ein anderes Schild „Nicht für Juden und nicht für Neger“ –

    Dann warte ich auf seine Fragen und denke bei der Antwort gründlich nach!

    Vielleicht fragt mein Sohn: Warum wurden die Leute denn nicht gemocht?

  19. 19

    Es gibt einen ganzen Pool dazu bei Flickr. Dort wird versucht alle Stellen zu dokumentieren, wo die Steine eingelassen sind. Tolles Projekt.

    (Du hättest auch gerne mein Stolperstein-Photo nutzen können.)

  20. 20

    @ick (13):
    bspw. vor dem Südeingang zum U-Bhf Turmstr. Oder vorm Woolworth auf der Turmstr. Vor den Hackeschen Höfen auch. Drei, die mir spontan einfielen.

    Danke, Johnny.

  21. 21
    oehi

    auf die Frage meines Sohns, ob er denn auf diese Steine treten dürfe, antwortete ich, daß ich dies ohne Bedenken täte.
    Ich denke, unsere Vergangenheit ist Bestandteil von allem was uns umgibt. So können wir diese Stolpersteine als einen alltäglichen Baustein unserer täglichen Lebenswelt empfinden.

  22. 22

    Dass man in Hamburg wohnen kann, ohne die Steine zu kennen, entzieht sich meiner Vorstellungskraft. Klar, in Bergedorf vielleicht… ;)

    Wie auch immer: Als Hamburger, der nicht allzu oft in Berlin ist, und den vor allem das ganze Heckmeck um das Holocaust-Mahnmal nicht interessierte, finde ich die Installation am Brandenburger Tor extrem beeindruckend. Nicht mehr oder weniger als die Stolpersteine; der Vergleich hinkt eh. Was mich am Mahnmal fasziniert, ist der erste Eindruck von mangelndem Besucherinteresse, dieses „naja, ein paar Steintafeln, aber niemand schaut sich das an“. Sobald man aber reinschaut, von außen, und plötzlich sieht, dass es zur Mitte hin tiefer wird, und man die (mögliche) Masse an Besuchern von weitem gar nicht sehen KANN, empfinde zumindest ich eine tiefe Bedrückung.

    Ich habe keine Ahnung, ob das so gewollt ist/war, und es ist mir auch egal. Falls es nur ein Nebeneffekt ist, ist er in jedem Fall gewaltig.

    Bei den Stolpersteinen habe ich im übrigen immer ein leichtes Gefühl von erhobenem Zeigefinger, und zwar in Richtung Bewohner/Besitzer der jeweiligen Häuser. Das hat ein bisschen was von Vertreiber, Vorteilnehmer, so in die Richtung. Zumal bei uns in Hamburg, wenn die Steine vor wunderschönen Harvestehuder Jugendstil-Häusern zu finden sind, he. Also eine Verdrehung des Gedenkens hin zu einer Art Anklage. Schwach, aber vorhanden.

  23. 23

    Ich begrüße ausdrücklich die nachhaltige Wirkung, die die Stolpersteine auf ohnehin bereits sensibilisierte Passanten haben. Auch ich denke an vergangene Strassenszenen, an alte Wohnungen, in denen die ermordeten Personen gewohnt haben mögen und was wohl genau mit ihnen geschehen ist.

    Trotzdem:
    Eine Gedenktafel — und eine Metallplatte mit dem Namen und dem Geburtsdatum eines Menschen ist eine solche — sollte man nach meinem Empfinden niemals am Boden anbringen und damit den Tritten der Gedankenlosen, der Ignoranten oder der Hasser aussetzen.

    Man mag das altmodisch nennen, aber für mich wird hier die persönliche Ehre der Toten zugunsten eines spektakulären Effekts auf Spiel gesetzt.

  24. 24
    Uns' Uwe

    Das hier ist in der Frankfurter Allee aufgenommen und Public Domain (Quelle: Wikipedia). Und die Kippe läßt sich sicherlich auch noch ‚rausschneiden. Für’s nächste Mal…

  25. 25
    Frank

    Was passiert eigentlich, wenn ein Hundehaufen auf einem der SS zufällig seine letzte Ruhe findet? Wäre der Tatbestand der Totenschändung bereits erfüllt? Wenn Herrchen/Frauchen ihn nicht, (z.B.durch kräftiges zerren an der Leine) hindert, an seinem tun?
    Es gibt Leute, die lassen ihre Hunde ganz bewusst auf Trottoirs von Geschäften scheißen. Und garnicht so wenige!

  26. 26
    y

    Weiß jemand wie und wo man die Steine Beantragt? Ich würde gerne einen Stolperstein vor dem ehemaligen Haus der Familie meiner Frau setzen lassen (Berlin Grunewald).

    Ich finde es Toll dass Spreeblick daran erinnert, eigentlich gehören wir ja zu der Generation für die die Soha meist nur Geschichte ist.
    Wie nah dies alles doch ist, habe ich erst vor ein paar Wochen erfahren als ich das Tattoo auf dem Oberarm des Vaters einer Freundin entdeckt habe.
    Er ist um die 70, könnte gut mein eigener Vater sein, als Zehnjähriger wurde er befreit.

    PS: das Treffen war hier in Deutschland und seine Tochter ist mit einem Deutschen verheiratet.

  27. 27

    sonnenscheinguru: „Beeindruckend finde ich, wie diese kleinen Dinger doch eine wesentlich größere Wirkung erzielen, als das vielgepriesen Holocaust-Mahnmal, welches mehr als Touristen- und Klassenfahrtsattraktion verkommt anstatt uns zum nachdenken zu bewegen.“

    Finde ich auch faszinierend und mir geht es genauso. Das dürfte daran liegen, daß ein Mahnmal, eine Gedenkstätte immer abstrakt bleiben. Jeder Versuch, die Schrecken des Holocausts baulich und künstlerisch darzustellen ist von vornherein zum Scheitern verurteilt.

    Mit den Stolpersteinen ist das anders. Sie mahnen unmittelbar dort, wo die Opfer lebten und arbeiteten. Sie machen bewusst, daß genau an diesem Ort mit der Deportation und späteren Ermordung ein Verbrechen geschah.

  28. 28

    Auf das Risiko hin, als Besserwisser zu wirken: Der Zweite Weltkrieg endete nur in Europa am 8. Mai 1945. Bis er wirklich zu Ende war, überall, für alle, mussten noch einige 100.000 Menschen sterben. Japan kapitulierte erst im August.

    Davon abgesehen: Die Steine gibt es auch in Brandenburg, in der recht kleinen Stadt Zepernick in der recht kleinen Poststraße. Sehr beeindruckend, dass nicht nur die großen Städte damit bestückt werden, sondern auch Orte, wo keine Würdenträger oder Touristen hinkommen.

  29. 29

    Scot, ich habe das ergänzt, danke dir!

  30. 30
    Merete

    Kommt einfach alle nach Hamburg, hier sind sie schöner- oder bedauerlicherweise so zahlreich, daß sie nicht übersehen werden können.
    Und die schönste Stadt ist Hamburg sowieso.

  31. 31

    Mehr über das Heute stolpern! Arge Zeiten, in denen über Mindestlohn und Zwangsabeit diskutiert wird. – Der Hartz4 Mensch lebt nicht vom Brot allein!

    [originalphoto – barfussjournalismus http://flickr.com/photos/udo/145159191/in/pool-altona/ ]

    Grüsse aus Hamburg Altona
    U

  32. 32

    Das hier klingt alles so schön bildungsbürgerlich – man ist sich seiner Urschuld bewußt, man muß Buße tun und findet alles in diesem Zusammenhang nett, kuschelig, interssant und schön. Was die Nachfahren der Opfer selber davon halten, darf niemanden interessieren, da man hierzulande dem Gedenkkult tiefgreifend frönt.

    Es ist nämlich durchaus nicht erfreulich, wenn achtlos über die Gedenksteine hinweg getrampelt wird, wenn, wie hier schon angesprochen, Hundekot darauf liegt. Was für ein gedenken ist das denn? Deutschem Pragmatismus folgend wird in einem Kommentar hier schon gesagt, daß das Darüberlaufen die Steine poliere. Wahrlich ein deutsches, ein Putzfimmel-Argument.

    Ich gebe zu, daß die Gedenkform dem jüdischen Gedenken näher steht, als die Monumentalität des Mahnmals am Brandenburger Tor. Dort gab es zwar auch im Vorfeld leise Proteste, da man sich aber endlich einmal durchgerungen hatte, überhaupt so ein Mahnmal zu plazieren, wurde lieber schweigend geduldet als womöglich verhindert.
    Aber die Fom, die Art und Weise der Gedenksteine haben etwas Ungutes an sich – ganz abgesehen vom wunderbaren Geschäft, welches der Künstler mit dieser unendlich ausdehnbaren Idee auf dem Rücken des Gednekens macht – wahrlich eine Kommerzialisierung des Gedenkens, wie es sie nur im Gedenken-Land Deutschland geben kann.

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