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Die wilde Zehn

Bei uns im Verein gabs immer einen Typen, der besonders gut den Übersteiger konnte. Den hat der Trainer immer in die Mitte des Feldes gestellt, ihn Freistösse schießen lassen und ihn den „Spielmacher“ genannt. Von der F bis in die D-Jugend war aber, nimmt man den Begriff mal wörtlich, der Torwart derjenige, der das Spiel machte. Weiter Abschlag, der Ball kommt irgendwie zum Stürmer, der macht ihn rein. Kein Spieler hat so viele Tore vorbereitet wie der Torwart. Oder der Libero, wenn er den Ball nach vorne drosch.

Ab der C-Jugend änderte sich das Bild, wenn auch geringfügig. War ja auch Großfeld, und die wenigsten Torhüter schaffen das in dem Alter, den Ball übers ganze Spielfeld zu dreschen. Die meisten kalkulierten Torchancen entstanden durch Flanken aus dem Halbfeld à la Willy Sagnol. „Spielt die Diagonalen“, schrie der Trainer, „die Diagonalen!“ Genau, die Diagonalen. Ansonsten hoffte man, dass der Gegner den Ball im Spielaufbau früh verstolperte und man dann schnell in die Gasse spielen konnte. Und wenn das auch nicht klappte, irgendein Sonntagsschuss aus 25 Metern würde schon reingehen.

Ab der B-Jugend haben wir konsequent über die Flügel gespielt. Möglichst schnell auf die Aussen, auf den Ball schieben, das eins gegen eins suchen und dann scharf in die Mitte. Am Anfang waren wir nach 20 Minuten tot, aber die andern haben immer durch die Mitte gespielt, das war einfach. Ein bißchen reinrücken, und schon waren die Räume so eng, das gar nichts mehr ging. Den Torwart ein bißchen weiter vors Tor stellen, dann gingen auch die durchgesteckten Bälle nicht mehr.

Spielmacher gab’s da nicht mehr. Es gab immer so nen Typen, der irgendwo hinter den Stürmern stand, und überhaupt nicht wusste, was er machen soll. Dem hat man gleich am Anfang einmal eins übern Schuh gezogen, dann war Ruhe mit Spielmacher.
Später hab ich bei einem Unterklasseverein angefangen, und eigentlich gab’s da gar kein Spiel. Der Ball landete auf obskuren Wegen im Mittelfeld, von dort zum Gegner, zu uns, zum Gegner, zu uns, ein unglücklicher Appraller landete bei unserem oder beim gegnerischem Stürmer, der setzte sich im 1:1 durch oder nicht, und dann fiel ein Tor oder nicht. Fußball nach Tischtennis-Prinzip. Flippig irgendwie, aber nicht spassig. Zu verbissen waren die Zweikämpfe, zu hart wurde der Ball gespielt (der übrigens immer auf Kniehöhe beim Mitspieler ankam). Später, in der Landesliga, griff wieder die Diagonalen-Taktik. Wenn Tore aus dem Spiel, dann waren das Konter oder Diagonale. Im Grunde spielte eh jede Mannschaft auf Standards; zum Glück beherrschte das kaum jemand. Auf der rechten Seite draußen ging ich regelmäßig mit 20 Ballkontakten vom Feld. Das Spiel in die Breite war verpönt, weil man den Stürmern dann neue Bewegungsabläufe hätte beibringen müssen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Niemals bin ich in meiner aktiven Karriere einem Spielmacher begegnet, der den Namen wirklich verdient hätte. Wenn wer das spiel bestimmte, dann der Libero, oder der Sechser. Und ein bißchen erkenne ich das Muster in der Bundesliga wieder. Die berechneten Pässe in die Tiefe, die entscheidenden, kommen häufig aus dem defensiven Mittelfeld. Um es auf eine Formel zu bringen: Der Spielgestalter Nürnbergs heißt Galasek, der von Bremen Frings, bei Stuttgart Pardo. Oder, wer’s international haben will: bei Milan isses Seedorf, bei Barcelona Déco, bei Lyon Juninho. Das sind die Sorte von Leuten, das ist die Position, von der klare, strukturierte Pässe ausgehen.

Die Position des sogenannten Spielgestalters ist mehr die Position des Spielanarchisten. In jedem Spiel ist seine Situation eine andere: Mal wird er in Manndeckung genommen, mal leidet er unter dem gegnerischen Pressing, mal hat er Platz wie in seiner Luxuslimousine. Er ist, wenn überhaupt, Garant für die überraschenden Momente des Spiels, die sogenannten Geniestreiche. Von ihm geht nicht Struktur aus, er gestaltet nicht: Er ist nicht das Prinzip, sondern der Geistesblitz, der Einfall. Nicht der Aufbau, sondern der direkte Weg. Das kalkulierte Überraschungsmoment. Undomestiziert. Wild.
Spielmacher würde ich das nicht nennen. Wenn überhaupt, dann Spielentscheider. Und auch das ist sehr sehr selten.
(Von diesen Ausführungen ist Micoud ausgenommen.)

Keine Kommentare

  1. 01
    tylerdurden

    das entspricht genau dem gefühl, dass ich dabei habe.

    der zehner muss ein verrücktes genie sein.

  2. 02

    Bei Milan hab ich glatt den Pirlo vergessen. Das gilt jetzt als Nachtrag hier.

  3. 03
    tylerdurden

    d.h., milan hat 2 spielmacher (nicht?)? hier is kaká finde ich n gutes beispiel für die 10. sone 10 muss nämlich auch torgefährlich sein in meinen augen. wenn man zurückblickt, und sich die leute anguckt, die die 10 zur 10 gemacht haben, wie pelé und maradona, dann waren die ja auch torgefährlich.

  4. 04

    du hast mir die augen geöffnet fred!
    ich als libero bin der, der die spiele gewinnt

  5. 05

    Spielst Du E- oder F-Jugend?

  6. 06
    Samuel

    Ich weiß ja nicht, ich weiß ja nicht. Man solls ja nicht sagen, aber wieso ist bei Bayern ohne Ballack dann so die Struktur kaputt gegangen, obwohl das defensive Mittelfeld doch bestens besetzt ist. Und wieso steht und fällt das Hamburger Sppiel mit Rafael van der Vaart?

  7. 07
    tylerdurden

    auch wieder richtig… die spielten/spielen allerdings mit der 13 bzw. 23…

  8. 08
    Samuel

    Das ist ein Argument…naja, trotzdem werden sie ja als klassische Spielmacher betrachtet.

  9. 09

    Die Nummer hat ja recht wenig mit der Position zu tun… Gerade VdV ist in Deutschland noch einer der letzten wenigen Spielmacher… wenn ich ihn spielen sehe, hoffe ich jedoch, dass er nicht der letzte ist…

  10. 10
    Samuel

    Inwiefern?

  11. 11

    @Fred

    1.Kreisklasse Staffel 2

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