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Soziale Abhängigkeiten im Web

Bei Telepolis gibt es einen interessanten Artikel über die Nachwehen des flickr-Desasters von Till Westermayer.

(ACHTUNG! Der Artikel ist von ihm, nicht das Desaster!)

Westermayer schlussfolgert zu Recht, dass ein übergeordneter Service nötig ist, der es den Nutzern der verschiedenen (Foto-, Video- oder was auch immer) Dienste erlaubt, ihre virtuellen Kontakte systemübergreifend und unabhängig zu pflegen und miteinander zu verknüpfen. Fehlt nur noch das Geschäftsmodell für diesen Dienst, denn während Blogs und Foren auch ohne kommerzielle Interessen überleben können, steht bei Support-intensiven Angeboten, die erst ab einer gewissen Größe wirklich funktionieren, die Frage nach der Finanzierung nicht gerade an letzter Stelle. Ich bin unsicher, ob ein solcher Service als Open-Source-Projekt funktionieren könnte.

Eine andere Frage beschäftigt mich auch noch im Zusammenhang mit den laufenden flickr-Account-Kündigungen: Das zu erwartende Verschwinden vieler per flickr eingebundenen Fotos in Blogs, da diese Bilder dann u.U. nicht mehr (bei flickr) vorhanden sind. Unschön 2.0.

So richtig spannend wird die soziale Netzabhängigkeit aber sowieso erst, wenn unsere Kinder nur noch online spielen und der Clan auf sie zählt. Jederzeit.

22 Kommentare

  1. 01

    Wieso soll das Verschwinden von Fotos in Blogs erst kommen, wenn die Deutschen vor lauter Frust ihre Accounts löschen?

    Wenn ich das richtig verstanden habe, findet der Schwund bereits vorher statt, weil die Fotos mangels (zuvor nicht notwendiger und daher nicht durchgeführter) Einstufung in das Freigabeschema einfach ge-filtr-t werden.

    Zumindest wäre es inkonsequent von Flickr, den Filter nicht greifen zu lassen, wenn die Bilder auf Fremdseiten embedded werden. Denn dann könnten sie sich das Filtern gleich schenken…

  2. 02
    stefanx

    an diesen „übergeordneten Service“ hatte ich auch schon gedacht. ich denke der kommt im laufe der zeit von alleine und hört einfach auf den namen google.

  3. 03

    Arby, Flickr ist inkonsequent: die Bilder sind auf Seiten von dritten wohl sichtbar.

  4. 04

    Übergeordnete Services sind, vom Nutzer aus gesehen, zwar eine schöne Idee – aber leider unpraktikabel, solange wir die Marktwirtschaft haben. Sobald es den ersten gibt, kommt jemand daher, der auch mit sowas Geld verdienen möchte und denkt sich: „Das kann ich auch, aber besser!“
    Ob er Recht hat oder nicht, er wird es versuchen. Dann hat man schon zwei übergeordnete Services. Und dann? Baut man einen über-übergeordneten Service?!?

  5. 05
    leo

    Wer sagt denn überhaupt, dass sowas ein Service sein muss. Klar will der Anbieter dann daran verdienen, aber wozu braucht man das denn? Im wesentlichen geht es doch darum ein Adressbuch mit seinen Kontakten zu haben. Warum soll man seine Kontakte bei einem Diensteanbieter speichern, wenn das ebenso gut auch auf der eigenen Festplatte geht??? Sinnvoller finde ich Schnittstellen, die es verschiedenen Systemen ermöglichen, solche Daten auszutauschen und sowas geht eigentlich fast nur Open-Source. Email ist z.B. so ein System. Ich glaube nicht an den Sinn und Zweck von zentralisiertem Speichern von Personeninformationen:
    http://www.spreeblick.com/2007/06/21/flickr-es-geht-weitr/#comment-463480

  6. 06

    Genau dort liegt das Problem der sozialen Netzwerke — und eben nicht des „klassischen“ Web 2.0. Ein übergeordneter Dienstanbieter ist genauso falsch wie das schreien nach „mehr Staat“ wenn es um unsere Sicherheit geht.

    Warum das so ist, steht zumindest ansatzweise in einer Ausarbeitung meinerseits: Datenschutz im Web 2.0. (Schamlose Eigenwerbung, ist auch leider nicht so ausführlich und tiefgehend wie gewollt, aber die nächsten Tage und Wochen wird das nochmal überarbeitet.)

    Generell zeigt sich doch gerade dadurch, dass es im Moment immer diese großen Anbieter gibt (StudiVZ, Flickr, YouTube, MySpace), dass sich dadurch die Probleme multiplizieren. Viel interessanter wäre ja ein dezentraler Ansatz, in der jeder Nutzer komplett über seine Daten bestimmt. Die können dann ja durchaus bei einem Dienstanbieter liegen, aber den kann er ebenso schnell wechseln wie sein Hemd.

    Wie das gehen soll? Die Möglichkeiten, die man braucht, ja durchaus prinzipiell vorhanden. E-Mails statt „Nachrichten“, Kommentare statt „Nachrichtenbrettern“ und Blogs als „Beiträge“. Fotos kann man genauso einbinden, „Freundeslisten“ heißen dann Blogroll usw.

    Utopie? Zu kompliziert? Ich glaube, das wäre durchaus möglich. Die Protokolle für das meiste ist da, manche Software müsste noch etwas weiter aufgebohrt werden können, um auf Fremdseiten eingebunden werden zu können, und vielleicht fehlen auch ein paar Protokolle.

    Blogs hosten ja auch auf blogspot oder antville oder blogger, ohne das man dann nur die jeweiligen Blogger verlinken könnte (Obwohl, bei antville…).

    Das kritischte fehlende Elemente sind meiner Meinung nach Multimediasachen, denn keiner will sich heutzutage noch Gallery, nen Podcast-Dings sowie ne Videoseite selber (ein-)bauen. Aber vielleicht kommen da ja bald ein paar Dienstanbieter, die keine Probleme damit haben, das auf anderen Seiten einzubinden, und zwar noch weitaus konsequenter, Als das bei Flickr und YouTube der Fall ist. Und von den üblichen Pluginentwicklungen sollte man auch annehmen, dass da bald noch mehr zu erwarten ist.

    Alles besser als eine zentrale Instanz, die meine Daten verwaltet…

    (Warum dieses Geschrei nach einem „übergeordneten“ Anbieter losgeht, verstehe ich kein Stück. Wir leben in einem weitestgehend dezentralen Netz, bloggen dezentral, lesen Nachrichten dezentral — warum sollte ich jetzt auf einmal wieder nur einen Anbieter haben wollen?)

  7. 07
    Harm

    baaaaaaaaa, einbecker! Das war meine Idee!
    Ok, jetzt kann ich sie ja auch erzählen:

    Flickr, twitter, usw. kümmern sich weiterhin um ihre Kernkompetenz: Das Hosten von Bildern, Gemütszuständen, Blogs, Todo-Listen und Profilen.
    Die soziale Vernetzung wird durch ein P2P-Protokoll zwischen diesen Plattformen kommuniziert. Technisch könnte das evtl. ähnlich Jabber-Servern laufen. Völlig hierarchiefrei.

    (vermutlich gibt’s das aber schon längst, wie alle meine Erfindungen übrigens)

  8. 08

    Alleine schon die Finanzierung der Infrastruktur für ein solches OpenSource-Projekt lässt nur den Schluss P2P uä. (wie @Harm) zu.

  9. 09

    Nun ja, P2P muss das nicht grade laufen. P2P heißt, dass ich mir die Inhalte von unterschiedlichen Servern zusammensuche, also allen, die das grade anbieten. Ich will doch aber jeweils nur etwas von einem Anbieter (also, jeweils zum zeitpunkt), also kann der das ja auch schon von seinem Server (oder dem seines Dienstanbieters) holen. Und der Großteil der Protokolle hierfür ist doch schon da: Nen Blog, RSS und ne Sidebar reichen für das, was soziale Netzwerke im Moment ausmachen, zu 95% schon aus. Müsste nur hübscher verpackt werden. (Und da müsste eben nicht Blog, RSS und Sidebar draufstehen. Sondern Supersache.)

  10. 10
    Johannes

    Das Friend-of-a-Friend-Projekt scheint genau das zu wollen, was viele hier wollen. Es müsste nur ein wenig bekannter werden.

    http://www.foaf-project.org/
    http://de.wikipedia.org/wiki/FOAF

  11. 11

    Sagt mir dann bitte jemand bescheid, wenn der von mir (in dem TP-Artikel) gewünscht übergeordnete Service/Standard bunt und fertig ist, ja?

  12. 12

    > Das zu erwartende Verschwinden vieler
    > per flickr eingebundenen Fotos in Blogs,
    > da diese Bilder dann u.U. nicht mehr
    > (bei flickr) vorhanden sind. Unschön 2.0.

    Aus präzise diesem Grund würde ich auch nie so grundlegende Sachen wie Audio- oder Videodateien eines Blogs nach außen verlagern. Es zerschießt dir auf Dauer einfach dein Archiv.

  13. 13

    Das mit den verschwundenen Fotos muss ich wohl noch mal erläutern: wenn jemand seinen Account und damit alle seiner Bilder gelöscht hat und ich vorher eines dieser Bilder auf meinem Blog verlinkt hatte, dann ist das Bild nach Löschung nicht mehr zu sehen. Nicht bei flickr und nicht auf meinem Blog. Die Rückkehr zu zentral, also immer auf dem eigenen Server gespeicherten Daten widerspricht aber dem durchaus sinnvollen Netzgedanken. Schick wäre es also, wenn mein Foto-Link nicht zu einem bestimmten Dienst gehen würde, sondern zu einem bestimmten Foto eines bestimmten Urhebers. Wechselt der Urheber den Dienst, bleibt sein Foto bei mir trotzdem sichtbar.

  14. 14

    Johnny: Sowas braucht allerdings ein Protokoll. Ähnliches wird ja beispielsweise mit einer OpenID gemacht, wie man hier nachlesen kann. Das kann sogar halbwegs automatisiert und ohne Probleme entstehen:

    Die Dienste führen einen Namespace pro Nutzer ein, der diesen eindeutig identifiziert (beispielsweise „einbecker.net/fotos/“) und dessen URL-Namensraum unter voller Kontrolle des Nutzers steht. Der Nutzer gibt dort wiederum über ein Redirect in der .htaccess (bzw. einer kleinen Software, so er nicht die .htaccess bearbeiten will) den Dienst an, den er zur Zeit nutzt, und der Betrachter wird weitergeleitet.

    Problem nur: Der URL, der angezeigt wird, ist eben derjenige von Flickr und Co. Und so wird der Nutzer dann eben doch wieder einfach denjenigen Verwenden, der in seiner Location-Bar angezeigt wird.

    Es müsste also eine Möglichkeit geben, das zu ändern. Und da kommt man dann leider nicht um irgendeine Art von neuer Technologie auf dem vom Nutzer kontrollierten Server herum, die die Daten von den Dienstanbietern holt. Sei es Flash, sei es X. Und da haben wir dann wieder das Akzeptanzproblem: Warum sollte ich das machen, wenn Flickr doch so einfach ist?

    Am Kernproblem kommen wir nicht vorbei: Wenn es nicht in einem Namensraum abläuft, der vom Nutzer unter voller Kontrolle steht, dann ist man immer abhängig vom Dienstanbieter. Und im eigenen Namensraum rumfuschen, dass machen wir netzaffinen ja schon noch, aber eben nicht Nutzer x. Und da müssten Anbieter her, die dies dem Nutzer ermöglichen. Und das ganze transparent und vor allem einfach passiert.

    Hm.

  15. 15
    max .78 albrecht

    @einbecker
    Die Dienste führen einen Namespace pro Nutzer ein, der diesen eindeutig identifiziert (beispielsweise „einbecker.net/fotos/“) und dessen URL-Namensraum unter voller Kontrolle des Nutzers steht. Der Nutzer gibt dort wiederum über ein Redirect in der .htaccess (bzw. einer kleinen Software, so er nicht die .htaccess bearbeiten will) den Dienst an, den er zur Zeit nutzt, und der Betrachter wird weitergeleitet.
    Problem nur: Der URL, der angezeigt wird, ist eben derjenige von Flickr und Co. Und so wird der Nutzer dann eben doch wieder einfach denjenigen Verwenden, der in seiner Location-Bar angezeigt wird.

    Dieses Problem muss keins sein. Es gibt mehr Optionen als nur redirect in der htacces. „einbecker.net/fotos/favorites“ kann auch vom server
    in „flickr.com/fotos/einbecker/favorites“ „umgewandelt“ werden. ausgeliefert wird der inhalt von flickr unter einer eigenen url. funktioniert mit allem, was ein server ausliefern kann.

    Um mitmachen zu können ist es egal, ob ich meine zentrale bei myspace habe und in den optionen einstelle, wie ich bei flickr heiße oder ob ich eigenen webspeicherplatz habe, auf dem ein kleines opensourcetool die konfiguration übernimmt. wer will, kann sich das auch in einer konsole basteln.

    ein meiner meinung nach größeres problem: man bräuchte man in jedem fall eine eigene domain, sonst bleibt man anbieterabängig.
    vielleicht eine neu TopLevelDomain von der UN und jeder Erdenbürger hat recht auf genau eine :)

  16. 16

    Ich denke auch, dass wir keinen übergeordneten Dienst brauchen, der alles zusammenführt, sondern offene Software und Schnittstellen die dezentrale soziale Netzwerke erlaubt, in denen die Nutzer Kontrolle über ihre Daten und Kontakte behalten. Die Vorfälle bei StudiVZ, YouTube und nun letztens auch Flickr zeigen, dass zentralisierte Communities Zensur nicht nur technisch sondern auch praktisch möglich machen.

    Die Frage ist: wie kann Community ohne eine zentrale Datenbank stattfinden? Da bieten Blogs bereits einige Ansätze an. Ich habe mich im Rahmen meines Praktikums mit einem dezentralen Ansatz für Fotoaustausch beschäftigt und dafür einen Prototypen entwickelt: Atomique. Das ist noch kantig, aber zeigt, dass technisch einiges möglich ist.

    Zwar habe ich mich auf Fotos konzentriert, aber im Prinzip kann man das auf Videos, Bookmarks, Musikgeschmäcker, … erweitern. Ich denke, dass die Frage dezentraler sozialer Software überhaupt die kritische Frage für die nächsten Jahre sein wird. Wenn wir mehr über Webdienste sozial interagieren, müssen wir uns fragen wer die Infrastruktur dafür zur Verfügung stellt und damit gleichzeitig Kontrolle über die Inhalte und Regeln behält. Ich bekomme nicht gerade Schmetterlinge im Bauch, wenn ich darüber nachdenke, dass es Holtzbrink oder Rupert Murdoch sind.

  17. 17
    Julius H.

    Sich von zentralen Dienstanbietern abhängig zu machen war auch wohl nicht die Triebfeder des Internet. BTX hatte ja auch nicht so massig Zulauf damals, wie man hört. Ja, hier geht es um Schnittstellen und Standards, die – so zeigt m.E. die Erfahrung – nur aus dem OpenSource-Bereich kommen können. Die Großen werden natürlich wenig Interesse an so einer Technik haben – das ist im übrigen auch gemeint, wenn es hin und wieder heißt, diese hätten ‚das mit dem Internet nicht verstanden‘.

  18. 18

    @Marian: Atomique sieht interessant aus. So ich das auf der Website richtig verstanden habe, ist’s allerdings eine rein dezentrale Lösung (sprich: alle, die mitmachen wollen, müssen einen entsprechend mit PHP etc. ausgestatteten Server betreiben). Richtig spannend würde es, wenn das ganze sowohl komplett eigene Infrastruktur als auch „Cluster“ unterstützen würde (also, um die Analogie zu Blogs fortzusetzen: neben dem Blog auf eigenem Webspace eben auch xyz.wordpress.de möglich ist, und beide im selben System interagieren). Ein derartiges Protokoll könnte dann auch Flickr oder wer in ein paar Monaten vorne dran ist bei „unkonventionellen“ Ideen im Web 2.0 unterstützen.

  19. 19

    @till we *): Jup, du hast vollkommen Recht. Das schlieszt Atomique rein konzeptionell auch nicht aus. Im Moment ist Atomique eher ein Prototyp bzw ein proof-of-concept, um zu zeigen, dass es ohne zentralen Anbieter geht. Aber genau wie Nutzer in der Blogosphäre ihren eigenen Blog installieren oder eben sich bei einem Anbieter registrieren können, sollte dies auch für den Austausch von anderen Dingen (Fotos, Videos, etc) möglich sein. Egal ob ich eine Software aufgesetzt habe oder mich registriert habe, sollte ich in der Lage sein Fotos auszustauschen. Im Moment profitieren aber Flickr & Co daran, dass einerseits konkurrierende Anbieter nicht interooperieren wollen und dass es keine dezentrale Software gibt.

  20. 20
    flynn

    Welche Kinder meinst du wenn du „unsere Kinder“ schreibst? Deine eigenen? Falls nicht, willkommen in der Gegenwart. Hab ich schon öfter gehört das man keine Zeit hat „weil noch ein Raid ansteht“…

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