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Bedenkliche Kleidung – Zweites Kapitel

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Dieser Fall ist schon etwas schwieriger. Ich hatte diese Barbour-Jacke bereits vor meinem Germanistik-Studium. In den germanistischen Proseminaren war es verständlicherweise eine Freude, mittels dieser Jacke auf den ersten Blick gehasst zu werden.

Als ich dann Jura studierte, änderte sich die Bedeutung der Wachs-Jacke. Im Bonner Juridicum gab es eine sich drehende Garderobe, an die konnte man seine Barbour-Jacke hängen und beim Rausgehen einfach eine andere greifen. Hunderte hingen dort, es war wie zu Maos Zeiten.

Ich war also uniformiert. Und doch wurde mir, wenn ich mich mit Name, Herkunftsort und Studienfach auf den Studentenparties, auf denen die DJs die Musik meiner Kindheit und die heißesten Hits von heute spielten, vorstellte – was war eigentlich aus studentischer Elaboriertheit geworden? Mein gesamtes Studium durch wurden Zusammenkünfte von Studenten dazu genutzt, laut und möglichst betrunken 99 Luftballons zu singen. Als ich das mit acht einmal zaghaft, aber völlig nüchtern, getan hatte, ging das nicht gut. Ich erinnere mich noch genau: Es war in der Hotelauffahrt im heilklimatischen Kurort Bodenmais, als meine Mutter sich zu mir umdrehte und mich mit einem Blick, den nur Frauen, die Leben aus ihrem Schoß gepresst haben, produzieren können, zum Schweigen brachte – , nach groben Schätzungen zehntausend Mal gesagt: „Aber du siehst gar nicht aus wie ein Jurist.“

Irgendwann führte ich ein, dass ich von jedem, der diese Feststellung mir gegenüber äußerte, 10 Mark einzog. Ich lebe immer noch in Saus und Braus dank dieser privaten Abmahnwelle. Ein einziges Mal fragte ich: „Ja, aber warum denn? Ich trage ein Hemd, eine Barbour-Jacke – was will man mehr?“ – „Das Hemd jedoch steckt nicht in der Hose und schau mal, die Barbour-Jacke, die ich übrigens in allen Farben besitze, hat Löcher. Außerdem hast du keinen Seitenscheitel, keine braune Diesel-Jeans und keine Schuhe mit Bommeln.“

Die Barbour-Jacke hatte tatsächlich Löcher.

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Ich war damit in einen Jagdunfall verwickelt.
Das wäre der typische Satz zu dieser Jacke. Denn am Rücken ist extra eine Tasche, in der man das erlegte Wild samt Jagdwerkzeug transportieren kann. Man kann aber auch Colaflaschen in Kinos, Ikonen aus orthodoxen Kirchen oder etwas Praktisches und sogar Quadratisches schmuggeln.

Die Barbour-Jacke jedenfalls ist das Mittelschichtsmerkmal schlechthin. Reiche Menschen verschenken Barbour-Jacken als Give-Aways auf Events, bei denen Luciano Pavarotti der Gastgeberin Happy Birthday singt. Daher habe ich meine. Die Barbour-Jacke hat also je nach Betrachterperspektive den Gegenwert eines Kugelschreibers mit Werbeaufdruck oder eines Monatsgehalts als studentische Hilfskraft.

Florian Illies diskreditierte die Jacke dann ein für allemal mit seinem barbourfetischistischen Buch. Seitdem war klar: Wer eine Barbour-Jacke trägt, der wählt FDP, sagt „Einen-über-den-Durst-trinken“, drückt Bayern München die manikürten Daumen und mag aseptische Frauen mit Halstüchlein (wobei letzteres durchaus einen perversen Charme haben kann, just der Moment, wenn diese Frauen septisch werden, wird von Kennern geschätzt. Habe ich gehört). Außerdem wird man immer so angeschaut, als plane man, ein Buch über seine Generation zu schreiben und irgendwie noch eine Automarke im Titel unterzubringen.

Vor kurzem holte ich die Jacke unter einem Stapel Palästinensertücher wieder hervor und trug sie zum ersten Mal in Kreuzberg. Ich rechnete fest mit Steinwürfen wütender Erderwärmungsgegner. Aber nichts geschah. Die Erderwärmungsgegner standen in den Hauseingängen, um sich vor dem Regen, der von Erderwärmung noch nie etwas gehört hat, zu schützen. Während ich trockenen Fußes zur LPG schwomm. Die erlegten Schnitzel brachte ich sicher in der Rückentasche heim. Etwas Quadratisches war auch dabei.

48 Kommentare

  1. 01
    lana

    lob an erster stelle. florian illies kann einpacken.

  2. 02

    unbedenklich, weil blankgeschubbert.

  3. 03

    ist ganz schon hassliche jacke diese…

  4. 04
    *ch*

    Danke, Malte!

    Brennende Jäckchen in Mülleimern gibt´s hier:

    -> Kracht, Christian: Faserland, ISBN-13: 978-3423191104

  5. 05
  6. 06

    bei barb muss ich immer an die Ehefrau von George Bush Sr. denken. Aufgrund einer der besten Simsponsfolgen ever.

  7. 07

    sieht ja aus wie bei ebay bei euch

  8. 08

    „Mein gesamtes Studium durch wurden Zusammenkünfte von Studenten dazu genutzt, laut und möglichst betrunken 99 Luftballons zu singen. “

    Man freue ich mich aufs Studieren :D

  9. 09
    Bernd

    2 Sachen:

    1.: sehr schoener Text
    2.: ich wuerde lieber nass werden, als in diesen gewachsten Saecken durch die Stadt zu gehen.

  10. 10
    MakeAMillYen

    Gerade so abgewetzt cool.

    (Mann, es gibt echt n Haufen Saetze, die ohne die richtige Betonung wahnsinnig schwer zu verstehen sind.)

  11. 11
    Peter

    Diese Jacke ist ein Segen! Man kann in ihr besoffen in einen Graben fallen und am nächsten Morgen ist man immer noch trocken und warm!

  12. 12
    Maltefan

    @*ch* (4)
    Danke für die Erinnerung, Faserland steht schon lange auf meiner Liste, fiel aber immer hinten runter. (Amazon sollte langsam mal ne Rohrpostleitung zu mir legen …)

    @Malte
    In Bonn Jura studieren, das ist ja der Gipfel der Ödnis … derartige Perversionen habe ich Dir gar nicht zugetraut.

  13. 13

    Gut, als nächstes resozialiseren wir dann mal Woll- oder Kaschmirpullover, die am Strand um die Schultern gebunden werden. DAS wird richtig schwer.

  14. 14
    heidrun

    nein! die halstücher! ich hatte nur aseptische halstuchfrauen (perlenketten!) und barbourjackentragende reichen-sprösslinge in meiner stufe. schauer.
    @maltefan: faserland gehört zu den beschissensten büchern, die ich je gelesen habe. falls es dich wieder erwarten interessiert, wie jemand koksend von münchen nach sylt und zurück fliegt, kannst du es natürlich doch lesen.

  15. 15

    Nein Heidrun, Faserland ist schon ganz schön in Ordnung. Und er fliegt natürlich kein styxchen zurück.

  16. 16
    Jan(TM)

    Meine hat immer komisch gerochen, war auch nur so komisches Hein Gericke Teil. Zum Moped fahren war sie ganz ok.

  17. 17
    Maltefan

    @heidrun
    Literarisch neige ich manchmal zur Perversion, ich konnte sogar American Psycho was abgewinnen. Bin also guten Mutes bzgl. Faserland :-)
    @Daniel: Bitte jetzt nicht spoilern, ich hab mir das Buch vorhin bestellt …

  18. 18

    Es hat dann doch ganze vier Kommentare gebraucht, bis „Faserland“ aufs Tablett kam, was in meinen Augen ein unglaublich gutes Buch ist.

    Germanisten tragen übrigens meist Cordsakkos oder Srickjacken.

  19. 19

    Ein ganz grossartiger Text, was aber auch mal wieder Zeit wurde!
    Aseptische Frauen, ganz vortrefflich!

  20. 20
    heidrun

    @ daniel, lukas: bitte erklärt mir kurz, was an „faserland“ gut ist. ich bin ganz ohr, danke.

  21. 21

    Heidrun: Das ist super pointierte Gesellschaftskritik. Auf den Punkt sich in das Gesamtbild einfügende Charaktere sind Prachtkerle in Krachts Perle, um des SZ-Magazins gemischtes Doppel mit einzubringen.

    Und wenn man sich diesen dekadenten Lebensstil des komischen Erben auf der Zunge zergehen lässt, kommt man auf Grund der skurrilen Situationen in die er sich begibt und aus denen er wieder verschwindet überhaupt nicht mehr heraus. Nur zu empfehlen.

  22. 22
    heidrun

    mmh. ich weiss nur noch, dass mich das buch maßlos gelangweilt hat. es wirkte wie eine pseudo-ironische nabelschau. ist allerdings auch schon ne weile her. aber ich glaube, dekadente langeweile finde ich auch nur in ganz kleinen dosen interessant. und eher auf modefotos als in büchern.

  23. 23
    Frédéric

    In Faserland ist alle Welt scheiße und blöd und total dämlich, auch die Hauptfigur. Die Hauptfigur nur nen Zacken weniger.
    In Faserland ist alle Welt gut gekleidet, nimmt die richtigen Drogen und super hip, auch die Hauptfigur. Die Hauptfigur kriegt das nur nen Zacken besser hin. Das wars.
    Dass es Kracht geschafft hat, dieses Buch ins kollektive Bewußtsein zu schaufeln, während Leute wie Krausser (Fette Welt) fast nicht gelesen werden, gehört zu den Mysterien gelungener Autoren-Selbstdarstellung.

  24. 24
    Maltefan

    @Frederic
    Wenn Du nicht letztens Houellebecq so gebasht hättest, würde ich jetzt ernsthaft an meiner Kaufentscheidung zweifeln …

  25. 25
    Frédéric

    Dabei ist der Zweifel der Weg zu Erkenntnis :)

  26. 26

    faserland ist ein ganz gutes buch. ich trage keine barbourjacke, bin aber damals über generation golf über das buch gestolpert.
    nur jetzt, jahre später, nachdem ich in den letzten monaten alle bret easton ellis bücher im original gelesen habe, weiß ich, dass kracht da dorch ordentlich von less than zero sich hat inspirieren lassen. macht aber auch nichts.

  27. 27
    Maltefan

    @Frederic
    Papperlapapp, in diesen Dingen gilt: Versuch macht kluch :-)

    @Hanno
    Hab ich ja fast vermutet. Aber ne ordentliche Inspiration schadet ja nichts, solange es hinterher nicht am Talent mangelt, sie umzusetzen.
    Ich bin gespannt.

  28. 28

    ich mag meine barbourjacke :x

  29. 29
    Frédéric

    Kracht hält Talent für ne altorientalische Silberwährung. Und hat damit nicht ganz unrecht.

  30. 30
    Maltefan

    Frederic: Hab mir „Fette Welt“ auch bestellt. Wehe das taugt nichts!

  31. 31

    @Heidrun: Es ist diese Gratwanderung zwischen oberflächlicher Überheblichkeit und grenzenloser Depression, dieses gleichzeitige Mittendrin und Obendrüber, was dieses Buch für mich so faszinierend macht. Das Buch erzählt gleichzeitig wenig und sehr viel – und das finde ich spannend (während ich mit anderen Autoren, die häufig im gleichen Namenszug mit Kracht genannt werden, gar nichts anfangen kann).

  32. 32

    wen es interessiert: heutzutage tragen jurastudenten eher ralph lauren-polohemden mit hochgestelltem kragen

    aber ein schlöner text, das…

    (und ähnliches wie die von dir geschilderten Erlebnisse auf Studentenpartys gibt es auch heute noch…)

  33. 33

    Generation Barbourjacke: sehnt sich zurück in die 80er, als man noch behaglich mit dem Playmobil-Piratenschiff (oder mit Transformers-Figuren?) in der Badewanne gespielt und Mama die Kruste vom Pausenbrot geschnitten hatte…
    Was wird die Generation G. zu erzählen haben, falls sie mal erwachsen wird??

  34. 34

    ach ist das schön … leute, denen bücher dann wichtiger sind als die barbourjacken, diese eitlen ekelhäute … read on, my dears … ich schnapp mir jetzt auch ein buch und geh ins bett. das letzte glänzende buch, das ich gelesen hab und hier mal schnell empfehlen will, ist „das neue leben“ vom nobelpreisträger orhan pamuk.

  35. 35

    War damals bei uns sogar am Gymnasium die Einheitskluft, was vermutlich daran lag, dass 90% meines Jahrgangs im Anschluss Jura oder Beweell studierte. Während die Jungs Barbour mit hellblauem Hemd trugen (wie schon richtig bemerkt: nicht in dei Hose gestopft), hatten die Mädels grundsätzlich Perlenohrringe und diese Halstücher im Look von British-AIrways-Flugbegleiterinnen. Die Barbourjacke nannten wir (die wir schwarze Lederjacken trugen) liebevoll „Duschvorhang“ und die Mädels mit den Ohrringen „Perlhühner“.
    Arghhhhh – Ich will zurück in die Schule…

  36. 36
    heidrun

    @mac: kennen wir uns :-) und du willst zurück?
    @frédéric: du nimmst mir die worte aus dem mund. und dein kommentar 23 & lukas 31 illustrieren sehr schön die 2 seiten, von denen aus man das buch angehen kann.
    „oberflächliche Überheblichkeit und grenzenlose Depression“ – diesem phänomen begegnet man ja recht häufig, ich würde nur nie wirklich auf die idee kommen, das wirklich über ein partygespräch hinaus interessant zu finden (ich spreche, wohlgemerkt, von der kombination!)

  37. 37

    In dieser Jacke bist du quasi unsichtbar.

  38. 38

    Unsichtbar schon, leider nicht unriechbar.

  39. 39
    jfk

    Es ist schon traurig dass es Leute gibt, die ein Nerviges Buch lesen müssen, damit sie wissen zu welcher Generation sie gehören.

  40. 40

    ich habe keine lust alle kommentare zu lesen, aber diese dinge waren damals einfach modern.

  41. 41

    Ich wusste bis zu diesem Artikel nicht mal, was Barbourjacken sind. Bin wohl einfach in die falschen Kreise geraten.

  42. 42

    Das ultimative Barbourjackenbuch ist meiner Meinung nach immer noch „Fänger im Roggen“. Wobei ich gar nicht so sicher bin, ob das Barbourjacken überhaupt vorkommen.

  43. 43
    Maltefan

    Frederic: Fette Welt, obwohl zuletzt bestellt, ist übrigens als erstes angekommen. Ob das ein Omen ist? Ich weiss allerdings nicht, ob ich die nächsten 3 Wochen viel zum Lesen komme, muss mich auf ne Prüfung vorbereiten. Danach wird dann abgerechnet :-P.

  44. 44
    Frédéric

    @ Maltefan: Da bin ich ja mal gespannt.
    @ jfk: Was genau ist denn daran traurig?

  45. 45
    Maltefan

    Frederic: Ich hab schonmal jemanden für eine Buchempfehlung heiliggesprochen.

  46. 46
    Maltefan

    Bin zwar erst auf Seite 50, aber ne kleine Seligsprechung ist bereits drin, Frederic. Großartige Schreibe, Danke für den Tipp!

  47. 47
    dopey

    Mein Lieblingscharakter in dem Text ist übrigens „der Regen, der von Erderwärmung noch nie etwas gehört hat“, ;)

  48. 48
    Makaber

    Feine Nebengeschichte, wenn man Faserland gerade in der Schule hinter sich gebracht hat.
    Gutes Buch, was jedoch 90% der Klasse verneint. Schöner Schreibstil, und das auch hier. Feine Arbeit, Malte.

    (und das nach 4 Jahren zeitverschiebung.)

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