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Müssen Blogs authentisch sein?

Cem Basman schreibt unter großem Applaus ein großes Wort gelassen nieder:

Gute Blogs sind authentisch.

Sind sie?

Das Wort Authentizität (das man übrigens viel besser schreiben als sprechen kann) ist griechischen Ursprungs, also ungefähr 2800 Jahre alt, fristete aber lange Zeit ein Nischendasein. Man war halt, was man war, da brauchte man kein Extra-Wort für.

Übermäßig oft gehört habe ich es zum ersten Mal in Zusammenhang mit Big Brother. Zlatko war ja so verdammt unfassbar authentisch. Mit dieser immer und immer wieder repetierten Beschwörungsformel sollte uns nahe gebracht werden, dass das, was wir da im Fernsehen sahen, das echte Leben war.
Natürlich wusste schon der berühmte Fernsehkritiker Werner Heisenberg, dass die Fernsehkamera das beobachtete Objekt verändert, aber diese einzelne Stimme der Vernunft ging im Taumel um die Echtheit Zlatkos unter wie ein Schneeball im Lavastrom. So wie es das Mantra des Deutschen Fußball-Bundes ist, im Fußball sei Doping nutzlos, hieß es: Niemand kann sich so lange verstellen, also Herr Heisenberg, jetzt ist aber auch mal gut.

Habe ich eigentlich schon einmal erwähnt, dass ich beim Auszug Zlatkos aus dem Container, verglichen mit dem Jesu Einzug in Jersualem mit der Anonymität eines Einkaufsbummels bei Karstadt von statten ging, zum ersten Mal das Prinzip Adolf Hitler verstanden habe? Aber darum geht es hier nicht.

Zurück zu Cem Basman. Was bedeutet für ihn nun authentisches Bloggen?

Autor und Inhalt stimmen überein und geben nicht vor, etwas anderes zu sein als sie sind. Die Präsentation ihrer Inhalte ist oft schlicht und ungekünstelt. Sie sind eben authentisch.

Das erste Blog, das ich gelesen habe, war ntropie.de.

Ein ungekünstelter Beitrag aus dem Dezember 2003 lautet:

haustür auf – zu – fernseher an (ton aus) – rechner an (ton laut) – winamp – mails – icq – irc
jacking into the matrix. simstim.

zuhause.

Durch diese Prägung war von Anfang an klar: Mit mir und der Authentizität, das konnte nichts werden.

Das ist aber im Grunde auch völlig gleichgültig, denn Cem Basman legt den Begriff der Authentizität zu eng aus.

Es ist wie mit dem „Keep it Real“ im Hip Hop. Es geht dabei nicht um die Identität des Rappers mit dem Inhalt der Texte, es geht um die Originalität. Es geht darum, nicht ausgetretene Pfade breiter zu trampeln, sondern neue zu finden. Aber beim Rappen wie beim Bloggen liegt das Geheimnis nicht in der Schlichtheit, sondern in der Kunstfertigkeit.

Texte können gut oder schlecht sein, ob der Autor das darin Geschilderte tatsächlich so erlebt hat, spielt keine Rolle. Was interessiert es mich, ob Michel Houellebecq schon einmal im Puff, Johnny schon einmal in Moskau* oder Douglas Adams schon einmal im Restaurant am Ende der Universums war?

Wenn ich es gerne lese, dann ist es gut. Alles andere ist unwichtig.

Authentizität ist ein sehr altes Wort, das man viel besser schreiben als sprechen kann. Für gutes Bloggen ist es nicht wichtig.

* Bevor hier jetzt Tränen kullern: Er war. Sagt er.

50 Kommentare

  1. 01
    Malte

    ach ja: markus von textundblog ist übrigens auch aufgefallen, dass authentizität besser zu schreiben als zu sprechen ist. so viele kluge gedanken, so wenige köpfe.

  2. 02

    Ob ich den Begriff zu eng auslege? Möglich. Das Zitat, das ich gefunden habe, endet mit: „Dabei muss es sich nicht notwendigerweise um die realen Eigenschaften des Betrachteten handeln, sondern es können auch Zuschreibungen des Betrachters diese Eindrücke verursachen, die etwa auch Teil einer gelungenen Inszenierung darstellen können.“ – Ich wollte das nicht auch noch auswalzen. Ja, man muss nicht am Ende des Universums gewesen sein, um darüber zu schreiben. Ja, man kann auch als Don Alphonso, ein reales Leben haben. Das ist kein Widerspruch zu Authenzität.

  3. 03

    Ich habe erst heute auf meinem Blog festgestellt, dass Authenzität auch vom Publikum verliehen werden kann, ohne selber etwas dafür zu tun, gut zu beobachten z. B. bei der Band Pur. Im Grunde ein irgendwie ungreifbarer Begriff, aber Cem hat das im Kommentar vor mir ganz gut erklärt.

  4. 04
    mc bastard

    mir gefällts hier – scheiß auf authentizität

  5. 05

    Cem Basman ist ein schöner, origineller Name und von daher schon mal ein glaubwürdiger Blog Authentizitist (ganz so puppig ist das Schreiben aber auch nicht). Malte geht aber auch.

  6. 06

    Habe gerade mal meine Blogroll durchforstet. Die meisten Blogs dort sind auht“¦ aute“¦ (ich kann das Wort dafür super sprechen) sehr real und persönlich, andererseits lese ich auch zB. http://www.dasnuf.de sehr gern, dass viel zu sehr übertreibt, um authentisch (JA!) zu sein. Ich lass mich gerne vollügen, wenns charmant gemacht ist.

    Ich merke aber wie es mir generell immer mehr auf den Sack geht, dass in einer beliebigen Konstellation von Menschen die etwas gemeinsam tun/mögen immer jemand meint, das wirken der Anderen nach selbsterdachten Kriterien in gut und schlecht einordnen zu können. Egal, ob das nun „ein echter Fotograf arbeitet nur mit Rollei“, „Alles ausser Fliegenfischen ist keine wirkliche Angelei“ oder „gute Blogs müssen authentisch sein“ ist.

  7. 07

    Darf ich das hier ernsthaft kommentieren? Nicht? OK, ich tu’s trotzdem.

    Vielleicht sind einfach umgekehrt authentische Blogs oft gut – aber schon alleine weil „gut“ ja durchaus von verschiedenen Menschen unterschiedlich empfunden wird. „Authentisch“ kann aber auch (Achtung) Cat-Content sein, ohne das der deswegen zwingend besser sein muss.

    Muss ein gutes Blog authentisch sein? Bitte nicht! Es muss vielleicht greifbar wirken – aber, um den Adams mal aufzugreifen: ich bin ganz froh, dass vermutlich keiner der Krimi- oder Horrorautoren, die ich gut finde, jeden Mord selber begangen hat. Oder jedem der Missbräuche ausgesetzt gewesen sein muss.

    Authentizität kann tatsächlich ein Kriterium eines guten Blogs sein. Muss aber nicht.

    Den kurzen Schluss, dass gute Blogs authentisch sein müssen, kann man ja gerne ziehen. Das ist dann aber eher authentisch als unumgänglich wahr. (Oder gut.)

  8. 08
    scipio

    Du hast Deine Krise überwunden und bist wieder bei klarem Verstand.

  9. 09
  10. 10

    Authentizität wird überschätzt. Wirklich wichtig ist Aura. Im Zeitalter des copy-paste wird es plötzlich wichtig, dass man es mit einem Original zu tun hat. Das hat zwar schon Walter Benjamin gesagt. Heute ist es aber aktueller als je zuvor. Gute Blogs haben Aura.

  11. 11

    Aber beim Rappen wie beim Bloggen liegt das Geheimnis nicht in der Schlichtheit, sondern in der Kunstfertigkeit.

    hell yeah!

  12. 12
    Harm


    Der Autor ist nicht der Erzähler.
    Soweit, so langweilig.
    Ich habe das HipHop-Phänomen für mich unter der Wortneuschöpfung „Authentik“ zusammengefasst als: Authentizität im Rahmen der Rolle. Baggy Trouser und böser Blick für den Gangsta, schwarzer Hoody und Anti*ismus für den schwarzen Block-Adoleszenten, und unterhaltsames, selbstreferentielles Gestammel für die „Wir nennen es Arbeit“-BourgeoisieBohème.
    Natürlich ist es dem Leser unbenommen hier irgendeine Authentizität herauszufiltern, diese bleibt aber subjektiv (wie alles) beim Beobachter. Malte doof und Johnny toll finden ist also ähnlich wie in Bill Kaulitz‘ Texten versteckte Botschaften für sich zu finden.
    Z.B. die „Authentik“ der Spreeblick-Podcasts ist in einem Muster der Sprechweise, Themen und dem Blick auf die Erlebnisse eines Ehepaars aus Kreuberg zu finden. Ob die Sprecher wirklich biologische Eltern ihrer Kinder, locker drauf und nicht vielleicht von der Bahn-AG als Schläfer für eine virulente Kampagne eingesetzt oder von Matthias Reim mit verstellter Stimme gesprochen werden, ist für die Authentik völlig egal. Die Frage der Authentizität stellt sich für mich erst, wenn ich den Protagonisten Geld leihen, oder ich deren Fluchtwagen fahren soll. (*hint*)

  13. 13

    Find ich gut, kann ich unterstützen. Authentisch heißt nicht oldschool echt, sondern eher sowas wie Habermas‘ »Wahrhaftigkeit«. Aber die Aura, die find ich auch gut

  14. 14

    Für MICH sieht es eher so aus, als verstündest du den Sinn der Authentizität „falsch“.
    Du kannst authentisch sein, auch wenn deine „Star Wars und mein Papa“ Geschichten erstunken und erlogen sind; aber du bist NICHT authentisch, wenn du „heimlich“ CDU wählst, im Urlaub zur Großwildjagd nach Afrika fährst, oder einen Zweitjob als Klempner hättest.
    Es geht (mir) nicht darum, dass alles WAHR ist, es geht eher darum, dass ich den „Schreiber Malte“ im Gespräch mit dem „Privat Malte“ entdecken würde.

  15. 15

    Die Authentizitätsdebatte wurde in der „normalen“ Literatur ja nicht umsonst schon bis zum Erbrechen durchexerziert. Eine Position, die mir am besten gefällt ist: echte Authentizität ist immer inszeniert. Natürlich weiß z.B. Helmut Schmidt, was er tut, wenn er „scheiße“ sagt. Es ist ein ausgegorenes Kalkül. Nicht jeder darf sich das erlauben, er weiß aber, er schon und er weiß, es genau deshlab verleiht es ihm Authentizität.

  16. 16

    Gerhard Schröder fand „Authentizität“ so schwer zu sprechen, dass er immer „Authenzität“ gesagt hat. Das waren noch Zeiten.

  17. 17

    Ich empfinde 90% aller Blogs nicht als authentisch, sondern als autistisch.

  18. 18

    Malte, das ist der großartigste unpassende Hitler-Vergleich aller Zeiten :)

    Abgesehen davon versuchen zu viele Blogs authentisch zu sein und scheitern ganz großartig daran. Was schade ist, aber wohl nicht zu vermeiden. Ist eigentlich überall so, mit dem Unterschied dass nicht jeder scheiternde Künstler im bezahlten Geschäft einen Vertrag bekommt. Andererseits aber auch nicht jeder authentische. Es ist eben, wie es ist.

  19. 19

    Was mir noch dazu einfällt: Authentizität ist im Grunde die Kontinuität der Erscheinung. Fällst du heraus aus deiner Rolle (egal welcher) wirkst du unauthentisch. Man kommt also nicht mehr heraus aus den Erwartungen seiner Leser. Sie halten einen gefangen.

    Vielleicht ist also die größte Freiheit, sein eigenes Image zu (zer)stören. Oder vorbeugender: Es von Anfang an so zu brechen, dass ein Image unmöglich wird. Deswegen liebe ich den Moment der Irritation. Klar mögen das die Leser nicht, aber beim Bloggen kann man das allemal riskieren. Für die Freiheit.

  20. 20

    Fluchtwagenfahrer: check.
    Wer besorgt die Waffen?

  21. 21

    Ich weiss nicht. Klar ist Authentizität wichtig, wenn es sich um einen privaten (kleinen) Blog handelt.
    Aber ich kann auch über Fachthemen bloggen, und habe dabei sogar das Gefühl noch mehr Leser anzusprechen, als wenn ich über mein privates Erlebtes bloggen tue.

    Ich meine wer liest denn schon gerne was Person XY am Tag Z so tat? Ausser die Person ist hinlaenglich bekannt (wie Johnny, Malte, „¦, Holgi, „¦, Tim).

    Aber ansonsten machen doch grade Blogs mit *echten* Themen PlusPunkte (Netzpolitik, Handesblatt-Blog, „¦, Popnutten, „¦ FSF Blog).

    Stricktes Konzept. Eng gespannte Themenwahl stehen für mich immernoch über privat Erlebnisse.

  22. 22

    ich kann auch bloggen, ohne autistisch zu sein. ich kann auch über gefühle bloggen und habe dabei sogar den statistischen nachweis, noch mehr leser anzusprechen, als wenn ich über fachthemen blogge. ich kann auch bloggen, ohne authentizistisch (?!) zu sein. am meisten leser bringt kleinen blogs übers bloggen zu bloggen. großen auch? wollen wir mal einen anti-blogkarneval machen? einen monat alle zusammen nicht übers bloggen bloggen?

  23. 23

    Kein Blog kann authentisch sein.
    Keine Wahrheit kann ohne Lügen verbreitet werden.
    Es gibt kein wahres Ich.

    Ich mach jetzt Frühstück.

  24. 24
    ehle

    „gute blogs sind authentisch“

    gute blogs sind blogs die mir gefallen. subjektivität der authentizität unterzuordnen heißt sich selbst zu belügen. statt dessen sollte man die authentizität der sujektivität unterordnen. „diser blog gefällt mir, also empfinde ich ihn als authentisch.“ und erst jetzt bemerke ich das des wahrscheinlich mit „gute blogs sind authentisch“ gemeint war.

    sollte es nicht eigentlich heißen „gute blogs sind subjektiv“?
    schade nur das sich des so unspektakulär anhört.

  25. 25
    touri

    Authentizität? Das ist doch ein BS wort. Es wird immer wieder gerne verwand um die leute zu verarschen. Es gibt so etwas wie Authentizität in den medien nicht. Jeder spielt eine rolle. Aber nicht nur in den medien. Auch im leben. Ich hab mich mal mit ein paar leuten von BCG unterhalten. Das wichtigste fuer sie war es, dass eine person „steht“. Was bedeutet das? Die person muss zu ihren lebenslauf passen und ihn wiederspiegeln. Sprich „Authentisch“ sein.
    Aber jedem ist bekannt wie solche lebenslaeufe zusammen kommen. Lustigerweise haben ide BCler das selber auch gesagt ueber ihre cvs. Ob wir wollen oder nicht, wir alle aendern uns und unser verhalten durch sozial- bzw. umwelteinfluesse.

    Also, bleibt Authentizisch *hust*

  26. 26

    Malte, zwei Tage nach meinem Text und nach deinem hier, und bei dem ganzen von mir unbeabsichtigten Wirbel, gibt es einen Satz, den würde ich jetzt anders schreiben: „Die Präsentation ihrer Inhalte ist oft schlicht und ungekünstelt.“ – Du hast durchaus recht. Der Satz ist subjektiv geschmäcklerisch. ICH finde Schlichtheit (momentan) gut. Zur meiner Kernaussage über Authenzität und zum Wort an sich stehe ich aber. Mein Artikel war übrigens nicht als Manifest oder Postulat gedacht, sonder war nur ein persönliches Statement, dass offensichtlich einige Diskussionen bereichert hat. Was ja nicht schlecht ist. Es gibt verschiedene Ansichten, was gute Blogs sind. Das macht die das Ganze ja spannend und vielfältig.

  27. 27

    Hier jetzt auch?
    Die Definition auf Wikipedia zu „Authentizität von Personen“ ist ziemlich verquast. Das Wort wird gerne von Menschen in den Mund genommen, die daran glauben, dass in anderen Menschen „etwas“ steckt, was ihnen lieber wäre („Sei mal authentisch“). Wenn es einem Menschen nicht gelingt, ein Bild von mir zu bekommen (was Authentizität einfordert), dann liegt es vielleicht nicht an mir, sondern an dem Wahrnehmenden?
    Ganz ehrlich: Authentizität wird von Menschen eingefordert, die sich weder ernsthaft Gedanken über das Wesen des Menschen gemacht haben, noch über das Phänomen der Wahrnehmung.

  28. 28
    Rollo Tomasi

    …die meisten Blogger lügen schon wenn sie ‚ich‘ schreiben…

  29. 29
  30. 30
    Malte

    @ Cem Basman
    Was beispielsweise Blogs von Politikern angeht, stimme ich dir zu. Ob man die nun unauthentisch nennt, der Lüge verbunden, unästhetisch oder unwissend: die können nicht funktionieren.
    Es geht mir übrigens hier um Gottes Willen nicht darum, dich anzugreifen. Es geht nur darum, klar zu stellen, dass man in seinem Blog nicht bei der Beichte ist.

  31. 31

    @Malte, keine Sorge. So habe ich das auch nicht aufgefasst. Ich bin für eine offene Diskussion. Und bischen Polemik gehört eben einfach auch dazu. Sonst wird’s ja langweilig…

    Deswegen sitzen wir ja alle in einem Boot.

  32. 32

    Cem/Malte, wieso koennen Politikerblogs nicht funktionieren? Das musst Ihr mir echt erklaeren, verstehe ich nicht.

    Man muss sie nicht moegen (und ich lese sie auch nicht unbedingt), aber ich kenne bzw weiss von verschiedenen Politikerblogs die gut besucht sind und teilweise besser (oder zumindest mehr) kommentiert werden als so einige der grossen Blogs (angenommen man zaehlt Leserbeteiligung durch Kommentare zum „funktionieren“). Die schreiben dort genauso ihre Meinung wie andere auch, manchmal halten sie sich zurueck wie andere auch, ich kann da keinen so grossen Unterschied zu „normalen“ Bloggern erkennen.

  33. 33

    Nennen wird Authentizität mal Echtheit, Zuverlässigkeit, Glaubwürdigkeit. Sind all diese Dinge unwichtig? Oder nur in Blogs unwichtig? Oder nur in bestimmten Blogs unwichtig? In welchen?

    Oder erklärt man sie einfach mal als unwichtig, weil sie so schwer zu erreichen sind?

  34. 34
    Malte

    das blog von julia seeliger funftioniert zum beispiel. aber welche denn noch? (ich will mich gar nicht mit einer gegenfrage um die antwort drücken, aber vielleicht kenne ich auch nicht genug.

  35. 35

    ‚Authentizität‘ ist genau wie ‚Individualismus‘ als Gegensatz ‚kommerziell‘ und ‚mainstream‘ längst zu einem Fetisch geworden – und damit selbst zur Marke, zur Ware.

  36. 36

    Falls jemand mal ein gutes Politikerlog lesen möchte, dem empfehle ich Marc Aurels Selbstbetrachtungen.

  37. 37
    DieterK

    MSPRO (15) hat den Nagel auf den Kopf getroffen: „žechte Authentizität ist immer inszeniert.“

    Das hat auch Andrew Orlowski http://www.theregister.co.uk/2007/09/11/levitz_digby/ im Zusammenhang mit der künstlichen Aufregung um Marié Digby, dem vom linksradikalen Enthüllungsblatat Wall Street Journal als Disney-Produkt enttarnten YouTube-Phänomen, zu Recht festgestellt:
    „ž(…) its often been the case that the professional adds the „šauthenticity“˜ that was otherwise lacking: remember how Bernie Rhodes took a dodgy but enthusiastic pub-band The 101ers, gave them slogans, decent clothes, booked them in for de-elocution lessons, and turned them into The Clash?“

  38. 38

    Authentisch kann man als Unternehmen nur erscheinen, wenn man lügt. Beispiel: Herr Ackermann mit seinem Victory-Zeichen. Das wirkte nicht authentisch, jedenfalls nach öffentlicher Meinung. Er bekäme niemals dafür den deutschen Authentizitätspreis. Hätte der PR-Verantwortliche also dafür sorgen können, daß dieses Bild aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden zu lassen, hätte man ihn als authentisch aufbauen können.

    Authentisch ist nämlich nur das, was in der Welt als authentisch wahrgenommen wird. Aber nur, wenn die Authentizität (also das Übereinstimmen von Denken und Handeln) dem eigenen Denken entspricht.

  39. 39

    „Gutes Bloggen“ ist ja auch so eine Phrase. Was ist gutes Bloggen den eigentlich? Interessante Texte, schöne Bilder, außergewöhnliche Videos, hervorragende Klickraten, beste Trafficdaten, tolles Internetmarketing, ausgeklügelte Werbestrategie, ausgezeichneter Netzwerkaufbau…

    Die Liste könnte noch recht lange fortgesetzt werden. Was gutes Bloggen ist, sollten wir eigentlich gar nicht fragen. Wo ist den sonst der Unterschied zu Printmedien, Fernsehen oder, oder?

    Ist die Blogosphere nicht gerade deshalb ein tolles „Mitmachding“ weil es keine, von irgendwelchen scheinbaren oder selbsternannten Eliten oder „Stars“, vorgegebenen Richtlinien gibt?

    Klar. Es passiert auch Schrott. So what? Ich muss ja irgendwelchen Müll nicht besuchen. Diese Freiheit haben wir ja auch im Social Web.

    Aber… Standards festlegen? Wozu? Soll doch jeder wie es ihm Spaß macht. Letztlich werden eh nur Blogs, Sites, Foren usf. permanent besucht, die bestimmte soziale Regeln einhalten. Ganz so wie in der Reality.

    Aber bitte: Definitionen über „Gutes Bloggen“ müssen nicht sein. Dann lieber eine Authentizität, auch wenn der Begriff 2.800 Jahre alt ist. Trotzdem…

  40. 40

    Ich kann mir ja nicht helfen, aber der Eintrag von ntropie.de, der da zitiert wird, ist für mich maximale Authentizität.

  41. 41

    Ehrlich. Authentisch. Ich.

    Authentizität und Schlichtheit gehören nicht unbedingt zusammen. Was wäre das langweilig.

  42. 42

    Ich höre dieses Authentizitätsgefasel in letzter Zeit auch viel zu oft. Zuerst stieß es mir im Zusammenhang mit Literatur, speziell Poesie auf. Gedichte müßten authentisch sein, hieß es. So’n quatsch. „Gestern saß ich am Telephon, da hörte ich das Klingeln schon. Klausi schrie im Überfluß, da machte ich schnell mit ihm Schluß.“ Dieser ganze Seelenstrip, das ist nicht nur stilistisch meisten total daneben, sondern auch inhaltlich höchst unspektakulär. Kein wunder, dass das niemand lesen will. Und was soll diese Marktüberschwemmung mit Autobiographien oder autobiographisch angehauchten Romanen? Haben die Leute alle nichts zu tun, dass sie sich auch noch mit den langweiligen, entschuldigung authentischen Biographien irgendwelcher Dahergelaufener Schnösel befassen müssen. Ich finde das überflüssig. Ich finde es auch überflüssig, dass Blog-Artikel authentisch sein müssen. Man kann über gut recherchiert, kritisch oder nah am Leben diskutieren, wobei das immer noch von der Ausrichtung des Blogs abhängt. Wenn sie nicht journalistisch oder wissenschaftlich sind, sondern einfach nur tagebuchartig, wozu müssen sie dann gut recherchiert sein? Entweder sind sie gut geschrieben, dann les ich sie oder sie sind schlecht geschrieben und langweilen mich zu tode, dann les ich sie nicht. So einfach ist das. Zur Hölle mit der Authentizität! Seit wann sind Fiktion und Künstlichkeit Dinge, für die man sich schämen müßte?

  43. 43

    > Texte können gut oder schlecht sein, ob der Autor das
    > darin Geschilderte tatsächlich so erlebt hat, spielt
    > keine Rolle. Was interessiert es mich, ob Michel
    > Houellebecq schon einmal im Puff, Johnny schon einmal
    > in Moskau* oder Douglas Adams schon einmal im Restaurant
    > am Ende der Universums war?
    >
    > Wenn ich es gerne lese, dann ist es gut. Alles andere
    > ist unwichtig.

    Von was für Bloggern redest du eigentlich? Wenn es ein Newsblog ist, ist natürlich sehr wichtig, ob das geschilderte korrekt ist oder frei erfunden, außer es ist als Fiktion oder Satire gekennzeichnet. Wenn es um erzählerische Blogs geht, ist natürlich alles erlaubt.

  44. 44
  45. 45

    Liebe Authentizität ist: Wenn’s TROTZDEM passt.

  46. 46

    860 „šAuthentizität“˜

    ist bloß ein Sprechfehler

    durch die Zahnspangen christlichen Beichtzwangs.

    870 Mensch,

    871 wenn die Wirklichkeit zu langweilig wird,

    872 musst du sie erfinden.

    880 Und Hypothesen sind Sentimentalitäten:

    881 Mach es:

    882 Rawums.

    Aus: Peter Glaser – Zur Lage der Detonation – Ein Explosé

  47. 47
    Uwe

    Es ist doch die Frage, in wie weit ein Blog überhaupt Authentizität, also ein unverfälschtes Bild des Bloggers zeigen kann, wenn dieser sich vor einen Pc setzt, um irgendwelchen Fremden zu schreiben, was er so denkt und macht. Nicht wegen des Vorgangs des Schreibens, vielmehr wegen der zum Teil zwanghaften, da der Erwartung einer Regelmäßigkeit folgend, Auseinandersetzung mit sich selbst oder einem Thema und der Veröffentlichung. Fach-Blogs fallen hierbei natürlich weg, gemeint sind damit, ich nenns mal „Menschen-Blogs“. Kontinuität auch im Lügen mag vielleicht bei guter Durchführung dem Leser als Authentizität erscheinen, „sieht“ allerdings nur so aus, ohne es zu erfüllen.

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