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Selbstreferentialität

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Sie halten Blogs für selbstreferentiell, geradezu masturbatorisch selbstreferentiell? Sie springen an die Decke, wenn ein naher oder auch ferner Bekannter zur Beschreibung eines physischen oder psychischen Umstandes auf Szenen aus Filmen, Büchern oder gar Theaterstücken zurückgreift? Sie halten dieses ganze versoffene Sich in den Schwanz der Kunst beissen der Kunst, dieses kreiselnde Taumeln der Literatur, dieses selbstverliebte Hin- und Herverweisen für den höchsten Ausdruck einer sich im Delirium befindenden, absinthgeschwängerten Selbstherrlichkeit, die der Leere eines sich im Spiegel spiegelnden Spiegels nicht zu entrinnen weiss, und zwar (Faust auf den Tisch): zurecht? Sie haben noch nicht alles gehört:

Thomas Glavinic hat 2006 ein Buch veröffentlicht, das da heißt: Die Arbeit der Nacht. Soll ganz okay sein, ich habs aber nicht gelesen und will deswegen auch gar nichts weiter dazu sagen. Jedenfalls war Glavinic vollkommen verheeret, als das schöne Buch nicht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2006 erschien. So verzweifelt gar, dass er darüber in Depressionen und Wacholderschnaps fiel. Und dann hat er ein Buch darüber geschrieben, dass einer ein Buch geschrieben hat, das ganz okay sein soll (und das ich, weil ichs nicht gelesen habe, unkommentiert lasse), und damit nicht auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2006 kam, woraufhin er völlig verzweifelte und in Depressionen und Wacholderschnaps fiel.

Genau. Und mit diesem Buch, worin steht, dass einer ein Buch geschrieben hat, das ganz okay sein soll (und das ich, weil ichs nicht gelesen habe, unkommentiert lasse), und damit nicht auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2006 kam, woraufhin er völlig verzweifelte und in Depressionen und Wacholderschnaps fiel, (dem ersten also) stand er auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2007.

Das sind so Sachen, die man hört, wenn man Volker Weidermann zuhört. Und im Gegensatz zu dem Buch, worin steht, dass einer ein Buch geschrieben hat, das ganz okay sein soll (und das ich, weil ichs nicht gelesen habe, unkommentiert lasse), und damit nicht auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2006 kam, woraufhin er völlig verzweifelte und in Depressionen und Wacholderschnaps fiel, hab ich ihn zwar nicht gelesen, aber doch gehört und gesehen und kann deswegen ruhigen Herzens sagen:

Lohnt sich.

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12 Kommentare

  1. 01
    Matthias

    Ich verwirrt …

    [Klugscheißermode]
    Schreibt man Wachholder tatsäschlich mit zwei h?
    [/Klugscheißermode]

  2. 02
    Frédéric

    Eijentlich nicht :). Ich gehs mal klammheimlich verbressern…

  3. 03

    inzestuös, die ganze blogosphäre… ja, wenn das der schäuble merkt, werden blogs verboten!

  4. 04

    Das zweite Buch steht sogar auf der Shortlist (http://www.deutscher-buchpreis.de/de/160169), aber das würde den ganzen Punkt ja etwas unterminieren.

  5. 05

    Was mir besonders gut gefällt: Schon beim ersten Buch dachte ich, dass er die Grenze der Selbstbezogenheit bereits erreicht hat, aber die Idee zum zweiten Roman ist ja wieder überraschend. Ich freue mich schon auf die Zeit, die ich mal haben werde, um es zu lesen.

  6. 06

    Sein andauerndes Insistieren darauf, dass alles „wahr“ sein solle und nichts „ausgedacht“ finde ich dann aber schon einen merkwürdigen Anspruch an Literatur.

  7. 07
    Frédéric

    Leider leider ist er damit ja längst nicht allein: Der Anspruch, Tagebuch oder schlimmer noch: Reportagen zu schreiben, weil „Wahrhaftigkeit“ ein erstrebenswertes Ideal ist, gehört inzwischen (oder sogar schon länger) in die Waffenkammer literarischer na, nennen wir es mal Ambitionisten.

    Bis sies nicht mehr nötig haben. Dann, plötzlich, heißt es Fantasie.

  8. 08
    Hans

    Vielleicht meint er ja Belang, wenn er Wahrheit sagt, so als Gegeteil von Belanglosigkeit.
    Und nihilistisch gesehen ( nicht das ich davon Ahnung hätte ) ist alles belanglos, was sich nicht mit der Belanglosigkeit von Allem beschäfftigt. Wo sich der Keis der Selbstreferentialität ja auch schon wieder schließt.

  9. 09

    Im Falle, des zu-fülle-Ginsaufens stellt sich immer eine erhöhte Selbstreferenzialität ein. Wird einem jede BarmannIn bestätigen können. Er/Sie würde es jedoch Tunnelblick nennen. Und da er/sie Germanistik studiert, würden die Ursachen sicher eher in der Dekadenz der Gesellschaft gesucht und nicht im Wacholder…

  10. 10
    Frédéric

    Wacholderschnaps allerdings klingt schöner. So viel zum Thema Wahrhaftigkeit ;)

  11. 11

    Douglas Adams. Ganz toll.
    Ja, wirklich.

    Vielleicht wird aus diesem Blog irgendwann ein „A-Blog“. Bis dahin: viel Glück.

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