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Friede den Drogen

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Jeder erfahrene Drogenkonsument wird zustimmen: Es gibt niemals zu viele Drogen. Immer nur zu wenige. Das mag zynisch klingen, wenn man an ein Land wie Afghanistan denkt, wo Drogen vermutlich das Einzige sind, was im Überfluss vorhanden ist. Eine Bekannte, die einige Wochen in einem afghanischen Dorf verbrachte, erzählte, dass alle Männer des Ortes opiumsüchtig waren. Früher war es in Afghanistan üblich, dass alte Männer Opium rauchten. Durch die jahrzehntelangen Kriegswirren ist jedoch der kulturell erlernte Umgang mit der Droge entartet. Das ist ein Effekt, den man aus vielen zerstörten Kulturen kennt. Dasselbe Bild wie in Afghanistan hat man auch bei Amazonas-Indianern, wo ganze Stämme sich mit den Drogen zudröhnen, die früher nur die Medizinmänner zu sich nahmen.

Man muss kein Philosoph sein, um zu verstehen, dass in der gegenwärtigen Situation der amerikanische Weg des War on Drugs nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Denn offensichtlich ist nicht der Mohn das Problem, sondern die kriegsbedingte soziale Verwahrlosung.

Einen intelligenten Weg will daher das europäische Parlament beschreiten.
Der Think Tank Senlis Council hatte vorgeschlagen, dass dörfliche Gemeinschaften Lizenzen erhalten, die es ihnen erlauben, legal Mohn für medizinische Zwecke anzubauen. Dem Senlis Council zufolge herrscht ein weltweiter Morphium-Mangel. Trotz dieses Mangels werden die Mohn-Felder der Bauern zerstört, was zur Folge hat, dass diese sich von den Taliban beschützen lassen und die Taliban somit Profiteure des War on Drugs sind. Das Parlament in Straßburg hat der Initiative des Senlis Councils jetzt mit großer Mehrheit Rückendeckung gegeben.

In Kabul allerdings will man weiter auf amerikanische Art mit dem Problem umgehen und wehrt sich mit Händen und Füßen gegen dieses Pilotprojekt.
So geht also vermutlich der absurde War on Drugs weiter und gleichzeitig stärkt man die finanziellen Ressourcen der Gegner im War on Terror. Durch intelligente Drogenpolitik könnten die Taliban ernsthaft in Bedrängnis geraten. Aber viel schöner ist es wohl, einfach blindwütig so weiter zu machen wie bisher.

13 Kommentare

  1. 01

    Eine sehr interessante Darstellung wie ich finde. Jedoch ist es meiner Meinung nach sehr strittig, inwiefern der Drogenkonsum wirklich in finanzieller Hinsicht eine Auswirkung auf den „Krieg gegen Terror“ hat. Was jedoch aber mal wieder sehr deutlich wird, ist dieses typische Sittenwächtertum mit ihren Normen und Regeln. Wer Drogen will, wird Drogen bekommen, so ist es und war es schon immer. Und wenn er keine illegale Droge bekommt, mischt man sich halt was aus Apothekengütern. Es ist lächerlich zu glauben, dass durch Aufklärungsprogramme oder durch einen Fingerzeig sich irgendwas an dieser Situation ändert.

  2. 02

    Leider liegt die oben erwähnte Prämisse, welche den „zivilen Anbau“ des Mohns als Alternative voraussetzt, komplett daneben. Es gibt keinesfalls einen Mangel an Opiaten für medizinissche Zwecke. Mehr als das: verglichen mit synthetischen Wirkstoffen, sind Morphine sehr günstig. Der verlinkte Artikel argumentiert lediglich mit dem ungleichen Konsum der Opiate in der Ersten und in der Dritten Welt. Eine sehr unsaubere Argumentation. Was als Vorwurf gegenüber den reichen Ländern aussieht, ist in Wirklichkeit ein Zeugnis für die Gleichgültigkeit vieler Regime gegenüber ihren Bevölkerungungen.

    Im Ernst: niemand braucht die Opium-Produktion aus Afghanistan. Man könnte den Leuten drüben vielleicht eine Quote auf dem legalen Weltmarkt einräumen, aber die wäre so bescheiden, dass die Bauern am Hindukusch nur knapp von dem ihnen gewärten Vorzug tangiert wären, wenn überhaupt.

  3. 03

    Der War on Drugs ist sicherlich gescheitert. Das hat mit indigenen Kulturen und ihrem rituellen Rauschmittelkonsum nicht primär etwas zu tun, auch nicht mit deren Repression durch Imperialismus und Globalisierung. Sondern eher mit dem Wesen des Menschen, das sich solche Sachen nicht (wirksam) verbieten lässt. Und deshalb gebiert der WoD lediglich noch mehr Opfer.

  4. 04
    corax

    Hier gehts doch gar nicht primär um die Drogenpolitik oder den Konsum in der westlichen Welt, sondern speziell um die Möglichkeit afghanischen Bauern einen kontrollierten Mohnanbau und damit ein legales Einkommen zu sichern um sie nicht weiter in die Hände der Taliban zu treiben (unter deren Regime der Anbau übrigens so niedrig wie noch nie war).
    Die Bauern bauen legal Mohn an, westliche Organisationen kaufen ihnen die Ernte zu einem vernünftigem Preis ab und führen sie entweder der Pharmaindustrie zu oder verbrennen sie. Hat bei den Butterbergen oder Milchseen ja auch geklappt.
    Effekt: Ein hoher Anteil von Rohopium ist vom Markt.
    Afghanische Bauern haben ein Einkommen das das Überleben sichert.
    Schmuggler und Waffenhändler müssen sich ein neues Betätigungsfeld suchen.
    Den Taliban bricht die Haupteinnahmequelle weg.

  5. 05
    Peter H aus B

    Wenn man sich die Geschichte der Drogen anschaut, dann erkennt man schnell, das sowohl Hanf als auch Opium nicht auf Betreiben der Regierungen, sondern der Industrie verboten wurde.
    Erdölprodukte sollten Hanfprodukte ersetzen, und weiterer synthetischer Müll das Opium.
    Ist ja auch gelungen.
    Opium in der richtigen Dosis medizinisch angewandt macht niemanden süchtig.
    Hasch schon gar nicht.

    Ich empfehle jedem, die Lektüre von Hans Georg Behrs “ Von Hanf ist die Rede“.

    BTW: genau das gleiche wie Afghanistan passiert in Kolumbien..

    ..und danke für das schöne Bild!

  6. 06

    Krieg, egal ob gegen Menschen oder Drogen, hat eben eine verdammte starke Lobby. Zum Trost einfach mal Bob Dylan hören, „Masters of War“:

    Come you masters of war
    You that build all the guns
    You that build the death planes
    You that build all the bombs
    You that hide behind walls
    You that hide behind desks
    I just want you to know
    I can see through your masks.

  7. 07
    proletensau

    Westliche Dekadenz.

    Wenn ich das bisher richtig verstanden habe, ist die Argumentation ungefähr folgende:

    1.) Die Entbettung des Drogenkonsums aus den kulturellen Bezugskreisen trägt zur Bildung von abhängigkeitserzeugenden Konsummustern bei.

    2.) Die Felder der armen hungernden MohnanBauer werden zerstört, was diese dann in die Arme der bösen Taliban treibt.

    Ich glaube dabei wird übersehen, dass ein Kalifat oder gar Sultanat für einige attraktives zu bieten hat: Identität und klare Strukturen. Verhaltensrichtlinien in schwierigen Lebenslagen, aber auch im schnöden Alltag. Ehrhaftes ist von nicht ganz so ehrvollem leichter zu unterscheiden. Und ein Mann tut, was ein Mann tun muss. Eine Frau natürlich auch. Selbst der Drogenkonsum und -anbau findet dort wieder kulturelle Einbettung.

    Was ich meine ist, dass es uns westlich sozialisierten Menschen vielleicht schwer fällt zu verstehen, dass es Orte auf der Welt gibt, an denen Menschen sich für andere Lebensformen (ja auch Formen ohne White Trash) entscheiden. Die Metapher der armen Hungernden, die Hans Behr schon vor 20 Jahren überstrapazierte, verunsichert jedoch weit weniger.

  8. 08
    jajawunderbar

    das sich die afghanische „regierung“ gegen diesen vorschlag wehrt ist kein wunder. zumindest teile von ihr profitieren direkt vom mohnanbau.

    bezueglich dieses vorschlags bin ich aber auch eher skeptisch. die warloards/drogenbarone whatever, können das angebot aus dem westen mit sicherheit überbieten. wenn die angebotsmenge abnimmt sollte dank unsichtbarer haende der preis wieder steigen = profit für die barone. seit einem jahr soll sich der strassenpreis für heroin ja im freien fall befinden.
    ein anderes problem ist sicherheitslage im land. die besatzungstruppe kann einfach nicht für die sicherheit der bauern sorgen. wenn die taliban oder der lokale lord abends an die tür klopfen und freundlich ihre position darlegen wirkt das ganz sicher besser als wenn da ein uniformhampelmann nette reden schwingt -> morgens wird die mädchenschule aufgebaut und nachts wieder abgerissen und der lehrer erschossen.
    das wirkliche problem liegt aber wohl darin, das die besatzer direkt auf den wohlwollen des lokalen stammesführers/warloards/drogenbarons angewiesen sind. wenn dieser die angebotsverknappung nicht in barer muenze fuehlt wird er mit sicherheit etwas ungehalten.
    warum sollten diese leute weiterhin nett zur „aufbautruppe“ sein wenn die ihr geschaeft gefaehrden ? die koalition darf doch nur besatzungsmacht spielen, weil die lords nach dem talibansturz zurueck auf „ihre“ felder durften. wenn ihnen jetzt das geschaeft karput gemacht wird koenne sie auch gleich wieder ins exil nach usbekistan gehen.
    den vormarsch der talibs sollte man auch getrennt von der afghanischen drogenproblematik sehen. man trocknet die bärte nicht aus wenn man ihnen das mohn wegnimmt. das sie darauf verzichten konnten haben sie schon unter beweis gestellt. die taliban ziehen ihre kraft eher aus der unzufriedenheit der bev über die besatzung und die warloards. das die taliban sich seit einiger zeit im panjir-tal bewegen könenn spricht bände. diese ecke afghanistans war früher absolutes „nordallianzgebiet“ unter der kontrolle von schah masud (+2001).

  9. 09

    Ich hab mich im Dezember deutlich über die Methoden der US-Regierung in Afghanistan ausgekotzt. Gegen deren chemische Kriegführung mag der Vorschlag des Senlis Council naiv erscheinen, aber wenigstens ist da endlich mal ein Vorschlag. Solange die afghanischen Bauern keine legale Perspektive bekommen, werden sie halt weiterhin den illegalen Markt beliefern. Also was soll man anderes machen, als über legale und dadurch regulierbare Alternativen nachdenken?

  10. 10
    PiPi

    Der Zusammenhang zwischen und mit Bild und Text,
    ist aktuell verhängnisvoll. Mir egal, da die Rechtsprechung seitens Blogger
    u. den anderen unbedarften Seitenbetreibern bei der http://re-publica.de/
    ein für´s alle andere Mal besprochen und letztlich abgehandelt wird! Öhh

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