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Karneval

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Heute fängt die Karnevalszeit an. Man merkt davon auch in den rheinischen Hochburgen des Karnevals nicht viel. Es finden Veranstaltungen statt, die eine sehr ernste Angelegenheit sind und bei denen furchtbare Witze erzählt werden. Aber das ist nicht Karneval.

Der Karneval findet in den letzten Tagen des Winters statt, im noch jungen Jahr. Der genaue Termin wird ungefähr so ausgerechnet wie der Zeitpunkt des Ramadans, aber niemand weiß, wie. In Zeitungsartikeln zum Karneval steht Jahr für Jahr, dass Karneval möglicherweise „weiche, Fleisch“ heißt und böse Geister durch den Lärm vertrieben und napoleonische Soldaten durch die Verkleidung* imitiert werden. Alles völlig egal. Karneval würde genauso funktionieren, wenn vom Bürgermeister ein Brief käme, in dem steht:

Achtung! Achtung! Morgen bitte alle verkleiden und in die Stadt kommen. Und saufen nicht vergessen! Bringt Bier, eklige Schnäpse, klebrige Liköre, mischt am besten selber noch was an und nennt es Pina Colada und wenn ihr dann kotzen müsst: Nur zu.

Für Berliner Berufsjugendliche und bayerische Berufsrentner ist das verständlicherweise eine Horrorvorstellung. In der Realität ist es wundervoll.

Zugegeben, ich habe die meiste Zeit meines Lebens Karneval gehasst. Und der Karneval macht es einem leicht, ihn zu hassen. Die Karnevalsjünger setzen sich Masken auf und lassen die Masken fallen, sie verwandeln die Städte in Swingerclubs und die Städte sehen zum Dank auch noch aus wie Swingerclubs. Aber in all dieser Hässlichkeit entstehen schöne Momente. Es ist ein Erlebnis von ganz eigener Ästhetik, mit der falschen Droge im Blut durch die Menschenmassen zu gehen. Aus allen Clubs, aus allen Kneipen, aus allen Geschäften und aus allen Dönerbuden dringt die gleiche grauenerregende Musik, man wähnt sich in einem Tatort und es beschleicht einen das sichere Gefühl, dass gleich ein Mord geschehen werde und man selbst der Täter sein wird. Die Frage, wer einem die Rose auf den Hintern tätowiert hat, drängt sich in den schlingernden Schädel. Man kommt nie so preiswert zu dem Gefühl, ein Außerirdischer zu sein. Man nehme einen Joint und zweihunderttausend Menschen, die schunkeln und kotzen. Das Kotzen ist ein wichtiges Element des Karnevals. Ich habe schon wildfremden Menschen den Finger in den Hals gesteckt in meiner Eigenschaft als Zivi des Monats, damit sie sich freikotzen und weiter saufen können.
Wie lange man wohl Karneval feiern müsste, um eine Stadt vollständig mit Kotze zu überfluten? Ich weiß es nicht genau, aber ich habe eine Ahnung davon bekommen. Ich schätze: einen Tag länger.

Karneval geschehen selten die großen, schönen Dinge, es geschehen die kleinen, ekligen, die das Leben so schön machen. Man lernt zu dieser Zeit nicht die Liebe seines Lebens kennen, aber man kann die Liebe seines Lebens betrügen und sich eine neue suchen danach.
Natürlich stellen sich echte Rheinländerinnen einen Persilschein aus für die Saufzeit (männliche Rheinländer besitzen diesen Schein von Geburt an). Karneval ist alles erlaubt. Aber so macht es ja keinen Spaß. Man muss darauf drängen, dass sie alles ihren Freunden beichten, sie müssen das Bittere des Betrugs kosten, denn leicht ist ja sonst schon alles. Fröhlich fängt der Karneval an und in Tränen geht er zu Ende. Und am nächsten Tag geht es weiter, noch etwas hässlicher, mit geschwolleneren Augen über alle Schichten hinweg.

Berlin würde es ganz gut tun, einmal derartig durchgeschüttelt zu werden. Diese Stadt mit ihrem seltsamen Stadtteilchauvinismus würde eine glücklichere sein, wenn Menschen aus Mitte vor einem Dönerladen in Kreuzberg kotzend knutschen würden mit der Tochter des Ladenbesitzers, während aus den eigens vor dem Laden aufgestellten Boxen das Frühwerk von Gottlieb Wendehals läuft. Aber wer weiß das schon.

direkt

* Verkleidungen sind großartig. Da lasse ich nicht mit mir verhandeln. Wer mich als Jediritter gesehen hat, wird mich verstehen. Und ich will auch keine psychologische Deutung hören.

19 Kommentare

  1. 01
    Manuel

    Die musikalische Begleitung des Texts ist gut gewählt, und von IHR schön gespielt worden!

  2. 02

    Karneval findet nicht ohne Grund bei absolutem Scheißwetter statt. Das passt einfach zu sammen. Das einzig schöne daran sind Faschingskrapfen.

    Und die gibt’s jetzt auch schon das ganze Jahr über…

  3. 03
    heidrun

    malte! das hätte ich nicht von dir gedacht. karneval…ts. ich bin sogar von aachen nach BAYERN geflohen damals, regelmäßig. BAYERN.

  4. 04
    MakeAMillYen

    Ahh, Karneval! Ich wuerde von all den fabelhaften Erinnerungen schwaermen, wenn ich nicht alles vergessen haette.

    Der Karneval hat mich zum Mann gemacht. Wer die „rheinische Rutsche“, also fuenf Tage Feigenschnaps und Bier mitgemacht hat, weiss, dass er fuer alle weiteren Pruefungen des Lebens abgehaertet und vorbereitet ist.

    Waer nur morgen Altweiber!

  5. 05

    Als ich das Bild gesehen habe, dache ich – na was wächst der denn aus dem Rücken.

  6. 06

    Äh, man merkt davon nicht viel? Mal am 11.11. in Köln gewesen, irgendwo innerhalb der Inneren Kanalstraße?

  7. 07
    Malte

    denkbar, dass mich meine erinnerung im stich lässt an dieser stelle.

  8. 08
    y

    Beim juedischen Karneval, Purim ist es die plicht jedes ortodoxen juden solange zu trinken bis er nicht mehr zwischen dem Bösen (Haman) und dem guten (Mordechaj) unterscheiden kann.

  9. 09

    Neuer Autor gesucht.

  10. 10
    henker

    juhu karneval, ich liebe es, dieses jahr trinke ich eine woche lang durch :D

  11. 11
    rio

    obwohl ich rheinländer, ja sogar kölner von geburt an bin: karneval ist ist nicht mein ding – zumindest die ersten zwei tage – am dritten tag
    (deswegen ist auch der 11.11 nicht mein ding – keine eingewöhnungsphase) kommt man dann plötzlich auf der zülpicher str. mit einem obdachlosen über die berge (!!) herumstehender flaschen ins gespräch, wie toll deswegen karneval finanziell für ihn ist und wie toll karneval menschlich für ihn ist, weil „keiner mehr so arrogant ist“…dann lädt man ihn auf ein kölsch ein – DAS ist für mich Karneval & dieses Gefühl, „trink‘ doch eine mit“ „egal wer du bist“ , durch nichts zu ersetzen!

  12. 12

    Ich wohne selber auch in Köln, kann Karneval selber aber wenig abgewinnen.

    Allerdings ist es schon ein gewaltiger Vorteil, wenn eine Stadt einfach komplett in Feierlaune ist. Unter all den Karnevalsparties sind nämlich auch immer einige Nicht-karnevalistische Veranstaltungen für die Leute, die gerne feiern, aber keinen Bock auf den ganzen Schnickschnack haben. Und das sind in einer Großstadt wie Köln nicht wenige.

    An Karneval wird also auch für Nicht-Karnevalisten mehr geboten als sonst. Da kann man auch mal über die ganzen Pappnasen hinwegsehen.

  13. 13
    Phrasenschubser

    Als geborener Kölner behaupte ich mal: Wenn Schnee liegt, ist Karneval am schönsten im Sauerland auf den Pisten. Na ja: Hügeln. Also gut: Hügelchen.

  14. 14

    Verkleiden: Ja. Aber nur zu Halloween und das auch nur auf amerikanischem Grund und nicht in seiner deutschen Vorstadtinterpretation.

  15. 15
    heidrun

    genau, die amis können einfach alles besser… :P
    schon klar, dass karneval keine „interpretation“ von halloween ist, oder?

  16. 16

    Dagger mag Karneval :o)

    die Rose auf den Hintern tätowiert hat .. versteht das hier überhaupt jemand? ;-)

    Man kommt nie so preiswert zu dem Gefühl, ein Außerirdischer zu sein. .. Schön gesagt. Passender wäre ein Mensch unter all den Ausserirdirschen.

    Im Krieg und in der Liebe soll ja auch alles erlaubt sein …

    Am wenigsten Spaß hatten gestern die Vereinsmeier. Zumindest wenn man in deren Gesichter schaute. Obwohl die kleinen Einlagen irgendwo zwischen Wolle Perty und Boney M. schon unterhaltsam waren.

  17. 17

    Datt Hätz vun dä Wäld ja datt is Kölle! Karneval is geil!! Mähr jibbet da nit zu sage

  18. 18

    Von welch einem bekackten leben lenken einen eigentlich solche exzesse ab? Könnte ich jetzt altklug fragen, wenn nicht wüßte, wie toll das eigentlich immer wieder ist: regression, ich komme schon.

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